Shortys Gedankenwelt
Mittwoch, 27. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi teil 14
von Kirsten Maria Scholz

Kapitel einundzwanzig

Zu Hause wartete Madeleine schon sehnsüchtig auf ihre Mutter. Valentin hatte es vorgezogen mit Gabriela und ihren beiden Söhnen Pizza zu backen. Susanne war es ganz recht, dann konnte sie die Zweisamkeit mit ihrer kleinen Tochter genießen. Ihre Mutter kam ihr aus der Wohnküche entgegen.
„Und?“ fragte sie neugierig, „hast du was erfahren? Was sagt denn Dr. Fries?“ Als Susanne nicht antwortete, wurde sie etwas ungehaltener. „Ach, Susanne, nun lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Ich mach mir doch auch meine Gedanken.“ Susanne sammelte sich kurz, hängte ihren Mantel auf und stellte ihre Stiefel auf das Abtropfgitter.
„Also, ich habe einiges erfahren und das werde ich dir auch alles erzählen. Aber nicht jetzt! Später, in Ordnung? Lass mich erst einmal ankommen“, bat sie ihre Mutter und sah sie mit müden Augen an. „Und im Moment möchte ich einfach nur Mutter sein und mich mit Madeleine beschäftigen.“ Sie merkte wie schlapp und ausgelaugt sie war. Die Energie, die sie heute Morgen noch verspürt hatte, war komplett verpulvert. Sie musste ihren Energietank auffüllen und dafür Sorge tragen, dass sie nicht wieder völlig ausgepowert zusammenbrechen würde. Wenn sie sich gegen Mark wehren müsste, kämen noch härtere Zeiten auf sie zu. „Madeleine ist oben, sie wartet auch schon auf dich. Ich sage euch Bescheid, wenn es Abendbrot gibt“, sagte ihre Mutter und machte sich wieder an die Vorbereitungen für das Abendessen.
Susanne stieg die Treppe hinauf und blieb an Madeleines Kinderzimmertür stehen, die nur halb angelehnt war. Sie beobachtete ihre kleine Tochter ein paar Minuten. Madeleine hatte diverse Puppen und Plüschtiere um sich herum platziert und eine Kaffeetafel aus ihrem Puppengeschirr gezaubert. Susanne musste beim Anblick ihrer Tochter lächeln. Madeleine war so sehr in ihr Spiel vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, wie ihre Mutter sich neben sie auf den rosa Plüschteppich setzte. Madeleine und Susanne verbrachten den restlichen Nachmittag spielend im Kinderzimmer. Dabei fiel Susanne auf, dass ihre Tochter den rosa Riesenplüschhasen, den sie Moppel getauft hatte, immer und überall an ihrer Seite hatte. Susanne sprach sie auf Moppel an.
„Das ist aber auch ein echt super Hase“, bemerkte sie und hob Moppel prüfend hoch, „wann hat Papa dir den denn mitgebracht?“ fragte sie ohne irgendeinen Hintergedanken zu haben.
„Den hab ich doch gar nicht von Papa!“ antwortete Madeleine, ohne von ihrem Spiel aufzublicken. Gerade bot sie ihrer blonden Langhaarpuppe eine Tasse Kaffee an.
„Nein?“ Susanne war erstaunt. Wer schenkte ihrer Tochter außer der Reihe so ein riesiges Plüschtier. „Nee, den hat mir Sabrina mitgebracht.“ Susanne erstarrte. Sabrina, dachte Susanne, die ist ja wohl überall präsent. Sie merkte, wie kalte Wut in ihr hochstieg. Madeleine schaute sie an. „Die Sabrina hatte mir den mitgebracht, als sie uns mit Papa bei Oma in Nürnberg besucht hat.“ Susanne konnte nicht mehr ruhig sitzen bleiben und sprang auf. Wieso besuchte Mark ihre Kinder mit Sabrina? Und wieso hatte ihre Mutter ihr nichts erzählt? Vielleicht wusste sie gar nichts davon. Vor Madeleine versuchte sie, ihre Emotionen zu verbergen und zwang sich zu einem Lächeln.
„Das ist aber nett von Sabrina!“ sagte sie, obwohl sie kurz davor war, ihre Fassung zu verlieren. „Wann war das denn?“
Madeleine überlegte kurz. „Ich weiß nicht so genau, aber an einem Tag hat Papa uns vom Kindergarten abgeholt und dann sind wir den ganzen Nachmittag im Zoo gewesen.“ Was für ein mieser Trick, dachte Susanne. Sicherlich hatte er ihrer Mutter nichts von Sabrina erzählt, alleine schon, um unbequemen Fragen aus dem Weg zu gehen.
Gerade zur rechten Zeit, bevor sie vollends aus der Haut fuhr, hörte sie unten die Haustür ins Schloss fallen. Madeleine sprang auf und rannte mit Moppel im Arm die Treppe runter. Zum Glück schien ihre Tochter nicht mitbekommen zu haben, welchen inneren Kampf Susanne gerade ausgefochten hatte.
„Papa!“ brüllte Madeleine schon von oben ihrem Vater entgegen. Auch der noch, dachte Susanne. Im Augenblick hatte sie eindeutig genug von Mark, Sabrina und weiteren Hiobsbotschaften. Anstatt ihrer Tochter nach unten zu folgen, ging sie ins Bad und schmiss sich ein paar Hände voll Wasser ins Gesicht, um sich abzukühlen.
Nach ein paar Minuten konnte sich Susanne endlich dazu durchringen, ihrer Tochter ins Erdgeschoss zu folgen. Schon auf der Treppe hallten ihr Stimmen aus dem Wohnzimmer entgegen. Susanne stutzte und blieb mitten auf der Treppe stehen. Sie erkannte eindeutig Marks dunkle sonore Stimme, ihre Mutter und auch Madeleine. Aber da war noch jemand… Ihr blieb das Herz stehen und die Luft wurde ihr abgeschnürt.
„Ich glaub das ja nicht!“ flüsterte Susanne fast tonlos, „Sabrina! Die Schlampe wagte es wirklich, sich hier zu zeigen. Susanne überlegte. Was sollte sie tun? Sabrina und Mark wussten beide nicht, was Susanne bereits herausgefunden hatte. Beide dachten, Susanne wäre ahnungslos. O.k., sagte sie sich. Dann spielen wir doch das Spiel einfach mal mit.„Reiß dich zusammen!“ sie straffte ihre Schultern und betrat die Wohnküche.
An der Tür blieb sie stehen. Niemand schien sie zu bemerken. Es bot sich ihr das Bild einer fröhlichen Familie: Madeleine auf dem Arm ihres Vaters, immer noch Moppel am Ohr festhaltend, ihre Mutter, die sich um das Servieren des Abendbrotes kümmerte und die junge Mutter, die gerade den Plüschhasen aufhob, der Madeleine aus der Hand entglitten war. Nur, dass die junge Mutter nicht die junge Mutter war, sondern ihre eigentlich beste Freundin Sabrina.„Immer schön locker bleiben“, sagte sie sich und trat mit einem Lächeln auf den Lippen zu der gutgelaunten Gesellschaft. Ihre Mutter sah sie zuerst. „Oh, hallo Susanne“, rief sie ihr zu, „sieh nur mal, wer da ist?“ Mark und Sabrina drehten sich um und wichen automatisch einen Schritt auseinander.
„Sabrina“, flötete Susanne und gab ihrer Freundin zwei Begrüßungsküsschen auf die Wangen. „Was für eine Überraschung!“ sie tat sehr erstaunt. „Ich habe dein Auto gar nicht gesehen. Ist es kaputt und in der Werkstatt? Bist du etwa mit dem Taxi hier?“ Sabrina versuchte, ihre Unsicherheit hinter einem gekünstelten Lächeln zu verbergen. „Nein, ich bin mit Mark mitgefahren.“ Mark nickte zustimmend.
„Ich hatte doch gestern dieses Geschäftsessen und da war es recht praktisch Sabrina mitzunehmen.“
„Ja wie praktisch“, surrte Susanne und hätte am liebsten laut geschrien. Stattdessen nahm sie ihrer Mutter die Porzellanschale mit Kartoffeln aus der Hand und knallte sie auf den Tisch. „Oh pardon“, sagte sie leicht sarkastisch. Ihre Mutter musterte sie skeptisch und zog sie zu sich in die Küchenzeile. „Susanne, hilfst du mir mal bitte?“ sagte sie laut und zu Mark und Sabrina gewandt sagte sie: „Ach, nehmt doch schon mal Platz!“ Sie kniff Susanne unsanft in den Arm. „Was ist denn mit dir los, Susanne?“ zischte sie, „warum bist du denn so unfreundlich? Ist irgendwas passiert?“
„Nicht jetzt!“ zischte Susanne zurück, die alle Mühe hatte, sich zusammenzureißen. Auf den Weg zurück zum Tisch nahm sie noch die Salatschüssel mit, die wie zuvor auch die Kartoffelschüssel unsanft ihren Platz neben Sabrinas Gedeck fand. Einige Salatblätter flogen aus der Schüssel und auf Sabrinas Schoß.
„Oh, wie ungeschickt von mir“, säuselte sie, „ich bin aber auch heute neben der Spur. Liegt vielleicht an den Tabletten.“ Sie setzte sich neben Mark.„Na, Schatz, wie war denn dein Tag? Und gestern das Geschäftsessen, war es ein voller Erfolg, ja?“
Mark schaute erst Sabrina, dann Susanne äußerst irritiert an. Susanne knallte sich gerade einige Kartoffeln auf ihren Teller. wobei zwei von ihnen nicht auf, sondern neben dem Teller landeten. Susanne schien es nicht zu registrieren.
„Nichts Außergewöhnliches eigentlich. Und wie war dein Tag?“ Mark versuchte, die Konversation am Laufen zu halten und mit dieser Frage, ein wenig von sich abzulenken und jedes schwierige Thema zu vermeiden. Leider stachelte er Susanne damit weiter auf.
„Mein Tag?“ Susanne tat, als müsste sie stark überlegen. „Nun ich habe ausführlich mit Mutter, Valentin und Madeleine gefrühstückt und bevor ihr angekommen seid, hatte wir zwei“, sie streichelte Madeleines Wange, „eine ausgiebige Spielstunde, in der ich die Bekanntschaft von Moppel machen durfte.“ Sie schaute Sabrina kalt an. „Vielen Dank übrigens, dass du Madeleine Moppel geschenkt hast, als du mit meinem Mann in Nürnberg auf Reise warst. Ich meine natürlich Geschäftsreise“, fügte sie mit einem süßen Lächeln hinzu. Sie zerstampfte ihre Kartoffeln, als wären es harte Kürbisstücke. „Oh, und heute Mittag war ich in der Altstadt“, verkündete sie sie dabei, immer noch mit einem Lächeln auf den Lippen, das einer Wahnsinnigen hätte entsprungen sein können. „Erinnerst du dich noch an den Staatsanwalt, mit dem ich mich in Nürnberg so super unterhalten habe?“ sie schaute ihre Mutter fragend an, die nichts Gutes ahnend ihre Serviette zusammenfaltete und Susanne anstarrte. „Wie hieß er doch gleich?“ Susanne tat, als könne sie sich nicht erinnern und schüttelte den Kopf. „Naja, egal. Jedenfalls habe ich mich mit dem in der Altstadt getroffen- zum Brunch. Also, nicht mit ihm natürlich“, sie lachte laut auf, „nein, ich habe ihn zufällig getroffen natürlich. Habe ja schließlich kein außereheliches Verhältnis mit ihm.“ Wieder dieses wahnsinnige Lachen. Sie schaute in die Runde. Alle Beteiligten, außer Madeleine, die vergnügt Figuren in die Soße auf ihrem Teller zeichnete, hatten das Essen eingestellt. Es herrschte Totenstille.Susanne fuhr unbeirrt fort. So langsam schien sie Vergnügen an ihrer Rolle zu finden.„ Und der hat mir doch von einem Fall erzählt hier aus Heidelberg“, sie aß weiter, „und Mark, stell dir vor, da hat ein Architekturbüro voll die Schwierigkeiten wegen Steuerhinterziehung und Geldtransfer in die Schweiz und all sowas.“ Sie schaufelte sich noch mehr von dem Buttergemüse auf ihren ohnehin schon überfüllten Teller. „Lecker“, lobte sie ihre Mutter mit vollem Mund und warf ihr ein Luftküßchen zu. „Ist das nicht unglaublich. Vielleicht kennst du das Büro sogar?“ sie schaute ihren Mann mit großen Augen an. Mark erwiderte den Blick, räusperte sich und sah gleichzeitig auf die Uhr.
„Ach Herrje, schon so spät. Sabrina“, er schaute seine Sekretärin eindringlich an, „musstest du nicht um zwanzig Uhr schon wieder woanders sein?“Sabrina reagierte sofort auf den Wink und schlug sich leicht auf ihre Stirn, so als fiele es ihr spontan wieder ein. Mit der Serviette tupfte sie sich den Mund ab und hinterließ Lippenstiftspuren in kaminrot. Susanne verwunderte es nicht sonderlich, dennoch registrierte sie es mit aufschäumender Wut, von der sie wusste, dass sie sie nicht mehr lange zurückhalten könnte.
„Was für ein schöner Lippenstift“, bemerkte sie zuckersüß, „ist der neu?“ Sie schaute Sabrina an und steckte sich eine ganze Kartoffel in den Mund, um zu verhindern, dass sie laut los brüllte. Sabrina stand mit Mark zusammen auf und tat so, als hätte sie Susannes Andeutung überhört.
„Ich fahr dich schnell rum“, bot er an, „bis ein Taxi beidem Wetter hier ist… das dauert doch viel zu lange.“ Sabrina bedankte sich und verließ fast fluchtartig die Wohnküche, warf sich fast im Vorbeigehen an der Garderobe ihren Mantel über und behielt Schal und Mütze in der Hand. Es war ihr anzusehen, dass sie dachte: Nur weg hier!
Susanne lächelte Mark nach, der bereits an der Haustür stand. „Mach das Schatz und fahrt vorsichtig!“ rief sie den beiden mit einem sehr verkrampften Lächeln hinterher. Sobald die Haustür zufiel erlosch ihr Lächeln. wie auf Knopfdruck. Sie stand auf, nahm ihren Teller und feuerte ihn mit einem ohrenbetäubenden Schrei in das Spülbecken der Küche.


Fortsetzung folgt...am 28.11.13

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Letzte Aktualisierung: 2014.04.11, 01:13
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