| Shortys Gedankenwelt |
|
Donnerstag, 14. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 6
shorty short, 23:30h
von Kirsten Maria Scholz
Kapitel zehn „Wie war das Verhältnis zwischen Ihnen und ihrem Mann nach dem Unfall und der Fehlgeburt?“ fragte Dr. Glück in der nächsten Therapiesitzung und knüpfte damit nahtlos an das letzte Einzelgespräch mit Susanne an. Susanne versuchte sich gedanklich elf Jahre zurückzuversetzen. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie sich emotional zurückgezogen, man konnte fast sagen, sie hatte ihre Gefühlswelt von ihrem Umfeld abgeschottet. Sie wusste, dass für Mark beruflich ungeheuer viel auf dem Spiel stand und versuchte, ihn nicht noch mit ihren Gedanken und Problemen zu belasten. Was hätte es auch genützt? Auch aus der heutigen Sicht hätte Mark nichts tun können, um ihre Trauer erträglicher zu machen oder sie gar zu beenden. Allerdings schien Mark auch nichts von ihrer Trauer, ihrem Verlust und ihrem Rückzug mitzubekommen. Sicherlich war auch er zunächst in eine Art Schockstarre verfallen, als er von der Nachricht der Fehlgeburt hörte, aber diese Starre löste sich sehr schnell und er fiel zurück in seinen Alltagstrott. Seine Arbeit wurde sein Leben und die wenige freie Zeit, die ihm an dem einen oder anderen Abend blieb, verbrachte er immer öfter mit seinem besten Freund Gregor beim Sport oder einem Feierabendbier. Auf Susannes Nachfragen bekam sie nur die Antwort, dass er die sportliche und gesellschaftliche Abwechslung brauchte, um vom Arbeitsalltag abschalten zu können. Das fiele ihm zu Hause sichtlich schwerer, was Susanne damals auch irgendwie nachvollziehen konnte. Sie war zu dem Zeitpunkt wahrlich keine unterhaltsame Gesellschaft gewesen. „Ich war damals so sehr mit mir und meiner Trauer beschäftigt, dass ich gar nicht geschnallt habe, dass sich Mark immer weiter von mir entfernte“, sagte sie mit starrem Blick. „Und wie ging es mit ihrer Ehe weiter? Ich meine, es muss sich ja irgendwie etwas verändert haben, sie haben immerhin zwei Kinder und sind immer noch miteinander verheiratet“, stellte Dr. Glück fest. Susanne nickte. Gute zwei Jahre lebten sie eher nebeneinander her, bis Susanne dann wieder schwanger wurde. Mark schien dieses Mal erfreuter zu sein. Wahrscheinlich erhoffte er sich, dass sich Susannes Stimmung und Sozialverhalten wieder zum Positiven wenden würde. Susanne war hin- und hergerissen zwischen überglücklich und angstgeplagt, dass wieder etwas passieren könnte. Während der gesamten Schwangerschaft war sie übervorsichtig und konnte die Freuden dieser Zeit nicht wirklich genießen. „Anscheinend ging alles gut“, bemerkte Dr. Glück mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Susanne erwiderte das Lächeln. Ja, alles verlief problemlos. Valentin kam gesund und munter auf die Welt und Susanne ging in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter regelrecht auf. Endlich fühlte sich wieder nützlich. Zwei Jahre später kam Madeleine zur Welt und vervollständigte ihr Familienglück. „Und Mark?“ fragte Dr. Glück nach. „Mark“, überlegte Susanne, „Mark war nicht der geborene Familienmensch. Das stellte sich ziemlich schnell heraus. Aber es war in Ordnung, auch für mich. Er hatte wirklich viel Arbeit und Stress in der Firma, oft Geschäftstermine am Abend oder war zunehmend auf Geschäftsreisen unterwegs. Aber das war ehrlich o.k. für mich. Ich hatte meine kleine Familie und wusste, Mark liebte mich. Er brauchte eben seine Freiräume.“ „Und finanziell?“ fragte Dr. Glück nach, „wie hatte sich ihre finanzielle Situation nach der Teilhaberschaft Ihres Mannes in dem Architektenbüro entwickelt?“ Susanne dachte einen Moment nach. „Ehrlich gesagt habe ich mich nie richtig um die finanziellen Angelegenheiten gekümmert. Ich musste es auch nie, weil Mark sich darum kümmerte“, antwortete sie und merkte, dass sie versuchte, sich dafür zu entschuldigen. „Und nachdem mein Vater Mark die Teilhaberschaft ermöglicht hatte, bin ich davon ausgegangen, dass es keine Probleme mehr gab.“ Sie überlegte kurz, beugte sich dann vor und blickte Dr. Glück nachdenklich an. „Wir hatten nie Geldsorgen. Ein großes Haus, zwei Autos, wir sind zweimal im Jahr in den Urlaub gefahren, das ging alles ohne Probleme. Mark hätte mir auch gesagt, wenn es zu finanziellen Engpässen gekommen wäre. Da bin ich mir absolut sicher“, fügte sie mit Nachdruck hinzu. Warum sagte sie das? Es machte den Eindruck als müsste sie Dr. Glück von irgendetwas überzeugen. Auch wenn ihre Ehe vielleicht nicht wie im Bilderbuch war, sie liebte Mark und vertraute ihm. Allerdings konnte sie nicht abstreiten, dass es momentan irgendetwas gab, was sie vorsichtig werden ließ und störte. Diese blöde Amnesie verunsicherte sie dermaßen, dass sie in allem und jedem etwas Böses vermutete, selbst in ihrem Ehemann. Dr. Glück schaute auf seine Armbanduhr und signalisierte ihr damit, dass die Stunde sich dem Ende neigte. „Frau Stahl, Sie werden sicherlich jetzt ein wenig überrascht sein zu hören, dass ich für morgen Ihren Mann eingeladen habe.“ Susanne starrte ihn perplex an. Was sollte das? Wieso hatte er das vorher nicht mit ihr abgesprochen? Ihr Herz begann schneller in ihrer Brust zu schlagen. „Sie sind mittlerweile sehr stabil geworden. Wenn Sie sich gedanklich dem Einweisungsabend nähern, gehen Sie nicht mehr im Nebel unter, oder verlieren das Bewusstsein, wie es zu Beginn ihres Aufenthaltes bei uns der Fall war, so dass ich denke, wir können einen weiteren Schritt wagen.“ Susanne schaute starr auf ihre Knie. Sie fühlte sich absolut überrumpelt, sehr verunsichert und spürte wie Panik in hier hochzusteigen versuchte. Wieso hatte sie Angst davor, ihren eigenen Mann wieder zu sehen? Sollte sie sich nicht eigentlich darüber freuen? Sie schloss kurz die Augen und versuchte, der Panik wie in der Entspannungsstunde geübt, entgegenzuwirken. Es dauerte zwar einige Minuten, aber als sich ihr Puls spürbar beruhigte, nickte sie. „Wahrscheinlich haben Sie Recht. Ich bin damit einverstanden“, sagte sie. „Er kann mir zumindest einmal seine Version des Abends erzählen.“ Dr. Glück nickte. Manchmal würden auch durch unbewusste Impulse des anderen Blockaden gelöst werden. Dabei müsste Susannes Mann nicht einmal über den Abend selbst berichten, manchmal reichte eine Handbewegung oder ein Blick aus. „Ich möchte Sie aber bitten, Ihren Mann hier auf der Station zu treffen und die Station nicht zu verlassen. Es ist einfach zu ihrer Sicherheit, falls Sie emotional doch zu sehr involviert werden sollten. Wir wollen unter keinen Umständen riskieren, dass sie wieder dekompensieren.“ Susanne war sichtlich erleichtert über diese Besuchseinschränkung. Sie konnte absolut nicht einschätzen wie sie auf Mark reagieren würde. Immerhin ist sie bei ihrem letzten Aufeinandertreffen komplett wahnsinnig geworden und mit einem Messer auf ihn losgegangen. Der geschützte Rahmen der Station würde ihr ein wenig Sicherheit geben. „Je nachdem wie dieses Treffen verlaufen wird, werden wir entscheiden, ob und wann Sie von der geschlossenen Station entlassen bzw. verlegt werden können“, verkündete Dr. Glück eine weitere Entscheidung des Teams. „Wir konnten das Benzodiazepin bislang ohne große Probleme reduzieren, so dass ich davon ausgehe, dass auch das weitere Ausschleichen komplikationslos verlaufen wird.“ Er lächelte Susanne aufmunternd zu, die der Verlegung skeptisch entgegensah. Im Gegensatz zu Dr. Glück sah sie sich noch nicht stabil genug, um komplett mit der Welt „draußen“ konfrontiert zu werden. „Schauen Sie nicht so pessimistisch, Frau Stahl“, bat er sie scherzend, „Sie bleiben weiterhin in unserer medizinischen Betreuung und in meiner therapeutischen Begleitung. Es ändert sich nur eines: Sie dürfen die neue Station verlassen, wann Sie wollen. Es ist erlaubt, Besuch zu empfangen, wann und von wem sie es wünschen und die Stationstür ist Tag und Nacht geöffnet.“ Susanne schaute ihn immer noch schweigend und ohne eine Reaktion zu zeigen an. „Na, kommen Sie, es wäre ein weiterer Schritt in die Normalität, ein Schritt weiter Ihrer Entlassung nach Hause zu Ihren Kindern entgegen. Glauben sie ein wenig mehr an sich und Ihre Fähigkeiten!“ Susanne schien die Argumente sorgfältig abzuwiegen. Aus medizinischer Sicht hatte Dr. Glück sicherlich Recht mit dem, was er sagte. Sie musste sich langsam an den Gedanken gewöhnen, dass es irgendwann auch wieder nach Hause gehen musste. Da war eine schrittweise Annäherung durchaus sinnvoll. Sie war sehr froh, ihre Kinder in guten Händen bei ihren Eltern zu wissen. Fast täglich erhielt sie Briefe von ihrer Mutter und gemalte Bilder oder gebastelte Dinge von ihren Kindern, dennoch vermisste sie Madeleine und Valentin mit jedem Tag mehr. Ihr fehlte Madeleines Lachen, wenn ihr Bruder Grimassen zog oder Valentins Jubel, wenn er im Garten beim Fußball mit seinen Freunden ein Tor schoss. Mit Tränen in den Augen nickte sie zustimmend. Kapitel elf Am Abend lag Susanne noch lange im Bett und ließ die Geschehnisse des Tages Revue passieren. Sie hatte mittlerweile gelernt, dass es sehr sinnvoll war, wenn man sich den Tag nochmal betrachtete, um dann besser zur Ruhe kommen zu können. Alles, was mit Mark und ihrem Streit zu tun hatte, sollte zunächst nichts mehr in ihrem Kopf zu suchen haben. Doch je mehr sie versuchte lästige Bilder und Sequenzen zu verdrängen, desto schlimmer wurden ihre Grübeleien. Unwillkürlich musste sie an eine Psychologiestunde auf dem Gymnasium denken. Ihr Lehrer gab ihnen die Aufgabe, nicht an einen blauen Elefanten zu denken. Natürlich funktionierte das nicht. Wenn man krampfhaft versucht, nicht an etwas zu denken, denkt man erst recht daran. Und so ging es ihr jetzt auch. Susanne war sich sicher, unter diesen Umständen keinen Schlaf finden zu können. Dr. Glück hatte ihr für solche Situationen ein zusätzliches Medikament verschrieben. Sie beschloss, sich gleich bei der Nachtschwester ihre Bedarfsdosierung abzuholen. Ihr wurde geraten, sich gleich nach der Einnahme schlafen zu legen. Ein guter Rat, denn dieses Medikament hatte es wirklich in sich. Schon gut zehn Minuten später kam absolut unangekündigt eine schwarze Welle über sie und trug sie in einen traumlosen Schlaf, der bis zum nächsten Morgen ungestört anhielt. Trotz dieser lückenlosen und störungsfreien Nachtruhe wachte Susanne am nächsten Morgen äußerst gerädert auf. Völlig verquollen und verkatert erschien sie mit zwei verschiedenfarbigen Socken und ihrem Kapuzenpulli auf links angezogen am Frühstückstisch. Ihre Mitpatienten nahmen es entweder nicht wahr oder es war ihnen egal. Jedenfalls sprach sie niemand darauf an. Erst Schwester Ina machte sie auf ihr gewöhnungsbedürftiges Aussehen aufmerksam und begleitete Susanne zurück in ihr Zimmer, um ihr bei der Wäscheauswahl behilflich zu sein. Erst da bemerkte Susanne, dass sie anscheinend ohne sich zu duschen zum Frühstück gegangen war. Oder hatte sie nach dem Duschen etwa die gleiche Unterwäsche von gestern angezogen? Da sie sich überhaupt erinnern konnte, was sie vor dem Frühstück gemacht hatte, stellte sie sich zur Sicherheit nochmal oder vielleicht auch erst zum ersten Mal an diesem Tag unter die Dusche und genoss das erfrischende Nass. Anscheinend ließ die Wirkung des Medikaments endlich langsam nach, denn peu à peu wurde sie wacher und koordinationsfähiger, so dass sie einen neuen Ankleideanlauf nahm. Dieses Mal gelang es ihr auf Anhieb. „Was für ein verdammtes Teufelszeug“, sagte Susanne laut und meinte damit die Beruhigungstablette vom Abend vorher. Da war es ihr zukünftig doch lieber, wenn sie ab und zu nachts nicht richtig schlafen konnte als den folgenden halben Tag so neben sich zu stehen. Das Treffen mit Mark hatte Dr. Glück für elf Uhr geplant. Susanne war ein wenig verwundert darüber gewesen, dass Mark sich mitten in der Woche so kurzfristig einen Termin freischaufeln konnte. Sie schob es auf Dr. Glücks Überzeugungs- und Verhandlungsgeschick. Vermutlich hatte er Mark keinen Raum gelassen, um weder Dringlichkeit noch Notwendigkeit dieses Termins in Frage stellen zu können. Mark erschien kurz vor elf in Begleitung von Dr. Glück im Gemeinschaftsraum. Sie hatten sich also schon vorher zu einem Gespräch getroffen, vermutete Susanne. Dr. Glück lächelte ihr aufmunternd zu, als sie sich etwas zögerlich vom Sofa erhob. Ihr Herz pochte extrem und es rauschte bereits jetzt leicht in ihren Ohren. Sichere Anzeichen für absolute Angespanntheit. „Das kann ja heiter werden!“ dachte sie und hoffe das Beste. Sie stand immer noch vor dem Sofa und rieb sich die leicht verschwitzten Hände. „Frau Stahl“, begrüßte Dr. Glück sie und gab ihr die Hand. Sein warmer Händedruck gab ihr ein wenig Zutrauen. „Ich hatte Ihren Mann ein wenig eher einbestellt, um noch einige verwaltungstechnische Dinge zu klären. Jetzt gehört er ganz Ihnen.“ Er nickte Mark freundlich zu und schaute Susanne eindringlich an. „Sie wissen, wo Sie mich finden, sollten Sie in welcher Form auch immer meine Hilfe benötigen. Die Schwestern“, er zeigte zum Schwesternzimmer, „werden auch ein Auge auf Sie haben. Also gutes Gelingen.“ Mark schaute etwas irritiert, wahrscheinlich konnte er mit diesem Wunsch an Susanne nichts anfangen. Susanne blieb immer noch unschlüssig vor dem Sofa stehen und ließ Mark auf sich zukommen. Mit einer ausladenden Handbewegung bedeutete sie ihm, auf einem der Sessel Platz zu nehmen. Gleichzeitig fragte sie sich, was Mark wohl von ihr denken würde. Begrüßte man seinen Ehemann nicht mit einer Umarmung oder einer anderen herzlichen Geste? „Egal!“ Susanne schob diesen Gedanken schnell beiseite. „Hör auf deine Intuition und nicht auf das, was sich gehört!“ Mark nahm auf dem einzelnstehenden Sessel Platz. Auch ihm war anzumerken, dass er nicht so recht wusste, wie er sich verhalten sollte. Nervös knetete er seine Oberschenkel. „Und“, fragte er, ohne Susanne dabei anzuschauen, „wie geht`s dir so?“ Was für eine Frage, dachte Susanne, versuchte aber zu lächeln. „Ach, relativ gut“, erwiderte sie, „Ich bin ganz zufrieden. Und dir so?“ Was für eine schräge Unterhaltung, schoss es ihr in den Kopf. Mark lehnte sich zurück und schlug die Beine übereinander. Er schien langsam zu seiner Souveränität und Gelassenheit wieder zurückzufinden. „Mir?“ er zog die rechte Augenbraue hoch, was auf Susanne einen irgendwie arroganten Eindruck machte „viel zu tun im Büro. Ein bisschen Stress, wie immer also.“ Der Einstieg war geschafft. Susanne atmete tief durch. „Mark“, begann sie vorsichtig, „ wir müssen uns über den Abend unterhalten.“ Sie schaute ihren Mann an, der immer noch jeglichen Blickkontakt mit ihr vermied. „Es ist sehr wichtig für mich“, sagte sie eindringlich, „dass ich erfahre, was an dem Abend passiert ist. Verstehst du das?“ fragte Susanne mit Nachdruck. Mark blickte hoch. „O.k., was genau willst du wissen?“ fragte er leicht gereizt. „Wie du wie eine Furie in unser Haus gestürmt bist und meine Gäste bis aufs Äußerste übelste beschimpft hat? Möchtest du davon Einzelheiten wissen?“ Susanne schluckte, auf diesen Ausbruch war sie nicht vorbereitet gewesen. Mark erhob sich aus seinem Sessel und begann unruhig auf und ab zu laufen. Ein wenig wie ein Tiger im Käfig, fand Susanne. „Aber damit nicht genug!“ fuhr er erregt fort. „Du hast mich beschimpft, mir die absurdesten Unterstellungen in Gegenwart von Geschäftskunden gemacht und zu guter Letzt“, er blieb stehen und stützte sich auf die Rückenlehne des Sessels, „bist du mit dem Tranchiermesser aus dem Messerblock wie eine Irre auf mich losgegangen und wolltest mich abstechen!“ Mark blieb stehen, hielt sich eine Hand vor den Mund und schnaufte leise. „Nicht nur, dass du mich fast umgebracht hättest. Du hast mich vor meinen Geschäftskunden lächerlich gemacht, mich gedemütigt und vor allem, mir den Vertragsabschluss des Jahres, wenn nicht sogar des Jahrzehnts versaut.“ Er blickte sie wütend an. „Aber wahrscheinlich bin ich wieder Schuld an dem ganzen Dilemma. Bin ich wieder mal nicht richtig auf meine ach so unverstandene Ehefrau eingegangen? Oder hat meine unglückliche und immer missverstandene Frau mal wieder ihre Tabletten nicht genommen und war überreizt?“ Susanne schnappte nach Luft. All diese Einzelheiten waren ihr bis jetzt nicht bekannt gewesen. Kurz meldete sich ihr schlechtes Gewissen zu Wort. Aber andererseits… wie sprach Mark denn nur mit ihr? Glaubte er etwa, sie hätte das alles mit Absicht gemacht? „Mark“, begann sie leise, „ich weiß, ich muss wahrlich unmöglich gewesen sein. Ich kann mich an nichts erinnern, dennoch möchte ich dir sagen, dass es mir unglaublich leid tut“, sie blickte ihn an, „aber ich war nicht Herr meiner Sinne.“ Auch sie stand jetzt auf und blickte gedankenverloren in den Klinikpark, der vollkommen im Schneegestöber verschwunden war. Sie drehte sich zu Mark um. „Dr. Glück hat dir sicherlich von meiner Diagnose berichtet und auch wie so etwas entsteht.“ Mark zeigte immer noch keine Reaktion, sondern stand weiterhin ziemlich abweisend mit verschränkten Armen da. „Es muss für all das eine Erklärung geben, Mark! Du kennst mich doch, ich würde doch nie grundlos so ausrasten! Aus medizinischer Sicht muss irgendetwas passiert sein, was mich zu diesen Handlungen getrieben hat und was mich so berührt oder betroffen gemacht hat, dass ich bzw. mein Unterbewusstsein den ganzen Abend und eigentlich auch schon Teile meines Besuches in Nürnberg und den Nachhauseweg aus meinem Gedächtnis verbannt hat.“Sie schaute Mark schweigend an, der fragend eine Augenbraue hochzog. „Und?“ entgegnete er ungehalten. „Was genau willst du damit andeuten? Dass du für dein Verhalten nicht verantwortlich bist, sondern… wer, ja wer eigentlich, Susanne? Willst du mir durch die Blume mitteilen, dass eigentlich ich derjenige bin, der dir was angetan hat?“ Er begann wieder auf- und abzulaufen. „Das ist ja ungeheuerlich!“ sagte er mehr zu sich als zu Susanne. „Aber es ist ja immer leichter, die Schuld bei anderen zu suchen als bei sich selbst. Da kommt es einem doch ganz gelegen, wenn man dann noch das Gedächtnis verliert, nicht wahr?“ Susanne versuchte ruhig zu bleiben. „Mark, es geht hier nicht um Schuld! Ich will einfach nur Licht in mein Dunkel bringen, weil es mir einfach eine Scheiß- Angst macht. Ich muss wissen, was mich angetrieben hat, damit sowas nicht wieder passiert. Ich werfe dir auch nicht vor, dass du Verursacher bist oder überhaupt etwas damit zu tun hast. Vielleicht war auch irgendwas auf der Geburtstagsparty bei meiner Mutter, keine Ahnung! Wäre aber doch auch möglich. Schließlich bin ich dort ungeplant aufgebrochen. Ich weiß es absolut nicht!“ Schweigen. Mark räusperte sich, hatte seine Hände in die Hosentasche gesteckt und zuckte mit den Schultern. „Also, ich kann dir nicht weiterhelfen“, sagte er, „das, was ich weiß habe ich dir bereits erzählt. Von meiner Seite gibt es nichts, was ich gesagt oder getan hätte, was dich so aus der Fassung hätte bringen können.“ Er setzte sich wieder auf den Sessel und schlug seine Beine übereinander. „Außerdem bist du ja schon wütend und verwirrt zu Hause angekommen. Ist überhaupt ein Wunder, dass du den Weg nachHause gefunden hast und nicht gegen den nächsten Pfeiler gerast bist“, schnaufte er nahezu verächtlich. Susanne sagte nichts. Insgeheim musste sie ihm fast Recht geben. Es hätte weiß Gott was auf der Fahrt passieren können. Zudem musste sie zugeben, dass Marks Einwände durchaus Sinn ergaben. Wahrscheinlich tat sie ihm absolut Unrecht, wenn sie ihn weiterhin in den Kreis der Verdächtigen steckte. Es blieb dennoch ein mulmiges Gefühl, dass es etwas gab, was er verbarg und verschwieg. „Na gut“, seufzte Susanne ziemlich erschöpft. Sie war sich sicher, dass sie nichts weiter von Mark erfahren würde, was ihr bei ihren Erkenntnissen weiterhelfen konnte. „Mir war es nur wichtig, dich persönlich zu befragen.“ Sie schwieg noch einen kleinen Moment und überlegte, wie sie das, was ihr noch auf der Seele brannte, in Worte fassen konnte, ohne dass Mark wieder genervt und laut reagieren würde. „Da wäre noch eine andere Sache…“ tastete sie sich langsam vor. „Und die wäre?“ wollte Mark immer noch leicht angesäuert wissen. „Nun ja“, begann Susanne und suchte nach den geeigneten Worten, um Mark nicht schon wieder das Gefühl zu vermitteln, er wäre Schuld. „Also, die haben hier Blut abgenommen und festgestellt, dass ich eine extrem hohe Konzentration von Schlaf- und Aufputschmittel im Blut hatte.“ Sie wartete seine Reaktion ab. Mark fühlte sich nicht aufgefordert, auch nur ansatzweise zu reagieren. Er blickte sie erwartungsvoll an. Als sie nicht weitersprach, wurde er ungeduldig. „Ja, und? Was hab ich damit zu tun?“ fuhr er sie schroff an. Nun war es Susanne, die angespannt auf und ab ging und nervös ihre Finger knetete. „Wie du weißt hatte ich Schlafstörungen. Dr. Semmeln hatte mir mehrere Schlafmittel verschrieben, die aber alle im Endeffekt nicht gewirkt haben Im Gegenteil, ich wurde immer müder am Tag, aber aufgedrehter in der Nacht. Du erinnerst dich sicherlich, denn schließlich hattest du die Idee, meine Tabletteneinnahme zu überwachen, weil du mir ja nicht getraut hast“, sie lachte sarkastisch. „Du hast damals doch auch schon gedacht, ich bin meschugge." „Susanne, mal ehrlich, was hätte ich denn sonst denken sollen?“ Er sprang auf, seine Anspannung entlud sich wie auf Knopfdruck. Wild gestikulierte er mit beiden Armen. „Du bist nachts durch die Wohnung getigert und tagsüber bist du mit solchen fetten Augenringen und total übernächtigt rumgelaufen. Die Leute haben mich schon auf der Straße angesprochen, was mit dir los sei.“ Er raufte sich die Haare. "Du hast Tabletten verschrieben bekommen, ja, und es machte nicht wirklich den Eindruck, dass du die korrekte Einnahme im Griff hattest. Also habe ich ein Auge darauf gehabt, mit deinem Einverständnis übrigens.“ Mark zeigte mit seinem Zeigefinger auf Susanne. „Dass du dir anscheinend zusätzlich noch Aufputschmittel reingepfiffen hast, konnte ich nun wirklich nicht ahnen. Dann ist das ja auch kein Wunder, dass du immer irrer wurdest.“ Mark hatte sich mit verschränkten Armen an das Fenster gestellt und schaute in den Park. Das Schneetreiben hatte nachgelassen, es kam sogar ein wenig die Sonne zwischen den Wolken zum Vorschein. Susanne blieb vor Fassungslosigkeit der Mund offen stehen. Das war ja ungeheuerlich. Wenn sie sich auch nicht an alles erinnern konnte, wusste sie mit nahezu 100prozentiger Wahrscheinlichkeit, dass sie keine Aufputschmittel geschluckt hatte. Wozu auch? Sie hatte doch Schlafstörungen gehabt und keine Leistungstiefs. Traute er ihr wirklich zu, dass sie sich Aufputschmittel reingezogen und dann über Schlafstörungen geklagt hatte? Unfassbar! Aber natürlich passte das super in Marks momentanes Bild von ihr. Aus welchen Gründen auch immer hatte seine Frau zum Schlafen Tabletten genommen. Und um wieder fit zu werden, auch noch Händeweise Aufputschmittel, was dann außer Kontrolle geriet und sie dann nicht mehr Herr ihrer Sinne war. Susanne kochte innerlich und war sich jetzt sicher, von Mark weder Hilfe noch Unterstützung zu erhalten. Mark schaute indessen auf seine Armbanduhr. Sie hatten bereits über eine Stunde geredet. „Susanne“, er drehte sich zu ihr um und nahm sich seinen Mantel von der Sessellehne, „es tut mir leid, dass ich dir in diesem Falle nicht weiterhelfen kann.“ „Tut es dir gar nicht!“ dachte Susanne, hielt ihren Kommentar allerdings mit Mühe zurück. Es wäre unnötige Energie, die sie verpulvern würde. „Ich muss jetzt auch los, war eigentlich schon länger hier als geplant.“ War ja klar, dass er für seine Frau keine Zeit hatte, wenn Arbeitstermine anstanden. Das war schon immer so gewesen, wieso sollte es jetzt anders sein, dachte Susanne sarkastisch. Sie stand auf, um ihn zur Stationstür zu begleiten. Auf halber Strecke blieb er kurz stehen und blickte sie an. „Du musst verstehen, dass das alles für mich auch nicht so einfach ist. Ich muss das auch für mich verarbeiten. Dann liegt mir die Firma im Nacken wegen des geplatzten Großauftrages- wegen dir.“ Oh, du Armer, dachte sie verächtlich. Immer die Firma, sie konnte es nicht mehr hören. Schon vor zwölf Jahren war ihm die Firma wichtiger als sie gewesen .Mark zog sich Schal und Handschuhe an. „Ich habe mit Dr. Glück besprochen, dass du natürlich nach deiner Entlassung nach Hause kommen kannst.“ Es hörte sich fast gönnerhaft an. „Logisch, ist ja auch dein Zuhause. Und die Kinder würden sich auch freuen, wenn sie wieder in Heidelberg zum Kindergarten gehen können. Wenn du allerdings zu deinen Eltern nach Nürnberg gehen möchtest, ist es auch in Ordnung. Die Entscheidung überlasse ich dir.“ Susanne starrte ihren Mann sprachlos an. Beinhaltete das, was er gerade sagen wollte etwa, dass er sich trennen wollte? „Wenn du von dieser kriminellen Station zu den Normalos verlegt wirst, bin ich damit einverstanden, dass du dich langsam an dein Zuhause annäherst. Wie nennen die das noch gleich?“ er tat so als überlegte er angestrengt. Susanne sprang ein. „Belastungserprobung“, sie hatte Mühe, ihre Wut zurückzuhalten. „Und diese Station hat nichts mit Kriminellen zu schaffen, es nennt sich geschlossene Abteilung. Oh, und ganz nebenbei: ich bin ganz froh, dass wenigstens hier Normalos, wie du sie nennst, rumlaufen. Draußen sind es nämlich all die Kranken und Perversen, die nicht merken, dass sie krank sind und die ganze Scheiße bauen. Die Menschen hier wissen, wo ihre Defizite sind und wollen sich helfen lassen. Denk mal darüber nach!“ Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen und stampfte wutentbrannt zum Schwesternzimmer, wo sie eine Schwester bat, sie möge doch bitte ihren Mann wieder in die Freiheit entlassen. Nicht, dass er hier noch Platzangst bekäme. Fortsetzung folgt.... 15.11.13 ... comment |
Online seit 4572 Tagen
Letzte Aktualisierung: 2014.04.11, 01:13 status
Menu
Suche
Kalender
Letzte Aktualisierungen
Glaube und Religion-...
Vor einigen Tagen gab es im TV eine Talkshow, in der... by shorty short (2014.04.11, 01:13) Lampedusa ist überall
Liebe Leute, das Video ist hart, aber so ist auch... by shorty short (2013.12.15, 15:51) Onlineversand oder in...
Die Frage stellt sich bestimmt jeder hin und wieder,... by shorty short (2013.12.13, 14:11) Komasaufen- oder was...
Schön, dass die Zahlen der alkoholkonsumierenden... by shorty short (2013.12.12, 00:01) |
||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||