Shortys Gedankenwelt
Mittwoch, 20. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 10
Kapitel sechszehn

Mit gemischten Gefühlen stand Susanne am nächsten Morgen mit der gepackten Reisetasche vor der Klinik und wartete auf ihr Taxi. Sie hätte auch eines der Taxen nehmen können, die ständig vor der Klinik auf Fahrgäste warteten. Dennoch hatte sie aus alter Gewohnheit das Taxiunternehmen beauftragt, bei dem sie und auch Mark schon seit Jahren zu den Stammkunden zählten.
Sie konnte nicht sagen, was sie bewegt hatte, Mark nichts von ihrem Spontanbesuch zu erzählen. Irgendetwas hatte sie jedenfalls abgehalten. Wollte sie ihn bei etwas erwischen oder überraschen? Ihn vielleicht sogar provozieren und aus der Reserve locken? Sie wusste es nicht. Allerdings saß sie bereits im Taxi und befand, dass es zu spät wäre, jetzt über mögliche Beweggründe oder gar Folgen nachzudenken.
Schon als das Taxi in ihre Straße einbog, hatte sie freien Blick auf das schmiedeeiserne Tor zur Auffahrt ihres Anwesens. Es war weniger nur ein Haus mit Garten, sondern wahrlich eine herrschaftliche Villa mit einem parkähnlichen Gelände, so dass man schon von einem Anwesen sprechen konnte. Alles schien beim Alten zu sein. Marcello Contassi, ihr aus der Toskana stammende Nachbar und der Mann für alles, was Reparaturen und Instandhaltung von Haus- und Außenanlage, hatte Auffahrt und Vorplatz akribisch von Eis und Schnee befreit. Selbst die bunten Vogelhäuschen waren schneefrei und üppig mit Samen und Nüssen gefüllt.
Eigentlich besaßen Marcello und seine Frau Gabriela ein Eiscafé in der Heidelberger Altstadt. Während der Winterpause übernahm Marcello den Hausmeisterjob bei den Stahls. So konnten sie ganzjährig in Deutschland bleiben und ihren beiden Kindern Stefano und Luca ein geordnetes Leben ermöglichen. Gabriela und Susanne hatten sich auf Anhieb gut verstanden, dennoch war ihre Bekanntschaft nie über einen Kaffeebesuch am Vormittag hinaus gewachsen.
Sie fuhren am Grundstück der Contassis vorbei und Susanne nahm sich vor, den Kontakt zu Gabriela ein wenig zu intensivieren. Es könnte nicht schaden, eine gute Bekannte in der Nähe zu haben. Hatte vielleicht sogar Gabriela oder Marcello die Polizei benachrichtigt, als es zwischen ihr und Mark zum handfesten Streit gekommen war? Sie hatte es eigentlich nie interessiert, wer damals vom Krach etwas mitbekommen hatte. Jetzt allerdings kam ihr der Gedanke, dass derjenige ihr vielleicht eine andere Sicht der Dinge darlegen könnte. Vielleicht war den Contassis bereits vorher schon etwas Merkwürdiges aufgefallen? Sie sollte das Wochenende unbedingt für einen Besuch bei Gabriela nutzen, beschloss sie und ließ den Taxifahrer an der Straße halten. Sie bezahlte und stiefelte zum Eingangsportal. Da sie keinen Schlüssel hatte, musste sie klingeln. Nichts rührte sich, niemand schien zuhause zu sein. Sie klingelte erneut, dieses Mal etwas länger.
„Heute war doch Samstag“, wunderte sie sich. Auch wenn Mark viel zu tun hatte und beschloss samstags ins Büro zu fahren, so schlief er zumindest länger aus. Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es eindeutig zu früh für Mark war, um schon zur Arbeit gefahren zu sein. Sie grummelte und trat von einem Fuß auf den anderen. Vielleicht hätte sie doch vorher anrufen sollen. Ihre Mutter war gestern wieder nach Nürnberg zurückgefahren und wollte erst heute im Laufe des Nachmittages mit Madeleine und Valentin zurück nach Heidelberg kommen.
Susanne stutzte und lauschte. Jemand schlurfte zur Haustür. „Na endlich“, grummelte Susanne, „das wurde auch mal Zeit.“
Die Tür wurde geöffnet und Mark stand mit verwuschelten Haaren vor ihr und band sich gerade seinen Bademantel zu.
„Susanne?“ er schaute sich verwirrt um, „was machst du denn hier?“„Wonach sieht es denn aus?“ fragte sie etwas schnippisch, was ihr gleich leid tat. Schließlich war sie es doch gewesen, die sich nicht angekündigt hatte. Kein Wunder, dass Mark verwirrt war. Sie schob sich an ihm vorbei, durchquerte zielstrebig die Eingangshalle und ließ ihre Tasche vor der Kommode auf den Boden fallen. Mark stand noch immer an der offenen Tür und starrte ihr mit offenem Mund hinterher.
„Was ist?“ fragte sie ihn. „Willst du nicht langsam mal die Tür schließen? Oder erwartest du noch jemanden?“ Ohne ihn weiter zu beachten, zog sie ihren Mantel und die Stiefel aus, ging ohne ein weiteres Wort in das angrenzende Wohnzimmer und ließ ihn einfach in der Eingangshalle stehen. Sie hörte wie er die Haustür schloss und ihr hastig in den Wohnbereich folgte, wo sie es sich bereits auf dem Sofa bequem gemacht hatte.
„Ja, ich muss irgendwie vergessen haben, dass du heute kommst, und dann auch noch so zeitig“, sagte er etwas unsicher und wuselte seine Haare, was er immer tat, wenn er nervös war.
„Wieso war Mark nur so nervös?“ kam es Susanne kurz in den Sinn, wurde aber gleich von Mark abgelenkt, so dass sie diesen Gedanken nicht weiter verfolgen konnte.
„Möchtest du etwas? Soll ich dir einen Tee oder Kaffee machen?“ er stand bereits in der offenen Wohnküche und hantierte mit der Glaskanne herum. „Oder Frühstück? Du hast sicherlich noch nicht gefrühstückt, oder?“
„Ein Tee wäre nicht schlecht“, antwortete sie und wunderte sich ein wenig über seinen Stimmungswechsel. Sie konnte sich nicht erinnern, wann Mark ihr das letzte Mal Frühstück gemacht hatte. Das musste Jahre her sein! „Entlassen bist du doch noch nicht, oder?“ fragte Mark und blickte sie fragend an.
„Nein, nur zum Wochenende beurlaubt. In unseren Kreisen nennt man so etwas Belastungserprobung“, fügte sie leicht ironisch hinzu. „Erinnerst du dich? Wir hatten in der Klinik bereits darüber gesprochen.“ „Ah, ja, natürlich. Belastungserprobung!“ sagte Mark, schien aber nicht so recht bei der Sache zu sein. Stattdessen kramte er im Küchenschrank herum und hielt schließlich das Teei mit einem triumphierenden Lächeln in den Fingern. „Hattest du mir gesagt, dass du kommst? Kann mich so gar nicht daran erinnern?“ er blickte sie fragend an und machte sich wieder an die Zubereitung des Tees. „Ich hätte dich doch abholen oder einen Wagen schicken können.“
„Danke“, antwortete sie kurz, „ging auch so. Wie du siehst bin ich ohne Probleme angekommen. Bin ja schließlich kein Pflegefall.“ Sie legte ihren Kopf auf die Rückenlehne und schloss die Augen. Sie hatte in der Nacht vor Aufregung wenig geschlafen und auch die Anstrengung, sich einmal wieder frei in der Öffentlichkeit zu bewegen, unterschätzt. Müdigkeit breitete sich langsam aus. Sie zog die Wolldecke, die immer über einer Armlehne des Sofas lag, über sich und drehte sich auf die Seite. Mark hatte es in der Zwischenzeit geschafft, den Tee zu bereiten und stellte ihn auf den Couchtisch.
„Ich werde mich mal bürotauglich machen“, sagte er und ging zur Tür. „Ich hol dann gleich auch noch die Tageszeitung und ein paar Brötchen“, rief er ihr etwas lauter von der Tür zu. „Ruh dich erst einmal aus.“
Susanne grummelte nur irgendeine unverständliche Antwort und schlief ein.
Zum richtigen Tiefschlaf schaffte es Susanne nicht, stattdessen ruhte sie im Dämmerschlaf, zumindest hatte sie zwischenzeitlich das Gefühl, sich in einem Zustand zwischen wachen und schlafen zu bewegen. Sie hörte Mark in der Eingangshalle mit seinem Schlüsselbund klimpern und meinte Stimmengemurmel zu vernehmen. War noch jemand anders im Haus? Vielleicht die Contassis. Als die Haustür wieder in das Schloss fiel, schlief Susanne endlich tief ein und wurde erst durch das unbarmherzige Klingeln des Telefons geweckt. Sie schreckte hoch, wusste zunächst überhaupt nicht, wo sie war und machte sich auf die Suche nach diesem verflixten Telefon. „Man, was ist der hartnäckig“, fluchte sie und fand das tragbare Telefon schließlich auf der Küchenzeile.
„Stahl“, meldete sie sich und raufte sich die Haare.
„Hallo Liebes“, hörte sie ihre Mutter flöten, „ich wollte nur Bescheid sagen, dass wir jetzt schon losfahren. Wir kommen also ein wenig früher an als geplant.“
„Mhm, schön“, war alles, was Susanne hervorbrachte und unterdrückte ein Gähnen.
„Geht es die nicht gut, Kind?“ fragte ihre Mutter besorgt. „Seit wann bist du denn zu Hause? Ist Mark nicht da? Übernimm dich nicht.“ Zu viele Fragen und Informationen auf einmal. Susanne versuchte chronologisch zu antworten.
„Seit heute Morgen, so gegen acht, Mark ist, glaube ich nicht da und mir geht es gut, bin nur gerade aus einem Nickerchen hochgeschreckt.“ Sie verspürte keine große Lust, sich weiter der Redeflut ihrer Mutter hinzugeben und versuchte das Gespräch abzuwürgen.„Du, es klingelt gerade an der Tür. Was ist heute nur los hier?“, schwindelte Susanne.
„Ach, ich habe gar nichts gehört. Susanne…“ ihre Mutter wurde unsanft von Susanne unterbrochen. „Muss jetzt an die Tür. Wir sehen uns nachher. Bis denn, tschüs“, sagte Susanne und legte auf.Sie schaute noch einige Zeit in den Telefonhörer und fragte sich, was genau ihre Mutter jetzt gewollt hatte. Sie hatten weder verabredet, wo noch wann sie sich heute treffen wollten. Von daher war Susanne davon ausgegangen, dass ihre Mutter irgendwann im Laufe des Nachmittages oder frühen Abend in Heidelberg eintreffen wird. Vielleicht musste sie auch erst einmal wach werden, dann hatte sie auch bestimmt bessere Laune.
Sie schaute sich im Wohn- und Essbereich um. Mark hatte tatsächlich Brötchen besorgt und einen Speiseplatz auf dem rustikalen Esszimmertisch gedeckt."Wie fürsorglich," dachte Susanne leicht spöttisch. Trotzdem setzte sie sich hin und schenkte sich eine Tasse Tee ein. Mit einem Croissant in der Hand inspizierte sie das Wohnzimmer. Auf den ersten
Blick hatte sich hier nichts geändert. Alles war so wie sie es in Erinnerung hatte. Seltsam, diese Amnesie, dachte Susanne, sie konnte sich so ziemlich an alles erinnern, nur nicht an ihren Ausraster. Gabriela Contassi hatte sich anscheinend liebevoll um ihre Zimmerpflanzen gekümmert, denn die standen in vollster Pracht auf den extra breiten Fensterbänken. Die Familienfotos standen auch alle noch auf dem Kaminsims, ihre Mitbringsel aus den diversen Urlauben waren unverändert vorhanden. Sie ging langsam an der kleinen fahrbaren Bar vorbei und blieb nachdenklich stehen. Irgendetwas war hier anders? Die Bar war Marks Steckenpferd, es fanden nur Spirituosen auf ihr Platz, die er oder Susanne tranken. Während Mark sich gerne dem Whiskey oder einem Weinbrand widmete, hielt sie sich eher an einen trockenen Weißwein oder Champagner. Was jedoch weder Mark noch sie tranken, waren süße Liköre. Und genau so eine Flasche stand hinter den Whiskeyflaschen. Susanne nahm sie in die Hand. „Merkwürdig“, murmelte sie, „ die sieht aus, als ob sie gerade erst angebrochen wurde.“ Und wirklich fehlten maximal zwei oder drei kleine Likörgläser. Hatte Mark während ihrer Abwesenheit etwa wichtige Gäste und deswegen seine Prinzipien geändert? Oder war er etwa auf Liköre umgestiegen? Bei diesem Gedanken musste sie selbst lachen. Das war absolut absurd. Susanne stellte die Flasche zurück und sagte sich, dass es sicherlich eine einfache Erklärung dafür gab. Dennoch blieb ein eigenartiges Gefühl.
Sie setzte ihren Erkundungsrundgang fort. Was suchte sie eigentlich? fragte sie sich als sie in
die Eingangshalle trat. Sie hatte keine Ahnung, musste sie sich eingestehen, sie wollte sich einfach nur ein wenig umschauen, um sich langsam wieder heimisch zu fühlen.
„Eigentlich möchte ich nur zu Hause ankommen“, versuchte sie sich selbst einzureden, „ und deswegen möchte ich mich mit einem Rundgang zurückmelden.“ Tief in sich drin wusste sie, dass es eigentlich etwas ganz anderes war, das sie zu dieser Inspektion trieb.
An der Garderobe in der Eingangshalle blieb sie erneut stehen und betrachtete zunächst ein wenig gedankenverloren die Kleidung, die dort hing.
„Was ist denn das?“ wunderte sie sich und nahm ein edles hellgraues Seidentuch vom Haken. „Das hing doch heute Morgen noch nicht da“, sagte sie laut und holte sich den Moment in ihre Erinnerung, als sie das Haus betrat und ihren Mantel aufhängte. Nein, dieses Tuch war vorhin noch nicht da. Und es war auch definitiv nicht ihr Tuch. Sie stand nämlich nicht auf Seide.„Da stellt sich doch die Frage, wem gehört das und wie kommt das hierher?“ Susanne hielt das Tuch an ihre Nase. Starker Parfümgeruch kam ihr entgegen. Sie nieste zweimal. Auf jeden Fall keines ihrer Düfte, dennoch kam es ihr bekannt vor. Sehr merkwürdig!
Sie überlegte, was sie nun am besten damit anstellen sollte. Sie war sich sicher, dass Mark wissen musste, wer der Besitzer, besser gesagt die Besitzerin war. Denn außer ihr war heute Morgen nur Mark noch im Hause gewesen. Oder? Kurz kam ihr das Stimmengemurmel in ihr Gedächtnis, das sie während ihres Nickerchens wahrgenommen hatte. Während sie sich weiter in der Eingangshalle umschaute, kam ihr eine Idee. Demonstrativ legte sie das Tuch auf die Kommode in der Eingangshalle, wo es jedem, der das Haus betrat, gleich unweigerlich ins Auge fallen musste. „Dann wollen wir doch mal sehen, wie du reagierst, mein lieber Mark“, sagte sie sich und begab sich in den ersten Stock. Oben musste sie zunächst einen Moment verschnaufen. Wie schnell ihr Körper doch an Kondition und Leistungsvermögen nachgelassen hatte. Sie musste unbedingt wieder an ihrer körperlichen Fitness arbeiten, bevor sie endgültig nach Hause entlassen werden sollte. Sie ging an Marks Home Office vorbei, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Marks Büro hatte sie noch nie große Aufmerksamkeit geschenkt. Wenn sie genauer darüber nachdachte wusste sie nicht einmal genau, wie es darin aussah. Susanne hatte keine Ahnung, ob Mark Geheimnisse hinter seiner Tür hatte oder einfach nur nicht wollte, dass jemand seine Ordnung durcheinanderbringen würde. Selbst für die Reinigungskraft war das Büro tabu. Gleich nebenan befand sich Valentins Reich. Hier musste sie einfach einen Blick hineinwerfen. Wie aufgeräumt alles war? Verständlich, denn Valentin war seit ihrer Krankenhauseinlieferung bei ihrer Mutter. Frau Friese, die zweimal in der Woche zum Großreinemachen bei den Stahls vorbeischaute, hatte ganze Arbeit geleistet, um das Chaos, das sonst in Valentins Zimmer herrschte, zu beseitigen. Susanne vermutete allerdings, dass die Ordnung maximal einen Tag anhalten würde.
Madeleine hatte ihr kleines Prinzessinnenzimmer schräg gegenüber von ihrem Bruder. Susanne öffnete langsam die Tür. Sie liebte das Zimmer ihrer Tochter, vielleicht weil sie sich früher als kleines Mädchen selbst immer ein Himmelbett, rosa Decken, Tapeten und einen Tüllvorhang gewünscht hatte. Sie lächelte. So ziemlich alles, was sich in Madeleines Reich befand, war rosa, blassrosa oder rot. Jede andere Farbe hatte zurzeit bei Madeleine keine guten Karten und wurde entweder gar nicht in ihr Zimmer hereingelassen oder schnellstmöglich wieder verbannt. Susanne war aber guter Hoffnung, dass sich der Farbgeschmack ihrer kleinen Tochter mit zunehmendem Alter noch stark verändern würde. Irgendwann stand doch jeder Teenie irgendwann auf schwarz, weiß und grau. Auch in Madeleines Reich war bis auf ein neues Kuscheltier alles unverändert. Bis auf eines. Ein blassrosa Riesenhase mit extrem langen Ohren und weißen Pfoten saß auf Madeleines Kopfkissen. Wahrscheinlich hatte Mark seiner Tochter eine Freude machen und ihr ein bisschen Trost spenden wollen. Niedlich war der XL- Hase schon. Susanne war sie sicher, dass ihn ihre Tochter schon in ihr Herz geschlossen hatte. Sie folgte dem Flur weiter um die Ecke. Rechts ging es in das Badezimmer. Andere würden es eher als eine Badelandschaft oder einen Wellnessbereich bezeichnen. Sie betrat ihre Wohlfühloase. Die weißen Spiegelfliesen waren von Frau Friese wieder einmal auf Hochglanz gebracht worden. Diese Frau kannte jeden Trick, um Glanz und Reinheit in jede Ecke des Hauses zu bringen. Sie fuhr mit ihrem Zeigefinger über das niedrige Kinderwaschbecken. Susanne hatte darauf bestanden, dass ihre Kinder ein Waschbecken in ihrer eigenen Höhe bekommen hatten. Die Zahnpflegeprodukte ihrer Kinder standen sauber aufgereiht, frische Handtücher hingen schon
bereit. Susanne erinnerte sich, dass ihre Mutter den beiden bei sich zu Hause eigene Badutensilien besorgt hatte, damit man nicht immer alles zusammenpacken und hin- und herschleppen musste. Am Erwachsenenwaschbecken blieb sie stehen und schaute ihr Spiegelbild prüfend an. Ein wenig erholter sah sie schon aus, dachte sie. Zumindest waren ihre Augenringe deutlich zurückgegangen und die tiefe Blässe war ebenso einer etwas gesünderen Hautfarbe gewichen. Sie wollte sich gerade dem Whirpool zuwenden, als ihr Blick auf einem Lippenstift hängenblieb. Lippenstift? Sie nahm ihn in die Hand. Ihrer war es mit Sicherheit nicht! Soweit sie informiert war handelte es sich um eine teurere Sorte. Kaminrot? Wer trägt so einen knalligen Lippenstift und was hatte der hier auf ihrem Waschbecken zu suchen? Hatte Mark etwas Übernachtungsgäste, die auch sein Bad benutzt hatten? Schwer vorstellbar. Das Gästezimmer befand sich erstens im Souterrain und zweitens teilte Mark sein Bad nie mit Gästen.
Susanne hörte die Haustür zuschlagen. Dann Kindergeplapper und Getrampel auf der Treppe. Sie schaute auf die Uhr. Meine Güte, dachte sie, schon so spät. Das mussten ihre Mutter mit Valentin und Madeleine sein. Schnell steckte sie den Lippenstift in ihre Hosentasche und lief ihren Kindern entgegen. Lippenstift und Seidentuch waren vorerst vergessen.


Fortsetzung folgt..... 20.11.13

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Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 9
Kapitel 14

Als Susanne am nächsten Tag an der Glastür der geschlossenen Abteilung klingelte, verspürte sie ein eigenartiges Gefühl in der Magengrube. Die erste Nacht in Freiheit hatte sie schon weit von der Zeit in Isolation entfernt. Schwester Ina öffnete Susanne die Tür und freute sich sichtlich, sie wiederzusehen.
„Frau Stahl, was für eine schöne Überraschung! Hätte nicht gedacht, dass Sie so schnell Heimweh nach unserer Station bekommen!“ sie lächelte. „Die Luft unten scheint Ihnen zu gut bekommen.“ Sie zwinkerte ihr zu. „Kommen Sie herein, ich denke, die eine oder andere wird sich sehr über Ihren Besuch freuen.“ Susanne betrat die Station und folgte der Schwester durch den schummerigen Flur, wo noch immer die defekte Deckenleuchte am flackern war. Als sie den Gemeinschaftsraum betrat, fand sie Sarah vor den Fernseher sitzend vor. Sie umarmten sich, als ob sie sich Wochen nicht gesehen hätten. Susanne war nahezu überwältigt von ihren Gefühlen. Freude, Rührung, aber auch ein wenig Wehmut vermischten sich. Sie hatte das Gefühl, Sarah war momentan die einzige, die sie verstand, die sie wirklich verstand, auch ohne vieler Worte.
„Gut siehst du aus“, sagte Susanne, als sie sich aus der Umarmung gelöst hatten und meinte es ehrlich. Zwar hatte Sarahs Haar noch nicht wieder zum alten Glanz zurückgefunden, aber ihr Gesicht hatte eine deutlich gesündere Farbe als gestern. Vor allem aber wirkten Sarahs Augen nicht mehr so tot und abgestumpft. „Danke“, Sarah lächelte, „ich fühle mich auch besser.“ Sie schaute Susanne prüfend an. „Und bei dir so?“ Susanne berichtete ausführlich, was bisher alles passiert war, was sie erfahren hatte und auch, welchen Verdacht sie mittlerweile hatte. Und natürlich von Marks Besuch bei ihr.
„Das hat ja auch ziemlich lange gedauert, bis du darauf gekommen bist, dass dein Mann anscheinend nicht der tolle Typ ist, wie du immer gedacht hast“, meinte Sarah unbeeindruckt von Susannes Erkenntnissen und ließ sich in den Sessel fallen, „man musste dich ja quasi mit den Nase drauf stoßen.“ War sie tatsächlich so blind und taub gewesen? Hatte Sarah etwa schon länger Mark im Verdacht gehabt? Susanne versuchte, Sarah ein wenig zu beschwichtigen. Schließlich war es nur ein Verdacht ist, Beweise hatte sie keine.
„Man Susanne, das ist doch so offensichtlich“, entgegnete Sarah aufgebracht, „da dürfte es kein Problem sein, Beweise zu finden. Du musst nur ein bisschen suchen und bohren! Irgendwann verrät sich jeder, auch der, der sich für clever hält! So wie dein Mann anscheinend!“ sie ließ ihre Beine über der Lehne baumeln. „Schaden kann es da auf keinen Fall, wenn deine Mutter dir ein wenig unter die Arme greift. Zumindest solange du hier festsitzt“, fügte sie hinzu. Die Vorbehalte, die Susanne gegenüber ihrer Mutter als Privatschnüfflerin hatte, verflüchteten sich langsam. Natürlich war es nicht die feine englische Art, den eigenen Ehemann auszuspionieren, aber unter diesen Umständen konnte sie darauf keine Rücksicht nehmen. Hier ging es um weit mehr! Susanne war froh, zumindest emotional ein wenig Unterstützung zu erhalten. Auf jeden Fall fühlte sie sich nicht mehr ganz so alleine und sah ein wenig Licht am Ende des Tunnels. Es verstärkte die Hoffnung in ihr, dass sie es schaffen könnte, nach und nach ihr Gedächtnis- Puzzle wieder zusammen bauen zu können. Auch wenn es schmerzlich werden sollte, wovon sie zurzeit ausging.




Fortsetzung folgt... 20.11.13

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Samstag, 16. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 8
von Kirsten Maria Scholz

Kapitel dreizehn

Susanne zog in ein Zwei- Bett-Zimmer mit integriertem Bad ein. Ihre Mitpatientin Svetlana Soundso, den Nachnamen hatte sie nicht verstanden, war in ihrem Alter und schien ganz in Ordnung zu sein. Zumindest auf den ersten Blick. Sie sprach zwar nur gebrochenes Deutsch und auch mit starkem osteuropäischen Akzent, dennoch klappte es einigermaßen mit der Verständigung. Susanne hatte ohnehin nicht geplant, Freundschaften zu schließen.
Als sie ihre Kleidung in den zugegebenermaßen selbst für ihre wenigen Sachen zu kleinen Schrank einsortierte, dachte sie noch einmal über Sarahs letzte Worte nach. Was genau hatte sie ihr gewünscht? Sie sollte sich den Kerl schnappen, der ihr das alles angetan hat? Was genau meinte sie damit? Etwa, dass es jemanden gab (und vielleicht noch gibt), der ihr vorsätzlich Böses wollte und möglicherweise immer noch will?
Aber wer? Wer hätte erstens etwas davon, sie als unzurechnungsfähiges Monster darzustellen? Und Wer hätte überhaupt die Möglichkeiten gehabt, ihr Tabletten unterzujubeln? Klar fiel ihr als erste Person Mark ein, rein theoretisch. Mark hatte objektiv betrachtet ausreichend Gelegenheiten gehabt, ihre Tabletten zu vertauschen oder falsch zu dosieren. Zudem war ihre Beziehung nicht gerade auf ihrem Höhepunkt. Jetzt mit einigem Abstand betrachtet, würde sie sogar sagen, ihre Beziehung war sogar ziemlich am Ende. Aber wenn sie ehrlich zu sich war, konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen, dass Mark zu solch fiesen, ja fast schon kriminellen Methoden greifen könnte. Was hätte er auch davon für einen Vorteil haben können? Sie musste zugeben, er war nicht immer der treusorgende Familienvater, wie sie ihn sich als junges Mädchen einmal gewünscht hatte. Seine Arbeit hatte immer einen höheren Stellenwert als sie und die Kinder, aber sie absichtlich zugrunde zu richten, das war schon eine andere Liga. Nein, dachte sie und schämte sich fast ein wenig, so von Mark zu denken. Vielleicht hatte Sarah sich auch in etwas verrannt oder es einfach nur so dahergesagt. Immerhin war sie gerade erst von der Intensivstation auf die Geschlossenen zurückverlegt worden, da konnte man mit den Gedanken noch nicht ganz auf der Höhe sein.

Am Nachmittag stand der Besuch ihrer Kinder und ihrer Mutter auf dem Programm. Sie wollte sich das Wiedersehen, auf das sie mittlerweile zehn Tage gewartet hatte, durch niemanden und schon gar nicht durch Gedanken an Mark, ihre Beziehungsprobleme, geschweige denn an irgendwelche Verschwörungstheorien vermiesen lassen.
Ihre Mutter kam am frühen Nachmittag gegen zwei auf die Station. Schwer bepackt mit einer Reisetasche, in der anderen Hand einen riesigen Blumenstrauß. Valentin und Madeleine gingen rechts und links von ihr und schauten sich interessiert um. Als sie Susanne am Ende des Ganges erblickten gab es allerdings für sie kein Halten mehr. Sie rannten auf ihre Mutter zu, die ihre Arme ausbreitete und somit beide Kinder gleichzeitig umarmen konnte. Sie hielt die beiden so sehr fest, als ob sie sie nie wieder loslassen wollte.
„He, Mama, ich kriege keine Luft mehr!“ beschwerte sich Valentin lachend und löste sich aus der Umarmung. Susannes Mutter war mittlerweile schnaufend bei ihrer Tochter angekommen und ließ stöhnend die schwere Reisetasche fallen.
„Hallo Liebes“, sagte sie und hauchte einen flüchtigen Kuss auf Susannes Wange. „Ich dachte mir, ein paar Blumen bringen den Frühling in diese grauen Wände.“ Sie schaute sich etwas unbehaglich um. Susanne fragte sich, welche graue Wandfarbe ihre Mutter meinte oder ob sie zwischenzeitlich eine Farberkennungsstörung erlitten hatte, denn gerade auf dieser Station hatte sich der Innenarchitekt extrem Mühe gegeben und der gesamten Umgebung einen warmen, eher mediterranen Touch verpasst. Da sollte sie sich mal die Innenausstattung der Geschlossenen ansehen!
„Was hast du mir denn alles mitgebracht?“ fragte Susanne erstaunt und warf einen kurzen Blick in die Reisetasche. Sie erkannte einige ihrer extrem schicken Oberteile und Röcke. Alles Kleidungsstücke, die sie sicherlich gerne trug, aber eher als Abendgarderobe oder zu feierlichen Angelegenheiten. Dass sie sich mittlerweile in Jogginghose und Sweatshirt ausgesprochen wohl fühlte, konnte ihre Mutter natürlich nicht wissen und mit Sicherheit auch nicht nachvollziehen.
„Aber Schatz“, ihre Mutter schüttelte ein wenig tadelnd ihren Bubikopf, „Kleider machen bekanntlich Leute und heben die Stimmung. Sie sind Ausdruck der inneren Einstellung. Wenn man äußerlich ein bisschen was aus sich macht, geht`s einem gleich viel besser. Du wirst sehen.“
Susanne erwiderte nichts. Es war sinnlos, gegen die Meinung ihrer Mutter anzureden. Sie bedankte sich höflich und brachte kurz die Tasche in ihr Zimmer, wo sie sie einfach kurzerhand unter ihr Bett schob. Den überdimensionalen Blumenstrauß steckte sie in eine Vase und nahm ihn mit in die Sitzecke auf dem Flur. „Hier haben alle etwas vom Frühling“, sagte sie und fügte auf den fragenden Blick ihrer Mutter hinzu, „in meinem Zimmer steht nur ein kleiner Tisch. Hier kommt er doch viel besser zur Geltung, findest du nicht?“ Ihre Mutter lächelte leicht verstimmt. Für die Allgemeinheit war der Strauß nicht gedacht, aber sie hielt sich mit ihren Äußerungen zurück.
Sie beschlossen, in die Caféteria ins Erdegeschoss zu gehen, wo es eine beachtliche Indoor- Spielecke gab. Da konnten sich ihre Kinder an der Rutsche und dem Klettergerüst austoben, ohne Mutter und Tochter bei ihrer Unterhaltung zu stören.
Susannes Mutter ließ es sich nicht nehmen, Kaffee und Kuchen am Selbstbedienungstresen zu besorgen, die Kinder wurden mit Apfelschorle versorgt. Madeleine und Valentin waren allerdings, wie Susanne schon vermutet hatte, so begeistert von der Spielinsel, dass sie nur zum Tankauffüllen an den Tisch kamen, um dann sofort wieder im Spielzeugland abzutauchen.
Ihre Mutter rührte in ihrem schwarzen Kaffee herum und untersuchte akribisch ihr Tortenstück. Susanne fragte sich, was ihre Mutter da wohl zu finden erwartete, vermutete, dass es eher eine Übersprungshandlung war, weil sie nicht wusste, wie sie mit ihrer Tochter umgehen sollte. Susanne beschloss, ihr die Hürde abzunehmen. „Und, wie geht es euch?“ fragte sie und ging davon aus, dass diese Frage eher unverfänglich war. Susannes Mutter legte ihre Kuchengabel ab und schaute ihre Tochter an.
„Was glaubst du, wie es uns geht?“ der Vorwurf war nicht zu überhören. „Wir sind sehr besorgt. Erst einmal natürlich um dich, aber auch um Mark, das Büro und euch als Familie. Kind, was war eigentlich los mit dir?“ sie schüttelte verständnislos ihren Kopf. „Auf meinem Geburtstag war doch noch alles in Ordnung, bis du dich mit diesem Heidelberger Staatsanwalt unterhalten hast.“ Susanne stutzte. Davon hörte sie zum ersten Mal. Welcher Heidelberger Staatsanwalt? Sie kannte keinen Staatsanwalt in Heidelberg.
„Was meinst du?“ fragte sie stirnrunzelnd. „Mit wem soll ich mich unterhalten haben?“
„Wie, was meine ich? Du wirst dich doch wohl noch an Dr. Fries erinnern“, sagte sie leicht gereizt. „Schließlich hast du dich ziemlich lange und sehr angeregt mit ihm unterhalten“, fügte sie schnippisch hinzu. „Ich dachte noch, wie kann Susanne nur so schamlos mit einem fremden Mann flirten und dass, wo ihr eigener nicht dabei ist." Susanne schwieg. Sie kannte ihre Mutter zu gut. Wenn sie erst einmal in Fahrt war, ließ man sie am besten ausreden. „Ich habe absolut keine Ahnung, was der werte Herr dir für Flausen in den Kopf gesetzt hat“, fuhr sie aufgeregt fort und nestelte unruhig an ihrer Serviette herum, „aber es hat dich sehr aus der Fassung gebracht. Du hast sogar ein Sektglas in deiner Hand zerdrückt! Damit aber nicht genug“, sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor ihrer Brust, „du hast Schimpfworte benutzt, die man vielleicht auf der Straße verwendet, aber doch nicht in unseren Kreisen. Susanne, dein gesamtes Auftreten an diesem Abend war beschämend und peinlich. Dein Vater hat heute noch Probleme, sich in seinem Golfclub zu zeigen.“ Was nicht mein Problem ist, dachte Susanne säuerlich und ertrug weiter geduldig die Ausschweifungen ihrer aufgebrachten Mutter. „Und dann rennst du einfach aus der Empfangshalle raus, anscheinend ohne bemerkt zu haben, dass du alles vollgeblutet hast und fährst ohne Verabschiedung zurück nach Heidelberg, lässt deine Kinder im Stich!“ Susanne setzte zu einer Erwiderung an, kam aber nicht zu Wort. „Ja, im Stich, Susanne! Das muss jetzt mal gesagt werden! Da gibt es keine zwei Meinungen.“ Susannes Mutter strich die Serviette auf ihren Knien glatt. „Und dann legst du Mark dermaßen eine Szene hin, der ja nun wirklich nichts dafür kann und blamierst ihn vor seinen Geschäftskunden. Da ist es kein Wunder, dass er sich distanziert. Hast du dich einmal nur in Marks Lage versetzt?“ Susanne hatte genug. Mark hier, Mark da- immer war sie diejenige, die an allem schuld war. Sie holte tief Luft und funkelte ihre Mutter an.
„Vielleicht hörst du dir auch mal meine Version an und wie es mir erging und jetzt auch noch geht, bevor du dir irgendein Urteil bildest“, wies sie ihre Mutter scharf zurecht. „Ich weiß nicht, warum ich Hals über Kopf aus Nürnberg weg bin, auch kenne ich keinen Anwalt Fries. Ich habe auch keine Ahnung, was zuhause passiert ist. Ich kann mich an nichts erinnern! Das ist im Übrigen meine Diagnose, die nicht ich gestellt habe, sondern die Ärzte hier. Was ich aber weiß ist, dass jemand absichtlich meine Tabletten vertauscht und falsch dosiert hat.“ Ihre Mutter zog eine Augenbraue hoch. Es war ihr anzusehen, dass sie nicht so recht glauben konnte, was ihre Tochter von sich gab.
„Da brauchst du gar nicht so skeptisch zu schauen“, fuhr Susanne ihre Mutter an, „die Blutwerte sagen eindeutig, dass ich unkontrolliert Aufputschmittel und Schlafmittel geschluckt habe. Habe ich aber nicht! Wer macht auch sowas, das wäre doch total widersinnig! Und ob es mir einer von euch nun glaubt oder nicht, ich weiß, ich habe nie Coffeintabletten genommen, sondern nur die Schlaftabletten, die Dr. Semmel mir verschrieben hatte.“ Sie schwieg und ließ ihre Worte bei ihrer Mutter sacken. Die schaute sie weiterhin völlig ungläubig an.
„Und deiner Meinung nach steckt dein Mann dahinter? Aber Kind, was hätte er denn davon?“
„Das weiß ich nicht“, gab Susanne zu und fand wieder zu ihrer inneren Ruhe zurück, „aber er steht nun mal ganz vorne auf meiner Liste der Verdächtigen. Kein anderer wusste davon oder hatte Zugriff auf die Tabletten.“
Susannes Mutter dachte ein wenig nach. Sie hatte sich mittlerweile auch ein wenig beruhigt und schien Susannes Gedanken nicht mehr allzu abwegig zu finden.
„Nun ja, merkwürdig ist es schon. Von dieser Tablettengeschichte hatte ich ja keine Ahnung!“ Sie überlegte. „Vielleicht hast du ja bei deinem Gespräch mit dem Staatsanwalt etwas erfahren, was dich dermaßen in Aufruhr versetzt hat? Das macht zumindest Sinn, denn schließlich war Dr. Fries der letzte mit dem du gesprochen hast.“ Sie kramte in ihrer Handtasche und holte ihr Portemonnaie heraus. „Hier habe ich auch irgendwo seine Visitenkarte“, sie durchsuchte die Geldbörse, „ah hier.“ Sie reichte Susanne die Karte. „Vielleicht solltest du dich noch einmal mit ihm unterhalten“, schlug sie vor, „das könnte ein wenig Licht ins Dunkle bringen.“ Susanne nickte. Schaden konnte es auf keinen Fall, dachte sie sich. Sie musste auf jeden Fall alle ihr zur Verfügung stehenden Quellen nutzen.
„Ich ziehe jetzt ja ohnehin zu Mark, solange du noch hier in der Klinik bist“, überlegte Susannes Mutter weiter, „ich könnte ja ein wenig die Augen und Ohren offenhalten, wenn du nichts dagegen hast.“
Susanne überlegte kurz. Eigentlich wollte sie ihre Mutter nicht zu Spionagezwecken engagieren. Da sie ihre Mutter aber gut kannte, wusste sie auch, dass egal, was Susanne dazu sagen würde, sie sich trotzdem umschauen würde. Wahrscheinlich würde sie sich sogar in der Rolle der Miss Marple gefallen. Susanne stimmte also zu, bat sie aber, nicht allzu auffällig zu agieren, so dass Mark keinen Verdacht schöpfte.


Fortsetzung folgt.... 17.11.13

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Freitag, 15. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 7
von Kirsten Maria Scholz

Kapitel zwölf

Lange hallte das Gespräch in Susanne Kopf nach. Was war nur mit Mark und ihr passiert? Sie hatten schon häufiger gestritten oder eine Meinungsverschiedenheit gehabt, aber so unbeherrscht hatte sie Mark noch nie erlebt, zumindest nicht im Umgang mit ihr. Seine gesamte Grundhaltung hatte sie als abweisend und verletzend empfunden, ja geradezu abwertend. Nicht eine Geste des Mitgefühls oder des Bedauerns, geschweige denn ein Hauch von Verständnis, stattdessen nur frostige Kälte und Ablehnung.
„Das entsteht doch nicht von jetzt auf gleich!“ mahnte ihre innere Stimme.
Sicherlich war ihr Auftreten und Verhalten an dem besagten Abend peinlich und nicht förderlich für den Vertragsabschluss gewesen, wenn es denn wirklich so gewesen ist, wie Mark ihr an den Kopf geworfen hat. Aber sie war immerhin seine Ehefrau und, für sie ein wesentlicher Punkt, anscheinend doch in irgendeiner Form psychisch krank. Bei allem Verständnis für seine Situation, diese Reaktion hatte sie nicht erwartet. Schließlich hatten sie sich durch das Ehegelöbnis geschworen, in guten wie in schlechten Tagen zusammenzuhalten. Zugegeben diese Tage waren mehr als schlecht, aber gerade in solchen Zeiten zeigte sich, ob man sich aufeinander verlassen konnte.
Susanne versuchte zu ergründen, wann es zwischen ihr und Mark anfing, weniger harmonisch zu sein. Der erste Einschnitt in ihrer beider Leben war sicherlich die erste Schwangerschaft, durch die Mark sich irgendwie genötigt oder gedrängt fühlte, Susanne zu heiraten, obwohl sie es nie von ihm verlangt hatte. Nach der Fehlgeburt dann herrschte zwischen Mark und Susanne quasi Funkstille, Susanne zog sich immer weiter aus dem sozialen Leben zurück und Mark stürzte sich in seine Arbeit. Es war aber hier schon kein Zusammenleben, sondern eher ein Nebeneinanderherleben. Dann kam Valentin, ein paar Jahre später Madeleine und Susanne war mehr und mehr Mutter als Ehefrau und Partnerin. Allerdings sah Susanne die alleinige Schuld nicht zwingend bei sich. Auch Mark hatte sich verändert, sein Lebensmit-telpunkt wurde die Arbeit und nicht wie für sie die Familie. Susanne arrangierte sich schnell mit ihren neuen Aufgaben und glaubte irgendwann selbst, dass Mark eigentlich nur mit zu viel Arbeit überschüttet wurde, als dass er das Interesse am Familienleben verloren hatte. Hatte er jemals Interesse gehabt, fragte sie sich jetzt. Sie hatte sich nie gefragt, ob Mark die Arbeit nur vorschob und sich vielleicht anderweitig vergnügte. In diese Richtung hatte sie nicht einmal ansatzweise gedacht. Für sie waren Treue und Vertrauen die Hauptsäulen einer Ehe. Ohne sie war alles andere sinnlos.
Jetzt betrachtete sie alles etwas skeptischer. Mark war als Junggeselle immer ein Schürzenjäger und Frauenschwarm gewesen. Warum sollte er sich durch Kinder und eine Frau, die sich in den letzten Jahren ohnehin mehr und mehr zurückgezogen hatte, geändert haben?
Susanne lag noch lange wach. Es war ihre letzte Nacht auf der Geschlossenen. Nach dem Besuch von Mark hatte sie noch ein kurzes Gespräch mit Dr. Glück geführt, der ihre Gefühlslage für absolut adäquat und stabil gehalten, so dass er einer Verlegung nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Einerseits war sie froh, die geschlossene Tür hinter sich zu lassen, andererseits hatte sie doch Bedenken, ja, gestand sie sich ein, sie hatte regelrecht Angst vor „draußen“. Die geschlossene Station und auch ihr Einzelzimmer waren für sie eine sichere Rückzugsinsel geworden. Auf der offenen Station würde sie sich ein Zimmer mit einer anderen Patientin teilen müssen. Auch beherbergte die Station wesentlich mehr Patienten, was immer zu größeren und häufigeren Konflikten führte. Da sie immer noch nicht wusste, was der Auslöser ihrer Amnesie war und vor allem ihres Ausrasters, hatte sie stets die Befürchtung, dass es irgendwann wieder geschehen würde. Vor allem unter vielen und vor allem fremden Menschen. Das einzig Positive an der Verlegung war natürlich, dass sie ihre Kinder nun regelmäßig und öfter sehen konnte. Sie konnte jederzeit Besuch empfangen oder auch zu Besuch nach Hause fahren. Mit ihrer Mutter hatte sie bereits gestern Abend diesbezüglich telefonisch eine Vereinbarung getroffen, die allen Beteiligten Recht sein würde. Ihre Mutter würde am Wochenende mit den Kindern nach Heidelberg kommen und bei Mark und Susanne übergangsweise wohnen, zumindest erst einmal solange Susanne noch in der Klinik bleiben musste. Für die Kinder war das sicherlich die beste Lösung. Sie waren erstens in ihrer gewohnten Umgebung und zweitens hatten sie ihre Mutter in der Nähe und konnten sie jeden Tag sehen oder mit ihr telefonieren. Das alleine war für Susanne schon Grund genug, diese Lösung als optimal anzusehen. Sie hatte kurz überlegt, wie Mark reagieren würde, wenn sie ihm seine Schwiegermutter vor die Nase bzw. ins Haus setzte, hatte dann aber entschieden, dass es nach diesem Besuch heute Vormittag nicht mehr ihr Problem war. Sollte er sehen, wie er mit der Anwesenheit von einer in seinen Augen durchgeknallten Ehefrau und der dazugehörigen Schwiegermutter klar kam. Mit diesen Gedanken schlief sie ziemlich angespannt ein und wurde in den frühen Morgenstunden durch einen unangenehmen Traum hochgeschreckt.
Es war nicht diese Form von Alpträumen, in denen man tiefer und tiefer fällt und nichts machen kann oder in denen man vor Geistern, Vampiren oder abgrundtief bösen Menschen aus dem Spielfilm flieht, den man sich abends mit Freunden angeschaut hatte. Nein, sie konnte sich nicht direkt an alles erinnern. Nur, dass Mark eine Rolle spielte und Tabletten. Der Traum endete in einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen ihr und einer anderen Person, die sie nicht erkennen konnte.
„Na super, nun träume ich auch schon von dem Scheiß“, dachte sie und ärgerte sich ein wenig darüber. Nicht einmal im Schlaf hatte man seine Ruhe. Den Grund oder den Auslöser dieses Traumes sah sie im Gespräch mit Mark am Nachmittag. Sie hatte irgendwann mal gehört oder gelesen, dass Träume etwas mit Verarbeitung zu tun hat. Wenn man sich allerdings an den Traum erinnert, so hatte man für sich etwas emotional noch nicht abgeschlossen. Auf ihren Traum projiziert machte es durchaus Sinn, dachte sie sich, denn verarbeitet hatte sie weder das Gespräch noch die Vorfälle des Abends ihrer Einweisung.
Draußen war es noch dunkel, als sie sich ein letztes Mal in ihr "eigenes" Bad begab. Ab sofort musste sie sich wahrscheinlich ein Gemeinschaftsbad mit mehreren Patientinnen teilen. Hoffentlich gab es kein Bad auf dem Flur. Womit sie auch Probleme hatte, waren Frauen, die für die Morgentoilette übertrieben lange brauchten und damit den ganzen Verkehr lahmlegten. Sie versuchte diese negativen Gedanken beiseite zu schieben. Ihr fiel diesbezüglich ein wirklich weiser Spruch ihrer Großmutter ein: Vergeude keine Energie an Dinge, die du sowieso nicht ändern kannst. Bei dem Gedanken an ihre Großmutter musste Susanne lächeln. Oma Inge war die Mutter ihres Vaters und eine Großmutter wie man sie sich als Enkelin vorstellt. Sie hatte stets ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Enkelin, ihr überaus freundliches und gutmütiges Wesen erleichterten Susanne den Weg zu ihr, wenn mal wieder etwas schiefgelaufen war. Meistens ging es dabei um die mangelnde Kommunikationsfähigkeit ihrer Eltern. Im Gegensatz zu ihren Eltern, die sicherlich nur das Beste für ihre Tochter wollten, gab es bei Oma Inge nie Vorwürfe oder Vorhaltungen, sondern sie versuchte gemeinsam mit Susanne nach Lösungen zu suchen. Oma Inge wollte nicht nur das Beste für Susannes Leben, sondern, dass sie sich wohl fühlte in ihrer Haut. Als ihre Oma vor 15 Jahren unerwartet an den Folgen eines Herzinfarkt starb, brach für Susanne eine Welt zusammen. Lange hatte sie um ihre Großmutter getrauert, war fast täglich zum Friedhof gegangen, um frische Blumen aufs Grab zu legen und sich in Gedanken in ein Zwiegespräch mit ihr zu begeben. Mittlerweile konnte sie wieder mit einem Lächeln im Gesicht an ihre Oma denken und sich auch an ihre Ratschläge und Lebensweisheiten erinnern.
Susanne begann ihre wenigen Dinge zusammenzupacken. Die Anziehsachen hatte sie schnell in der Sporttasche verstaut, die Badutensilien verpackte sie in einer Plastiktüte. Nicht mal an eine Kulturtasche hatte Mark gedacht. Sie löste die Klebestreifen von der Wand über ihrem Bett, mit denen sie Postkarten und Bilder ihrer Kinder aufgehängt hatte. Die mussten auf jeden Fall mit. Ebenso ihre in der Ergotherapie selbstgestalteten Bilder. Mit der Zeit hatte sie richtig Gefallen an der Malerei gefunden. Vielleicht sollte sie damit auch zu Hause weitermachen. Wieso eigentlich nicht, fragte sie sich. Lange genug hatte sie auf Hobbies und Freiräume verzichtet. Es wurde langsam Zeit, dass sich etwas änderte und sie mehr an sich dachte. Sie konnte sich doch den Abstellraum im Obergeschoss in ein kleines Atelier umgestaltete.
Schwester Ina riss sie beinahe unsanft in die Wirklichkeit zurück, als sie an der Zimmertürklopfte und kurz ihren Kopf hereinsteckte, um Susanne ans Frühstück zu erinnern. Die Stimmung am Frühstückstisch war an diesem Morgen leicht gedrückt. Lisbeth, die älteste unter ihnen, sprach aus, was alle dachten.
„Für dich ist es schön, dass du gehst. Wer will schon ewig hierbleiben. Aber für die, die hierbleiben, ist es jedes Mal wieder ein Schlag ins Gesicht, wenn eine von uns geht.“
Susanne stellte ihre Tasse ab und blickte ihre Mitpatienten der Reihe nach an. „Aber das ist hier doch keine Langzeitstation“, versuchte Susanne die anderen aufzumuntern. „Hey, auch ihr werdet früher oder später entlassen. Jeder ist halt verschieden, der eine kommt schnell wieder auf die Füße und beim anderen dauert es eben länger.“
Lisbeth schaute Susanne ziemlich niedergeschlagen an. „Weißt du, ich habe die letzten fünf Patientinnen kommen und vor mir wieder gehen sehen. Das nimmt einen ein wenig die Hoffnung“, sie schob den letzten Bissen ihres Brötchens in den Mund. „Ich hoffe, du schaffst es und kommst nicht wieder zurück. Ist in den seltensten Fällen nämlich so. Früher oder später fällt fast jede von uns wieder in ein Loch oder eine Krise. Und dann bist du schneller wieder hier als du „puff“ sagen kannst.“
Susanne wusste, dass Lisbeth recht hatte. Die meisten ihrer Mitpatienten waren chronisch erkrankt und hatten schon mehrfach einen stationären Aufenthalt hinter sich, auch auf der geschlossenen Station. Von daher fielen ihr auch keine schlagkräftigen Gegenargumente mehr ein, deswegen ließ sie das Gesagte einfach so stehen. Jemand betrat den Gemeinschaftsraum. Da Susanne jedoch mit dem Rücken zur Tür saß, konnte sie nicht sehen, um wen es sich handelte. Lisbeth sprang jedoch sofort auf und lief zur Tür. Es musste also jemand Bekanntes sein. Susanne drehte sich zur Tür um und schlagartig schossen ihr Tränen in die Augen. „Sarah“, flüsterte sie und sprang ebenfalls auf, um ihre Freundin in den Arm zu nehmen. „Sarah, wie schön, dass ich dich noch zu sehen kriege.“ Sie schluckte ihre Tränen runter und schaute Sarah ernst an. Sarah war ungeheuer abgemagert, die Haare stumpf und glanzlos, ihre Augen hatten den sprühenden Charme verloren. Sie schlurfte zum Frühstückstisch und ließ sich kraftlos auf ihren Platz fallen.
„So, da bin ich wieder“, verkündete sie tonlos, „wie es ausschaut, hat sich hier nicht viel verändert.“ Sie schaute demonstrativ, aber ohne wirkliches Interesse zu zeigen um. Susanne musterte Sarah kritisch.
„Du hast Glück, dass du Susanne noch erwischst“, Lisbeth lächelte Susanne wohlwollend zu, „die hat es nämlich geschafft und darf uns heute verlassen.“ Sarah drehte Susanne den Kopf zu und zeigte zum ersten Mal eine Reaktion. Susanne glaubte so eine Mischung aus Traurigkeit und Stolz zu erkennen.
„Ich hab gleich gewusst, dass du nich`wirklich eine von uns bist!" sie setzte ein äußerst schiefes Grinsen auf. "Freu mich ehrlich für dich, Susanne. Du musst mir nur eines versprechen.“ Susanne musste sich zu Sarah hinunter beugen, um etwas zu verstehen, so leise sprach ihre Freundin.
„Und das wäre?“ fragte sie nach.
„Du musst alles daran setzen, hier nicht wieder aufzuschlagen. Wenn es jemand von uns schafft, dann du.“Susanne stiegen wieder Tränen in die Augen, dieses Mal vor Rührung.
„Versprochen!“ sagte sie und nahm sich vor, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um dieses Versprechen nicht zu brechen. Schwester Ina kam aus dem Schwesternzimmer.
„Na, Frau Stahl, wie sieht es aus? Haben Sie sich von allen verabschiedet?“
Susanne nickte schweigend. Sarah folgte ihr schweren Schrittes zur Stationstür.
„Ich komm dich besuchen“, versprach Susanne und umarmte ihre Freundin, als ob sie sie nie wieder loslassen möchte.
„Pass auf dich auf“, raunte Sarah ihr zu, „ und mach den Kerl fertig, der dir das alles hier angetan hat.“



Fortsetzung folgt..... 16.11.13

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Letzte Aktualisierung: 2014.04.11, 01:13
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