Shortys Gedankenwelt
Donnerstag, 14. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 6
von Kirsten Maria Scholz

Kapitel zehn

„Wie war das Verhältnis zwischen Ihnen und ihrem Mann nach dem Unfall und der Fehlgeburt?“ fragte Dr. Glück in der nächsten Therapiesitzung und knüpfte damit nahtlos an das letzte Einzelgespräch mit Susanne an.
Susanne versuchte sich gedanklich elf Jahre zurückzuversetzen. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie sich emotional zurückgezogen, man konnte fast sagen, sie hatte ihre Gefühlswelt von ihrem Umfeld abgeschottet. Sie wusste, dass für Mark beruflich ungeheuer viel auf dem Spiel stand und versuchte, ihn nicht noch mit ihren Gedanken und Problemen zu belasten. Was hätte es auch genützt? Auch aus der heutigen Sicht hätte Mark nichts tun können, um ihre Trauer erträglicher zu machen oder sie gar zu beenden. Allerdings schien Mark auch nichts von ihrer Trauer, ihrem Verlust und ihrem Rückzug mitzubekommen. Sicherlich war auch er zunächst in eine Art Schockstarre verfallen, als er von der Nachricht der Fehlgeburt hörte, aber diese Starre löste sich sehr schnell und er fiel zurück in seinen Alltagstrott. Seine Arbeit wurde sein Leben und die wenige freie Zeit, die ihm an dem einen oder anderen Abend blieb, verbrachte er immer öfter mit seinem besten Freund Gregor beim Sport oder einem Feierabendbier. Auf Susannes Nachfragen bekam sie nur die Antwort, dass er die sportliche und gesellschaftliche Abwechslung brauchte, um vom Arbeitsalltag abschalten zu können. Das fiele ihm zu Hause sichtlich schwerer, was Susanne damals auch irgendwie nachvollziehen konnte. Sie war zu dem Zeitpunkt wahrlich keine unterhaltsame Gesellschaft gewesen.
„Ich war damals so sehr mit mir und meiner Trauer beschäftigt, dass ich gar nicht geschnallt habe, dass sich Mark immer weiter von mir entfernte“, sagte sie mit starrem Blick.
„Und wie ging es mit ihrer Ehe weiter? Ich meine, es muss sich ja irgendwie etwas verändert haben, sie haben immerhin zwei Kinder und sind immer noch miteinander verheiratet“, stellte Dr. Glück fest. Susanne nickte. Gute zwei Jahre lebten sie eher nebeneinander her, bis Susanne dann wieder schwanger wurde. Mark schien dieses Mal erfreuter zu sein. Wahrscheinlich erhoffte er sich, dass sich Susannes Stimmung und Sozialverhalten wieder zum Positiven wenden würde.
Susanne war hin- und hergerissen zwischen überglücklich und angstgeplagt, dass wieder etwas passieren könnte. Während der gesamten Schwangerschaft war sie übervorsichtig und konnte die Freuden dieser Zeit nicht wirklich genießen. „Anscheinend ging alles gut“, bemerkte Dr. Glück mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Susanne erwiderte das Lächeln. Ja, alles verlief problemlos. Valentin kam gesund und munter auf die Welt und Susanne ging in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter regelrecht auf. Endlich fühlte sich wieder nützlich.
Zwei Jahre später kam Madeleine zur Welt und vervollständigte ihr Familienglück.
„Und Mark?“ fragte Dr. Glück nach.
„Mark“, überlegte Susanne, „Mark war nicht der geborene Familienmensch. Das stellte sich ziemlich schnell heraus. Aber es war in Ordnung, auch für mich. Er hatte wirklich viel Arbeit und Stress in der Firma, oft Geschäftstermine am Abend oder war zunehmend auf Geschäftsreisen unterwegs. Aber das war ehrlich o.k. für mich. Ich hatte meine kleine Familie und wusste, Mark liebte mich. Er brauchte eben seine Freiräume.“ „Und finanziell?“ fragte Dr. Glück nach, „wie hatte sich ihre finanzielle Situation nach der Teilhaberschaft Ihres Mannes in dem Architektenbüro entwickelt?“ Susanne dachte einen Moment nach.
„Ehrlich gesagt habe ich mich nie richtig um die finanziellen Angelegenheiten gekümmert. Ich musste es auch nie, weil Mark sich darum kümmerte“, antwortete sie und merkte, dass sie versuchte, sich dafür zu entschuldigen. „Und nachdem mein Vater Mark die Teilhaberschaft ermöglicht hatte, bin ich davon ausgegangen, dass es keine Probleme mehr gab.“ Sie überlegte kurz, beugte sich dann vor und blickte Dr. Glück nachdenklich an. „Wir hatten nie Geldsorgen. Ein großes Haus, zwei Autos, wir sind zweimal im Jahr in den Urlaub gefahren, das ging alles ohne Probleme. Mark hätte mir auch gesagt, wenn es zu finanziellen Engpässen gekommen wäre. Da bin ich mir absolut sicher“, fügte sie mit Nachdruck hinzu. Warum sagte sie das? Es machte den Eindruck als müsste sie Dr. Glück von irgendetwas überzeugen. Auch wenn ihre Ehe vielleicht nicht wie im Bilderbuch war, sie liebte Mark und vertraute ihm. Allerdings konnte sie nicht abstreiten, dass es momentan irgendetwas gab, was sie vorsichtig werden ließ und störte. Diese blöde Amnesie verunsicherte sie dermaßen, dass sie in allem und jedem etwas Böses vermutete, selbst in ihrem Ehemann.
Dr. Glück schaute auf seine Armbanduhr und signalisierte ihr damit, dass die Stunde sich dem Ende neigte.
„Frau Stahl, Sie werden sicherlich jetzt ein wenig überrascht sein zu hören, dass ich für morgen Ihren Mann eingeladen habe.“ Susanne starrte ihn perplex an. Was sollte das? Wieso hatte er das vorher nicht mit ihr abgesprochen? Ihr Herz begann schneller in ihrer Brust zu schlagen. „Sie sind mittlerweile sehr stabil geworden. Wenn Sie sich gedanklich dem Einweisungsabend nähern, gehen Sie nicht mehr im Nebel unter, oder verlieren das Bewusstsein, wie es zu Beginn ihres Aufenthaltes bei uns der Fall war, so dass ich denke, wir können einen weiteren Schritt wagen.“ Susanne schaute starr auf ihre Knie. Sie fühlte sich absolut überrumpelt, sehr verunsichert und spürte wie Panik in hier hochzusteigen versuchte. Wieso hatte sie Angst davor, ihren eigenen Mann wieder zu sehen? Sollte sie sich nicht eigentlich darüber freuen? Sie schloss kurz die Augen und versuchte, der Panik wie in der Entspannungsstunde geübt, entgegenzuwirken. Es dauerte zwar einige Minuten, aber als sich ihr Puls spürbar beruhigte, nickte sie.
„Wahrscheinlich haben Sie Recht. Ich bin damit einverstanden“, sagte sie. „Er kann mir zumindest einmal seine Version des Abends erzählen.“ Dr. Glück nickte. Manchmal würden auch durch unbewusste Impulse des anderen Blockaden gelöst werden. Dabei müsste Susannes Mann nicht einmal über den Abend selbst berichten, manchmal reichte eine Handbewegung oder ein Blick aus.
„Ich möchte Sie aber bitten, Ihren Mann hier auf der Station zu treffen und die Station nicht zu verlassen. Es ist einfach zu ihrer Sicherheit, falls Sie emotional doch zu sehr involviert werden sollten. Wir wollen unter keinen Umständen riskieren, dass sie wieder dekompensieren.“ Susanne war sichtlich erleichtert über diese Besuchseinschränkung. Sie konnte absolut nicht einschätzen wie sie auf Mark reagieren würde. Immerhin ist sie bei ihrem letzten Aufeinandertreffen komplett wahnsinnig geworden und mit einem Messer auf ihn losgegangen. Der geschützte Rahmen der Station würde ihr ein wenig Sicherheit geben.
„Je nachdem wie dieses Treffen verlaufen wird, werden wir entscheiden, ob und wann Sie von der geschlossenen Station entlassen bzw. verlegt werden können“, verkündete Dr. Glück eine weitere Entscheidung des Teams. „Wir konnten das Benzodiazepin bislang ohne große Probleme reduzieren, so dass ich davon ausgehe, dass auch das weitere Ausschleichen komplikationslos verlaufen wird.“ Er lächelte Susanne aufmunternd zu, die der Verlegung skeptisch entgegensah. Im Gegensatz zu Dr. Glück sah sie sich noch nicht stabil genug, um komplett mit der Welt „draußen“ konfrontiert zu werden. „Schauen Sie nicht so pessimistisch, Frau Stahl“, bat er sie scherzend, „Sie bleiben weiterhin in unserer medizinischen Betreuung und in meiner therapeutischen Begleitung. Es ändert sich nur eines: Sie dürfen die neue Station verlassen, wann Sie wollen. Es ist erlaubt, Besuch zu empfangen, wann und von wem sie es wünschen und die Stationstür ist Tag und Nacht geöffnet.“ Susanne schaute ihn immer noch schweigend und ohne eine Reaktion zu zeigen an. „Na, kommen Sie, es wäre ein weiterer Schritt in die Normalität, ein Schritt weiter Ihrer Entlassung nach Hause zu Ihren Kindern entgegen. Glauben sie ein wenig mehr an sich und Ihre Fähigkeiten!“ Susanne schien die Argumente sorgfältig abzuwiegen. Aus medizinischer Sicht hatte Dr. Glück sicherlich Recht mit dem, was er sagte. Sie musste sich langsam an den Gedanken gewöhnen, dass es irgendwann auch wieder nach Hause gehen musste. Da war eine schrittweise Annäherung durchaus sinnvoll. Sie war sehr froh, ihre Kinder in guten Händen bei ihren Eltern zu wissen. Fast täglich erhielt sie Briefe von ihrer Mutter und gemalte Bilder oder gebastelte Dinge von ihren Kindern, dennoch vermisste sie Madeleine und Valentin mit jedem Tag mehr. Ihr fehlte Madeleines Lachen, wenn ihr Bruder Grimassen zog oder Valentins Jubel, wenn er im Garten beim Fußball mit seinen Freunden ein Tor schoss. Mit Tränen in den Augen nickte sie zustimmend.



Kapitel elf

Am Abend lag Susanne noch lange im Bett und ließ die Geschehnisse des Tages Revue passieren. Sie hatte mittlerweile gelernt, dass es sehr sinnvoll war, wenn man sich den Tag nochmal betrachtete, um dann besser zur Ruhe kommen zu können.
Alles, was mit Mark und ihrem Streit zu tun hatte, sollte zunächst nichts mehr in ihrem Kopf zu suchen haben. Doch je mehr sie versuchte lästige Bilder und Sequenzen zu verdrängen, desto schlimmer wurden ihre Grübeleien. Unwillkürlich musste sie an eine Psychologiestunde auf dem Gymnasium denken. Ihr Lehrer gab ihnen die Aufgabe, nicht an einen blauen Elefanten zu denken. Natürlich funktionierte das nicht. Wenn man krampfhaft versucht, nicht an etwas zu denken, denkt man erst recht daran. Und so ging es ihr jetzt auch. Susanne war sich sicher, unter diesen Umständen keinen Schlaf finden zu können. Dr. Glück hatte ihr für solche Situationen ein zusätzliches Medikament verschrieben. Sie beschloss, sich gleich bei der Nachtschwester ihre Bedarfsdosierung abzuholen. Ihr wurde geraten, sich gleich nach der Einnahme schlafen zu legen. Ein guter Rat, denn dieses Medikament hatte es wirklich in sich. Schon gut zehn Minuten später kam absolut unangekündigt eine schwarze Welle über sie und trug sie in einen traumlosen Schlaf, der bis zum nächsten Morgen ungestört anhielt.
Trotz dieser lückenlosen und störungsfreien Nachtruhe wachte Susanne am nächsten Morgen äußerst gerädert auf. Völlig verquollen und verkatert erschien sie mit zwei verschiedenfarbigen Socken und ihrem Kapuzenpulli auf links angezogen am Frühstückstisch. Ihre Mitpatienten nahmen es entweder nicht wahr oder es war ihnen egal. Jedenfalls sprach sie niemand darauf an. Erst Schwester Ina machte sie auf ihr gewöhnungsbedürftiges Aussehen aufmerksam und begleitete Susanne zurück in ihr Zimmer, um ihr bei der Wäscheauswahl behilflich zu sein. Erst da bemerkte Susanne, dass sie anscheinend ohne sich zu duschen zum Frühstück gegangen war. Oder hatte sie nach dem Duschen etwa die gleiche Unterwäsche von gestern angezogen? Da sie sich überhaupt erinnern konnte, was sie vor dem Frühstück gemacht hatte, stellte sie sich zur Sicherheit nochmal oder vielleicht auch erst zum ersten Mal an diesem Tag unter die Dusche und genoss das erfrischende Nass. Anscheinend ließ die Wirkung des Medikaments endlich langsam nach, denn peu à peu wurde sie wacher und koordinationsfähiger, so dass sie einen neuen Ankleideanlauf nahm. Dieses Mal gelang es ihr auf Anhieb.
„Was für ein verdammtes Teufelszeug“, sagte Susanne laut und meinte damit die Beruhigungstablette vom Abend vorher. Da war es ihr zukünftig doch lieber, wenn sie ab und zu nachts nicht richtig schlafen konnte als den folgenden halben Tag so neben sich zu stehen.
Das Treffen mit Mark hatte Dr. Glück für elf Uhr geplant. Susanne war ein wenig verwundert darüber gewesen, dass Mark sich mitten in der Woche so kurzfristig einen Termin freischaufeln konnte. Sie schob es auf Dr. Glücks Überzeugungs- und Verhandlungsgeschick. Vermutlich hatte er Mark keinen Raum gelassen, um weder Dringlichkeit noch Notwendigkeit dieses Termins in Frage stellen zu können.
Mark erschien kurz vor elf in Begleitung von Dr. Glück im Gemeinschaftsraum. Sie hatten sich also schon vorher zu einem Gespräch getroffen, vermutete Susanne. Dr. Glück lächelte ihr aufmunternd zu, als sie sich etwas zögerlich vom Sofa erhob. Ihr Herz pochte extrem und es rauschte bereits jetzt leicht in ihren Ohren. Sichere Anzeichen für absolute Angespanntheit. „Das kann ja heiter werden!“ dachte sie und hoffe das Beste.
Sie stand immer noch vor dem Sofa und rieb sich die leicht verschwitzten Hände.
„Frau Stahl“, begrüßte Dr. Glück sie und gab ihr die Hand. Sein warmer Händedruck gab ihr ein wenig Zutrauen. „Ich hatte Ihren Mann ein wenig eher einbestellt, um noch einige verwaltungstechnische Dinge zu klären. Jetzt gehört er ganz Ihnen.“ Er nickte Mark freundlich zu und schaute Susanne eindringlich an. „Sie wissen, wo Sie mich finden, sollten Sie in welcher Form auch immer meine Hilfe benötigen. Die Schwestern“, er zeigte zum Schwesternzimmer, „werden auch ein Auge auf Sie haben. Also gutes Gelingen.“
Mark schaute etwas irritiert, wahrscheinlich konnte er mit diesem Wunsch an Susanne nichts anfangen. Susanne blieb immer noch unschlüssig vor dem Sofa stehen und ließ Mark auf sich zukommen. Mit einer ausladenden Handbewegung bedeutete sie ihm, auf einem der Sessel Platz zu nehmen. Gleichzeitig fragte sie sich, was Mark wohl von ihr denken würde. Begrüßte man seinen Ehemann nicht mit einer Umarmung oder einer anderen herzlichen Geste?
„Egal!“ Susanne schob diesen Gedanken schnell beiseite. „Hör auf deine Intuition und nicht auf das, was sich gehört!“
Mark nahm auf dem einzelnstehenden Sessel Platz. Auch ihm war anzumerken, dass er nicht so recht wusste, wie er sich verhalten sollte. Nervös knetete er seine Oberschenkel. „Und“, fragte er, ohne Susanne dabei anzuschauen, „wie geht`s dir so?“ Was für eine Frage, dachte Susanne, versuchte aber zu lächeln.
„Ach, relativ gut“, erwiderte sie, „Ich bin ganz zufrieden. Und dir so?“ Was für eine schräge Unterhaltung, schoss es ihr in den Kopf. Mark lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Er schien langsam zu seiner Souveränität und Gelassenheit wieder zurückzufinden.
„Mir?“ er zog die rechte Augenbraue hoch, was auf Susanne einen irgendwie arroganten Eindruck machte „viel zu tun im Büro. Ein bisschen Stress, wie immer also.“ Der Einstieg war geschafft. Susanne atmete tief durch.
„Mark“, begann sie vorsichtig, „ wir müssen uns über den Abend unterhalten.“ Sie schaute ihren Mann an, der immer noch jeglichen Blickkontakt mit ihr vermied. „Es ist sehr wichtig für mich“, sagte sie eindringlich, „dass ich erfahre, was an dem Abend passiert ist. Verstehst du das?“ fragte Susanne mit Nachdruck. Mark blickte hoch. „O.k., was genau willst du wissen?“ fragte er leicht gereizt. „Wie du wie eine Furie in unser Haus gestürmt bist und meine Gäste bis aufs Äußerste übelste beschimpft hat? Möchtest du davon Einzelheiten wissen?“ Susanne schluckte, auf diesen Ausbruch war sie nicht vorbereitet gewesen. Mark erhob sich aus seinem Sessel und begann unruhig auf und ab zu laufen. Ein wenig wie ein Tiger im Käfig, fand Susanne. „Aber damit nicht genug!“ fuhr er erregt fort. „Du hast mich beschimpft, mir die absurdesten Unterstellungen in Gegenwart von Geschäftskunden gemacht und zu guter Letzt“, er blieb stehen und stützte sich auf die Rückenlehne des Sessels, „bist du mit dem Tranchiermesser aus dem Messerblock wie eine Irre auf mich losgegangen und wolltest mich abstechen!“ Mark blieb stehen, hielt sich eine Hand vor den Mund und schnaufte leise. „Nicht nur, dass du mich fast umgebracht hättest. Du hast mich vor meinen Geschäftskunden lächerlich gemacht, mich gedemütigt und vor allem, mir den Vertragsabschluss des Jahres, wenn nicht sogar des Jahrzehnts versaut.“ Er blickte sie wütend an. „Aber wahrscheinlich bin ich wieder Schuld an dem ganzen Dilemma. Bin ich wieder mal nicht richtig auf meine ach so unverstandene Ehefrau eingegangen? Oder hat meine unglückliche und immer missverstandene Frau mal wieder ihre Tabletten nicht genommen und war überreizt?“
Susanne schnappte nach Luft. All diese Einzelheiten waren ihr bis jetzt nicht bekannt gewesen. Kurz meldete sich ihr schlechtes Gewissen zu Wort. Aber andererseits… wie sprach Mark denn nur mit ihr? Glaubte er etwa, sie hätte das alles mit Absicht gemacht?
„Mark“, begann sie leise, „ich weiß, ich muss wahrlich unmöglich gewesen sein. Ich kann mich an nichts erinnern, dennoch möchte ich dir sagen, dass es mir unglaublich leid tut“, sie blickte ihn an, „aber ich war nicht Herr meiner Sinne.“ Auch sie stand jetzt auf und blickte gedankenverloren in den Klinikpark, der vollkommen im Schneegestöber verschwunden war. Sie drehte sich zu Mark um. „Dr. Glück hat dir sicherlich von meiner Diagnose berichtet und auch wie so etwas entsteht.“ Mark zeigte immer noch keine Reaktion, sondern stand weiterhin ziemlich abweisend mit verschränkten Armen da. „Es muss für all das eine Erklärung geben, Mark! Du kennst mich doch, ich würde doch nie grundlos so ausrasten! Aus medizinischer Sicht muss irgendetwas passiert sein, was mich zu diesen Handlungen getrieben hat und was mich so berührt oder betroffen gemacht hat, dass ich bzw. mein Unterbewusstsein den ganzen Abend und eigentlich auch schon Teile meines Besuches in Nürnberg und den Nachhauseweg aus meinem Gedächtnis verbannt hat.“Sie schaute Mark schweigend an, der fragend eine Augenbraue hochzog.
„Und?“ entgegnete er ungehalten. „Was genau willst du damit andeuten? Dass du für dein Verhalten nicht verantwortlich bist, sondern… wer, ja wer eigentlich, Susanne? Willst du mir durch die Blume mitteilen, dass eigentlich ich derjenige bin, der dir was angetan hat?“ Er begann wieder auf- und abzulaufen. „Das ist ja ungeheuerlich!“ sagte er mehr zu sich als zu Susanne. „Aber es ist ja immer leichter, die Schuld bei anderen zu suchen als bei sich selbst. Da kommt es einem doch ganz gelegen, wenn man dann noch das Gedächtnis verliert, nicht wahr?“ Susanne versuchte ruhig zu bleiben.
„Mark, es geht hier nicht um Schuld! Ich will einfach nur Licht in mein Dunkel bringen, weil es mir einfach eine Scheiß- Angst macht. Ich muss wissen, was mich angetrieben hat, damit sowas nicht wieder passiert. Ich werfe dir auch nicht vor, dass du Verursacher bist oder überhaupt etwas damit zu tun hast. Vielleicht war auch irgendwas auf der Geburtstagsparty bei meiner Mutter, keine Ahnung! Wäre aber doch auch möglich. Schließlich bin ich dort ungeplant aufgebrochen. Ich weiß es absolut nicht!“ Schweigen. Mark räusperte sich, hatte seine Hände in die Hosentasche gesteckt und zuckte mit den Schultern.
„Also, ich kann dir nicht weiterhelfen“, sagte er, „das, was ich weiß habe ich dir bereits erzählt. Von meiner Seite gibt es nichts, was ich gesagt oder getan hätte, was dich so aus der Fassung hätte bringen können.“ Er setzte sich wieder auf den Sessel und schlug seine Beine übereinander. „Außerdem bist du ja schon wütend und verwirrt zu Hause angekommen. Ist überhaupt ein Wunder, dass du den Weg nachHause gefunden hast und nicht gegen den nächsten Pfeiler gerast bist“, schnaufte er nahezu verächtlich.
Susanne sagte nichts. Insgeheim musste sie ihm fast Recht geben. Es hätte weiß Gott was auf der Fahrt passieren können. Zudem musste sie zugeben, dass Marks Einwände durchaus Sinn ergaben. Wahrscheinlich tat sie ihm absolut Unrecht, wenn sie ihn weiterhin in den Kreis der Verdächtigen steckte. Es blieb dennoch ein mulmiges Gefühl, dass es etwas gab, was er verbarg und verschwieg.
„Na gut“, seufzte Susanne ziemlich erschöpft. Sie war sich sicher, dass sie nichts weiter von Mark erfahren würde, was ihr bei ihren Erkenntnissen weiterhelfen konnte. „Mir war es nur wichtig, dich persönlich zu befragen.“ Sie schwieg noch einen kleinen Moment und überlegte, wie sie das, was ihr noch auf der Seele brannte, in Worte fassen konnte, ohne dass Mark wieder genervt und laut reagieren würde. „Da wäre noch eine andere Sache…“ tastete sie sich langsam vor.
„Und die wäre?“ wollte Mark immer noch leicht angesäuert wissen.
„Nun ja“, begann Susanne und suchte nach den geeigneten Worten, um Mark nicht schon wieder das Gefühl zu vermitteln, er wäre Schuld. „Also, die haben hier Blut abgenommen und festgestellt, dass ich eine extrem hohe Konzentration von Schlaf- und Aufputschmittel im Blut hatte.“ Sie wartete seine Reaktion ab. Mark fühlte sich nicht aufgefordert, auch nur ansatzweise zu reagieren. Er blickte sie erwartungsvoll an. Als sie nicht weitersprach, wurde er ungeduldig.
„Ja, und? Was hab ich damit zu tun?“ fuhr er sie schroff an. Nun war es Susanne, die angespannt auf und ab ging und nervös ihre Finger knetete.
„Wie du weißt hatte ich Schlafstörungen. Dr. Semmeln hatte mir mehrere Schlafmittel verschrieben, die aber alle im Endeffekt nicht gewirkt haben Im Gegenteil, ich wurde immer müder am Tag, aber aufgedrehter in der Nacht. Du erinnerst dich sicherlich, denn schließlich hattest du die Idee, meine Tabletteneinnahme zu überwachen, weil du mir ja nicht getraut hast“, sie lachte sarkastisch. „Du hast damals doch auch schon gedacht, ich bin meschugge."
„Susanne, mal ehrlich, was hätte ich denn sonst denken sollen?“ Er sprang auf, seine Anspannung entlud sich wie auf Knopfdruck. Wild gestikulierte er mit beiden Armen. „Du bist nachts durch die Wohnung getigert und tagsüber bist du mit solchen fetten Augenringen und total übernächtigt rumgelaufen. Die Leute haben mich schon auf der Straße angesprochen, was mit dir los sei.“ Er raufte sich die Haare. "Du hast Tabletten verschrieben bekommen, ja, und es machte nicht wirklich den Eindruck, dass du die korrekte Einnahme im Griff hattest. Also habe ich ein Auge darauf gehabt, mit deinem Einverständnis übrigens.“ Mark zeigte mit seinem Zeigefinger auf Susanne. „Dass du dir anscheinend zusätzlich noch Aufputschmittel reingepfiffen hast, konnte ich nun wirklich nicht ahnen. Dann ist das ja auch kein Wunder, dass du immer irrer wurdest.“ Mark hatte sich mit verschränkten Armen an das Fenster gestellt und schaute in den Park. Das Schneetreiben hatte nachgelassen, es kam sogar ein wenig die Sonne zwischen den Wolken zum Vorschein.
Susanne blieb vor Fassungslosigkeit der Mund offen stehen. Das war ja ungeheuerlich. Wenn sie sich auch nicht an alles erinnern konnte, wusste sie mit nahezu 100prozentiger Wahrscheinlichkeit, dass sie keine Aufputschmittel geschluckt hatte. Wozu auch? Sie hatte doch Schlafstörungen gehabt und keine Leistungstiefs. Traute er ihr wirklich zu, dass sie sich Aufputschmittel reingezogen und dann über Schlafstörungen geklagt hatte? Unfassbar! Aber natürlich passte das super in Marks momentanes Bild von ihr. Aus welchen Gründen auch immer hatte seine Frau zum Schlafen Tabletten genommen. Und um wieder fit zu werden, auch noch Händeweise Aufputschmittel, was dann außer Kontrolle geriet und sie dann nicht mehr Herr ihrer Sinne war. Susanne kochte innerlich und war sich jetzt sicher, von Mark weder Hilfe noch Unterstützung zu erhalten.
Mark schaute indessen auf seine Armbanduhr. Sie hatten bereits über eine Stunde geredet.
„Susanne“, er drehte sich zu ihr um und nahm sich seinen Mantel von der Sessellehne, „es tut mir leid, dass ich dir in diesem Falle nicht weiterhelfen kann.“ „Tut es dir gar nicht!“ dachte Susanne, hielt ihren Kommentar allerdings mit Mühe zurück. Es wäre unnötige Energie, die sie verpulvern würde.
„Ich muss jetzt auch los, war eigentlich schon länger hier als geplant.“ War ja klar, dass er für seine Frau keine Zeit hatte, wenn Arbeitstermine anstanden. Das war schon immer so gewesen, wieso sollte es jetzt anders sein, dachte Susanne sarkastisch. Sie stand auf, um ihn zur Stationstür zu begleiten. Auf halber Strecke blieb er kurz stehen und blickte sie an.
„Du musst verstehen, dass das alles für mich auch nicht so einfach ist. Ich muss das auch für mich verarbeiten. Dann liegt mir die Firma im Nacken wegen des geplatzten Großauftrages- wegen dir.“
Oh, du Armer, dachte sie verächtlich. Immer die Firma, sie konnte es nicht mehr hören. Schon vor zwölf Jahren war ihm die Firma wichtiger als sie gewesen .Mark zog sich Schal und Handschuhe an.
„Ich habe mit Dr. Glück besprochen, dass du natürlich nach deiner Entlassung nach Hause kommen kannst.“ Es hörte sich fast gönnerhaft an. „Logisch, ist ja auch dein Zuhause. Und die Kinder würden sich auch freuen, wenn sie wieder in Heidelberg zum Kindergarten gehen können. Wenn du allerdings zu deinen Eltern nach Nürnberg gehen möchtest, ist es auch in Ordnung. Die Entscheidung überlasse ich dir.“ Susanne starrte ihren Mann sprachlos an. Beinhaltete das, was er gerade sagen wollte etwa, dass er sich trennen wollte?
„Wenn du von dieser kriminellen Station zu den Normalos verlegt wirst, bin ich damit einverstanden, dass du dich langsam an dein Zuhause annäherst. Wie nennen die das noch gleich?“ er tat so als überlegte er angestrengt.
Susanne sprang ein. „Belastungserprobung“, sie hatte Mühe, ihre Wut zurückzuhalten. „Und diese Station hat nichts mit Kriminellen zu schaffen, es nennt sich geschlossene Abteilung. Oh, und ganz nebenbei: ich bin ganz froh, dass wenigstens hier Normalos, wie du sie nennst, rumlaufen. Draußen sind es nämlich all die Kranken und Perversen, die nicht merken, dass sie krank sind und die ganze Scheiße bauen. Die Menschen hier wissen, wo ihre Defizite sind und wollen sich helfen lassen. Denk mal darüber nach!“ Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und stampfte wutentbrannt zum Schwesternzimmer, wo sie eine Schwester bat, sie möge doch bitte ihren Mann wieder in die Freiheit entlassen. Nicht, dass er hier noch Platzangst bekäme.




Fortsetzung folgt.... 15.11.13

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Donnerstag, 14. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 5
von Kirsten Maria Scholz

Kapitel neun

Susanne wurde am nächsten Morgen lange vor der allgemeinen Weckzeit aus dem Schlaf gerissen. Lautes Geschrei und Gepolter im Nebenzimmer ließen sie aus dem Tiefschlaf hochschrecken. Glas zerbrach. Es hörte sich an, als ob jemand um Hilfe schrie. Die Frau, es musste eine Frau sein- so hoch konnte nur eine Frau schreien, auch gab es auf ihrer Station nur Frauen, gab Laute von sich, die Susanne noch nie zuvor gehört hatte und von denen sie sich nie hätte vorstellen können, dass ein Mensch sie hervorbringen könnte. Schrill und voller Panik drangen sie in Susannes Mark, ließen sie erstarren. Gänsehaut überzog ihren gesamten Körper. Sie zog sich in die äußerste Ecke ihres Betten zurück, versuchte sich so klein wie möglich zu machen, unfähig, selbst um Hilfe zu klingeln und verfolgte, die Knie fest umschlungen, den Lärm im Nebenzimmer. Menschen rannten den Gang herunter, ihre Schritte hallten in Susannes Zimmer. Die Tür wurde nebenan aufgerissen und das Geschrei der Frau erreichte ihren Höhepunkt. Es kam noch einmal zum lauten Gerangel, ein schwerer Gegenstand flog krachend gegen die Wand, Menschen redeten beharrlich auf jemanden ein. Susanne konnte nicht direkt hören, um was es ging, allerdings konnte sie mehrere Stimmen ausmachen. Dann war urplötzlich von jetzt auf gleich Ruhe. Die Tür nebenan öffnete sich erneut. Leichtes Stimmengemurmel begleitete die Menschentraube wieder auf den Gang und entfernte sich langsam. Danach war alles still. Nichts erinnerte mehr an den Tumult. Susanne saß noch lange in ihrer zusammengekauerten Haltung da, bei jedem kleinsten Geräusch schreckte sie hoch.
Als der Morgen bereits dämmerte und es ohnehin bald Zeit zum Aufstehen war, beschloss Susanne sich nicht länger zu quälen und stand auf. Sie streckte ihre kalten, gefühllosen Gliedmaßen. Sie hatte viel zu lange in ihrer äußerst unbequemen Haltung ausgeharrt. Langsam kamen ihr Gefühl und Sensibilität in ihre Schultern und Oberarme und nach einigen Sekunden auch in ihre Beine zurück, begleitet von Tausenden von Nadelstichen und ließen sie laut aufstöhnen. Sie verharrte einige Minuten, bis sie sich sicher war, dass sie relativ sicher stehen konnte, ohne dass ein Bein wegknickte.
Die Schwester, die einige Zeit später zum Wecken und Blutdruckmessen kam, konnte oder was Susanne eher dachte wollte ihr nicht so recht Auskünfte über die Vorkommnisse der gestrigen Nacht geben. Susanne nahm es hin, weiteres Insistieren würde wahrscheinlich eh zwecklos sein.
Am Frühstückstisch herrschte im Gegensatz zu der sonst eher verhaltenen Unterhaltung angeregtes Gemurmel. Alle hatten den Tumult in der Nacht mitbekommen. Neugierig wollten sie voneinander wissen, ob jemand Einzelheiten gehört hatte. Niemand wusste allerdings Näheres zu berichten und auch das Pflegepersonal hielt sich sehr zurück und verwiesen auf die Schweigepflicht.
Der Platz neben Susanne blieb am heutigen Morgen leer und in Susanne keimte der Verdacht, dass der nächtliche Aufstand etwas mit Sarah zu tun haben musste.
Als sie sich zur Medikamentenausgabe begab, sah sie, dass Schwester Ina heute Dienst hatte. Susanne stellte sich als Letzte an das Ende der Schlange und nutzte die Gelegenheit Schwester Ina ungestört nach Sarahs Abwesenheit zu befragen. Schwester Ina bat Susanne zu sich in das Schwesternbüro und schloss hinter ihr die Tür.
„Sie kamen immer ganz gut mit Sarah Schmidtke aus, nicht wahr?“ erkundigte sich Schwester Ina und Susanne merkte, dass sie krampfhaft nach einem Einstieg suchte. Susanne nickte.
„Nun“, fuhr Schwester Ina fort, „heute Nacht kam es zu einem Zwischenfall. Sie haben sicher auch den Tumult wahrgenommen.“ Wieder nickte Susanne, wobei ihr Herz bis zum Hals klopfte und sie Mühe hatte, ruhig weiter zu atmen. „Ich habe leider nicht so gute Nachrichten für Sie“, fuhr Schwester Ina fort und vermied direkten Blickkontakt mit Susanne. „Frau Schmidtke ist in eine Krise geraten und akut dermaßen von ihren psychotischen Symptomen vereinnahmt worden, dass sie infolgedessen versucht hat, sich die Pulsadern aufzuschneiden.“ Susanne versuchte, den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken, was ihr jedoch misslang. Ihre Beine versagten, sie musste sich hinsetzen. Wie konnte das sein? Sarah und Selbstmord? Susanne hatte irgendwie immer den Eindruck gehabt, Sarah war im Gegensatz zu manch anderer Patientin relativ "normal" und stabil. Und jetzt sollte sie eine psychotische Krise haben? Sie blickte Schwester Ina an.
„Ich verstehe nicht? Ist sie… ich meine… hat sie…“ Susanne wusste nicht wie sie ausdrücken sollte, was ihr auf der Seele brannte. Schwester Ina schien zu überlegen, inwieweit sie Susanne informieren konnte. „Wir konnten sie soweit stabilisieren“, sagte sie, „dass wir sie auf die Intensivstation verlegen konnten. Ihr Zustand ist soweit stabil, das heißt er hat sich nicht verschlechtert.“Susanne wusste nicht, ob sie erleichtert oder weiterhin beunruhigt sein sollte. Sie nickte nur, zu anderen Regungen oder Äußerungen war sie nicht in der Lage. „Ich bzw. wir vom Team haben lange überlegt, ob wir etwas über Frau Schmidtkes Zustand verlauten lassen sollen“, erklärte Schwester Ina weiter, „wir hielten und halten Sie allerdings für ausreichend emotional stabil, dass Sie die Nachricht verkraften. Bei einigen anderen sind wir uns nicht so sicher. Deswegen wäre es ganz hilfreich, wenn Sie nicht allzu viele Einzelheiten weitergeben würden. Die anderen Patientinnen werden wir natürlich auch soweit wir es verantworten können über Frau Schmidtkes Zustand informieren.“Susanne starrte weiter gedankenverloren an die Wand, sagte aber immer noch nichts.
„Frau Stahl?“ Schwester Ina sah sie fragend an. „Haben sie verstanden, worum ich Sie gebeten habe?“ Susanne nickte erneut.
„Ja, natürlich“, sagte sie, „ich verstehe.“ Sie überlegte einen Moment. „Schwester Ina, wenn sich irgendwas bei Sarah, also bei Frau Schmidtke verändern sollte, also… ich meine, auch wenn sich etwas verschlechtert…“ sie stockte, ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„…dann informieren wir Sie, Frau Stahl. Natürlich.“ Sie ließ Susanne ein wenig Zeit zum Ordnen ihrer Gedanken. „Ich glaube, ich möchte jetzt gerne ein wenig für mich sein“, sagte Susanne und stand auf.

Die darauffolgende sportliche Gruppenstunde verbrachte Susanne wie in Trance. Ihr wurde mehr und mehr bewusst wie schnell sich das Blatt wenden konnte. Gestern war mit Sarah doch noch alles in Ordnung, zumindest dachte Susanne das. Und dann – Peng- mitten in der Nacht brach ihre Psychose durch und übernahm die Führung in Sarahs Gehirn. Sie hatte schon vorher von Menschen mit Psychosen gehört. Von Stimmen, die diese Menschen hören oder Dinge, die gesehen werden, obwohl real nichts da ist. Es gab sogar Menschen, die Gerüche wahrnahmen, die nicht vorhanden waren. Man hatte diese Menschen in der TV- Reportage mit Medikamenten eingestellt. So konnten sie ein einigermaßen normales Leben führen. So einfach wie es im Fernsehen gesagt wurde, schien es wohl doch nicht zu sein, dachte Susanne. Vielleicht wurden psychotische Schübe oder Krisen ja auch durch Außenreize ausgelöst, überlegte sie weiter, vergleichbar wie bei ihr und ihrer Amnesie.
Auch nach der Sportstunde lief die Welt an Susanne vorbei, ohne, dass sie von irgendetwas Kenntnis nahm. Ihr Körper schien wieder auf Automatik gestellt worden zu sein. Sie ließ sich nach der Sportstunde ihr Zimmer aufschließen, schließlich musste sie sich noch für ihren Besuch richten.
Zumindest ging sie davon aus, dass sie geduscht hatte, als sie einige Zeit später an sich herunterblickte. Erinnern konnte sie sich nicht daran. Zumindest stand sie frisch geduscht und umgezogen in ihrem Zimmer. Sie schaute auf ihren kleinen Reisewecker auf ihrem Nachttisch. Mittlerweile war es bereits kurz nach zwei Uhr am Nachmittag. Entweder hatte sie überhaupt nicht zu Mittag gegessen, was sie allerdings nicht für möglich hielt, weil Anwesenheitspflicht während der Mahlzeiten herrschte oder, und dass hielt sie für wahrscheinlicher, sie hatte auch das vollkommen in Gedanken vertieft über sich ergehen lassen. Nun musste sie sich aber auch sputen. Sie hatte sich mit Sabrina für halb drei verabredet.
Die Geschehnisse des Tages hatten sie sehr mitgenommen und eigentlich verspürte sie überhaupt keine Lust den Nachmittag mit Sabrina schwatzend und tratschend, wie sonst üblich bei ihren Treffen, zu verbringen. Dennoch hoffte sie auf ein bisschen Zerstreuung. Sabrina war nicht der Typ für ernsthafte Gespräche. Sie würde auch nie nachvollziehen können, warum sich Susanne so viele Gedanken um einen Menschen machte, den sie erst vor ein paar Tagen kennengelernt hatte.
„Also gut“, sagte sie sich, „ dann eben Zerstreuung.“ Dafür jedenfalls war Sabrina die richtige Person. Susanne setzte sich in den Gemeinschaftsraum vor den Fernseher und tat so als ob sie der Tiersendung interessiert folgte. So konnte sie sicher sein, dass die anderen sie in Ruhe ließen und ihr nicht mit Fragen auf die Nerven gehen würden.
Als die Besucherklingel läutete, folgte sie der diensthabenden Schwester mit klopfendem Herzen zur Stationstür. Schon von weitem erkannte sie Sabrina, die sichtlich nervös von einem Fuß auf den anderen trat.
Susanne lächelte ihrer Freundin durch die Türscheibe aufmunternd zu. Sie konnte die Unsicherheit, die wahrscheinlich jeden befällt, wenn man zum ersten Mal eine geschlossene psychiatrische Station betritt, durchaus nachvollziehen. Die Schwester schloss die Tür auf und entließ Susanne, die sich schon mit Winterjacke, Schal und Mütze bewaffnet hatte. Sie überließ Susanne in Sabrinas Obhut.
Susanne hielt es für das Beste, Sabrinas Unsicherheit vorerst zu ignorieren und fiel ihrer Freundin um den Hals.
„Ach, Sabrina“, flüsterte sie fast, „du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön es ist, endlich wieder einen normalen Menschen zu sehen.“ Sehr verhalten erwiderte Sabrina die stürmische Begrüßung. Anscheinend war sie mit der Gesamtsituation überfordert, dachte Susanne. Außerdem wäre es nicht verwunderlich, wenn sie den ersten Schock über Susannes Aussehen zu verdauen hatte. Sie sah schon etwas heruntergekommen aus, dessen war sich Susanne durchaus bewusst. Die glanzlosen Haare hatte sie eher praktisch zu einem stinknormalen Zopf zusammengebunden, auf Schminke oder Make- up gänzlich verzichtet und ihre Klamotten… nun ja, neben dem mintfarbenen Jogginganzug waren es nicht gerade ihre Lieblingsstücke, die Mark zusammengepackt hatte. Von der ungesunden Gesichtsfarbe und den tiefen dunklen Augenringen mal ganz abgesehen. Auf Station war das alles ziemlich unwichtig. Niemand schaute auf Klamotten oder Aussehen, weil jeder mit sich und wichtigeren Dingen beschäftigt war. Jetzt allerdings in unmittelbarem Vergleich mit Sabrina, kam sie sich schon wie das hässliche junge Entlein vor, um nicht zu sagen abgewrackt. Sabrina war wie gewohnt perfekt gestylt und geschminkt. Ihr hautenges Top passte wie die Faust aufs Auge zu dem ebenfalls sehr enganliegenden knielangen Rock, der ihre weiblichen Kurven und die ohnehin extrem langen Beine sehr stark zur Geltung brachte. Trotz des winterlichen Klimas trug sie wie immer High Heels. Susanne hatte sich schon oft gefragt, wie es sein konnte, dass Sabrina noch nie einen Unfall wegen solch nicht geländetauglicher Schuhe hatte. Diese waren mal wieder ein richtiger Hingucker. Schwarzer Lack mit kleinem Reißverschluss an der Ferse.
„Also schön“, sagte Sabrina immer noch ein wenig nervös, „was machen wir? Also, ich bin für alles offen und lass dich natürlich bestimmen. Ich weiß nicht so genau, was du kannst und dir zutraust und natürlich, was du möchtest.“
„Ich würde gerne ein wenig an die frische Luft. Vielleicht ein Spaziergang durch den Klinikpark? Und danach einen heißen Kakao in der Cafeteria?“ schlug Susanne vor. Sabrina war einverstanden und so machten sie sich auf den Weg nach draußen. Susanne zog Jacke und Schal an und ihre Mütze tief über ihre Ohren und in die Stirn. Dennoch stockte ihr kurz der Atem, als sie die Tür öffnete und eine Windböe mit voller Wucht in ihr Gesicht peitschte. So unangenehm hatte sie sich das Wetter nicht vorgestellt Nachdem sie allerdings den ersten Kälteschock überwunden hatte, genoss sie das Winterwetter. Der kalte Wind im Gesicht, der Schneegeruch in der Nase, das Piksen der Schneeflocken in den Augen und der knirschende Schnee unter ihren Füßen gaben ihr das Gefühl, lebendig zu sein. Obwohl sie der kurze Gang durch den Park stark an ihre körperlichen Grenzen brachte, hätte sie noch stundenlang weiter schweigend neben Sabrina durch den Park gehen können. Sie musterte Sabrina von der Seite. Das musste Susanne ihrer Freundin hoch anrechnen. Ohne zu murren oder sich zu beschweren nahm sie die Strapazen auf sich und kämpfte sich durch die Kälte und den knöchelhohen Schnee. Mit diesen Schuhen und in dieser Kleidung war das sicherlich kein Vergnügen, dachte Susanne und musste ein wenig schmunzeln. So war Sabrina eben, Hauptsache, das Outfit stimmte.
Nach fast einer Stunde hatte Susanne ein Einsehen mit ihrer Freundin und schlug den Weg zur Cafeteria ein, wo die beiden sich einen etwas abseits stehenden Tisch wählten.
Susanne rührte gedankenverloren in ihrer heißen Schokolade und löffelte genüsslich die Sahnehaube ab. Sabrina wirkte immer noch etwas steif und angespannt, fand Susanne. Lag vielleicht an der gesamten Umgebung. Viele Menschen entwickelten eine Abneigung gegenüber Krankenhäusern und verhielten sich anders oder sonderbar, sobald sie das Gebäude betraten. Vielleicht gehörte Sabrina auch zu dieser Sorte Mensch. Ihr kam der Gedanke, dass Sabrina und sie sich eigentlich nie so richtig über tiefsinnige Themen unterhalten hatten. Sie hatten stundenlang über Kollegen, Tratsch im Büro, das Kinoprogramm oder Diäten reden können. Aber was waren zum Beispiel Sabrina Urängste, wie war ihre Kindheit oder wie wollte sie beerdigt werden? Susanne wusste es nicht.
„Weißt du, was ich nicht verstehe?“ meinte Susanne plötzlich. Sabrina blickte abrupt auf, so als wäre sie kurz eingenickt und schüttelte verneinend den Kopf. „Na, ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, was an dem Tag, als man mich hier eingewiesen hat, passiert ist.“ Sabrina schaute sie fragend an, zog ihre Stirn dabei kraus.
„An gar nichts?“ fragte sie schon interessierter nach. Susanne schüttelte ihren Kopf. „Ich weiß nur noch, dass ich mit Valentin und Madeleine in Nürnberg war, aber dann zieht auch schon die Nebelwand auf und hüllt mein Gedächtnis ein. Warum ich früher als eigentlich geplant wieder nach Heidelberg gefahren bin, ist mir einfach ein Rätsel, auch, warum ich die Kinder bei meinen Eltern gelassen habe. Ich habe meine Kinder noch nie grundlos bei meinen Eltern gelassen, weil ich weiß, dass meine Mutter dann immer gestresst ist. Und da lass ich sie doch erst recht nicht am Geburtstag meiner Mutter bei ihr. Da muss doch was passiert sein. Aber- es ist einfach weg. Momentan bezweifel ich, dass ich mich überhaupt jemals wieder erinnern werde.“ Sie hielt in ihren Erzählungen inne.
„Gruselig“, bestätigte Sabrina. „Und wieso du hier bist, weißt du also auch nicht?“
Susanne schaute in ihren Kakao, als ob sie dort die Antwort finden würde.
„Alles, was ich weiß, habe ich von Dr. Glück erfahren. Und der hat das wiederum von Mark. Und demnach bin wohl aus Nürnberg gekommen, angeblich völlig grundlos ausgerastet und auf Mark losgegangen. Ich selbst kann mich aber an gar nichts erinnern.“ Immer noch fassungslos über diese Tatsache schüttelte sie den Kopf. „Laut meiner Krankenakte und dem Polizeiprotokoll wurden Mark und ich dabei vorgefunden, wie wir uns prügelnd auf dem Boden wälzten. Davon stammt wohl auch das Veilchen und die Platzwunde.“ Wie zur Bestätigung deutete sie auf ihr Gesicht. Sabrina bekam stark übertrieben große Augen und schaute, als könne sie ihren Ohren nicht trauen. „Ja, ich kann nur sagen, was man mir erzählt hat. Ich habe Mark wohl mit einem Messer attackiert, jedenfalls hatte er diverse Schnittverletzungen. Bei dem Versuch sich gegen mich zu wehren, hat er mich dann wohl etwas ungünstig am Kopf getroffen. Durch den Krach sind die Nachbarn aufmerksam geworden und haben Rettungswagen und Polizei verständigt.“ Sie machte eine kleine Pause. Es war offensichtlich, dass er ihr schwer fiel, weiter zu sprechen. „ Ich wurde dann mit dem Rettungswagen gleich hierher in die Psychiatrie gebracht, angeblich habe ich mich wohl mit Händen und Füßen gewehrt. Die Ärzte in der Notaufnahme mussten mich mit Medikamenten ruhig stellen, so dass ich mich auch an meine ersten zwei Tage hier in der Klinik nur stückweise erinnern kann.“ „Krass“, hauchte Sabrina, „echt krass, ich dachte, so etwas gibt es nur im Film. Aber dass dir so etwas passiert? Und einfach so aus heiterem Himmel.“ Sabrina schaute auf ihren Cappucchino und schüttelte verwundert den Kopf. Eine Weile sagte keiner der beiden etwas. „Hast du mit Mark schon darüber reden können?“ fragte Sabrina unvermittelt und vermied dabei jeden Blickkontakt. Wieder musste Susanne verneinen.
"Er hat mir ein paar Sachen vorbeigebracht, als ich noch mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt war. Aber seitdem ich wieder ansprechbar bin, war er noch nicht wieder da. Ich habe mit Dr. Glück abgesprochen, dass Mark und ich uns erst in den nächsten Tagen treffen werden. Da keiner weiß, was wirklich war, sollte ich erst einmal wieder zu mir selbst kommen und mich quasi stabilisieren.“ Sie schwieg und trank den restlichen Kakao aus, bevor sie mit ihren Erzählungen fortfuhr. „Das Labor hat außerdem noch merkwürdige Blutwerte bei mir festgestellt. Demnach hätte ich seit Wochen Unmengen von Schlaf- und Coffeintabletten geschluckt haben müssen. Was ich aber definitiv nicht habe.“ Susanne wurde laut und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen. Sabrina zuckte zusammen, starrte allerdings immer noch in ihren Becher.
„Aber Dr. Semmeln hatte…“ begann Sabrina und wurde schroff von Susanne unterbrochen.
„Ja, stimmt, Dr. Semmeln hat mir ein Schlafmittel verschrieben, das ich auch exakt nach seiner Anordnung eingenommen habe. Das hat am Ende sogar Mark kontrolliert. Aber Aufputschmittel habe ich nie genommen, nicht mal früher auf Partys, auf denen sich jeder irgendwas eingeschmissen hat!“ sie blickte Sabrina mit zornig funkelnden Augen an.
„Aber wie kann das alles sein? Ich meine, es muss doch irgendeine Erklärung dafür geben“, hakte Sabrina vorsichtig nach. Sie schien durch Susannes kleinen Wutausbruch ein wenig eingeschüchtert worden zu sein.
„Keine Ahnung!“ Susanne zuckte ratlos mit den Schultern und schaute in Susannes eher reserviertes Gesicht. „Tut mir leid, ehrlich“,Susanne ergriff die Hand ihrer Freundin und schaute sie entschuldigend an, „ich bin nur so verwirrt, weil ich nicht weiß, was passiert ist. Und das macht mich so wütend, wütend auf mich selbst. Dr. Glück geht davon aus, dass es sich bei mir um eine spezielle Form der Amnesie handelt. Dabei verdrängt man schmerzhafte körperliche oder emotionale Erfahrungen und Situationen, um sich selbst zu schützen.“ Sabrina schaute sie erschrocken an.
„Du meinst, deine Amnesie ist nicht einfach so aufge-taucht, sondern durch irgendein Schockerlebnis ausgelöst worden?“ Susanne beantwortete die Frage mit einem langsamen Kopfnicken.
„Genau so sieht es aus. Und für meine Genesung und auch zur Vorbeugung, damit das nicht wieder geschieht, wäre es gut, wenn ich herausfinde, was dieses Erlebnis war.“
Sie schwiegen einen Moment. Als Susanne langsam den Kopf hob und ihrer Freundin direkt in die Augen sah, erschrak Sabrina aufgrund ihrer kalten Augen.
„Und ich schwöre dir, ich werde herausfinden, wer Schuld daran ist, dass ich jetzt hier gelandet bin“, versprach Susanne. „Und der kann sich dann gewaltig warm anziehen!“


Fortsetzung folgt..... 14.11.13

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Dienstag, 12. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 4
Kapitel sieben

Susanne blieb unschlüssig in dem halbdunklen Gang stehen. Ein paar Meter weiter flackerte eine Glühbirne in einer Deckenleuchte. Diese optische Unruhe verdrängte Susannes innere Gelassenheit und wühlte sich durch ihr Inneres, ein kalter Schauer lief ihr über Rücken und Arme. Sie fröstelte, umschlang ihren Oberkörper, rieb sich die Oberarme und versuchte, das unangenehme Gefühl abzuschütteln.
Sie vernahm leises Klappern mit Geschirr und gedämpfte Stimmen. Gab es etwa schon Abendbrot? Ein Blick nach draußen bestätigte ihre Annahme. Flora und Fauna waren in pechschwarze Dunkelheit gehüllt. Im Lichtkegel einer Laterne konnte sie leichtes Schneetreiben ausmachen. Sie betrat den Aufenthaltsraum und war überrascht über die warme, ja sogar recht gemütliche Atmosphäre, die eine Tischleuchte und die Stehlampe in der Sofaecke ausstrahlten. Der Abendbrottisch war schon in der Vorbereitung, einige Mitpatientinnen hatten es sich vor dem Fernseher bequem gemacht.
„Hi, Susanne“, Sarah klopfte mit der Hand auf den leeren Platz neben sich, „na, komm setz dich zu uns.“Susanne gab sich einen Ruck und schaffte es sogar, ein wenig zu lächeln.
„Danke!“ sagte sie fast flüsternd. Es war schön, jetzt nicht irgendwo alleine sitzen zu müssen. Sie setzte sich zu den anderen und merkte, wie sie sich nach und nach entspannte. Die allgemeine Ruhe und das in- Ruhe-gelassen-werden taten ihr unheimlich gut. Einfach nur dasitzen und sich nicht erklären müssen, waren für sie ungewohnt und neu, aber irgendwie entlastend. Sie hing ihren Gedanken ein wenig nach. Wie anders war es doch zu Hause…
Zu Hause, dachte sie. Zu Hause versuchte sie stets fröhlich zu sein, Sorgen und Probleme für sich zu behalten, um Mark nicht noch mehr zu belasten. Er hatte schon genug Stress und oftmals Ärger im Büro. Mehr als einmal hatte er seinen Unmut darüber geäußert, dass es ihn störte, wenn er nach einem anstrengenden Arbeitstag sich auch noch mit der schlechten Laune und den Problemen seiner Frau auseinandersetzen musste. Zudem konnte er ohnehin nicht verstehen, was Susanne belasten könnte. Schließlich musste sie sich nicht mit Arbeitskollegen und Stress im Büro auseinandersetzen. Sie hatte doch den einfachsten Job der Welt: sie musste sich nur um den Haushalt und die Kinder kümmern. Das konnte doch aus Marks Sicht so schwer nicht sein. Und so hatte sie alles daran gesetzt, ihre Probleme und auch ihre Bedürfnisse vor ihm geheim zu halten. Aber warum eigentlich? fragte sie sich nun und gab sich gleich selbst die Antwort. Mark war für sie ohne Frage der Traummann gewesen. Sie konnte sich damals und auch jetzt ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Alles hätte sie für ihn getan. Mal abgesehen davon, dass sie ihn liebte, wie sollte ihr Leben ohne Mark aussehen? Sie hatte vor Jahren ihren Beruf aufgegeben und sich voll und ganz der Familie gewidmet. Würde es Mark nicht geben, müsste sie für sich und ihre beiden Kinder selbst sorgen. Wie sollte sie das machen? Als Bauzeichnerin verdiente man nicht gerade viel, schon gar nicht so viel, dass sie in einem Haus am Stadtrand wohnen könnten. Ohne Mark war sie quasi ein Nichts! Susanne atmete schwer. Sie hatte plötzlich das Gefühl ein zentnerschwerer Sack lastete auf ihrem Brustkorb. Sie musste sich so auf ihre Atmung konzentrieren, dass sie ihre Umwelt völlig vergaß. Mit aller Kraft sog sie Luft durch die Nase ein, hatte dennoch das Gefühl, es würde nicht reichen. Eine erneute Nebelwand waberte wieder vor ihrem Gesicht und schnitt sie vollkommen von der Realität ab. Überall war Nebel, der sie mehr und mehr zu erdrücken schien, sich regelrecht in ihre Lungen fraß. Ihr Herz raste, sie wollte schreien, bekam aber keinen Ton heraus.
„Susanne!“ Sarah gab ihr links und rechts eine ziemlich deftige Ohrfeige und rüttelte an ihrer Schulter. Susanne blinzelte und japste gierig nach Luft.
„Na, Gott sei Dank!“ stieß Sarah heraus. „Was machst du denn nur für komische Sache? Einfach umfallen und hyperventilieren…“ sie schüttelte leicht tadelnd ihren Kopf. Eine Schwester kam angelaufen und schob Sarah etwas zur Seite, um Susannes Vitalzeichen zu kontrollieren. Als sich Blutdruck und Puls wieder in die Normwerte eingependelt hatten, versuchte Susanne wieder in die Senkrechte zu kommen. Von Sarah und der Schwester untergehakt wie eine alte Frau schlurfte sie zum Abendbrottisch, nahm Platz und stürzte das ihr gereichte Glas Saft in einem Zug runter. Schon wieder dieser unerträgliche Durst! dachte sie. Eigentlich erwartete sie wieder die Kopfschmerzschraubstöcke. In den Schläfen pochte es zwar leicht, aber der Wahnsinnsschmerz blieb aus.
Hunger oder gar Appetit hatte sie keinen, dennoch zwang sie sich, eine Scheibe Brot herunter zu würgen. Während sie ihren Körper auf Automatismus stellte, kreisten ihre Gedanken. Kopfschmerzen, ständig Nebel im Kopf und diese Ohnmachtsanfälle, von denen sie weder wusste, wie lange sie stets anhielten noch was in dieser Zeit mit ihr geschah, dieser unbändige Durst und jetzt noch Appetitlosigkeit. Was zum Henker war nur mit ihr los?

Als sie eine halbe Stunde später wohlig eingekuschelt und geistig absolut ausgebrannt in ihrem Isolationszimmer lag, sie hatte sich mittlerweile eine zweite Decke geben lassen, dachte sie, dass es vielleicht ganz gut für sie war, dass sie vor Müdigkeit und Erschöpfung keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ihr Gehirn fühlte sich ausgelutscht an, ja geradezu ausgewrungen wie ein nasses Handtuch.
Die Nachtschwester schaute noch einmal vor der allgemeinen Nachtruhe bei ihr vorbei, prüfte erneut ihre Vitalzeichen, nickte zufrieden und reichte ihr die letzte Tablette des Tages. Eine Notfallklingel war am Nachtschrank angebracht.
„Scheuen Sie sich nicht, die Klingel jederzeit zu betätigen“, bat die Schwester. „Egal, was ist.“ Susanne nickte dankbar. Es war irgendwie beruhigend zu wissen, dass jemand ein wachsames Auge auf sie gerichtet hatte.



Kapitel acht

Die nächsten Tage versuchte Susanne weiterhin Licht in den dichten Nebel zu bringen. Sie saß oft in sich gekehrt im Aufenthaltsraum und hing ihren Gedanken nach. Die anderen Patientinnen ließen sie, wussten sie, dass Susannes einzige Chance, wieder zurück in ihr altes Leben zu finden, darin bestand, dass sie ihre Gedächtnislücke schlioss.

Als Susanne Mark kennenlernte, war sie die glücklichste Frau der Welt gewesen. Natürlich hatte es auch vor Mark Freunde und Beziehungen gegeben, allerdings waren die nur von kurzer Dauer und eher Schwärmereien gewesen. Mit Mark wurde alles anders, ein neues Kapitel in ihrem Leben wurde aufgeschlagen. Es war das erste Mal, dass sie richtig emotional involviert war, aus heutiger Sicht würde sie sagen, sie war das erste Mal richtig verliebt gewesen. Obwohl Mark den Ruf des Herzensbrechers im Büro weg hatte und sie eigentlich von jedem davor gewarnt wurde, sich auf ihn einzulassen, hatte sie sich in ihn verguckt. Zugegeben, sie hatte auch nichts dagegen unternommen, sondern es einfach geschehen lassen. Es war schon ein gutes Gefühl, dass sie, die kleine Auszubildende schließlich den Mann abbekommen hatte, hinter dem alle Frauen egal welchen Alters im Büro her waren. Die neidischen Blicke ihrer Kolleginnen würde sie nie vergessen. Sie, eine junge und eher unscheinbare Person schnappte sich den gutaussehenden, attraktiven und ehrgeizigen Juniorarchitekten, der gutes Potential für die Führungsetage hatte. Selbst jetzt noch, Jahre später gab es ihr eine Art Genugtuung und zauberte jedes Mal ein Lächeln auf ihr Gesicht, wenn sie nur daran dachte.
Mark und Susanne führten anfangs eine gut funktionierende und ungezwungene Beziehung, in der sich beide wohl zu fühlen schienen. Sie waren halt jung und, auch wenn sie offiziell ein Paar waren, irgendwie doch ungebunden. Sie standen beide auf Partys, feierten für ihr Leben gerne bis in den nächsten Morgen und nahmen jedes Event mit, das sich ihnen bot. Sie führten teilweise ein Leben auf der Überholspur.
Bis Susanne schwanger wurde. Ungewollt. Es war quasi ein Unfall, wenn man bei einer Schwangerschaft überhaupt von Unfall reden konnte. Als Susanne das Ausbleiben ihrer Regel registrierte und ein Schwangerschaftstest ihren Anfangsverdacht bestätigte, war sie bereits in der 14. Woche. Auch ihr erster Schock über den angekündigten Nachwuchs war zunächst groß. Dennoch freute sich Susanne im Stillen über die Schwangerschaft, hatte sie sich doch immer eine eigene Familie gewünscht. Allerdings schmälerten starke Zweifel, ob der Zeitpunkt der richtige war und die Ungewissheit, ob Mark überhaupt der geeignete Vater sein könnte, ihre Freude. Zudem wusste sie nicht, wie Mark überhaupt reagieren würde, wenn er von seiner werdenden Vaterschaft erfuhr. Sie hatten nie über den vorhandenen Status ihrer Beziehung hinaus gedacht, geschweige denn über Nachwuchs. Sie wohnten noch nicht einmal zusammen.
Als sie Mark über die Schwangerschaft informierte war seine Reaktion ähnlich wie sie es im Stillen schon befürchtet hatte. Er war alles andere als begeistert, meinte, er wäre gerade auf der Karriereleiter steil auf dem Weg nach oben und kurz davor, sich in das Architektenbüro einzukaufen. Mit einem Kind wäre es finanziell gesehen wahrscheinlich gar nicht mehr möglich. In einem ihrer vielen Streitgespräche fragte er sie allen Ernstes, wie es überhaupt hatte passieren können. Aufgebracht unterstellte er ihr, sie hätte vorsätzlich die Pille abgesetzt, um ihn an sich zu binden und ihm ein Kind anzudrehen.

Susanne traten Tränen in die Augen, als sie sich jetzt Jahre später, diese Zeit in ihr Gedächtnis zurück holte. Für diesen emotionalen Ausbruch hatte er sich später zwar entschuldigt. Trotzdem hatte er nie verstanden, wie sehr er sie damals verletzt hatte.
Für Mark fest, dass er sich, ob er nun begeistert war oder nicht, seinen Pflichten zu stellen hatte. Susanne zog bei ihm ein und zwei Monate später heirateten sie, allerdings nur standesamtlich. Mark hatte es als „unpassend“ bezeichnet, wenn Susanne schwanger im weißen Brautkleid vor den Traualtar treten würde. Da er ihr hoch und heilig versprach, die kirchliche Zeremonie nach der Geburt nachzuholen, gab sie nach. Bis heute hatten sie nicht kirchlich geheiratet und mittlerweile hatte Susanne es auch aufgegeben, mit Mark einen Termin zu finden. Irgendwas war immer wichtiger.
Finanziell griff Susannes Vater den beiden unter die Arme. Auch er wollte für seine Tochter ein sicheres Fundament. Da war die Teilhaberschaft in einem gut florierenden Architektenbüro perfekt. Susannes Vater gab Mark das nötige Kapital und betonte mehrfach, dass er auf jede Art von Rückzahlung oder Wiedergutmachung verzichtete. Einzig und allein wichtig war ihm das Glück seiner Tochter. Das Glück schien auch perfekt.
Dann jedoch kam der Tag, den Susanne nie vergessen würde, der schwärzeste Tag ihres bisherigen Lebens und sie befürchtete damals, es würde auch kein schlimmerer Tag mehr kommen.
Sie war auf dem Weg zur Küche an den Trageschlaufen von Marks Sporttasche hängengeblieben und auf die Fliesen gestürzt. Es passierte alles so schnell, dass sie keine Möglichkeit hatte, den Sturz mit ihren Händen abzufedern. So prallte sie ungebremst auf ihr Gesicht, aber was noch viel schlimmer war, auf ihren Achtmonatsbauch. Sie merkte sofort, dass etwas mit ihr und dem Baby nicht stimmte und sie sollte Recht behalten. Der schnell eingetroffene Notarztwagen und der sofort eingeleitete Notfallkaiserschnitt konnten zwar ihr Leben retten, nicht aber das ihres Babys.

„Wie haben Sie sich gefühlt?“ unterbrach sie Dr. Glück.
Sie hatten bereits ihre zweite Therapiestunde und Susanne war erstaunt, wie offen und schonungslos sie ihre Beziehung zu Mark vor Dr. Glück ausbreiten konnte. Hier sah sie sich nicht gezwungen, die Fassade einer Bilderbuchehe aufrecht zu erhalten.
„Gefühlt?“ fragte Susanne und dachte mit versteinerter Miene einen Moment nach. „Leer, ich war nur leer. Und schuldig fühlte ich mich.“ „Schuldig? In wie fern?“ bohrte Dr. Glück nach. Susanne starrte auf ihre Hände, die in ihrem Schoß lagen und nervös ein Papiertaschentuch zerpflückten. „Mark hat ständig seine Sachen im Weg liegen lassen. Ich habe es ihm ständig prophezeit, dass irgendwann jemand stolpern wird. Aber er hat immer drüber gelacht und gemeint, wir sind doch Menschen und haben zwei Augen im Kopf. Man muss halt nur ein bisschen aufpassen. Womit er ja auch recht hatte. Hätte ich besser aufgepasst, wo ich hintrete, wäre ich nicht gestolpert und …“ sie stockte.
„Und?“ insistierte Dr. Glück.
Susanne blickte Dr. Glück an. Tränen rannen über ihr Gesicht.
„… dann hätte mein Baby überlebt.“ Ihre Stimme brach. All die Trauer, die sie die Jahre über versucht hatte zu verdrängen, sprudelte aus ihr raus. All der Schmerz über den Verlust, die Hoffnungslosigkeit, die damals von ihr Besitz ergriffen hatte und die Einsamkeit, in die sie sich verbannt hatte, um Mark nicht zu belasten brachen alle Dämme in ihr. Wie lange sie geweint und den Schmerz aus sich herausgelassen hatte, konnte sie nicht sagen. Aber es tat verdammt gut. Irgendwann war der Tränenstrom versiegt. Jeglicher Funken an Energie und Kraft war aus ihrem Körper gewichen. Sie trocknete sich ihre verweinten und stark geröteten Augen. Ihr verquollenes Gesicht fühlte sich taub und irgendwie nicht zu ihr gehörig an. Sie schnäuzte sich und atmete tief durch.
Dr. Glück hatte sie die ganze Zeit mit kritischem Blick beobachtet. Ihre Blicke begegneten sich und Susanne musste ein wenig lächeln. Sie fühlte sich erstaunlicherweise erleichtert. Der enge Panzer, der ihren Brustkorb oftmals eingeengt hatte, schien vielleicht noch nicht ganz aufgebrochen, aber zumindest gelockert zu sein.
„Dass heulen so befreiend sein kann, hätte ich nie gedacht“, sagte sie mit einem zaghaften Lächeln.
„Na, da bin ich aber froh, dass wir so langsam doch etwas für Sie tun können“, auch Dr. Glück konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Auch er schien über den Verlauf des Gesprächs zufrieden zu sein, vor allem, weil es den Anschein machte, dass ein Knoten bei Susanne geplatzt war.
Bevor sich Susanne wieder auf den Rückweg zur Station machte, bat sie Dr. Glück um die Genehmigung eines Telefonats und eines Besuchs. Sie hatte das dringende Bedürfnis, sich mit einem Menschen zu unterhalten, von dem sie eindeutig wusste, dass dieser Mensch nur das Beste für sie wollte. Nach kurzem Überlegen war sie sich sicher, dass Sabrina dieser Mensch war. Sie musste sich ohnehin dringend bei ihrer Freundin melden, die sich sicherlich schon Sorgen machte, weil sie nichts von Susanne gehört hatte. Bei dieser Gelegenheit konnte sie Sabrina doch gleich einladen, sie auf der geschlossenen Abteilung zu besuchen. Dr. Glück hatte diesbezüglich keinerlei Einwände. Ganz im Gegenteil, er bot ihr sogar an, ihr die Erlaubnis zu geben, mit ihrer Freundin die Station verlassen zu dürfen, um in die Cafeteria oder bei schönem Wetter vielleicht auch in den Park gehen zu können. Ein wenig Abwechslung und Zerstreuung würden Susanne sicherlich gut tun. Der Gedanke der dunklen, muffigen Station für kurze Zeit entfliehen zu können und endlich wieder frische Luft zu atmen, stimmte Susanne fast fröhlich. Die Vorstellung von knirschenden Schnee unter den Füßen und das wohlige Gefühl, das sich in einem ausbreitete, wenn man aus der Kälte hinein in die Wärme kam und sich an einem frisch gekochten Kakao erwärmte, versetzte sie in angenehme Vorfreude.

Am nächsten Morgen wählte sie sich bereits vor dem Frühstück fast die Finger wund, so oft versuchte sie, ihre Freundin telefonisch zu erreichen. Ohne Erfolg. Das Frühstück zog sich ewig hin. Eine Mitpatientin war der Meinung, man dürfte nur extrem kleinste Portionen zu sich nehmen, dafür aber jeden Bissen mindestens 33 Mal kauen, alles andere wäre absolut schädlich für die Verdauung.
Kaum war die Viertelstunde Wartezeit nach Beendigung des Frühstücks verstrichen, sprang Susanne so schwungvoll auf, dass ihr Stuhl mit lautem Poltern umfiel. Sie ließ ihn einfach liegen und war so auch die erste bei der Medikamentenausgabe und gleich wieder am Telefon. Mit fahrigen Fingern tippte sie Sabrinas Festnetznummer, erreichte wieder nur den Anrufbeantworter. Da sie es aber vorzog, persönlich mit ihrer Freundin zu sprechen, legte sie gleich wieder auf, als sie den aufgenommenen Spruch ihrer Freundin vernahm. Sie dachte sich nichts dabei, vielleicht stand Sabrina ja gerade unter der Dusche oder machte ihre Yoga- Übung. Aber auch eine viertel Stunde später begrüßte sie nur der Anrufbeantworter. Hatte Sabrina heute frei? Immerhin hatte sie seit über einer Woche nicht mehr mit ihrer Freundin gesprochen. Außerdem wäre es auch nicht verwunderlich, wenn Susanne vergessen hätte, dass Sabrina im Urlaub war. Zur Sicherheit hinterließ Susanne schließlich doch die Nachricht, dass es ihr schon deutlich besser ginge und sie sich zutraute, Besuch zu empfangen. Zum Schluss gab sie noch die Telefonnummer des Schwesternzimmers an, unter der sie zu erreichen war.
Ungeduldig und wie auf Kohlen wartete Susanne eine weitere Stunde ab. Als kein Rückruf erfolgte, kam sie zu dem Schluss, dass Sabrina wohl eher nicht zu Hause war. Denn Sabrina und ihr Anrufbeantworter waren fast eine Symbiose. Das erste, was Sabrina tat, wenn sie ihr Wohnzimmer betrat, war den AB abzuhören. Dabei war es völlig egal, ob sie aus dem Bad, aus dem Keller oder von draußen kam. Sabrina hatte stets das Bedürfnis, immer und überall erreichbar sein zu müssen, damit sie auch ja nichts verpasste. Susanne hatte das nie so richtig nachvollziehen können, aber man konnte auf jeden Fall sicher sein, dass Sabrina sich sofort bei einem meldete, wenn sie ihre Nachrichten abhörte.
Das Architektenbüro war quasi Sabrinas zweites Zuhause. Aber auch hier konnte Susanne zunächst niemanden erreichen. Da sie keine große Lust verspürte, Fragen von anderen Mitarbeitern ihres Mannes beantworten oder gar bemitleidende Genesungswünsche über sich ergehen lassen zu müssen, rief sie nur direkt auf Sabrinas Arbeitsplatz an. Ein wenig wunderte sie sich schon, dass niemand das Gespräch entgegen nahm. Das war mehr als ungewöhnlich und gehörte eindeutig nicht zum Konzept, das Mark im Büro zu verwirklichen versuchte. Da stand Kundenservice an oberster Stelle. Das hieße, auch wenn Sabrina tatsächlich Urlaub hatte oder krank war, was schon häufiger vorkam, gab es immer eine Vertretung. Aber auch die schien nicht im Büro zu sein.
Mittlerweile war es fast Mittag und Susannes sechster Versuch, als endlich jemand am anderen Ende der Telefonleitung den Hörer abnahm. Susanne erkannte ihre Freundin sofort an der Stimme. Sie konnte nicht genau sagen, was sie störte, aber irgendwas an Sabrina Art war anders. Schnell schob sie diesen Gedanken beiseite, froh, ihre Freundin endlich erreicht zu haben.
„Sabrina, hallo“, begrüßte sie freudig ihre Freundin, „ich bin es, Susanne.“ Stille. „Sabrina?“ Susanne hatte kurz das Gefühl, die Verbindung war unterbrochen worden.
„Hallo Susanne“, Sabrina schien sich nicht gerade vor Freude zu überschlagen, „das ist ja wirklich eine Überraschung. Dich hatte ich jetzt nicht erwartet. Wie geht es dir?“
„Danke. Geht schon wieder ganz gut. Ich soll aber noch wegen ein paar Untersuchungen hierbleiben.“ Erneut keine Antwort von Sabrina. Was war nur mit ihrer Freundin los? Sonst kam man doch gar nicht zu Wort. Susanne schob es auf die Überrumpelung, schließlich hatte Sabrina nicht mit einem Anruf von ihr gerechnet. Susanne überging die peinliche Pause, indem sie einfach weitersprach.
„Ich versuche schon den ganzen Morgen, dich an die Strippe zu kriegen“, versuchte sie es scherzhaft. „Sogar ganz früh bei dir zu Hause, hatte schon Angst, ich wecke dich. Wohnst du zurzeit nicht in deiner Wohnung?“ Sabrina atmete hörbar scharf ein.
„Doch… nein“, stammelte sie, „natürlich wohne ich in meiner Wohnung, wie kommst du denn da drauf?“
„Naja“, erwiderte Susanne, „wenn du schon so früh nicht zuhause bist, bist doch kein Frühaufsteher…!“
„Ach so!“ Sabrina schien erleichtert zu sein, „das meinst du, ich war heute Nacht quasi außerhäusig.“
Aha, dachte Susanne, ein Mann, hätte sie sich doch gleich denken können.
„Na, ist doch o.k. Jetzt habe ich dich ja erreicht. Scheint ziemlich stressig zu sein bei euch im Büro?“ fragte Susanne nach.
„Wie, wie kommst du darauf?“ Sabrina schien etwas irritiert über die Frage zu sein.
„Naja“, erwiderte Susanne, „ich habe bestimmt fünfmal versucht, dachte schon du bist im Urlaub und die Vertretung kommt mit der Telefonanlage nicht zurecht.“Sabrina schien nach Worten zu suchen.
„Ja, weißt du, hier… also hier ist gerade total viel zu tun.“ Kurze Pause. „Ich muss auch gleich Schluss machen. Ich weiß echt nicht, wo mir heute der Kopf steht, alle wollen irgendwie was von mir und dann ständig das Telefon…“
Susanne beschlich schon wieder das Gefühl, dass irgendwas mit Sabrina nicht stimmte. Wenn etwas nicht warten konnte, dann waren es private Telefonate. Für die hatte sie bisher immer Zeit gehabt, egal, wieviel zu tun war.
„Kein Problem“, Susanne zerstreute diesen lächerlichen Gedanken wieder. Warum war sie nur so misstrauisch? „Ich wollte mich nur kurz bei dir melden, damit du dir keine Sorgen machst. Wäre schön, wenn du in den nächsten Tagen mal Zeit hättest. Ich darf Besuch empfangen.“
Anscheinend hatte sie Sabrina damit komplett überrumpelt. Auch dieses Mal stotterte sie sich was zusammen. Nach langem Hin und Her verabredeten sie sich schließlich für den nächsten Nachmittag. Susanne wollte ihr noch durchgeben, wo Sabrina sie finden würde, aber Sabrina beendete das Gespräch ziemlich abrupt, meinte, sie müsste jetzt wirklich weitermachen. Einzelheiten könnte sie schließlich von Mark erfahren.
Susanne legte langsam den Hörer auf die Telefonstation.
„Was war das denn?“ entfuhr es ihr laut. So hatte sie Sabrina noch nie erlebt. Vielleicht war sie gerade ein bisschen überfordert mit der Arbeit, gerade jetzt, wo es den Anschein machte, dass sie einen neuen Mann kennengelernt hatte. Vielleicht war es dieses Mal etwas Ernstes, dachte Susanne, und sie merkt zum ersten Mal wie schwierig es sein kann, Beziehung und Arbeit unter einen Hut zu bringen.
Sie versuchte, das eigenartige Gefühl, dass da noch etwas anderes war, beiseite zu schieben. Irgendwie hatte sie gerade genug mit sich selbst zu tun und musste zusehen, dass sie ihr Leben wieder einigermaßen in Ordnung brachte. Zwar war Sabrina ihre beste Freundin, zugegeben auch die einzige, trotzdem musste sie jetzt erst einmal an sich denken.




Fortsetzung folgt... 13.11.13

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