Shortys Gedankenwelt
Dienstag, 12. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 4
Kapitel sieben

Susanne blieb unschlüssig in dem halbdunklen Gang stehen. Ein paar Meter weiter flackerte eine Glühbirne in einer Deckenleuchte. Diese optische Unruhe verdrängte Susannes innere Gelassenheit und wühlte sich durch ihr Inneres, ein kalter Schauer lief ihr über Rücken und Arme. Sie fröstelte, umschlang ihren Oberkörper, rieb sich die Oberarme und versuchte, das unangenehme Gefühl abzuschütteln.
Sie vernahm leises Klappern mit Geschirr und gedämpfte Stimmen. Gab es etwa schon Abendbrot? Ein Blick nach draußen bestätigte ihre Annahme. Flora und Fauna waren in pechschwarze Dunkelheit gehüllt. Im Lichtkegel einer Laterne konnte sie leichtes Schneetreiben ausmachen. Sie betrat den Aufenthaltsraum und war überrascht über die warme, ja sogar recht gemütliche Atmosphäre, die eine Tischleuchte und die Stehlampe in der Sofaecke ausstrahlten. Der Abendbrottisch war schon in der Vorbereitung, einige Mitpatientinnen hatten es sich vor dem Fernseher bequem gemacht.
„Hi, Susanne“, Sarah klopfte mit der Hand auf den leeren Platz neben sich, „na, komm setz dich zu uns.“Susanne gab sich einen Ruck und schaffte es sogar, ein wenig zu lächeln.
„Danke!“ sagte sie fast flüsternd. Es war schön, jetzt nicht irgendwo alleine sitzen zu müssen. Sie setzte sich zu den anderen und merkte, wie sie sich nach und nach entspannte. Die allgemeine Ruhe und das in- Ruhe-gelassen-werden taten ihr unheimlich gut. Einfach nur dasitzen und sich nicht erklären müssen, waren für sie ungewohnt und neu, aber irgendwie entlastend. Sie hing ihren Gedanken ein wenig nach. Wie anders war es doch zu Hause…
Zu Hause, dachte sie. Zu Hause versuchte sie stets fröhlich zu sein, Sorgen und Probleme für sich zu behalten, um Mark nicht noch mehr zu belasten. Er hatte schon genug Stress und oftmals Ärger im Büro. Mehr als einmal hatte er seinen Unmut darüber geäußert, dass es ihn störte, wenn er nach einem anstrengenden Arbeitstag sich auch noch mit der schlechten Laune und den Problemen seiner Frau auseinandersetzen musste. Zudem konnte er ohnehin nicht verstehen, was Susanne belasten könnte. Schließlich musste sie sich nicht mit Arbeitskollegen und Stress im Büro auseinandersetzen. Sie hatte doch den einfachsten Job der Welt: sie musste sich nur um den Haushalt und die Kinder kümmern. Das konnte doch aus Marks Sicht so schwer nicht sein. Und so hatte sie alles daran gesetzt, ihre Probleme und auch ihre Bedürfnisse vor ihm geheim zu halten. Aber warum eigentlich? fragte sie sich nun und gab sich gleich selbst die Antwort. Mark war für sie ohne Frage der Traummann gewesen. Sie konnte sich damals und auch jetzt ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Alles hätte sie für ihn getan. Mal abgesehen davon, dass sie ihn liebte, wie sollte ihr Leben ohne Mark aussehen? Sie hatte vor Jahren ihren Beruf aufgegeben und sich voll und ganz der Familie gewidmet. Würde es Mark nicht geben, müsste sie für sich und ihre beiden Kinder selbst sorgen. Wie sollte sie das machen? Als Bauzeichnerin verdiente man nicht gerade viel, schon gar nicht so viel, dass sie in einem Haus am Stadtrand wohnen könnten. Ohne Mark war sie quasi ein Nichts! Susanne atmete schwer. Sie hatte plötzlich das Gefühl ein zentnerschwerer Sack lastete auf ihrem Brustkorb. Sie musste sich so auf ihre Atmung konzentrieren, dass sie ihre Umwelt völlig vergaß. Mit aller Kraft sog sie Luft durch die Nase ein, hatte dennoch das Gefühl, es würde nicht reichen. Eine erneute Nebelwand waberte wieder vor ihrem Gesicht und schnitt sie vollkommen von der Realität ab. Überall war Nebel, der sie mehr und mehr zu erdrücken schien, sich regelrecht in ihre Lungen fraß. Ihr Herz raste, sie wollte schreien, bekam aber keinen Ton heraus.
„Susanne!“ Sarah gab ihr links und rechts eine ziemlich deftige Ohrfeige und rüttelte an ihrer Schulter. Susanne blinzelte und japste gierig nach Luft.
„Na, Gott sei Dank!“ stieß Sarah heraus. „Was machst du denn nur für komische Sache? Einfach umfallen und hyperventilieren…“ sie schüttelte leicht tadelnd ihren Kopf. Eine Schwester kam angelaufen und schob Sarah etwas zur Seite, um Susannes Vitalzeichen zu kontrollieren. Als sich Blutdruck und Puls wieder in die Normwerte eingependelt hatten, versuchte Susanne wieder in die Senkrechte zu kommen. Von Sarah und der Schwester untergehakt wie eine alte Frau schlurfte sie zum Abendbrottisch, nahm Platz und stürzte das ihr gereichte Glas Saft in einem Zug runter. Schon wieder dieser unerträgliche Durst! dachte sie. Eigentlich erwartete sie wieder die Kopfschmerzschraubstöcke. In den Schläfen pochte es zwar leicht, aber der Wahnsinnsschmerz blieb aus.
Hunger oder gar Appetit hatte sie keinen, dennoch zwang sie sich, eine Scheibe Brot herunter zu würgen. Während sie ihren Körper auf Automatismus stellte, kreisten ihre Gedanken. Kopfschmerzen, ständig Nebel im Kopf und diese Ohnmachtsanfälle, von denen sie weder wusste, wie lange sie stets anhielten noch was in dieser Zeit mit ihr geschah, dieser unbändige Durst und jetzt noch Appetitlosigkeit. Was zum Henker war nur mit ihr los?

Als sie eine halbe Stunde später wohlig eingekuschelt und geistig absolut ausgebrannt in ihrem Isolationszimmer lag, sie hatte sich mittlerweile eine zweite Decke geben lassen, dachte sie, dass es vielleicht ganz gut für sie war, dass sie vor Müdigkeit und Erschöpfung keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ihr Gehirn fühlte sich ausgelutscht an, ja geradezu ausgewrungen wie ein nasses Handtuch.
Die Nachtschwester schaute noch einmal vor der allgemeinen Nachtruhe bei ihr vorbei, prüfte erneut ihre Vitalzeichen, nickte zufrieden und reichte ihr die letzte Tablette des Tages. Eine Notfallklingel war am Nachtschrank angebracht.
„Scheuen Sie sich nicht, die Klingel jederzeit zu betätigen“, bat die Schwester. „Egal, was ist.“ Susanne nickte dankbar. Es war irgendwie beruhigend zu wissen, dass jemand ein wachsames Auge auf sie gerichtet hatte.



Kapitel acht

Die nächsten Tage versuchte Susanne weiterhin Licht in den dichten Nebel zu bringen. Sie saß oft in sich gekehrt im Aufenthaltsraum und hing ihren Gedanken nach. Die anderen Patientinnen ließen sie, wussten sie, dass Susannes einzige Chance, wieder zurück in ihr altes Leben zu finden, darin bestand, dass sie ihre Gedächtnislücke schlioss.

Als Susanne Mark kennenlernte, war sie die glücklichste Frau der Welt gewesen. Natürlich hatte es auch vor Mark Freunde und Beziehungen gegeben, allerdings waren die nur von kurzer Dauer und eher Schwärmereien gewesen. Mit Mark wurde alles anders, ein neues Kapitel in ihrem Leben wurde aufgeschlagen. Es war das erste Mal, dass sie richtig emotional involviert war, aus heutiger Sicht würde sie sagen, sie war das erste Mal richtig verliebt gewesen. Obwohl Mark den Ruf des Herzensbrechers im Büro weg hatte und sie eigentlich von jedem davor gewarnt wurde, sich auf ihn einzulassen, hatte sie sich in ihn verguckt. Zugegeben, sie hatte auch nichts dagegen unternommen, sondern es einfach geschehen lassen. Es war schon ein gutes Gefühl, dass sie, die kleine Auszubildende schließlich den Mann abbekommen hatte, hinter dem alle Frauen egal welchen Alters im Büro her waren. Die neidischen Blicke ihrer Kolleginnen würde sie nie vergessen. Sie, eine junge und eher unscheinbare Person schnappte sich den gutaussehenden, attraktiven und ehrgeizigen Juniorarchitekten, der gutes Potential für die Führungsetage hatte. Selbst jetzt noch, Jahre später gab es ihr eine Art Genugtuung und zauberte jedes Mal ein Lächeln auf ihr Gesicht, wenn sie nur daran dachte.
Mark und Susanne führten anfangs eine gut funktionierende und ungezwungene Beziehung, in der sich beide wohl zu fühlen schienen. Sie waren halt jung und, auch wenn sie offiziell ein Paar waren, irgendwie doch ungebunden. Sie standen beide auf Partys, feierten für ihr Leben gerne bis in den nächsten Morgen und nahmen jedes Event mit, das sich ihnen bot. Sie führten teilweise ein Leben auf der Überholspur.
Bis Susanne schwanger wurde. Ungewollt. Es war quasi ein Unfall, wenn man bei einer Schwangerschaft überhaupt von Unfall reden konnte. Als Susanne das Ausbleiben ihrer Regel registrierte und ein Schwangerschaftstest ihren Anfangsverdacht bestätigte, war sie bereits in der 14. Woche. Auch ihr erster Schock über den angekündigten Nachwuchs war zunächst groß. Dennoch freute sich Susanne im Stillen über die Schwangerschaft, hatte sie sich doch immer eine eigene Familie gewünscht. Allerdings schmälerten starke Zweifel, ob der Zeitpunkt der richtige war und die Ungewissheit, ob Mark überhaupt der geeignete Vater sein könnte, ihre Freude. Zudem wusste sie nicht, wie Mark überhaupt reagieren würde, wenn er von seiner werdenden Vaterschaft erfuhr. Sie hatten nie über den vorhandenen Status ihrer Beziehung hinaus gedacht, geschweige denn über Nachwuchs. Sie wohnten noch nicht einmal zusammen.
Als sie Mark über die Schwangerschaft informierte war seine Reaktion ähnlich wie sie es im Stillen schon befürchtet hatte. Er war alles andere als begeistert, meinte, er wäre gerade auf der Karriereleiter steil auf dem Weg nach oben und kurz davor, sich in das Architektenbüro einzukaufen. Mit einem Kind wäre es finanziell gesehen wahrscheinlich gar nicht mehr möglich. In einem ihrer vielen Streitgespräche fragte er sie allen Ernstes, wie es überhaupt hatte passieren können. Aufgebracht unterstellte er ihr, sie hätte vorsätzlich die Pille abgesetzt, um ihn an sich zu binden und ihm ein Kind anzudrehen.

Susanne traten Tränen in die Augen, als sie sich jetzt Jahre später, diese Zeit in ihr Gedächtnis zurück holte. Für diesen emotionalen Ausbruch hatte er sich später zwar entschuldigt. Trotzdem hatte er nie verstanden, wie sehr er sie damals verletzt hatte.
Für Mark fest, dass er sich, ob er nun begeistert war oder nicht, seinen Pflichten zu stellen hatte. Susanne zog bei ihm ein und zwei Monate später heirateten sie, allerdings nur standesamtlich. Mark hatte es als „unpassend“ bezeichnet, wenn Susanne schwanger im weißen Brautkleid vor den Traualtar treten würde. Da er ihr hoch und heilig versprach, die kirchliche Zeremonie nach der Geburt nachzuholen, gab sie nach. Bis heute hatten sie nicht kirchlich geheiratet und mittlerweile hatte Susanne es auch aufgegeben, mit Mark einen Termin zu finden. Irgendwas war immer wichtiger.
Finanziell griff Susannes Vater den beiden unter die Arme. Auch er wollte für seine Tochter ein sicheres Fundament. Da war die Teilhaberschaft in einem gut florierenden Architektenbüro perfekt. Susannes Vater gab Mark das nötige Kapital und betonte mehrfach, dass er auf jede Art von Rückzahlung oder Wiedergutmachung verzichtete. Einzig und allein wichtig war ihm das Glück seiner Tochter. Das Glück schien auch perfekt.
Dann jedoch kam der Tag, den Susanne nie vergessen würde, der schwärzeste Tag ihres bisherigen Lebens und sie befürchtete damals, es würde auch kein schlimmerer Tag mehr kommen.
Sie war auf dem Weg zur Küche an den Trageschlaufen von Marks Sporttasche hängengeblieben und auf die Fliesen gestürzt. Es passierte alles so schnell, dass sie keine Möglichkeit hatte, den Sturz mit ihren Händen abzufedern. So prallte sie ungebremst auf ihr Gesicht, aber was noch viel schlimmer war, auf ihren Achtmonatsbauch. Sie merkte sofort, dass etwas mit ihr und dem Baby nicht stimmte und sie sollte Recht behalten. Der schnell eingetroffene Notarztwagen und der sofort eingeleitete Notfallkaiserschnitt konnten zwar ihr Leben retten, nicht aber das ihres Babys.

„Wie haben Sie sich gefühlt?“ unterbrach sie Dr. Glück.
Sie hatten bereits ihre zweite Therapiestunde und Susanne war erstaunt, wie offen und schonungslos sie ihre Beziehung zu Mark vor Dr. Glück ausbreiten konnte. Hier sah sie sich nicht gezwungen, die Fassade einer Bilderbuchehe aufrecht zu erhalten.
„Gefühlt?“ fragte Susanne und dachte mit versteinerter Miene einen Moment nach. „Leer, ich war nur leer. Und schuldig fühlte ich mich.“ „Schuldig? In wie fern?“ bohrte Dr. Glück nach. Susanne starrte auf ihre Hände, die in ihrem Schoß lagen und nervös ein Papiertaschentuch zerpflückten. „Mark hat ständig seine Sachen im Weg liegen lassen. Ich habe es ihm ständig prophezeit, dass irgendwann jemand stolpern wird. Aber er hat immer drüber gelacht und gemeint, wir sind doch Menschen und haben zwei Augen im Kopf. Man muss halt nur ein bisschen aufpassen. Womit er ja auch recht hatte. Hätte ich besser aufgepasst, wo ich hintrete, wäre ich nicht gestolpert und …“ sie stockte.
„Und?“ insistierte Dr. Glück.
Susanne blickte Dr. Glück an. Tränen rannen über ihr Gesicht.
„… dann hätte mein Baby überlebt.“ Ihre Stimme brach. All die Trauer, die sie die Jahre über versucht hatte zu verdrängen, sprudelte aus ihr raus. All der Schmerz über den Verlust, die Hoffnungslosigkeit, die damals von ihr Besitz ergriffen hatte und die Einsamkeit, in die sie sich verbannt hatte, um Mark nicht zu belasten brachen alle Dämme in ihr. Wie lange sie geweint und den Schmerz aus sich herausgelassen hatte, konnte sie nicht sagen. Aber es tat verdammt gut. Irgendwann war der Tränenstrom versiegt. Jeglicher Funken an Energie und Kraft war aus ihrem Körper gewichen. Sie trocknete sich ihre verweinten und stark geröteten Augen. Ihr verquollenes Gesicht fühlte sich taub und irgendwie nicht zu ihr gehörig an. Sie schnäuzte sich und atmete tief durch.
Dr. Glück hatte sie die ganze Zeit mit kritischem Blick beobachtet. Ihre Blicke begegneten sich und Susanne musste ein wenig lächeln. Sie fühlte sich erstaunlicherweise erleichtert. Der enge Panzer, der ihren Brustkorb oftmals eingeengt hatte, schien vielleicht noch nicht ganz aufgebrochen, aber zumindest gelockert zu sein.
„Dass heulen so befreiend sein kann, hätte ich nie gedacht“, sagte sie mit einem zaghaften Lächeln.
„Na, da bin ich aber froh, dass wir so langsam doch etwas für Sie tun können“, auch Dr. Glück konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Auch er schien über den Verlauf des Gesprächs zufrieden zu sein, vor allem, weil es den Anschein machte, dass ein Knoten bei Susanne geplatzt war.
Bevor sich Susanne wieder auf den Rückweg zur Station machte, bat sie Dr. Glück um die Genehmigung eines Telefonats und eines Besuchs. Sie hatte das dringende Bedürfnis, sich mit einem Menschen zu unterhalten, von dem sie eindeutig wusste, dass dieser Mensch nur das Beste für sie wollte. Nach kurzem Überlegen war sie sich sicher, dass Sabrina dieser Mensch war. Sie musste sich ohnehin dringend bei ihrer Freundin melden, die sich sicherlich schon Sorgen machte, weil sie nichts von Susanne gehört hatte. Bei dieser Gelegenheit konnte sie Sabrina doch gleich einladen, sie auf der geschlossenen Abteilung zu besuchen. Dr. Glück hatte diesbezüglich keinerlei Einwände. Ganz im Gegenteil, er bot ihr sogar an, ihr die Erlaubnis zu geben, mit ihrer Freundin die Station verlassen zu dürfen, um in die Cafeteria oder bei schönem Wetter vielleicht auch in den Park gehen zu können. Ein wenig Abwechslung und Zerstreuung würden Susanne sicherlich gut tun. Der Gedanke der dunklen, muffigen Station für kurze Zeit entfliehen zu können und endlich wieder frische Luft zu atmen, stimmte Susanne fast fröhlich. Die Vorstellung von knirschenden Schnee unter den Füßen und das wohlige Gefühl, das sich in einem ausbreitete, wenn man aus der Kälte hinein in die Wärme kam und sich an einem frisch gekochten Kakao erwärmte, versetzte sie in angenehme Vorfreude.

Am nächsten Morgen wählte sie sich bereits vor dem Frühstück fast die Finger wund, so oft versuchte sie, ihre Freundin telefonisch zu erreichen. Ohne Erfolg. Das Frühstück zog sich ewig hin. Eine Mitpatientin war der Meinung, man dürfte nur extrem kleinste Portionen zu sich nehmen, dafür aber jeden Bissen mindestens 33 Mal kauen, alles andere wäre absolut schädlich für die Verdauung.
Kaum war die Viertelstunde Wartezeit nach Beendigung des Frühstücks verstrichen, sprang Susanne so schwungvoll auf, dass ihr Stuhl mit lautem Poltern umfiel. Sie ließ ihn einfach liegen und war so auch die erste bei der Medikamentenausgabe und gleich wieder am Telefon. Mit fahrigen Fingern tippte sie Sabrinas Festnetznummer, erreichte wieder nur den Anrufbeantworter. Da sie es aber vorzog, persönlich mit ihrer Freundin zu sprechen, legte sie gleich wieder auf, als sie den aufgenommenen Spruch ihrer Freundin vernahm. Sie dachte sich nichts dabei, vielleicht stand Sabrina ja gerade unter der Dusche oder machte ihre Yoga- Übung. Aber auch eine viertel Stunde später begrüßte sie nur der Anrufbeantworter. Hatte Sabrina heute frei? Immerhin hatte sie seit über einer Woche nicht mehr mit ihrer Freundin gesprochen. Außerdem wäre es auch nicht verwunderlich, wenn Susanne vergessen hätte, dass Sabrina im Urlaub war. Zur Sicherheit hinterließ Susanne schließlich doch die Nachricht, dass es ihr schon deutlich besser ginge und sie sich zutraute, Besuch zu empfangen. Zum Schluss gab sie noch die Telefonnummer des Schwesternzimmers an, unter der sie zu erreichen war.
Ungeduldig und wie auf Kohlen wartete Susanne eine weitere Stunde ab. Als kein Rückruf erfolgte, kam sie zu dem Schluss, dass Sabrina wohl eher nicht zu Hause war. Denn Sabrina und ihr Anrufbeantworter waren fast eine Symbiose. Das erste, was Sabrina tat, wenn sie ihr Wohnzimmer betrat, war den AB abzuhören. Dabei war es völlig egal, ob sie aus dem Bad, aus dem Keller oder von draußen kam. Sabrina hatte stets das Bedürfnis, immer und überall erreichbar sein zu müssen, damit sie auch ja nichts verpasste. Susanne hatte das nie so richtig nachvollziehen können, aber man konnte auf jeden Fall sicher sein, dass Sabrina sich sofort bei einem meldete, wenn sie ihre Nachrichten abhörte.
Das Architektenbüro war quasi Sabrinas zweites Zuhause. Aber auch hier konnte Susanne zunächst niemanden erreichen. Da sie keine große Lust verspürte, Fragen von anderen Mitarbeitern ihres Mannes beantworten oder gar bemitleidende Genesungswünsche über sich ergehen lassen zu müssen, rief sie nur direkt auf Sabrinas Arbeitsplatz an. Ein wenig wunderte sie sich schon, dass niemand das Gespräch entgegen nahm. Das war mehr als ungewöhnlich und gehörte eindeutig nicht zum Konzept, das Mark im Büro zu verwirklichen versuchte. Da stand Kundenservice an oberster Stelle. Das hieße, auch wenn Sabrina tatsächlich Urlaub hatte oder krank war, was schon häufiger vorkam, gab es immer eine Vertretung. Aber auch die schien nicht im Büro zu sein.
Mittlerweile war es fast Mittag und Susannes sechster Versuch, als endlich jemand am anderen Ende der Telefonleitung den Hörer abnahm. Susanne erkannte ihre Freundin sofort an der Stimme. Sie konnte nicht genau sagen, was sie störte, aber irgendwas an Sabrina Art war anders. Schnell schob sie diesen Gedanken beiseite, froh, ihre Freundin endlich erreicht zu haben.
„Sabrina, hallo“, begrüßte sie freudig ihre Freundin, „ich bin es, Susanne.“ Stille. „Sabrina?“ Susanne hatte kurz das Gefühl, die Verbindung war unterbrochen worden.
„Hallo Susanne“, Sabrina schien sich nicht gerade vor Freude zu überschlagen, „das ist ja wirklich eine Überraschung. Dich hatte ich jetzt nicht erwartet. Wie geht es dir?“
„Danke. Geht schon wieder ganz gut. Ich soll aber noch wegen ein paar Untersuchungen hierbleiben.“ Erneut keine Antwort von Sabrina. Was war nur mit ihrer Freundin los? Sonst kam man doch gar nicht zu Wort. Susanne schob es auf die Überrumpelung, schließlich hatte Sabrina nicht mit einem Anruf von ihr gerechnet. Susanne überging die peinliche Pause, indem sie einfach weitersprach.
„Ich versuche schon den ganzen Morgen, dich an die Strippe zu kriegen“, versuchte sie es scherzhaft. „Sogar ganz früh bei dir zu Hause, hatte schon Angst, ich wecke dich. Wohnst du zurzeit nicht in deiner Wohnung?“ Sabrina atmete hörbar scharf ein.
„Doch… nein“, stammelte sie, „natürlich wohne ich in meiner Wohnung, wie kommst du denn da drauf?“
„Naja“, erwiderte Susanne, „wenn du schon so früh nicht zuhause bist, bist doch kein Frühaufsteher…!“
„Ach so!“ Sabrina schien erleichtert zu sein, „das meinst du, ich war heute Nacht quasi außerhäusig.“
Aha, dachte Susanne, ein Mann, hätte sie sich doch gleich denken können.
„Na, ist doch o.k. Jetzt habe ich dich ja erreicht. Scheint ziemlich stressig zu sein bei euch im Büro?“ fragte Susanne nach.
„Wie, wie kommst du darauf?“ Sabrina schien etwas irritiert über die Frage zu sein.
„Naja“, erwiderte Susanne, „ich habe bestimmt fünfmal versucht, dachte schon du bist im Urlaub und die Vertretung kommt mit der Telefonanlage nicht zurecht.“Sabrina schien nach Worten zu suchen.
„Ja, weißt du, hier… also hier ist gerade total viel zu tun.“ Kurze Pause. „Ich muss auch gleich Schluss machen. Ich weiß echt nicht, wo mir heute der Kopf steht, alle wollen irgendwie was von mir und dann ständig das Telefon…“
Susanne beschlich schon wieder das Gefühl, dass irgendwas mit Sabrina nicht stimmte. Wenn etwas nicht warten konnte, dann waren es private Telefonate. Für die hatte sie bisher immer Zeit gehabt, egal, wieviel zu tun war.
„Kein Problem“, Susanne zerstreute diesen lächerlichen Gedanken wieder. Warum war sie nur so misstrauisch? „Ich wollte mich nur kurz bei dir melden, damit du dir keine Sorgen machst. Wäre schön, wenn du in den nächsten Tagen mal Zeit hättest. Ich darf Besuch empfangen.“
Anscheinend hatte sie Sabrina damit komplett überrumpelt. Auch dieses Mal stotterte sie sich was zusammen. Nach langem Hin und Her verabredeten sie sich schließlich für den nächsten Nachmittag. Susanne wollte ihr noch durchgeben, wo Sabrina sie finden würde, aber Sabrina beendete das Gespräch ziemlich abrupt, meinte, sie müsste jetzt wirklich weitermachen. Einzelheiten könnte sie schließlich von Mark erfahren.
Susanne legte langsam den Hörer auf die Telefonstation.
„Was war das denn?“ entfuhr es ihr laut. So hatte sie Sabrina noch nie erlebt. Vielleicht war sie gerade ein bisschen überfordert mit der Arbeit, gerade jetzt, wo es den Anschein machte, dass sie einen neuen Mann kennengelernt hatte. Vielleicht war es dieses Mal etwas Ernstes, dachte Susanne, und sie merkt zum ersten Mal wie schwierig es sein kann, Beziehung und Arbeit unter einen Hut zu bringen.
Sie versuchte, das eigenartige Gefühl, dass da noch etwas anderes war, beiseite zu schieben. Irgendwie hatte sie gerade genug mit sich selbst zu tun und musste zusehen, dass sie ihr Leben wieder einigermaßen in Ordnung brachte. Zwar war Sabrina ihre beste Freundin, zugegeben auch die einzige, trotzdem musste sie jetzt erst einmal an sich denken.




Fortsetzung folgt... 13.11.13

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Letzte Aktualisierung: 2014.04.11, 01:13
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