Shortys Gedankenwelt
Freitag, 15. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 7
von Kirsten Maria Scholz

Kapitel zwölf

Lange hallte das Gespräch in Susanne Kopf nach. Was war nur mit Mark und ihr passiert? Sie hatten schon häufiger gestritten oder eine Meinungsverschiedenheit gehabt, aber so unbeherrscht hatte sie Mark noch nie erlebt, zumindest nicht im Umgang mit ihr. Seine gesamte Grundhaltung hatte sie als abweisend und verletzend empfunden, ja geradezu abwertend. Nicht eine Geste des Mitgefühls oder des Bedauerns, geschweige denn ein Hauch von Verständnis, stattdessen nur frostige Kälte und Ablehnung.
„Das entsteht doch nicht von jetzt auf gleich!“ mahnte ihre innere Stimme.
Sicherlich war ihr Auftreten und Verhalten an dem besagten Abend peinlich und nicht förderlich für den Vertragsabschluss gewesen, wenn es denn wirklich so gewesen ist, wie Mark ihr an den Kopf geworfen hat. Aber sie war immerhin seine Ehefrau und, für sie ein wesentlicher Punkt, anscheinend doch in irgendeiner Form psychisch krank. Bei allem Verständnis für seine Situation, diese Reaktion hatte sie nicht erwartet. Schließlich hatten sie sich durch das Ehegelöbnis geschworen, in guten wie in schlechten Tagen zusammenzuhalten. Zugegeben diese Tage waren mehr als schlecht, aber gerade in solchen Zeiten zeigte sich, ob man sich aufeinander verlassen konnte.
Susanne versuchte zu ergründen, wann es zwischen ihr und Mark anfing, weniger harmonisch zu sein. Der erste Einschnitt in ihrer beider Leben war sicherlich die erste Schwangerschaft, durch die Mark sich irgendwie genötigt oder gedrängt fühlte, Susanne zu heiraten, obwohl sie es nie von ihm verlangt hatte. Nach der Fehlgeburt dann herrschte zwischen Mark und Susanne quasi Funkstille, Susanne zog sich immer weiter aus dem sozialen Leben zurück und Mark stürzte sich in seine Arbeit. Es war aber hier schon kein Zusammenleben, sondern eher ein Nebeneinanderherleben. Dann kam Valentin, ein paar Jahre später Madeleine und Susanne war mehr und mehr Mutter als Ehefrau und Partnerin. Allerdings sah Susanne die alleinige Schuld nicht zwingend bei sich. Auch Mark hatte sich verändert, sein Lebensmit-telpunkt wurde die Arbeit und nicht wie für sie die Familie. Susanne arrangierte sich schnell mit ihren neuen Aufgaben und glaubte irgendwann selbst, dass Mark eigentlich nur mit zu viel Arbeit überschüttet wurde, als dass er das Interesse am Familienleben verloren hatte. Hatte er jemals Interesse gehabt, fragte sie sich jetzt. Sie hatte sich nie gefragt, ob Mark die Arbeit nur vorschob und sich vielleicht anderweitig vergnügte. In diese Richtung hatte sie nicht einmal ansatzweise gedacht. Für sie waren Treue und Vertrauen die Hauptsäulen einer Ehe. Ohne sie war alles andere sinnlos.
Jetzt betrachtete sie alles etwas skeptischer. Mark war als Junggeselle immer ein Schürzenjäger und Frauenschwarm gewesen. Warum sollte er sich durch Kinder und eine Frau, die sich in den letzten Jahren ohnehin mehr und mehr zurückgezogen hatte, geändert haben?
Susanne lag noch lange wach. Es war ihre letzte Nacht auf der Geschlossenen. Nach dem Besuch von Mark hatte sie noch ein kurzes Gespräch mit Dr. Glück geführt, der ihre Gefühlslage für absolut adäquat und stabil gehalten, so dass er einer Verlegung nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Einerseits war sie froh, die geschlossene Tür hinter sich zu lassen, andererseits hatte sie doch Bedenken, ja, gestand sie sich ein, sie hatte regelrecht Angst vor „draußen“. Die geschlossene Station und auch ihr Einzelzimmer waren für sie eine sichere Rückzugsinsel geworden. Auf der offenen Station würde sie sich ein Zimmer mit einer anderen Patientin teilen müssen. Auch beherbergte die Station wesentlich mehr Patienten, was immer zu größeren und häufigeren Konflikten führte. Da sie immer noch nicht wusste, was der Auslöser ihrer Amnesie war und vor allem ihres Ausrasters, hatte sie stets die Befürchtung, dass es irgendwann wieder geschehen würde. Vor allem unter vielen und vor allem fremden Menschen. Das einzig Positive an der Verlegung war natürlich, dass sie ihre Kinder nun regelmäßig und öfter sehen konnte. Sie konnte jederzeit Besuch empfangen oder auch zu Besuch nach Hause fahren. Mit ihrer Mutter hatte sie bereits gestern Abend diesbezüglich telefonisch eine Vereinbarung getroffen, die allen Beteiligten Recht sein würde. Ihre Mutter würde am Wochenende mit den Kindern nach Heidelberg kommen und bei Mark und Susanne übergangsweise wohnen, zumindest erst einmal solange Susanne noch in der Klinik bleiben musste. Für die Kinder war das sicherlich die beste Lösung. Sie waren erstens in ihrer gewohnten Umgebung und zweitens hatten sie ihre Mutter in der Nähe und konnten sie jeden Tag sehen oder mit ihr telefonieren. Das alleine war für Susanne schon Grund genug, diese Lösung als optimal anzusehen. Sie hatte kurz überlegt, wie Mark reagieren würde, wenn sie ihm seine Schwiegermutter vor die Nase bzw. ins Haus setzte, hatte dann aber entschieden, dass es nach diesem Besuch heute Vormittag nicht mehr ihr Problem war. Sollte er sehen, wie er mit der Anwesenheit von einer in seinen Augen durchgeknallten Ehefrau und der dazugehörigen Schwiegermutter klar kam. Mit diesen Gedanken schlief sie ziemlich angespannt ein und wurde in den frühen Morgenstunden durch einen unangenehmen Traum hochgeschreckt.
Es war nicht diese Form von Alpträumen, in denen man tiefer und tiefer fällt und nichts machen kann oder in denen man vor Geistern, Vampiren oder abgrundtief bösen Menschen aus dem Spielfilm flieht, den man sich abends mit Freunden angeschaut hatte. Nein, sie konnte sich nicht direkt an alles erinnern. Nur, dass Mark eine Rolle spielte und Tabletten. Der Traum endete in einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen ihr und einer anderen Person, die sie nicht erkennen konnte.
„Na super, nun träume ich auch schon von dem Scheiß“, dachte sie und ärgerte sich ein wenig darüber. Nicht einmal im Schlaf hatte man seine Ruhe. Den Grund oder den Auslöser dieses Traumes sah sie im Gespräch mit Mark am Nachmittag. Sie hatte irgendwann mal gehört oder gelesen, dass Träume etwas mit Verarbeitung zu tun hat. Wenn man sich allerdings an den Traum erinnert, so hatte man für sich etwas emotional noch nicht abgeschlossen. Auf ihren Traum projiziert machte es durchaus Sinn, dachte sie sich, denn verarbeitet hatte sie weder das Gespräch noch die Vorfälle des Abends ihrer Einweisung.
Draußen war es noch dunkel, als sie sich ein letztes Mal in ihr "eigenes" Bad begab. Ab sofort musste sie sich wahrscheinlich ein Gemeinschaftsbad mit mehreren Patientinnen teilen. Hoffentlich gab es kein Bad auf dem Flur. Womit sie auch Probleme hatte, waren Frauen, die für die Morgentoilette übertrieben lange brauchten und damit den ganzen Verkehr lahmlegten. Sie versuchte diese negativen Gedanken beiseite zu schieben. Ihr fiel diesbezüglich ein wirklich weiser Spruch ihrer Großmutter ein: Vergeude keine Energie an Dinge, die du sowieso nicht ändern kannst. Bei dem Gedanken an ihre Großmutter musste Susanne lächeln. Oma Inge war die Mutter ihres Vaters und eine Großmutter wie man sie sich als Enkelin vorstellt. Sie hatte stets ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Enkelin, ihr überaus freundliches und gutmütiges Wesen erleichterten Susanne den Weg zu ihr, wenn mal wieder etwas schiefgelaufen war. Meistens ging es dabei um die mangelnde Kommunikationsfähigkeit ihrer Eltern. Im Gegensatz zu ihren Eltern, die sicherlich nur das Beste für ihre Tochter wollten, gab es bei Oma Inge nie Vorwürfe oder Vorhaltungen, sondern sie versuchte gemeinsam mit Susanne nach Lösungen zu suchen. Oma Inge wollte nicht nur das Beste für Susannes Leben, sondern, dass sie sich wohl fühlte in ihrer Haut. Als ihre Oma vor 15 Jahren unerwartet an den Folgen eines Herzinfarkt starb, brach für Susanne eine Welt zusammen. Lange hatte sie um ihre Großmutter getrauert, war fast täglich zum Friedhof gegangen, um frische Blumen aufs Grab zu legen und sich in Gedanken in ein Zwiegespräch mit ihr zu begeben. Mittlerweile konnte sie wieder mit einem Lächeln im Gesicht an ihre Oma denken und sich auch an ihre Ratschläge und Lebensweisheiten erinnern.
Susanne begann ihre wenigen Dinge zusammenzupacken. Die Anziehsachen hatte sie schnell in der Sporttasche verstaut, die Badutensilien verpackte sie in einer Plastiktüte. Nicht mal an eine Kulturtasche hatte Mark gedacht. Sie löste die Klebestreifen von der Wand über ihrem Bett, mit denen sie Postkarten und Bilder ihrer Kinder aufgehängt hatte. Die mussten auf jeden Fall mit. Ebenso ihre in der Ergotherapie selbstgestalteten Bilder. Mit der Zeit hatte sie richtig Gefallen an der Malerei gefunden. Vielleicht sollte sie damit auch zu Hause weitermachen. Wieso eigentlich nicht, fragte sie sich. Lange genug hatte sie auf Hobbies und Freiräume verzichtet. Es wurde langsam Zeit, dass sich etwas änderte und sie mehr an sich dachte. Sie konnte sich doch den Abstellraum im Obergeschoss in ein kleines Atelier umgestaltete.
Schwester Ina riss sie beinahe unsanft in die Wirklichkeit zurück, als sie an der Zimmertürklopfte und kurz ihren Kopf hereinsteckte, um Susanne ans Frühstück zu erinnern. Die Stimmung am Frühstückstisch war an diesem Morgen leicht gedrückt. Lisbeth, die älteste unter ihnen, sprach aus, was alle dachten.
„Für dich ist es schön, dass du gehst. Wer will schon ewig hierbleiben. Aber für die, die hierbleiben, ist es jedes Mal wieder ein Schlag ins Gesicht, wenn eine von uns geht.“
Susanne stellte ihre Tasse ab und blickte ihre Mitpatienten der Reihe nach an. „Aber das ist hier doch keine Langzeitstation“, versuchte Susanne die anderen aufzumuntern. „Hey, auch ihr werdet früher oder später entlassen. Jeder ist halt verschieden, der eine kommt schnell wieder auf die Füße und beim anderen dauert es eben länger.“
Lisbeth schaute Susanne ziemlich niedergeschlagen an. „Weißt du, ich habe die letzten fünf Patientinnen kommen und vor mir wieder gehen sehen. Das nimmt einen ein wenig die Hoffnung“, sie schob den letzten Bissen ihres Brötchens in den Mund. „Ich hoffe, du schaffst es und kommst nicht wieder zurück. Ist in den seltensten Fällen nämlich so. Früher oder später fällt fast jede von uns wieder in ein Loch oder eine Krise. Und dann bist du schneller wieder hier als du „puff“ sagen kannst.“
Susanne wusste, dass Lisbeth recht hatte. Die meisten ihrer Mitpatienten waren chronisch erkrankt und hatten schon mehrfach einen stationären Aufenthalt hinter sich, auch auf der geschlossenen Station. Von daher fielen ihr auch keine schlagkräftigen Gegenargumente mehr ein, deswegen ließ sie das Gesagte einfach so stehen. Jemand betrat den Gemeinschaftsraum. Da Susanne jedoch mit dem Rücken zur Tür saß, konnte sie nicht sehen, um wen es sich handelte. Lisbeth sprang jedoch sofort auf und lief zur Tür. Es musste also jemand Bekanntes sein. Susanne drehte sich zur Tür um und schlagartig schossen ihr Tränen in die Augen. „Sarah“, flüsterte sie und sprang ebenfalls auf, um ihre Freundin in den Arm zu nehmen. „Sarah, wie schön, dass ich dich noch zu sehen kriege.“ Sie schluckte ihre Tränen runter und schaute Sarah ernst an. Sarah war ungeheuer abgemagert, die Haare stumpf und glanzlos, ihre Augen hatten den sprühenden Charme verloren. Sie schlurfte zum Frühstückstisch und ließ sich kraftlos auf ihren Platz fallen.
„So, da bin ich wieder“, verkündete sie tonlos, „wie es ausschaut, hat sich hier nicht viel verändert.“ Sie schaute demonstrativ, aber ohne wirkliches Interesse zu zeigen um. Susanne musterte Sarah kritisch.
„Du hast Glück, dass du Susanne noch erwischst“, Lisbeth lächelte Susanne wohlwollend zu, „die hat es nämlich geschafft und darf uns heute verlassen.“ Sarah drehte Susanne den Kopf zu und zeigte zum ersten Mal eine Reaktion. Susanne glaubte so eine Mischung aus Traurigkeit und Stolz zu erkennen.
„Ich hab gleich gewusst, dass du nich`wirklich eine von uns bist!" sie setzte ein äußerst schiefes Grinsen auf. "Freu mich ehrlich für dich, Susanne. Du musst mir nur eines versprechen.“ Susanne musste sich zu Sarah hinunter beugen, um etwas zu verstehen, so leise sprach ihre Freundin.
„Und das wäre?“ fragte sie nach.
„Du musst alles daran setzen, hier nicht wieder aufzuschlagen. Wenn es jemand von uns schafft, dann du.“Susanne stiegen wieder Tränen in die Augen, dieses Mal vor Rührung.
„Versprochen!“ sagte sie und nahm sich vor, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um dieses Versprechen nicht zu brechen. Schwester Ina kam aus dem Schwesternzimmer.
„Na, Frau Stahl, wie sieht es aus? Haben Sie sich von allen verabschiedet?“
Susanne nickte schweigend. Sarah folgte ihr schweren Schrittes zur Stationstür.
„Ich komm dich besuchen“, versprach Susanne und umarmte ihre Freundin, als ob sie sie nie wieder loslassen möchte.
„Pass auf dich auf“, raunte Sarah ihr zu, „ und mach den Kerl fertig, der dir das alles hier angetan hat.“



Fortsetzung folgt..... 16.11.13

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