Shortys Gedankenwelt
Samstag, 16. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 8
von Kirsten Maria Scholz

Kapitel dreizehn

Susanne zog in ein Zwei- Bett-Zimmer mit integriertem Bad ein. Ihre Mitpatientin Svetlana Soundso, den Nachnamen hatte sie nicht verstanden, war in ihrem Alter und schien ganz in Ordnung zu sein. Zumindest auf den ersten Blick. Sie sprach zwar nur gebrochenes Deutsch und auch mit starkem osteuropäischen Akzent, dennoch klappte es einigermaßen mit der Verständigung. Susanne hatte ohnehin nicht geplant, Freundschaften zu schließen.
Als sie ihre Kleidung in den zugegebenermaßen selbst für ihre wenigen Sachen zu kleinen Schrank einsortierte, dachte sie noch einmal über Sarahs letzte Worte nach. Was genau hatte sie ihr gewünscht? Sie sollte sich den Kerl schnappen, der ihr das alles angetan hat? Was genau meinte sie damit? Etwa, dass es jemanden gab (und vielleicht noch gibt), der ihr vorsätzlich Böses wollte und möglicherweise immer noch will?
Aber wer? Wer hätte erstens etwas davon, sie als unzurechnungsfähiges Monster darzustellen? Und Wer hätte überhaupt die Möglichkeiten gehabt, ihr Tabletten unterzujubeln? Klar fiel ihr als erste Person Mark ein, rein theoretisch. Mark hatte objektiv betrachtet ausreichend Gelegenheiten gehabt, ihre Tabletten zu vertauschen oder falsch zu dosieren. Zudem war ihre Beziehung nicht gerade auf ihrem Höhepunkt. Jetzt mit einigem Abstand betrachtet, würde sie sogar sagen, ihre Beziehung war sogar ziemlich am Ende. Aber wenn sie ehrlich zu sich war, konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen, dass Mark zu solch fiesen, ja fast schon kriminellen Methoden greifen könnte. Was hätte er auch davon für einen Vorteil haben können? Sie musste zugeben, er war nicht immer der treusorgende Familienvater, wie sie ihn sich als junges Mädchen einmal gewünscht hatte. Seine Arbeit hatte immer einen höheren Stellenwert als sie und die Kinder, aber sie absichtlich zugrunde zu richten, das war schon eine andere Liga. Nein, dachte sie und schämte sich fast ein wenig, so von Mark zu denken. Vielleicht hatte Sarah sich auch in etwas verrannt oder es einfach nur so dahergesagt. Immerhin war sie gerade erst von der Intensivstation auf die Geschlossenen zurückverlegt worden, da konnte man mit den Gedanken noch nicht ganz auf der Höhe sein.

Am Nachmittag stand der Besuch ihrer Kinder und ihrer Mutter auf dem Programm. Sie wollte sich das Wiedersehen, auf das sie mittlerweile zehn Tage gewartet hatte, durch niemanden und schon gar nicht durch Gedanken an Mark, ihre Beziehungsprobleme, geschweige denn an irgendwelche Verschwörungstheorien vermiesen lassen.
Ihre Mutter kam am frühen Nachmittag gegen zwei auf die Station. Schwer bepackt mit einer Reisetasche, in der anderen Hand einen riesigen Blumenstrauß. Valentin und Madeleine gingen rechts und links von ihr und schauten sich interessiert um. Als sie Susanne am Ende des Ganges erblickten gab es allerdings für sie kein Halten mehr. Sie rannten auf ihre Mutter zu, die ihre Arme ausbreitete und somit beide Kinder gleichzeitig umarmen konnte. Sie hielt die beiden so sehr fest, als ob sie sie nie wieder loslassen wollte.
„He, Mama, ich kriege keine Luft mehr!“ beschwerte sich Valentin lachend und löste sich aus der Umarmung. Susannes Mutter war mittlerweile schnaufend bei ihrer Tochter angekommen und ließ stöhnend die schwere Reisetasche fallen.
„Hallo Liebes“, sagte sie und hauchte einen flüchtigen Kuss auf Susannes Wange. „Ich dachte mir, ein paar Blumen bringen den Frühling in diese grauen Wände.“ Sie schaute sich etwas unbehaglich um. Susanne fragte sich, welche graue Wandfarbe ihre Mutter meinte oder ob sie zwischenzeitlich eine Farberkennungsstörung erlitten hatte, denn gerade auf dieser Station hatte sich der Innenarchitekt extrem Mühe gegeben und der gesamten Umgebung einen warmen, eher mediterranen Touch verpasst. Da sollte sie sich mal die Innenausstattung der Geschlossenen ansehen!
„Was hast du mir denn alles mitgebracht?“ fragte Susanne erstaunt und warf einen kurzen Blick in die Reisetasche. Sie erkannte einige ihrer extrem schicken Oberteile und Röcke. Alles Kleidungsstücke, die sie sicherlich gerne trug, aber eher als Abendgarderobe oder zu feierlichen Angelegenheiten. Dass sie sich mittlerweile in Jogginghose und Sweatshirt ausgesprochen wohl fühlte, konnte ihre Mutter natürlich nicht wissen und mit Sicherheit auch nicht nachvollziehen.
„Aber Schatz“, ihre Mutter schüttelte ein wenig tadelnd ihren Bubikopf, „Kleider machen bekanntlich Leute und heben die Stimmung. Sie sind Ausdruck der inneren Einstellung. Wenn man äußerlich ein bisschen was aus sich macht, geht`s einem gleich viel besser. Du wirst sehen.“
Susanne erwiderte nichts. Es war sinnlos, gegen die Meinung ihrer Mutter anzureden. Sie bedankte sich höflich und brachte kurz die Tasche in ihr Zimmer, wo sie sie einfach kurzerhand unter ihr Bett schob. Den überdimensionalen Blumenstrauß steckte sie in eine Vase und nahm ihn mit in die Sitzecke auf dem Flur. „Hier haben alle etwas vom Frühling“, sagte sie und fügte auf den fragenden Blick ihrer Mutter hinzu, „in meinem Zimmer steht nur ein kleiner Tisch. Hier kommt er doch viel besser zur Geltung, findest du nicht?“ Ihre Mutter lächelte leicht verstimmt. Für die Allgemeinheit war der Strauß nicht gedacht, aber sie hielt sich mit ihren Äußerungen zurück.
Sie beschlossen, in die Caféteria ins Erdegeschoss zu gehen, wo es eine beachtliche Indoor- Spielecke gab. Da konnten sich ihre Kinder an der Rutsche und dem Klettergerüst austoben, ohne Mutter und Tochter bei ihrer Unterhaltung zu stören.
Susannes Mutter ließ es sich nicht nehmen, Kaffee und Kuchen am Selbstbedienungstresen zu besorgen, die Kinder wurden mit Apfelschorle versorgt. Madeleine und Valentin waren allerdings, wie Susanne schon vermutet hatte, so begeistert von der Spielinsel, dass sie nur zum Tankauffüllen an den Tisch kamen, um dann sofort wieder im Spielzeugland abzutauchen.
Ihre Mutter rührte in ihrem schwarzen Kaffee herum und untersuchte akribisch ihr Tortenstück. Susanne fragte sich, was ihre Mutter da wohl zu finden erwartete, vermutete, dass es eher eine Übersprungshandlung war, weil sie nicht wusste, wie sie mit ihrer Tochter umgehen sollte. Susanne beschloss, ihr die Hürde abzunehmen. „Und, wie geht es euch?“ fragte sie und ging davon aus, dass diese Frage eher unverfänglich war. Susannes Mutter legte ihre Kuchengabel ab und schaute ihre Tochter an.
„Was glaubst du, wie es uns geht?“ der Vorwurf war nicht zu überhören. „Wir sind sehr besorgt. Erst einmal natürlich um dich, aber auch um Mark, das Büro und euch als Familie. Kind, was war eigentlich los mit dir?“ sie schüttelte verständnislos ihren Kopf. „Auf meinem Geburtstag war doch noch alles in Ordnung, bis du dich mit diesem Heidelberger Staatsanwalt unterhalten hast.“ Susanne stutzte. Davon hörte sie zum ersten Mal. Welcher Heidelberger Staatsanwalt? Sie kannte keinen Staatsanwalt in Heidelberg.
„Was meinst du?“ fragte sie stirnrunzelnd. „Mit wem soll ich mich unterhalten haben?“
„Wie, was meine ich? Du wirst dich doch wohl noch an Dr. Fries erinnern“, sagte sie leicht gereizt. „Schließlich hast du dich ziemlich lange und sehr angeregt mit ihm unterhalten“, fügte sie schnippisch hinzu. „Ich dachte noch, wie kann Susanne nur so schamlos mit einem fremden Mann flirten und dass, wo ihr eigener nicht dabei ist." Susanne schwieg. Sie kannte ihre Mutter zu gut. Wenn sie erst einmal in Fahrt war, ließ man sie am besten ausreden. „Ich habe absolut keine Ahnung, was der werte Herr dir für Flausen in den Kopf gesetzt hat“, fuhr sie aufgeregt fort und nestelte unruhig an ihrer Serviette herum, „aber es hat dich sehr aus der Fassung gebracht. Du hast sogar ein Sektglas in deiner Hand zerdrückt! Damit aber nicht genug“, sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor ihrer Brust, „du hast Schimpfworte benutzt, die man vielleicht auf der Straße verwendet, aber doch nicht in unseren Kreisen. Susanne, dein gesamtes Auftreten an diesem Abend war beschämend und peinlich. Dein Vater hat heute noch Probleme, sich in seinem Golfclub zu zeigen.“ Was nicht mein Problem ist, dachte Susanne säuerlich und ertrug weiter geduldig die Ausschweifungen ihrer aufgebrachten Mutter. „Und dann rennst du einfach aus der Empfangshalle raus, anscheinend ohne bemerkt zu haben, dass du alles vollgeblutet hast und fährst ohne Verabschiedung zurück nach Heidelberg, lässt deine Kinder im Stich!“ Susanne setzte zu einer Erwiderung an, kam aber nicht zu Wort. „Ja, im Stich, Susanne! Das muss jetzt mal gesagt werden! Da gibt es keine zwei Meinungen.“ Susannes Mutter strich die Serviette auf ihren Knien glatt. „Und dann legst du Mark dermaßen eine Szene hin, der ja nun wirklich nichts dafür kann und blamierst ihn vor seinen Geschäftskunden. Da ist es kein Wunder, dass er sich distanziert. Hast du dich einmal nur in Marks Lage versetzt?“ Susanne hatte genug. Mark hier, Mark da- immer war sie diejenige, die an allem schuld war. Sie holte tief Luft und funkelte ihre Mutter an.
„Vielleicht hörst du dir auch mal meine Version an und wie es mir erging und jetzt auch noch geht, bevor du dir irgendein Urteil bildest“, wies sie ihre Mutter scharf zurecht. „Ich weiß nicht, warum ich Hals über Kopf aus Nürnberg weg bin, auch kenne ich keinen Anwalt Fries. Ich habe auch keine Ahnung, was zuhause passiert ist. Ich kann mich an nichts erinnern! Das ist im Übrigen meine Diagnose, die nicht ich gestellt habe, sondern die Ärzte hier. Was ich aber weiß ist, dass jemand absichtlich meine Tabletten vertauscht und falsch dosiert hat.“ Ihre Mutter zog eine Augenbraue hoch. Es war ihr anzusehen, dass sie nicht so recht glauben konnte, was ihre Tochter von sich gab.
„Da brauchst du gar nicht so skeptisch zu schauen“, fuhr Susanne ihre Mutter an, „die Blutwerte sagen eindeutig, dass ich unkontrolliert Aufputschmittel und Schlafmittel geschluckt habe. Habe ich aber nicht! Wer macht auch sowas, das wäre doch total widersinnig! Und ob es mir einer von euch nun glaubt oder nicht, ich weiß, ich habe nie Coffeintabletten genommen, sondern nur die Schlaftabletten, die Dr. Semmel mir verschrieben hatte.“ Sie schwieg und ließ ihre Worte bei ihrer Mutter sacken. Die schaute sie weiterhin völlig ungläubig an.
„Und deiner Meinung nach steckt dein Mann dahinter? Aber Kind, was hätte er denn davon?“
„Das weiß ich nicht“, gab Susanne zu und fand wieder zu ihrer inneren Ruhe zurück, „aber er steht nun mal ganz vorne auf meiner Liste der Verdächtigen. Kein anderer wusste davon oder hatte Zugriff auf die Tabletten.“
Susannes Mutter dachte ein wenig nach. Sie hatte sich mittlerweile auch ein wenig beruhigt und schien Susannes Gedanken nicht mehr allzu abwegig zu finden.
„Nun ja, merkwürdig ist es schon. Von dieser Tablettengeschichte hatte ich ja keine Ahnung!“ Sie überlegte. „Vielleicht hast du ja bei deinem Gespräch mit dem Staatsanwalt etwas erfahren, was dich dermaßen in Aufruhr versetzt hat? Das macht zumindest Sinn, denn schließlich war Dr. Fries der letzte mit dem du gesprochen hast.“ Sie kramte in ihrer Handtasche und holte ihr Portemonnaie heraus. „Hier habe ich auch irgendwo seine Visitenkarte“, sie durchsuchte die Geldbörse, „ah hier.“ Sie reichte Susanne die Karte. „Vielleicht solltest du dich noch einmal mit ihm unterhalten“, schlug sie vor, „das könnte ein wenig Licht ins Dunkle bringen.“ Susanne nickte. Schaden konnte es auf keinen Fall, dachte sie sich. Sie musste auf jeden Fall alle ihr zur Verfügung stehenden Quellen nutzen.
„Ich ziehe jetzt ja ohnehin zu Mark, solange du noch hier in der Klinik bist“, überlegte Susannes Mutter weiter, „ich könnte ja ein wenig die Augen und Ohren offenhalten, wenn du nichts dagegen hast.“
Susanne überlegte kurz. Eigentlich wollte sie ihre Mutter nicht zu Spionagezwecken engagieren. Da sie ihre Mutter aber gut kannte, wusste sie auch, dass egal, was Susanne dazu sagen würde, sie sich trotzdem umschauen würde. Wahrscheinlich würde sie sich sogar in der Rolle der Miss Marple gefallen. Susanne stimmte also zu, bat sie aber, nicht allzu auffällig zu agieren, so dass Mark keinen Verdacht schöpfte.


Fortsetzung folgt.... 17.11.13

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Letzte Aktualisierung: 2014.04.11, 01:13
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