Shortys Gedankenwelt
Montag, 11. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 3
von Kirsten Maria Scholz

Kapitel vier

Susanne wurde recht unsanft mit einem kleinen Klatscher auf die Stirn geweckt. Sarah blickte auf sie herab und grinste.
„Na, Fräulein, die Zettel füllen sich aber nicht von alleine aus!“ flachste sie und ließ sich mit Schwung neben Susanne auf das Sofa plumpsen. Das gesamte Möbelstück erzitterte und wirkte sich wie ein Erdbeben in Susannes Kopf aus.
Sie versuchte, ihren bleischweren Kopf anzuheben und sich aufrecht hinzusetzen. Der Nackenschmerz traf sie völlig unvorbereitet wie ein Blitz und trübte für einige Sekunden ihre Wahrnehmung. Für einen kurzen Moment befürchtete sie, die Schraubzwingen würden erneut ihren Kopf in die Mangel nehmen. Doch zum Glück schien jemand Höheres Erbarmen mit ihr zu haben. Nach einigen Kopfdehnübungen, die mit heftigstem Knacken der Wirbelkörper einhergingen, war sie einigermaßen aufnahmefähig und vor allem etwas schmerzarmer.
Auf dem Couchtisch lag immer noch der Zettelberg, den sie vorhin achtlos dorthin geworfen hatte. Sie schaute laut seufzend auf die Wanduhr. Der Uhr nach hatte sie über eine Stunde geschlafen.
„Und das mitten am Tag!“ tadelte sie eine Stimme tief in ihrem Inneren. Sie erkannte sich überhaupt nicht mehr wieder. Selbst an noch so stressigen Tagen, wäre sie nie auf die Idee gekommen, sich am Vormittag für ein Nickerchen auf die Couch zu legen. Oder doch? Vielleicht konnte sie sich auch nur nicht daran erinnern? Die leise Stimme in ihrem Kopf ließ sie nicht unbeeindruckt, gab sie ihr doch das Gefühl, faul und untätig die Zeit zu verplempern. Zeit, die sie sehr gut hätte nutzen können, um Kooperation zu zeigen und die ihr gestellte Aufgabe zu aller Zufriedenheit zu erfüllen. Schließlich wollte sie schnellstmöglich hier raus!
Ihr früheres Leben kam ihr so weit weg vor. Wie lange war sie jetzt hier? Ein Tag, zwei Tage oder sogar noch länger? Sie schüttelte missmutig den Kopf. Nicht einmal das wusste sie mit eindeutiger Sicherheit. Statt sich um Madeleine und Valentin zu kümmern, saß sie hier faul auf dem Sofa, trug merkwürdige Klamotten und kam sich wie in einer Seifenblase vor. Ihr Blick fiel wieder auf den Fragebogen. Je eher sie sich an die Arbeit machte, desto schneller könnte sie diese Anstalt verlassen. Hoffte sie zumindest!
Sie überflog kurz die einzelnen Fragen. Es ging hauptsächlich um ihre familiäre Vorgeschichte, ihren beruflichen Werdegang und allgemeine gesundheitliche Dinge. Zum Schluss sollte sie die letzten Tage vor ihrer Klinikeinweisung schildern. „Bitte im zusammenhängenden Text schreiben! Verwenden Sie keine Spiegelstriche!“ las sie laut. Na super, wie sollte sie das in der kurzen Zeit schaffen? „Die spinnen doch!“ schimpfte sie. Ging es hier um einen Deutschaufsatz oder darum, den Ärzten Informationen zukommen zu lassen.
„Womit du gar nicht mal so unrecht hast“, bestätigte Sarah und beobachtete äußerst interessiert das Kaugummi, das sie in einem langen Faden aus ihrem Mund zog. „Irgendwie sind doch alle Menschen nicht ganz ganz, oder?“ sie lachte herzlich und stand auf, immer noch das eine Ende des Kauguimmis zwischen Daumen und Zeigefinger. Was machte sie da nur? „Ich lass dich mal alleine. Viel Spaß!“ Sie gesellte sich schlendernd zu einer kleinen Gruppe am Speisetisch, die zusammen mit den Küchenmitarbeitern das Mittagessen zubereiteten.
Susanne widmete sich wieder ihrer Aufgabe und beschloss, mit allgemein persönlichen Angaben und ihren familiären Verhältnissen anzufangen.



Kapitel fünf

„Ich wurde am 30.1.1970 in Nürnberg geboren. Mein Vater Herrmann Wiegand, inzwischen pensioniert, hat nach dem Medizinstudium als Kardiologe gearbeitet, Karriere gemacht und schließlich die Chefarztstelle der Kardiologie in Nürnberg inne gehabt.
Meine Mutter Isolde ist gelernte Chemielaborantin. Somit war es nicht verwunderlich, dass sich meine Eltern im Krankenhaus kennengelernt haben. Nach der Heirat gab sie ihren Beruf auf, um sich ganz der Familie zu widmen. Ich denke, sie war gerne Hausfrau und Mutter. Geschwister habe ich keine. Ich glaube, meine Eltern haben aus Liebe geheiratet und sind bis heute glücklich miteinander.
Ich kann guten Gewissens behaupten, dass ich eine schöne Kindheit hatte. Eine Kindheit, die relativ sorglos war, zumindest finanziell sorglos. Mein Vater hat viel gearbeitet, hat sich wenig um meine Erziehung gekümmert bzw. Kümmern können. Meine Mutter war eher überbesorgt, eine kleine „Glucke“, die stets das Beste für mich wollte und am liebsten alles Böse von mir ferngehalten hätte. An materiellen Dingen hat mir nie etwas gefehlt.
Mein Vater hatte von Anfang an einen Plan im Kopf, wie er sich mein Leben vorstellt. Für ihn stand fest, dass ich irgendwann in seine Fußstapfen treten werde. Ich konnte mich jedoch nie so richtig für die Medizin begeistern. Der Gedanke, ständig von kranken Menschen umgeben zu sein, bedrückte mich. Also suchte ich mir nach meinem Abitur eine Ausbildungsstelle zur Bauzeichnerin. Ich verletzte ihn damit sehr, zumindest hatte er mir das etliche Jahre später einmal gesagt, aber letztendlich war er dennoch froh, mich zufrieden zu sehen. Denn ich war mit meiner Entscheidung zufrieden. In Heidelberg fand ich die absolut passende Ausbildungsstelle. Ich zog von Zuhause aus und fand schließlich meinen neuen Lebensmittelpunkt in Heidelberg. Durch finanzielle Unterstützung meiner Eltern konnte ich mir sogar eine eigene Wohnung leisten und mich voll auf meine Ausbildung konzentrieren.
Vom ersten Tag an liebte ich Heidelberg. Schnell fand ich Anschluss und hatte bald einen ziemlich großen Freundes- und Bekanntenkreis. Meine beste Freundin von damals ist auch heute noch meine beste Freundin. Sabrina! Wir lernten uns auf der Arbeit kennen. Sie war damals eine ganz normale Sekretärin, mittlerweile ist sie zur Chefsekretärin aufgestiegen. Sabrina ist das komplette Gegenteil von mir. Flippig, ausgefallen, ungebunden. Ein lebensbejahender Mensch, immer modisch topgestylt. Sie sagt immer ihr Aussehen ist ihr Kapital. Trotz der enormen Unterschiede haben wir uns vom ersten Tag an sehr gut verstanden. Mit ihr wird es nie langweilig!
In dem Architektenbüro, in dem ich gelernt habe, bin ich auch meinem jetzigen Mann Mark begegnet. Er war und ist dort immer noch als Architekt angestellt, bzw. mittlerweile auch Teilhaber. Mark fiel mir sofort ins Auge, schlichtweg ein Traummann: groß, dunkelhaarig, athletisch gebaut, sportlich, braun gebrannt und humorvoll. Er brachte mich damals immer zum Lachen, auch, wenn der Tag noch so mies verlaufen war. Während ich mich sofort in ihn verguckte, fiel ich ihm erst ein halbes Jahr später bei einer Betriebsfeier auf. Er sprach mich an, wollte wissen, ob ich neu in der Firma wäre. Wir haben uns auf Anhieb super verstanden, von meiner Seite war wahrlich es Liebe auf den ersten Blick. Bei ihm weiß ich es gar nicht so genau. Ich glaube, er hat mal gesagt, ihm wären meine Augen aufgefallen. Wir haben uns nach dieser Betriebsfeier mehrere Male getroffen, erst mit Kollegen, später auch alleine. Und dann waren wir irgendwann offiziell ein Paar. Das war vor 12 Jahren.
Mittlerweile sind wir 8 Jahre verheiratet und haben zwei Kinder. Valentin ist 6 und Madeleine 4. Seit der Geburt von Valentin bin ich nicht mehr berufstätig. Ich kümmere mich um Kinder, Haus und Garten. Damit bin ich auch voll ausgelastet. Wir haben eigentlich nie großartig darüber sprechen müssen. Für uns war klar, dass wir die klassische Rollenverteilung bevorzugen. Ich war es von Zuhause auch nicht anders gewohnt. Und meine Mutter schien zufrieden mit ihrem Leben gewesen zu sein, warum sollte es mir anders ergehen? Mein Mann verdient das Geld und ich halte ihm den Rücken frei.
Mein Freundeskreis aus meiner Ausbildungszeit hat sich seit der Hochzeit schon verkleinert. Ich denke aber, das ist normal. Es gibt immer noch viele Bekannte, die aber überwiegend Arbeitskollegen meines Mannes sind. Wir haben oft Gäste, die ich auch gerne bewirte und bekoche. Mark nutzt das manchmal ein bisschen aus und veranstaltet gerne mal ein Meeting oder Geschäftsessen bei uns zu Hause. Er meint, das wäre persönlicher und förderlicher für Vertragsabschlüsse. Naja, und ich freue mich auch, wenn Leute sich bei uns wohlfühlen und mein Essen schmeckt. Das gibt eine gewisse Bestätigung, dass man doch etwas kann und leistet.“

Susanne hielt kurz inne und atmete durch. Sie hatte einfach zu schreiben angefangen, ohne zu überlegen und war mehr als erstaunt, an was sie sich alles erinnern konnte. Ihr Langzeitgedächtnis schien also tadellos zu funktionieren!
Sie las sich noch einmal die Aufgabenstellung durch. „Kurz und knapp“, sie war zufrieden mit ihrem Ergebnis und widmete sich den weiteren Aufgaben. „Beruflicher Werdegang und Gesundheit…“ Susanne überlegte und entschied, dass sie ihrem beruflichen Werdegang in der ersten Antwort schon genügend Beachtung geschenkt hatte. Also zur Gesundheit… Was sollte sie da großartig zu sagen? Im Großen und Ganzen war sie eigentlich immer gesund gewesen, bis auf… Ja, eine Sache gab es schon, die sie erwähnen sollte.

„In der Kindheit hatte ich die normalen Kinderkrankheiten, so wie jedes andere Kind wahrscheinlich auch. Ich erinnere mich an Mumps und Masern, später mit 13 hatte ich Keuchhusten, was nicht sehr angenehm war. Auch von Windpocken wurde ich nicht verschont. Mit 11 oder 12 bin ich vom Pferd gefallen, was einen Schlüsselbeinbruch nach sich zog. Ist aber alles komplikationslos verheilt. Ansonsten war ich nicht ernsthaft krank, habe so gut wie nie Medikamente genommen, außer mal Schmerztabletten bei Migräne oder Grippemedikamente.
Seit einigen Wochen, ja fast schon Monaten allerdings fällt mir das Einschlafen extrem schwer. Auch wache ich mehrfach schweißgebadet in der Nacht auf und habe dann sehr große Mühe, wieder einzuschlafen. Seit wann das genau ist oder wie das angefangen hat, kann ich nicht richtig beantworten. Hat irgendwie schleichend begonnen. Aber es machte mir so sehr zu schaffen und beeinträchtigte meine Energie, Konzentration und Tatkraft am Tag, dass mir mein Mann einen Termin bei einem befreundeten Neurologen/ Psychiater besorgte, bei Dr. Martin Semmeln. Der verschrieb mir ein leichtes Schlafmittel, leider weiß ich den Namen nicht mehr, was, glaube ich, auch nicht so wichtig ist, denn so richtig geholfen hat es nicht, eigentlich gar nicht. Also bekam ich ein etwas Stärkeres, in das ich meine ganze Hoffnung gesetzt hatte. Ich ging mittlerweile sehr auf dem Zahnfleisch. Aber anstatt, dass es besser wurde, wurde es immer schlimmer. Mein ganzer Tag- Nacht- Rhythmus war gestört. Nachts hätte ich Wände hochgehen können, so dermaßen aufgedreht war ich. Am Tag überfiel mich dann Abgespanntheit und eine tief Müdigkeit. Es gab manchmal Tage, an denen ich beim Mittagessen beinahe einschlief, sehr zum Unverständnis meines Mannes, der nicht so recht begriff, warum ich nachts nicht schlafen konnte. Nun, ich selbst verstand es ja auch nicht, wie sollte er das denn nachvollziehen können?“

Sie war so in ihrem Schreibfluss, dass sie nicht mit bekam, dass das Thema „Gesundheit“ eigentlich hier beendet war.

„Meine Erinnerung endet am 5. Februar. Das weiß ich deswegen so genau, weil es der Geburtstag meiner Mutter ist. Den Tag verbringe ich immer bei meinen Eltern in Nürnberg. Zumeist mit meinen Kindern, manchmal kommt auch mein Mann mit- je nachdem was sein Terminkalender sagt. In diesem Jahr fuhr ich meines Wissens alleine und bin auch noch am selben Tag zurückgefahren. Aus jetziger Sicht ist das sehr ungewöhnlich, meist, eigentlich immer, bleibe ich noch den Abend und den nächsten Tag in Nürnberg. Meines Wissens nach bin ich also am Spätnachmittag nach Heidelberg zurückgefahren, ohne Streit mit meinen Eltern oder, dass sonst etwas vorgefallen wäre. Wahrscheinlich wollte ich meinen Mann nicht allzu lange mit den Kindern alleine lassen. Er ist doch immer sehr in seinem Büro eingespannt. Kurz vor Heidelberg stand ich kilometerlang im Stau. Das ist allerdings auch schon das Letzte, an das ich mich erinnere.“

Susanne überflog ihre Notizen. Im Großen und Ganzen war sie mit sich zufrieden. Was ihr allerdings Kopfzerbrechen bereitete, war die Tatsache, dass sie sich an nichts weiter erinnern konnte. Sie stand im Stau und dann war da nichts mehr! Wie und ob sie überhaupt nach Hause gekommen war und was passiert sein musste, dass man sie in die Psychiatrie hat einweisen lassen, war ihr ein absolutes Rätsel. Was oder wer hatte diesen Filmriss ausgelöst? Anders konnte sie es nicht nennen! Erneut versuchte sie, gedanklich die letzten Stunden ihrer Erinnerung zu rekonstruieren. Sobald sie sich visuell auf die Heimreise von Nürnberg nach Heidelberg machte, so sehr sie sich auch bemühte, landete sie nach dem Stau immer vor der gleichen schwarzen Wand, durch die sie nicht hindurch kam.


Kapitel sechs

Ein Blick auf die Wanduhr sagte ihr, dass sich Dr. Glück wohl verspätet hatte. Es war fünf nach eins. Oder hatte sie vielleicht wieder etwas verwechselt oder falsch verstanden? Wollte er sie hier abholen oder sollte sie irgendwohin gehen? Möglich war es durchaus, denn ihrem momentanen Geisteszustand traute sie so gar nicht mehr über den Weg.
Gerade als sie beschloss, bei den Schwestern nachzufragen, stürmte Dr. Glück mit wehendem Kittel und ein wenig zerzausten Haare in den fast leeren Aufenthaltsraum. Die meisten der Patientinnen hatten sich bereits zur Mittagsruhe in ihre Zimmer begeben dürfen und auch Susanne stieß erneut an ihre Grenzen, was die Müdigkeit anging.
„Frau Stahl, es tut mir außerordentlich leid, dass ich mich verspätet habe“, entschuldigte er sich überschwänglich, „ich war so in ihren Aufzeichnungen vertieft, da habe ich die Zeit ganz aus den Augen verloren.“
Susanne konnte nicht so recht nachvollziehen, was an ihren Auskünften so interessant wäre, dass man deswegen einen Termin vergaß. Sie selbst fand ihr Leben unspektakulär und eher langweilig. „Würden Sie mich in mein Büro begleiten? Hier sitzt man so ein bisschen auf dem Präsentierteller.“ Susanne folgte Dr. Glück zunächst in den dunklen ungemütlichen Gang, der an einer verschlossenen Glastür endete.
„Wahrscheinlich Panzerglas“, dachte Susanne ironisch, „wegen der Sicherheit.“
Dr. Glück schloss die Tür auf und wies Susanne mit einer leichten Handbewegung die Treppe hinauf. Sie musste zwar nur ein Stockwerk bewältigen, dennoch japste sie oben angekommen regelrecht nach Luft und ihre Beine fühlten sich wie Wackelpudding an. Dr. Glück klopfte ihr sanft auf die Schulter und hakte sich bei ihr unter.
„Kommen Sie, es ist gleich geschafft.“ Womit er glücklicherweise Recht hatte. Er schloss eine Tür zu ihrer Rechten auf. Ein glänzendes Messingschild sagte ihr, dass es sich um den Patientenbesprechungsraum von Dr. Glück handelte.
Dieser Raum hatte so gar nichts von der Kühle und Ungemütlichkeit der gesamten unteren Station 3a. Ganz im Gegenteil. Die Wände waren mit einer Strukturtapete versehen, die in einem warmen Beige gestrichen war. Vier äußerst bequem wirkende Polstersessel, eine Art Vitrine im Seventieth Look und dazu passende Nierenbeistelltische versetzten Susanne unwillkürlich in ihre Kindheit zurück. Der dunkelbraune Hochfloorteppich verschluckte jedes Geräusch, als Susanne auf einen der Sessel Platz nahm.
Dr. Glück schenkte ihr ein Glas Wasser ein, das sie gierig herunterstürzte, so als hätte sie den gesamten Tag nichts getrunken. Hatte sie auch nicht, oder doch? Susanne erinnerte nur den Kaffee am Morgen. Wieso hatte sie nur ständig diesen trockenen, pelzigen Geschmack im Mund und diesen schrecklichen Durst? Dr. Glück schenkte bereits nach, nahm ihr gegenüber Platz und blickte sie lange nachdenklich an. Nach einigen Minuten, die Susanne allerdings wie eine halbe Ewigkeit vorkamen, warf er einen kurzen Blick in sein kleines Notizbüchlein. Er wählte seine Worte mit Bedacht.
„Frau Stahl, in meinen Einzelgesprächen mit den Patienten mache ich mir grundsätzlich Notizen. Ich informiere Sie darüber, damit es Sie nicht beunruhigt, wenn ich zwischendurch etwas notiere.“ Susanne nickte. „Wenn es für Sie in Ordnung ist“, fuhr er fort, „dann möchte ich zusätzlich noch ein Aufnahmegerät mitlaufen lassen. Es ist einfach für mich eine Hilfe, auch nach unserem Gespräch Ihre Emotionen in Kombination mit Ihren Worten nachzuvollziehen. Ist es o.k. für Sie?“ Susanne nickte wieder. Sie konnte keinen Grund erkennen, was dagegen sprechen könnte. „Dann können wir ja anfangen“, entschied Dr. Glück und startete sein Diktiergerät. „Gibt es irgendetwas, was Ihnen auf der Seele liegt oder Sie dringend loswerden möchte, was ich für Sie klären kann?“
Susanne schluckte. Schon wieder dieser staubtrockne Mund. Sie nahm einen tiefen Schluck und nickte.
„Ja, da gibt es einiges“, begann sie leise. „Sagen Sie mir, seit wann ich hier bin und was mit meinen Kindern ist! Wo sind Valentin und Madeleine?“ Bei der Erinnerung an die Beiden schossen ihr Tränen in die Augen. Bis jetzt hatte sie ihre Kinder nur als zwei abstrakte Namen vor Augen gehabt, jetzt allerdings schien sie ein Fass der Gefühle aufgemacht zu haben. Ein Fass, das sie seitdem sie hier in der Klinik war, erfolgreich unter Verschluss gehalten hatte. Wie sehr sie die beiden jetzt in diesem Moment vermisste. Ihre beiden Kinder im Arm zu halten, sie zu spüren und zu riechen gaben ihr immer das Gefühl zu Hause und endlich angekommen zu sein. Ihre Kinder bedeuteten ihr alles und waren ein Synonym für vollkommenes Glück!
Dr. Glück nickte verständnisvoll und erklärte ihr ohne Umschweife, dass sie sich bereits seit fünf Tagen in der sicheren Obhut der psychiatrischen Abteilung befand. Bei der Aussage riss Susanne völlig ungläubig die Augen auf. Fünf Tage? Das war länger als sie vermutet hatte. Sie fasste sich an die Stirn. Der ihr schon bekannte Schraubstockkopfschmerz war wieder bedrohlich nahe.
Dr. Glück erklärte ihr weiterhin, dass es leider notwendig war, sie nach der Klinikaufnahme, medikamentös ruhig zu stellen, so dass sie die ersten vier Tage nahezu verschlafen hatte. Susanne schüttelte fassungslos den Kopf.
„Und meine Kinder?“ fragte sie erneut, dieses Mal etwas forscher und gefasster. Die Angst, dass irgendetwas mit Madeleine und Valentin geschehen war und dass sie sich vor lauter Schmerz und Gram einfach nicht erinnern konnte oder wollte, machte sie fast wahnsinnig.
Ihren Kindern ginge es soweit gut, beruhigte sie Dr. Glück, natürlich den Umständen entsprechend, denn sie wüssten ja, dass sich ihre Mutter im Krankenhaus befände. Da ist es ganz normal, dass Kinder sich auch Gedanken machten.
„Ihr Mann“, Dr. Glück schaute kurz in die Unterlagen, „Mark hat es für sinnvoll erachtet, beide Kinder zu Ihren Eltern nach Nürnberg zu bringen. Er dachte, das ist auch in Ihrem Sinne?“ er zog fragend seine Augenbrauen hoch und blickte sie über den Rand seiner Hornbrille an. Susanne nickte erneut. Sie war erleichtert zu hören, dass ihre Eltern sich um die beiden kümmerten. Mark war sicherlich ein guter Vater, keine Frage, aber die Arbeit machte es einfach unmöglich, dass er sich zusätzlich auch noch um Kinder und Haushalt kümmern könnte. Zudem wusste sie, dass beide Kinder ihre Oma liebten, umgekehrt war es genauso.
Sie schwieg und musste allen Mut zusammennehmen, um die nächste Frage stellen zu können. Sie war sich sicher, die Antwort würde alles andere als positiv und aufbauend ausfallen. Dr. Glück ließ ihr alle Zeit, die sie brauchte, um sich zu sammeln. Sie blickte hoch und schaute ihm direkt in die Augen.
„Dr. Glück“, ihre Stimme bebte vor Angst, „sagen Sie mir, warum ich hier bin. Und bitte, seien Sie ehrlich zu mir. Egal, was es ist, ich werde es verkraften. Habe ich jemanden verprügelt oder hatte ich einen Unfall? Woher stammt die Narbe hier?“ Sie fasste an ihre Stirn, wo immer noch ein Pflaster die drei Stiche bedeckten.
Dr. Glück dachte einen Moment nach, bevor er antwortete. „Ich kann Ihnen Ihre Frage leider nicht vollständig beantworten“, sagte er, „alles, was wir wissen, ist das, was Ihr Mann uns berichtet hat.“ Nach Marks Schilderung war Susanne mit ihren Kindern am besagten Tag zum Geburtstag ihrer Mutter nach Nürnberg gefahren. Da es in der Schule bewegliche Ferientage gab, blieben Valentin und Madeleine in Nürnberg bei den Großeltern, auch Susanne hatte vorgehabt über das Wochenende in Nürnberg zu bleiben. So war es ihm unverständlich, dass sich Susanne am frühen Nachmittag entgegen aller Pläne alleine auf den Heimweg machte. Was dann genau passiert war, konnte auch Mark nicht sagen. Ob es ein Erlebnis auf der Fahrt war oder die allgemeine Erschöpfung, der ja schon etliche schlaflose Nächte vorausgegangen waren… Zumindest musste irgendetwas Susanne dermaßen aus der Ruhe und Fassung gebracht haben, dass sie ohne Vorwarnung zu Hause durchdrehte. Laut Mark wäre Susanne grundlos auf ihn losgegangen, hätte ihn wüst beschimpft und sogar Geschirr nach ihm geworfen. Gutes Zureden und Beruhigen half nicht, im Gegenteil, Susanne wäre immer hysterischer und schließlich auch übergriffig geworden. Die Nachbarn hätten letztendlich durch den Krach alarmiert die Polizei gerufen, die aufgrund der Schilderung gleich den Notarzt bestellten. Die Polizei kam gerade in dem Moment, als Susanne und Mark auf dem Boden miteinander gerungen hatten. Mark mit tiefen Schnittwunden am Unterarm, Susanne mit einer Platzwunde am Kopf und etlichen Prellmarken.
Susanne fuhr erneut mit den Fingerspitzen über die Wunde am Kopf. Sie verstand die Welt nicht mehr. Warum sollte sie grundlos auf ihren Mann losgegangen sein? Was in aller Welt war passiert, dass sie so in Rage geraten war? Sie konnte sich an keine einzige Situation erinnern, in der sie jemals ausgerastet, geschweige denn aggressiv geworden war. Auch wenn sie körperlich total erschöpft gewesen sein sollte, wäre das doch niemals ein Grund gewesen, so auszurasten! Sie schwieg und wartete auf weitere Informationen. Dr. Glück räusperte sich. „Wie ich ihrem fragenden Blick entnehmen kann, gehen Sie davon aus, dass es noch etwas gibt, was mir ein wenig Kopfzerbrechen bereitet.“ Fuhr Dr. Glück fort und beobachtete seine Patientin. Susanne zeigte keinerlei Regung.
„Nun ja, es stimmt. Etwas macht mir schon Kopfzerbrechen. Als wir Sie bei uns aufgenommen haben, sind die allgemeinen Routineblutuntersuchungen durchgeführt worden.“ Er hielt inne und schaute sie an. Susanne verstand nicht, worauf er hinaus wollte. Hatte er gerade versucht ihr schonend beizubringen, dass sie unheilbar krank war? Susanne hob fragend ihre Schultern.
„Ja, und?“ fragte sie leicht ungeduldig. So langsam hatte sie dieses Frage- Antwort- Spiel satt. „Was ist mit meinen Blutwerten?“
„Nun, einige Werte sind sehr auffällig und für uns nicht nachvollziehbar gewesen“, er schaute wieder in seine Notizen. „Wir haben einen extrem hohen Benzodiazepinwert festgestellt. Das ist der Wirkstoff ihres Schlafmittels, das Ihnen Dr. Semmeln verschrieben hatte. Allerdings erklärt sich nicht der extrem hohe Wert. Wenn man sich die Dosierungsvorschrift von Dr. Semmeln anschaut, müsste die Konzentration in Ihrem Blut deutlich geringer sein.“
Susanne starrte ihn an. Was redete er nur? Was wollte er ihr jetzt schon wieder sagen? Dass sie zu viel Schlafmittel genommen hatte, womöglich noch absichtlich? Sie war sich sicher, dass sie die Tabletten nach Vorschrift eingenommen hatte. Außerdem konnte sie trotz des stärkeren Schlafmittels immer noch nicht schlafen. Also konnte das doch gar nicht zu viel gewesen sein. Ihre Gedanken fuhren Karussell, zum Sprechen fehlte ihr allerdings jegliche Energie.
„Was mich zusätzlich irritierte“, fuhr Dr. Glück fort, „ist, dass Sie außerdem eine sehr hohe Konzentration von Coffein und Codein in ihrem Blut hatten.“ Wieder blätterte er in den Unterlagen. „Dafür habe ich bislang allerdings keinerlei Erklärungen. Soweit ich Ihren Angaben entnehmen kann, haben Sie in den letzten Wochen weder Coffein- noch Codeintabletten eingenommen. Sehe ich das richtig?“ er blickte Susanne fragend an. Susanne schüttelte völlig verwirrt ihren Kopf. Coffein, Codein, zu viele Schlaftabletten, was glaubte dieser Arzt denn, was sie war? Medikamentenabhängig? Sie hatte weder eine Erklärung für diese merkwürdigen Blutwerte noch für ihren aggressiven Übergriff. Was zum Henker war nur passiert? Sie verstand gar nichts mehr, sondern hatte das Gefühl, dass ihr geordnetes Leben gerade dabei war, auseinanderzubrechen und sie hier in dieser Klinik saß, sich an nichts erinnern und nichts dagegen unternehmen konnte.
Dr. Glück schien ihre Zerrissenheit und Verzweiflung zu spüren. Er beugte sich ein wenig vor.
„Frau Stahl, ich möchte Ihnen überhaupt nichts unterstellen. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen“, sagte er sehr einfühlsam. Susanne blickte ihn durch einen Tränenschleier hindurch an. Sie schluchzte leise. „Ich weiß überhaupt nicht, was passiert ist“, sagte sie. Dr. Glück nickte ihr verständnisvoll zu. „Ich habe eine Theorie“, gab er zu, „meines Erachtens leiden Sie an einer speziellen Form der Amnesie. Es muss ein Ereignis oder Erlebnis, vielleicht auch nur eine Mitteilung gewesen sein, die Sie emotional so aus der Bahn geworfen hat, dass sie sie in die hinterste Ecke Ihres Bewusstseins verbannt haben. Unbewusst haben Sie um dieses Ereignis einen meterhohen Zaum errichtet, der sie davon abhält, sich das Geschehene noch einmal anzuschauen. Einfach aus Eigenschutz, weil dieses Ereignis derart schmerzlich für sie war. Sie wissen, was vorher war und auch, was passiert ist, seitdem Sie wieder unter den Lebenden weilen. Nur zwischendrin fehlt Ihnen an ein bedeutsames Stück.“ Er hielt inne und ließ seine Worte bei Susanne wirken. Einerseits verstand sie, was Dr. Glück ihr zu sagen versuchte. Andererseits allerdings konnte sie sich nichts vorstellen, was so schlimm gewesen sein könnte, dass sie es verdrängt hatte. Sie starrte auf ihre Hände und fühlte sich extrem alleine und verloren.
„Und warum bin ich hier auf der geschlossenen Station?“ mittlerweile hatte sie begriffen, dass es sich um keine Isolierstation für ansteckende Erkrankungen handelte, sondern dass man die Außenwelt vor ihr oder sie vor sich selbst zu schützen versuchte. „Ich meine, warum bin ich immer noch hier?“
„Nun, zunächst war es so, dass sie bei Ihrer Aufnahme nicht sehr kooperativ waren.“ Susanne vermutete, dass das noch reichlich untertrieben war, wenn sie sich ihre blauen Flecken und die Platzwunde betrachtete. „Als Sie dann zu uns auf die Station kamen, waren Sie sehr am Boden zerstört und emotional ziemlich zerrüttet, so dass wir akut beschlossen haben, Sie hier auf der Station zu belassen, um Sie einfach besser überwachen zu können.“ Susanne nickte, das klang alles recht plausibel. „Jetzt ist es so“, fuhr Dr. Glück fort, „ dass wir Sie aufgrund der hohen Benzodiazepinkonzentration im Blut weiterhin überwachen sollten. Frau Stahl, ich möchte, dass Sie
verstehen, dass wir sie nicht zwangsweise hier festhalten. Wir halten es aber für erforderlich und für sehr sinnvoll, wenn Sie einwilligen würden, noch ein paar Tage bei uns zu bleiben."
Susanne verstand nicht so ganz und runzelte fragend die Stirn.
„Man kann ein Benzodiazepin nicht einfach von heute auf morgen absetzen“, erklärte Dr. Glück, „ihr Körper hat sich zu sehr an die Menge gewöhnt, Sie würden extreme Entzugserscheinungen bekommen, die erstens lebensbedrohlich sein können und die man zweitens nicht unterschätzen sollte.“ Susanne ließ das Gesagte auf sich wirken. Was war sie? Tablettensüchtig oder gar drogenabhängig? Ein Junkie? Selbst als junge Frau hatte sie die Finger von Drogen gelassen, nicht einmal geraucht hatte sie. Und jetzt sollte sie tablettenabhängig sein? Sicherlich waren die letzten Wochen schwierig gewesen, die Schlafstörungen und ihre Kraftlosigkeit. Aber sie hatte die Tabletten doch so eingenommen wie Dr. Semmeln sie ihr verschrieben hatte. Mark hatte doch extrem darauf geachtet, wollte er doch, dass sie schnellstmöglich wieder voll einsatzfähig war. Mehr als einmal hatte er angedeutet, dass es sehr schwierig, ja geradezu belastend für ihn war, sich nach einem anstrengenden Bürotag auch noch um seine kranke Frau kümmern zu müssen. Aber natürlich würde er alles tun, was in seiner Macht stand, um sie zu unterstützen. „Mark“, dachte sie. Was war zwischen ihr und Mark passiert? Ihre Gedanken holperten durch ihre Gehirnwindungen. Bilder schossen in ihr Gedächtnis, sie kamen und gingen in solch einem Tempo, dass ihr schwindelig wurde. Dann tauchte wieder diese Nebelwand auf. Nebel, der die letzten Tage umhüllte und in eine tiefe, graue Soße tauchte. Sie erkannte nicht einmal die Hand vor ihren Augen. Wo war sie, wie kam sie hier raus… Panik überrollte sie und schnürte ihr die Kehle zu. „… Frau Stahl?“ sie blickte in Dr. Glücks braune Augen, der sie besorgt musterte. Was war los, warum schaute er so? Sie versuchte sich zu orientieren. Sie lag vor dem Sessel, auf dem sie gerade noch gesessen hatte, Dr. Glück kniete neben ihr und tätschelte etwas unsanft ihre Wangen. Seine Hand tastete nach ihrem Puls. Schon wieder dieser Kopfschmerz! Sie fasste sich an die Stirn, wo bereits ein feuchtes, kühles Tuch Linderung brachte. Sie versuchte sich aufzusetzen, was ihr nur mit Dr. Glücks Unterstützung gelang. Als sie wieder auf dem Sessel Platz genommen hatte, nahm sie dankbar das Glas, das Dr. Glück ihr frisch gefüllt gereicht hatte, und leerte es in einem Zug. Langsam kamen ihre Lebensgeister zurück, verwirrt war sie allerdings immer noch.
„Ich denke, wir werden unsere Sitzung fürs erste beenden“, schlug Dr. Glück vor. Susanne hatte nichts dagegen einzuwenden, sie hatte eindeutig genug erfahren, worüber sie sich erst einmal in Ruhe ganz für sich alleine Gedanken machen musste. „Kann ich hier eigentlich Besuch auch empfangen oder mit jemandem telefonieren?“ sie waren auf dem Weg zur Tür.
„Sicherlich können Sie Besuch empfangen. Wir vom Team halten es für ratsam, dass das nach Absprache mit uns geschehen sollte. Genauso verhält es sich mit Telefonaten. Da Handys und iPhones hier generell verboten sind, müssen Sie Telefonate vom Schwesterntelefon aus führen“, antwortete er. „Wir haben diese Regelung getroffen, um die Patientinnen auf eventuell schwierige emotionale Situationen vorzubereiten und spontanen Übersprungshandlungen vorzugreifen.“ Er öffnete seine Bürotür. „Frau Stahl, wir werden jetzt langsam das Benzodiazepin ausschleichen und absetzen, was schon einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Wir werden sehen, wie Sie darauf reagieren und dann weiter entscheiden!"
Sie nickte zustimmend. Im Augenblick war ihr so ziemlich alles egal. Das einzige, was sie wollte, war, sich in ihr Bett verkriechen und die Welt um sich herum ausblenden. „Die Zeit werden wir nutzen, um ihre Gedächtnislücke zu füllen. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass es klappt, aber wir werden sehen, was wir schaffen können, so dass die Ungewissheit und die Angst darüber, was mit Ihnen passiert ist, für Sie erträglicher werden.“ Sie legten den Weg zur Station wortlos zurück. Als die Stationstür hinter ihnen in das Schloss fiel, überkam Susanne ein eigenartiges Gefühl von Ruhe. Hier konnte ihr nichts passieren und hier konnten auch andere Menschen vor ihr sicher sein. Solange sie nicht wusste, was sie dermaßen zum Ausrasten gebracht hatte, würde die Angst ein ständiger Begleiter sein.




Fortsetzung folgt.... 12.11.13

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Sonntag, 10. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 2
Kapitel zwei

Als Susanne das nächste Mal erwachte, schien es recht früh am Morgen zu sein. Durch den kleinen Spalt der zugezogenen Gardine konnte sie leichtes Morgenrot erkennen. Einen Moment betrachtete sie die braun- dunkelgelben Streifen des derben Baumwollstoffes. Ihrem Zustand nach zu urteilen hing sie wohl schon Jahrzehnte dort und hatte dringend einen Gang durch die Waschmaschine nötig. „Am besten bei 90°!“ dachte Susanne.
Sie fröstelte leicht und zog sich die dünne Decke bis zur Nasenspitze hoch. Warum waren die Decken in Krankenhäusern nur so ungemütlich? Viel zu dünn und durch das ständige Waschen bei hohen Temperaturen hatte sich das Gewebe an diversen Stellen verklebt, so dass die gesamte Decke eigentlich nur aus kleinen Verklumpungen bestand. „Kein Wunder, dass man friert!“ murmelte sie und versuchte, das ebenso knotige Kissen zu einer einigermaßen bequemen Kopfunterlage zu formen. Gerade als sie sich wieder auf ihre Lieblingsschlafseite drehen wollte, klopfte es an der Zimmertür und einige Sekunden später betrat eine Frau in Schwesterntracht das Zimmer. Im Halbdunkeln sah Susanne, dass die Schwester ein kleines weißes Tablett in der einen Hand, in der anderen ein Blutdruckgerät trug. Unter ihrem Arm hatte sie sich eine Patientenakte geklemmt. Susanne erkannte die Schwester, es war die Schwester von gestern. Wie hieß sie noch gleich? Ach ja, Schwester Ina. Es war doch gestern gewesen? Sie überlegte, kam aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis.
„Guten Morgen Frau Stahl“, begrüßte sie Schwester Ina. „Haben Sie einigermaßen geschlafen?“
Ohne Vorwarnung ging Schwester Ina zum Fenster und zog die Gardinen mit einem lauten „ratsch“ zur Seite. Ob sich Schwester Ina wohl auch freuen würde, wenn man sie so weckte, fragte sich Susanne und hätte sich am liebsten wieder unter der Decke verkrochen.
„Schauen Sie nur mal, was für ein schöner Morgen?“
Susanne musste ihr zwar recht geben, das Morgenrot war wirklich wunderschön anzusehen und an jedem anderen Tag hätte sie es wahrscheinlich bewundert, aber im Augenblick hatte sie ganz andere Sorgen. Sie hob eine Hand vor die Augen, um die ersten Sonnenstrahlen abzuschirmen.
„Wie geht es Ihnen?“ fragte Schwester Ina weiter, anscheinend ohne bemerkt zu haben, dass Susanne noch gar nicht auf die erste Frage geantwortet hatte. Ohne auch dieses Mal eine Antwort abzuwarten, nahm sie sich Susannes Arm an, schob den ohnehin zu kurzen Ärmel des Patientenhemdes hoch und begann, Susannes Blutdruck zu messen. Währenddessen erklärte sie munter weiter, sie müsste Susanne leider ein wenig „ärgern“ und ihr etwas Blut abnehmen. Susanne nahm Wortfetzen wie „Krankenschwestern sind wie Vampire“ oder so ähnlich auf, konnte das aber überhaupt nicht einordnen. Stattdessen ließ sie alles wortlos über sich ergehen und agierte wie eine Marionette.
Mittlerweile hatte sie sich mit Hilfe von Schwester Ina, die anscheinend keinen Friseur zu haben schien, denn sie hörte gar nicht wieder auf zu reden, auf die Bettkante gesetzt und erfreut festgestellt, dass der fiese Schwindel ihr nicht mehr ganz so stark zusetzte und auch die entsetzlichen Kopf- und Nackenschmerzen auszuhalten waren. Sie machte sich auf den Weg zur Toilette und war sehr froh über die tatkräftige Unterstützung der jungen Schwester. Sie mochte zwar eine Quasselstrippe sein, aber zupacken konnte sie wenigstens. Susanne hatte die wenigen Schritte ins Bad regelrecht im Schneckentempo zurückgelegt, dennoch zitterten ihre Beine stark und versagten fast ihren Dienst. Völlig entkräftet ließ sie sich auf den Klodeckel plumpsen. „Die Tür muss leider aufbleiben“, verneinte Schwester Ina Susannes Bitte, ihr ein wenig Privatsphäre zu gewähren. „Tut mir leid, dass ist im Isolationszimmer so vorgeschrieben.“
Isolationszimmer! Was hatte das schon wieder zu bedeuten? Susanne konnte nicht allzu viel damit anfangen, erinnerte sich aber, dass der Arzt gestern auch schon davon gesprochen hatte. Hoffentlich isolierte man sie nicht von der Außenwelt, weil sie eine ansteckende Krankheit hatte. Machte man das nicht so bei Tuberkulose? Achselzuckend nahm sie es hin. Was blieb ihr anderes übrig. Während sie sonst auf öffentlichen Toiletten Schwierigkeiten hatte, ihr Geschäft zu erledigen, war jetzt jegliche Scham gewichen. Merkwürdig wie schnell sich persönliche Grenzen verschieben können, wunderte sie sich. Nach dem Toilettengang konnte sie sich am Waschbecken, ebenfalls unter den aufmerksamen Blicken von Schwester Ina, ein wenig erfrischen. Zu Duschen traute sie weder sich noch ihrem Kreislauf zu. Das kühle Wasser, das sie sich in ihr Gesicht spritzte erweckte ein wenig ihre Lebensgeister. Sie wusste zwar immer noch nicht, was genau sie in der Psychiatrie machte oder was mit ihr los war, aber sie fühlte sich zumindest etwas besser als gestern. Wenn es denn gestern war, als sie mit dem Arzt gesprochen hatte. Wie hieß er noch gleich? „Dr. Glück, auch ein eigenartiger Name für einen Psychiater“, dachte sie. Sie warf einen Blick in den Spiegel und erschrak. Sie blickte in ein aschgraues Gesicht mit tiefen, dunklen Augenringen und nahezu toten, ausdruckslosen Augen. Unfähig zu glauben, dass sie in ihr eigenes Spiegelbild blickte, zog sie ihre Wangen herunter und schnitt eine Grimasse. Sie war es wirklich! Aber was war mit ihrem Gesicht passiert? Jegliche Energie war verschwunden. Über der linken Augenbraue verlief eine verschorfte und zum Teil blut-unterlaufende Wunde, die mit drei Stichen genäht worden war. Sie konnte sich nicht erklären, wo sie diese Verletzung her hatte und warum sie so abgewrackt aussah. Hatte sie einen Unfall oder sich gar geprügelt? Wenn ja, mit wem? Verärgert über ihre Gedächtnislücken, fuhr sie ihr Spiegelbild unfreundlich an. „Glotz nicht so blöd! Du kannst mir schließlich auch nicht helfen!“
„Na, kommen Sie, Frau Stahl“, Susanne zuckte zusammen. Schwester Ina hatte sie total vergessen. Hoffentlich hatte sie nicht gehört, dass sie sich mit ihrem eigenen Spiegelbild unterhielt. Aber Schwester Ina schien von all dem nichts mitbekommen zu haben, stattdessen versuchte sie, Susanne ein wenig aufzumuntern. „Es gibt manchmal Tage, da sollte man nicht so lange in den Spiegel schauen.“ Sie lächelte. „Sobald Sie sich Tageskleidung angezogen haben, begleite ich Sie zum Frühstück. Gut gefrühstückt lässt sich ein Tag viel leichter angehen. Das hat schon meine Großmutter immer gesagt.“ Wieder dieses gewinnende Lächeln. Susanne musste zugeben, dass sie begann, die junge Schwester zu mögen. Sie folgte Schwester Ina zurück zu ihrem Bett, wo bereits frische Kleidung bereitlag. Susanne hatte spontan ein Bild von kleinen Heinzelmännchen vor Augen. Waren das nicht kleine, arbeitswütende Gestalten, die den Menschen gerne Arbeit abnahmen? Schnell schob sie den Gedanken beiseite und betrachtete die Kleidung.
„Das sind aber nicht meine Sachen!“ beanstandete sie.
„Nicht?“ fragte Schwester Ina, ließ sich aber nicht aus ihrem Konzept bringen. „Die hat ihr Mann uns vorbeigebracht. Vielleicht hat er Ihnen etwas Neues gekauft, so dass sie die Sachen deswegen nicht erkennen. Könnte doch sein, oder?“ sie lächelte Susanne freundlich an. „Die meisten Ehemänner kennen sich mit der Garderobe ihrer Frauen nicht aus und kaufen dann lieber etwas völlig Neues. Das erleben wir ziemlich häufig.“ „Mein Mann!“ dachte Susanne. Mark war ihr Ehemann! Ohne überlegen zu müssen hatte sie das erste fehlende Steinchen in dem Mosaik, das ihr Leben war, gefunden. Ein gutes Zeichen, fand sie. Mark war also hier gewesen. Aber warum hatte er sie nicht besucht, geschweige denn mit nach Hause genommen? Und wo war er jetzt? Und wo waren Madeleine und Valentin? Zwei neue Namen, die einfach so auftauchten und die sie gleich einordnen konnte. Es waren die Namen ihrer beiden Kinder. „Frau Stahl?“ Schwester Ina rief sie aus ihren Gedanken zurück in das Krankenzimmer. „Würden Sie das bitte anziehen, damit wir zum Frühstück gehen können? Die anderen warten sicherlich schon!“
Welche anderen? Susanne gab sich geschlagen. Schnell aufgeben war eigentlich gar nicht ihre Art (oder doch?), aber ihr fehlte jegliche Energie zum hinterfragen oder verneinen. Irgendwas an Schwester Ina signalisierte ihr, dass jede Diskussion zwecklos wäre und sie ohnehin den Kürzeren ziehen würde. Also fügte sie sich, zog den mintfarbenen Jogginganzug und die neuen Turnschuhe an. Sie ließen sich mit einem Klettverschluss schließen, was Susanne wieder stutzen ließ. Schuhe mit Klettverschlüssen waren so ziemlich das Letzte, was sie sich selbst kaufen würde. Warum hatte Mark ihr nur solch hässliche Schuhe besorgt? Und dann noch in grellem Pink- Weiß? Ihr erstes Gefühl sagte ihr, dass sie Pink hasste. Dafür, dass es zusätzlich überhaupt nicht zur Farbe des Trainingsanzuges passte, hatte sie überhaupt keinen Sinn. Schwester Ina musste ihren abschätzenden Blick bemerkt haben.
„Nun ja, normale Schnürsenkel sind auf dieser Station auch nicht erlaubt“, sagte sie und fügte aufgrund Susannes unverständlichen Gesichtsausdrucks hinzu, „Sie wissen schon, wegen der Sicherheit.“
Susanne nickte, verstand aber nicht wirklich, um was es ging. Was hatten Schnürsenkel mit der inneren Sicherheit zu tun?
"Na dann mal los. Auf zum Frühstück!“ sagte Schwester Ina und begleitete Susanne auf den Flur. Hinter sich schloss sie zu Susannes Verwunderung die Zimmertür ab. Erst jetzt entdeckte Susanne den klirrenden Schlüsselbund, der mit einer etwas stärkeren Kette an Schwester Inas Gürtel befestigt war. Wo war sie nur gelandet? Szenen aus „Einer flog über`s Kuckucksnest“ kamen ihr in den Sinn.


Kapitel drei

Susanne ließ alles nur auf sich wirken, ohne die Eindrücke zu verarbeiten, geschweige denn zu kommentieren. Alleine damit brachte sie ihre Sinne schon an die äußerste Belastungsgrenze. Sie stand mit Schwester Ina am Ende eines langen Ganges, der nur in gedämpftes Licht gehüllt war. Es roch stark nach Bohnerwachs, obwohl auch der den höchst strapazierten Linoleumboden nicht mehr zu neuem Glanz verhelfen würde. Auch hier waren Decken und Wände mittlerweile leicht vergilbt. Zudem lag ein eigenartiger Geruch von Muffigkeit in der Luft, so als würde hier nie gelüftet werden. Alles in allem kein Ort zum Wohlfühlen, dachte Susanne. „Kommen Sie, Frau Stahl“, forderte Schwester Ina sie auf und ging voran. Susanne folgte ihr zögerlich. Links und rechts vom Gang befanden sich weitere Patientenzimmer. Alle Türen waren verschlossen, was dem gesamten Gang etwas Bedrückendes gab. „Frau Baumgarten, guten Morgen“, Schwester Ina begrüßte eine weitere Patientin, die sich, ebenfalls in Jogginghose, T-Shirt und Klettverschlussschuhen gekleidet, auf dem Flur befand. Anscheinend war auch sie auf dem Weg zum Speisesaal. Susanne nickte der Frau zu, die ohne irgendeine Reaktion zu zeigen weiterhin starr auf den Boden blickend ihren Weg fortsetzte.
Zu dritt betraten sie den Speiseraum. „Aha, hier wurde schon mal gestrichen“, dachte Susanne. „Wenigstens etwas.“ Und tatsächlich wirkte der dunkle Orangeton der Wände angenehm und warm. Der Raum war mittig durch ein Regal in zwei Bereiche unterteilt. Im Aufenthaltsbereich hatte man versucht ein wenig wohnliche Atmosphäre zu schaffen. Eine Polsterecke mit Fernsehtisch lud zum Relaxen ein. Künstliche Grünpflanzen und eine Stehlampe mit Stoffschirm im Retrolook (oder war die wirklich aus den 60ern?) versprühten, wenn auch nur dezent, ein wenig Gemütlichkeit.
Der Speisebereich war dagegen eher zweckmäßig als gemütlich eingerichtet und bot Platz für zehn Patienten. Der Tisch war bereits gedeckt und die meisten Plätze besetzt. Schwester Ina räusperte sich, um sich Gehör zu verschaffen.
„Entschuldigen Sie bitte“, rief sie mit lauter Stimme, „darf ich einmal kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten.“
Der Großteil der Patienten nahm weder Notiz von Schwester Ina noch von Susanne. Sie saßen ebenso emotionslos wie Frau Baumgarten am Tisch und warteten auf das Frühstück. Zwei Personen vom Küchenpersonal nickten Susanne freundlich zu.
„Wir haben ein neues Gesicht auf Station“, verkündete sie, „das ist Frau Stahl. Ich möchte Sie bitten, Ihr ein wenig beim Eingewöhnen zu helfen. Vielen Dank und guten Appetit.“ Sie überließ Susanne mit einem freundlichen Nicken sich selbst und verließ den Gemeinschaftsraum durch eine Tür am anderen Ende. Susanne blickte ihr nach.
„Da geht´s zum Schwesternzimmer“, wurde Susanne von rechts angesprochen. Susanne schreckte zusammen. Sie war überhaupt nicht darauf vorbereitet gewesen, dass sie jemand von den Mitpatienten ansprach. Es waren also nicht alle so apathisch wie Frau Baumgarten.
„Was?“ fragte sie etwas irritiert.
„Zum Schwesternzimmer“, sagte die andere Frau mit Nachdruck. „Du guckst doch der Ina nach und fragst dich, wo sie hingeht. Na, zum Schwesternzimmer. Also, wenn du was hast und willst, musst du da längs.“ Sie zeigte in die Richtung, in die Schwester Ina verschwunden war. „Und nun setzt dich, wir wollen frühstücken.“ Eine etwa 30jährige Patientin mit fast kahlrasiertem Schädel blickte sie auffordernd an. Erst jetzt registrierte Susanne, dass alle anderen schon saßen und in ihre Richtung starrten. Wie ferngesteuert nahm auch sie schnell Platz. Aus den Augenwinkeln musterte sie die junge Frau. „Andersartig!“ war Susannes erster Gedanke. Die junge Frau hatte mindestens drei Ohrlöcher an jedem Ohr, ein Piercing an der rechten Augenbraue und eine dünne Kette, die von einem Ohrring zum Nasenstecker hing. Ein buntes schwarzes Tattoo schlängelte sich vom Nacken über eine Schulter nach vorn. Soweit es Susanne erkennen konnte, schien es eine Art Drache zu sein. Hohle Wangen und eingefallenen Augenlöcher gaben dem ganzen Gesicht ein eher ungesundes und durchlebtes Aussehen. Nur ihre dunklen, äußerst wachen Augen versprühten einen Hauch von Lebensfreude.
„Ein oder zwei Brötchen?“ Susanne zuckte erneut zusammen und drehte sich um. Hinter ihr stand eine der zwei Küchenmitarbeiterinnen. Sie hatte eine riesige metallene Schüssel mit halbierten Brötchenhälften und schaute sie fragend an.
„Äh, eins bitte“, antwortete sie, obwohl sie überhaupt keinen Hunger oder Appetit verspürte. Ihre Tischnachbarin hatte ihr bereits Kaffee eingeschenkt, eine andere Frau von gegenüber reichte ihr einen Teller mit Wurst und Käse. Sie nahm sich je eine Scheibe, belegte ihre Brötchenhälften, die schon mit Butter oder Margarine bestrichen verteilt worden waren und begann zu frühstückten.
Die meisten Patientinnen, es waren nur Frauen erkannte Susanne, aßen schweigend und schienen in ihren eigenen Gedanken versunken zu sein. Die Frau neben ihr schien so ziemlich die einzige zu sein, die auf den ersten Blick relativ normal zu sein schien, abgesehen von ihrem skurrilen Äußeren.
„Also, ich bin Sarah“, stellte sie sich vor. Susanne nickte mit vollem Mund kauend. „Ich erklär dir jetzt mal kurz einige wichtige Dinge. Ist dir sicherlich schon selbst aufgefallen, Sicherheit hat hier höchste Priorität“, erklärte sie ganz wichtig. „Deswegen gibt es weder Messer noch Gabeln oder sonstige spitze Gegenstände.“ Sie zog ohne Vorankündigung einen Ärmel hoch. Susanne stockte der Atem. Sarahs Unterarm war übersät von alten, aber auch frischen Narben, die teilweise noch nicht verheilt waren oder noch mit Fäden zusammengehalten wurden. „Nicht, dass einer von uns auf dumme Ideen kommt!“ Sie grinste Susanne breit an, der alles andere als zum Lachen zumute war. Eine der Küchenmitarbeiterinnen räusperte sich laut und Sarah zog hastig ihren Ärmel wieder herunter. „Die haben das hier überhaupt nicht gerne, wenn man seine Ritzen zeigt!“ betonte sie lauter als zuvor, bevor sie in ihren Erklärungen fortfuhr. „Also, es gibt sie schon, die Messer, aber die beiden Wärter da“, sie zeigte provozierend auf die beiden Küchenhilfen, die sich davon jedoch nicht beeindrucken ließen und Sarah ignorierten, „passen auf wie die Schießhunde, dass auch ja nichts abhandenkommt! Haben ja sonst nichts zu tun." Sie trank ihren Kaffee in einem Zug aus. „Kaffee gibt es nur zu den Mahlzeiten. Also nichts für Coffeinjunkies wie mich“, sie schenkte sich nach und blickte Susanne fragend an, die dankend ablehnte. „Sehr schön, Umso besser, mehr für mich!“ Sie setzte ihre Tasse wieder an und Susanne glaubte schon, sie würde die Tasse erneut in einem Schluck leeren. Dieses Mal legte sie jedoch nach der halben Tasse eine kleine Pause ein. „Tagsüber dürfen wir nicht in unsere Zimmer, das heißt schon, wenn du was brauchst. Dann musst du eine Schwester fragen. Wenn du aufs Klo willst, musst du `ne Schwester fragen. Willst du telefonieren, musst du `ne Schwester fragen. Rauchst du?“ sie blickte Susanne fragend an.
„Manchmal“, antwortete Susanne zögerlich, der durch den gesamten Informationsüberfluss der Kopf schwirrte. Wie konnte ein einzelner Mensch nur so viel reden! Das war ja eine zweite Schwester Ina! „Ah, also doch ein Laster. Dachte schon, du bist `ne Heili-ge“, Sarah grinste breit und entblößte ein weiteres Piercing, das quer durch das obere Lippenbändchen gebohrt war. „Zigaretten musst du nämlich abgeben und wenn du Schmachter hast, musst…“
„…muss ich die Schwester fragen“, vervollständigte Susanne.
„Genau!“ sagte Sarah und schien erfreut über Susanne Aufnahmefähigkeit zu sein. „Du lernst schnell! Also, herzlich willkommen auf der 3a.“
Susanne hatte sich während der Unterhaltung nur auf Sarah konzentrieren können. So überrollten sie die plötzlich auftretende Unruhe und der Tumult im Gang zu den Patientenzimmern völlig unvorbereitet. Eine Frau schrie ohne Ankündigung, als ginge es um ihr Leben. Lautes Gepolter folgte, jemand trat und schlug gegen Türen. Aus dem Schwesternzimmer kamen zwei Pfleger gelaufen, gefolgt von zwei Schwestern und einem Arzt, den Susanne als Dr. Glück wieder erkannte. Alle fünf stürmten in den Gang, wo es den Geräuschen nach zu urteilen zu einem regelrechten Gerangel kam. Die Patientin schrie immer noch aus Leibeskräften, hatte aber der Überlegenheit des Pflegpersonals anscheinend nichts entgegenzusetzen. Nach einigen Minuten herrschte wieder vollkommene Stille.
„Nich` wundern“, meinte Sarah völlig unbeeindruckt, „das ist der morgendliche Ausraster von Micha. Wahrscheinlich haben ihre Stimmen ihr wieder gesagt, sie soll sich gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt wehren“, sie prustete los und steckte die um sie herum sitzenden Patientinnen an. Susanne fand das gerade alles andere als lustig, sondern eher beängstigend. Waren denn alle verrückt hier? Ihr war klar, dass sie hier unter keinen Umständen bleiben würde.
Dr. Glück betrat wieder den Gemeinschaftsraum. Auch ihn schien dieser Zwischenfall nicht sonderlich aus der Ruhe gebracht zu haben. Lächelnd kam er auf Susanne zu.
„Guten Morgen Frau Stahl“, begrüßte er Susanne. Sie erwiderte den Gruß wortlos mit einem leichten Nicken. Zu einer anderen Reaktion war sie derzeit nicht in der Lage. „Schön, dass Sie heute schon aufstehen konnten und sogar hier gemeinsam mit den anderen frühstücken. Ein wenig Gesellschaft kann doch jeder gebrauchen!“ Er schaute einmal in die Runde der Patientinnen und nickte der einen oder anderen freundlich und aufmunternd zu. Susanne registrierte verwundert, dass jetzt alle Patientinnen aufmerksam in Richtung des Arztes schauten und die eine oder andere sogar ein Lächeln zustande brachte. Er schien recht beliebt bei den Damen zu sein. „Frau Stahl“ sprach er weiter, „ich möchte Sie bitten, nach dem Frühstück einmal am Schwesternzimmer vorbeizuschauen. Dort wird man Sie über die Medikamentenausgaben, Stationsregeln und so weiter aufklären“, er zwinkerte Sarah zu, „für interne Informationen ist Frau Schmidtke zuständig, nicht wahr?“
„Jawoll!“ bestätigte Sarah mit einem breiten Grinsen und salutierte scherzhaft. „Schon geschehen, Herr Doktor!“
„Ich hinterlege bei den Schwestern auch noch einen Fragebogen. Nicht erschrecken, es sind einige Seiten. Ich möchte Sie bitte, diesen Bogen im Laufe des Vormittags auszufüllen. Dann habe ich für unser Gespräch heute Mittag schon einige Vorinformationen. Ich hole Sie kurz vor 13 Uhr hier im Gemeinschaftsraum ab. Ist es Ihnen recht?“ Susanne nickte wieder. „Gut, gut. Dann bis nachher“, er drückte kurz ihre Schulter und verschwand in Richtung Schwesternzimmer.
Sarah lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, bereits die vierte Tasse Kaffee intus und blickte Dr. Glück nach. „Ist schon ne Marke, Doc Good luck, aber ein echt guter Doc“, erstaunt über Susannes irritiertes Gesicht, erwiderte sie, als wäre es doch offensichtlich:„Na, Glück- good luck- du verstehst?“ Der Groschen fiel bei Susanne heute sehr langsam, aber sie verstand und kam sich ziemlich blöd vor. Was war nur mit ihrem Gedächtnis passiert? Sie war doch sonst nicht so schwer von Begriff! Sarah lachte.
„Ach, mach dir nichts draus. So geht’s einem nun mal, wenn man aus dem Koma erwacht, in das man gezwungenermaßen geschossen wurde. Gibt sich wieder! Glaub mir, ich habe da so meine Erfahrung!“ Das glaubte Susanne ihr sofort, Sarah hatte sicherlich einschlägige Erfahrungen in Sachen Psychiatrie, dessen war sie sich sicher. Das Frühstück verlief ohne weitere Zwischenfälle. Eine weitere Regel, über die Susanne von der weiterhin äußerst gesprächigen Sarah aufgeklärt wurde, war, dass das gemeinsame Mahl nicht nur gemeinsam begonnen, sondern auch gemeinsam beendet wurde und dass erst 15 Minuten, nachdem die Letzte fertig war.
„Wieso müssen wir ne Viertelstunde hier am Tisch sitzen bleiben?“ wollte Susanne wissen, als sie sich mit Sarah aufmachte, ihr benutztes Besteck bei der Küchenfrau abzugeben.
„Na, für die Essgestörten!“ Sarah schüttelte ungläubig ihren Kopf. Susanne verstand nicht.
„Oh, man, du warst wirklich noch nie hier, wa`?“ Susanne verneinte. „Damit die sich nach`m Futtern nicht gleich wieder den Finger in den Hals stecken. Kapierste?“ Ja, Susanne kapierte. Sie hatte von Bulimie schon häufiger in den Modezeitschriften gelesen, hatte sich aber noch nie vorstellen können, was einen Menschen dazu bewegen könnte, sich selbst zum Erbrechen zu zwingen. „Is` auch nicht zu verstehen, wenn du das selbst nicht hast!“ meinte Sarah, womit für sie das Thema erledigt war.
Susanne gab ihr Geschirr und Besteck bei Frau Sandra Wichert ab, zumindest sagte ihr Namenschild, dass sie so hieß. Dann folgte sie Sarah zum Stationszimmer, vor dem sich bereits eine längere Schlange gebildet hatte. Neben dem eigentlichen Stationszimmer befand sich eine weitere Tür mit einem Schiebefenster, hinter dem eine Schwester stand, die konzentriert mit Patientenakten und Tablettenschachtel herumhantierte. Als sie ihre Arbeit beendet hatte, öffnete sie das Schiebefenster und eine elektronische Anzeige über der Tür sprang an. „Medikamentenausgabe“, las Susanne leise.
„Sehr schön, Madame is auch noch gebildet“, bemerkte Sarah ironisch.
Eine Patientin nach der anderen trat vor das Ausgabefenster, nannte ihren Namen und bekam ein kleines Medikamentenschälchen und einen Plastikbecher mit Wasser. Unter strengem Blick der Schwester wurden die Tabletten geschluckt. Anschließend erfolgte eine Mundinspektion, wobei die jeweilige Patientin ihren Mund weit aufriss und die Schwester sehr gründlich die Mundhöhle inspizierte. Susanne nahm auch diese Eindrücke erst einmal nur zur Kenntnis. Nachdem was sie heute schon erlebt hatte, ließ sie so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen. Zudem meldete sich die bleierne Müdigkeit zurück, so dass es ihr Mühe bereitete, sich einigermaßen auf den Beinen zu halten.
Da sie sich nicht erinnern konnte, zu Hause Tabletten genommen zu haben oder in irgendeiner Form auf Medikamente angewiesen zu sein, ignorierte sie den Hinweis von Sarah, dass man sich erst Medikamente abzuholen hatte, bevor man nach den Mahlzeiten etwas anderes machen wollte. So drängelte sie sich an der Schlange vorbei, um zum eigentlichen Stationszimmer vorzudringen. Bevor sie klopfen konnte, wurde sie forsch von der Schwester am Ausgabeschalter angesprochen.
„Frau Stahl?“ Susanne zuckte zusammen, fühlte sich ertappt, wie früher als Kind, wenn die Mutter sie beim Stibitzen von Süßigkeiten erwischt hatte, „kommen Sie bitte erst bei mir vorbei? Immer erst Medis holen, bevor Sie was anderes machen!“ Sie deutete mit strengem Blick und einem Kugelschreiber auf das nicht zu übersehende Schild neben ihrem Ausgabefenster. Sarah konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Susanne ging zum Schiebefenster und nahm das Schälchen mit zwei Tabletten entgegen. Völlig automatisch griff sie auch nach dem dargereichten Wasserbecher.
„Aber ich bekomme doch gar keine Tabletten!“ versuchte sie sich zu erklären. „Das ist nicht mit mir besprochen worden. Was ist das überhaupt?“
Die Schwester schaute sie kurz an, warf dann einen eher genervten Blick in die Akte.
„Immer die Neuen“, murmelte sie. „Also, Dr. Glück hat Ihnen ein leichtes Beruhigungsmittel angesetzt.“ Als ob diese Information ausreichend wäre, fügte sie noch leicht gereizt hinzu: „ Also, Frau Stahl, darf ich bitten? Die anderen Patienten wollen schließlich auch noch ihre Medikamente nehmen! Sie halten den ganzen Verkehr hier auf!"
Susanne blickte die Schwester an, dann hinter sich in die Gesichter der sichtlich genervten Mitpatienten gab sich schließlich geschlagen. „Die werden mir hier schon kein Rattengift verabreichen!“ dachte sie und schluckte die Pillen, bevor sie am Schwesternzimmer klopfte. Die Tür öffnete sich und Susanne blickte in das freundliche Gesicht von Schwester Ina. Endlich jemand, den sie kannte.
„Frau Stahl, hallo. Dr. Glück hat Sie schon angekündigt. Kommen Sie doch kurz herein.“ Schwester Ina öffnete die Tür ganz und Susanne betrat das Schwesternzimmer. „Nehmen Sie doch bitte Platz“, Schwester Ina bot ihr einen Stuhl an. Susanne nahm Platz, froh über eine Sitzmöglichkeit, denn ihre Müdigkeit wurde stärker, ihre Beine dafür immer schwächer.
„Das kommt sicherlich auch von den Medikamenten“, erklärte ihr Schwester Ina. Sie reichte Susanne einen Merkzettel mit Stationsregeln, Stationsabläufen, feste Gruppenterminen und Tipps, um sich den Einstieg in die Stationsgemeinschaft ein wenig zu erleichtern. „Es sind wirklich nur Ratschläge, die ehemalige Patientinnen zusammengetragen haben. Manchen haben sie gerade in den ersten Tagen sehr geholfen.“
Tagen? Einstieg in die Stationsgemeinschaft? Susanne verstand nicht so recht, hatte sie doch nicht vor hatte, länger in diesem Etablissement zu verweilen. „Und hier ist noch der Fragebogen für Dr. Glück“, sie reichte Susanne etliche DIN-A-4-Seiten.
Sollte sie etwa ein Buch über ihr bisheriges Leben schreiben? Wozu? Was ging es diesen Arzt an, wie ihr bisheriges Leben verlaufen war? Man musste ihr doch nur sagen, warum sie hier war, was zu tun wäre und dann konnte sie doch wieder nach Hause. Wortlos nahm sie die Zettelwust in Empfang.
„Um 13 Uhr haben Sie ja den Termin bei Dr. Glück, von daher wäre es ganz gut, wenn Sie die Zettel bis 12 Uhr wieder bei mir abgeben könnten. Und ganz wichtig“, sie reichte ihr einen Bleistift, „den hier bitte auch wieder mit abgeben und auch nur bei mir. Alles klar soweit?“
Susanne nickte wortlos. Momentan war das einzige, was sie wollte, sich irgendwo hinlegen und schlafen. Als sie das Schwesternzimmer verlassen hatte, blieb sie unschlüssig im Gemeinschaftsraum stehen. In ihr Zimmer durfte sie tagsüber nicht, warum auch immer, aber das Sofa in der Fernsehecke lud geradezu zum Schlafen ein. Seufzend ließ sie sich in die Kissen fallen, legte den Kopf auf die Rückenlehne und war innerhalb von Sekunden eingenickt.


Fortsetzung folgt... 11.11.13

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Sonntag, 10. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi
Autor; Kirsten Maria Scholz

Kapitel Eins

Susanne erwachte aus einem traumlosen Nichts. Die Farbe der Decke, an die sie blickte, war ursprünglich einmal weiß getüncht worden. Über die Jahre hinweg hatte sich der Anstrich ins gelbliche gewandelt und blätterte an einigen Stellen ab, so dass etliche Risse im Putz deutlich sichtbar waren. Aus den Augenwinkeln erkannte sie, dass die Tapete, die wohl vor Jahrzehnten einmal an die Decke geklebt worden war, rechts in der Ecke in großen Fetzen herunterhing. Ein kleiner Windhauch und sie würden sanft zu Boden segeln und sich wahrscheinlich über ihr Gesicht legen. Die Wände waren weder tapeziert noch gestrichen. Stattdessen waren sie mit den hässlichsten und vergilbtesten Kacheln, die sie je gesehen hatte verunstaltet worden und versprühten eine unangenehme, ja nahezu beklemmende Kälte. Die lange Neonröhre, die die Decke in zwei gleich große Hälften teilte, flackerte in unregelmäßigen Intervallen und erhellte den Raum mit ihrem kalten Licht.
Susannes Augen brannten. Sie kniff die Lider zusammen, um sich vor dem grellen Neonlicht zu schützen und blickte sich dann mit zu Schlitzen verkleinerten Augen erneut um. Wo war sie? Sie konnte sich nicht erinnern, in so einer heruntergekommenen Kaschemme zu wohnen. Oder wohnte sie hier gar nicht? Aber was machte sie dann hier? War sie entführt oder verschleppt worden? Hochsteigende Angst ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie ließ ihren Blick wandern und ignorierte das Brennen in den Augenwinkeln. An der gegenüberliegenden Wand verliefen Wasserrohre, die mit der gleichen vergilbten Farbe wie die Decke gestrichen zu sein schienen. Oder war das gar keine Farbe? Hatte vielleicht auch nur der Zahn der Zeit an ihnen genagt? Sie vernahm leises Blubbern und Klopfen rechts von ihr. Anscheinend entsprang es den Heizungsrohren und dem teilweise verrosteten Heizkörper. Wer zum Henker hatte noch solche Heizungsrohre in seiner Wohnung? Die stammten doch mindestens aus dem zweiten Weltkrieg! Rein gar nichts in diesem kalten, ungemütlichen Raum erinnerte sie an ihr Zuhause. Obwohl… wie war ihr Zuhause eigentlich? Einen kleinen Moment hielt sie in inne. Sie versuchte krampfhaft, sich an irgendetwas zu erinnern. Aber alles, was vor ihrem inneren Auge erschien, war ein riesiges, schwarzes, nicht greifbares Etwas.
Ihr Blick fiel auf das Fenster, das ebenfalls schon bessere Zeiten gesehen hatte. Ein doppelglasiges Milchglasfenster im Schlafzimmer? Sie kniff erneut ihre Augen zusammen und drückte so eine Träne heraus, die ihr heiß die rechte Wange herunterlief. Herrje, was war nur los mit ihr? Das Fenster erinnerte sie sehr stark an einen Film aus den 40er oder 50er Jahren. Dr. Schiwago! Der Titel dieses Filmes war jedoch ebenso schnell wieder aus ihrem Kopf verschwunden, wie er erschienen war.
Alles um sie herum glich sehr stark den ersten Krankenhäusern der Nachkriegszeit. Krankenhäuser, in denen die Schwestern noch mit Häubchen und gestärkten Kleidern herumliefen. Krankenhäuser, in denen die Patienten zu zehnt in einem Schlafsaal schliefen, die Fieberthermometer noch Quecksilber enthielten und die Flure nach Bohnerwachs rochen. Allerdings waren diese Krankenhäuser bestimmt nicht ganz so heruntergekommen gewesen wie der Raum, in dem sie sich jetzt befand. Das hier erinnerte sie eher an einen Hinterhofschlachtbetrieb. Schnell versuchte sie, die aufkommenden Bilder von halben Schweinehälften aus ihrem Kopf zu verdrängen.
Susanne versuchte ihren Kopf anzuheben. Ein nahezu unerträglicher stechender Schmerz wurzelte in ihrem Nacken und ließ sie laut aufstöhnen. Das Bild von einem gespickten Rehrücken schoss ihr in den Kopf. Genau so fühlte sie sich, wie ein von unzähligen Nadeln durchlöchertes Stück Fleisch. Der Schmerz schlängelte sich wie eine rasant wachsende Efeupflanze um ihren Hals und hinauf auf ihren Kopf, wo er Stirn und Schläfen wie Schraubzwingen zusammenzudrücken schien. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte den Schmerz weg zu atmen. Vergebens. Stattdessen hatte sie das Gefühl, jemand zog rücksichtslos die Schraubzwingen weiter an. Der Schmerz pochte dermaßen heftig in ihren Schläfen, dass sie dachte, ihr Schädel würde jeden Moment platzen. Susanne schloss die Augen und hoffte, den Schmerz damit ausschließen zu können. Aber er blieb und hinderte sie daran, einen klaren Gedanken zu fassen.
Ein Geräusch ließ sie hochschrecken. Es war, als verschaffte sich jemand direkt Zutritt zu ihrem Kopf. Sie versuchte, den Krach zu ignorieren und sich zu orientieren. Der Verursacher des nahezu unerträglichen Getöses hantierte rechts von ihr mit Gegenständen herum. Sie vernahm Knistern und Papierrascheln und ein durchdringendes klirrende Geräusch, das sich in unkontrolliertes Muskelzittern zu entladen schien und ihren Körper zunächst erschauern, dann unbarmherzig verkrampfen ließ. Glas schabte auf Metall.
Sie konnte sich nicht erinnern, jemals mit einem extremen Kater nach einer durchgezechten Nacht erwacht zu sein, sondern hatte nur Marc leiden sehen. Sie hatte sich nur allzu gerne einen Spaß daraus gemacht, Schranktüren extra laut zufallen zu lassen oder absichtlich mit Teller und Besteck zu klirren, was Marc jedes Mal noch mehr leiden ließ. Jetzt konnte sie ihn verstehen und nachvollziehen, welche Qualen er durchleiden musste. Jedes Knistern und jedes Geräusch hallte in ihrem Schädel nach und potenzierte Kopfschmerz und Übelkeit um ein Vielfaches.
"Marc!" dachte sie, ein vertrauter Name, doch konnte sie ihn momentan schwer einordnen, zu sehr musste sie sich auf sich konzentrieren.
Susanne versuchte sich bemerkbar zu machen. Ihre Zunge klebte pelzig und angeschwollen am Gaumen, ihre Lippen fühlten sich rissig und ausgedörrt wie Trockenpflaumen an. Ganz zu schweigen von ihrem Rachen. Als sie zu sprechen versuchte, hatte sie das Gefühl, ihre Zunge würde ihre Mundschleimhaut herunterreißen. Tränen schossen ihr wieder in die Augen, sie schmeckte Blut. Trotz allem versuchte sie es weiter und bekam zumindest ein Krächzen heraus.
Die Person in der Ecke hielt in ihrer Arbeit inne und drehte sich zu ihr um. Das runde Gesicht einer jungen Frau Mitte zwanzig mit dunkelbraunen Augen und dunkelblondem Haar, das zu einem Zopf oder Pferdeschwanz im Nacken zusammengebunden war, beugte sich zu ihr über das Bett und blickte sie kritisch musternd an. Als sie merkte, dass Susanne sie ebenfalls anblickte, lächelte sie.
„ Hallo, Frau Stahl“, sprach sie mit einer angenehm leisen Stimme, „wie schön, Sie sind wach. Sie haben aber auch wirklich langegeschlafen.“
Die Frau sprach noch weiter, aber Susanne konnte sich nicht weiter konzentrieren, ihre Gedanken kreisten und drehten sich, die Worte der jungen Frau in Schwesterntracht dröhnten wie ein Presslufthammer. Sie schloss die Augen und wünschte sich weit weg.
„…Frau Stahl?“ Susanne schaute die Frau erschrocken und verwirrt an. „ Frau Stahl, möchten Sie etwas trinken?“ fragte sie mit Nachdruck. Susanne nickte leicht, obwohl die Bewegung wieder stechende Nackenschmerzen hervorrief.
Die Frau, die sich darauf als Schwester Ina vorstellte, nahm Susannes Kopf sanft in die eine Hand und gab ihr mit Hilfe eines Schnabelbechers etwas zu trinken. Kühles, frisches Wasser! Susanne trank gierig und verschluckte sich fast. Sie hustete und Wasser rann ihr über das Kinn. Sie wollte es sich mit ihrem Ärmel abwischen. Ihre Hand ließ sich jedoch nicht nach oben bewegen. „Ich bin gelähmt!“ schoss es ihr als erstes in den Sinn. Panisch blickte sie auf ihre Handgelenke. Das gab es doch nicht! Man hatte sie am Bettgestell festgebunden! Mit aller Kraft zerrte und rüttelte sie an den Handfesseln und registrierte jetzt erst, dass auch ihre Füße festgeschnallt waren. Schwester Ina berührte leicht ihren Arm.
„Frau Stahl, bitte beruhigen Sie sich“, bat sie in einem ruhigen Ton, den Susanne alles andere als beruhigend empfand. „ Es ist alles in Ordnung!“ Susanne schnaubte. Was war denn hier bitte in Ordnung!
„Was soll das?“ stieß Susanne nuschelnd hervor und blickte die Schwester mit entsetzt aufgerissenen Augen an. Schwester Ina antwortete irgendetwas, für Susanne Worte ohne Sinn. Sie war so in Panik, dass das Gesagte ihr Hirn nur stückweise erreichte. Sie wollte schreien, sich wehren und um Hilfe rufen, aber alles, was aus ihrer Kehle drang war ein klägliches Krächzen und Gestammel. Die Schwester tätschelte ihren Unterarm, was Susanne als leichte Schläge empfand, und erklärte, sie würde wohl besser den Arzt holen. Ohne weiter auf Susanne einzugehen, verließ sie den Raum und ließ Susanne alleine, verwirrt, schmerzgepeinigt und gefesselt zurück. Was sollte das alles, warum war sie festgebunden und trug dieses merkwürdige weiße Hemd, das eher an ein Leichentuch als an ein tragbares Kleidungsstück erinnerte? Sie versuchte, einen Gedanken zu Ende und Ordnung in ihre Gehirnwindungen zu bringen, was ihr aber glorreich misslang.
Das Klopfen in ihrer Schläfe wurde stärker. Als der Presslufthammer zurückkam, begann sich ihr Geist von der Wirklichkeit zu verabschieden. Sie gab sich keine Mühe dagegen anzukämpfen.

Schlagartig wurde sie aus dem Zustand der Stille zurück an die Oberfläche gezogen. Hatte sie etwa geschlafen? Ihr war jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen. Ein anderes Gesicht als das von Schwester Ina blickte sie ernst, aber durchaus nicht unfreundlich an. Es handelte sich dieses Mal um das Gesicht eines Mannes mittleren Alters mit buschigen dunklen Augenbrauen und einem ebensolchen Schnauzbart. Die hohe Stirn und die eher antik schwarze Hornbrille gaben ihm ein äußerst skurriles Aussehen. Er stellte sich mit einer sehr warmen und angenehmen Stimme als Stationsarzt Dr. Ferdinand Glück vor und erklärte ihr, dass sie sich zurzeit auf der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Abteilung des Klinikums in Heidelberg befand. Und es wäre ihm eine außerordentliche Freude, sie endlich persönlich sprechen zu können. Die letzten Tage sei sie doch etwas unpässlich gewesen. Bei unterstrich seine Worte mit einer diffusen Handbewegung. Er sprach ihr sein Mitgefühl aus über die vielleicht aus ihrer Sicht schroffe Behandlung. Dabei deutete er auf die ledernen Hand- und Fußfesseln und mit einer ausladenden Handbewegung auf die ungemütlichen Wände.
„Aber ungewöhnliche Handlungen bedürfen manchmal ungewöhnliche Maßnahmen“, fügte er höflich, aber bestimmt zu.„ Wir werden in den nächsten Tagen die Möglichkeit haben uns besser kennenzulernen, bis dahin hoffe ich, dass Sie sich hier auf der Station ein wenig einleben und versuchen werden, uns die Möglichkeit zu geben, Licht in Ihr Dunkel zu bringen.“
Seine Ausschweifungen waren wie eine Flutwelle auf Susanne zugerollt und sie hatte Mühe, ihnen zu folgen. Sie blickte den Arzt fragend und verwirrt an. „Psychiatrie?“ dachte sie. Und was meinte er mit ungewöhnlichen Handlungen?
„Können wir uns darauf einigen, dass wir versuchen, zusammen zu arbeiten?“ fragte Dr. Glück freundlich nach. Susanne überkam das Gefühl, dass es den Arzt herzlich wenig interessierte, was sie gerade wollte. Trotzdem nickte sie, was er freudig als Zustimmung registrierte. Sie entschied sich, dass es sicher besser wäre, wenn sie zunächst mitspielte und sich mit Äußerungen über ihren tatsächlichen Gemütszustand zurückhielt.
„Das ist sehr schön!“ Ihm war seine Freude direkt anzusehen. „Frau Stahl, fuhr er fort, „ich werde Ihnen jetzt einige Fragen stellen und es wäre sehr freundlich, wenn Sie diese nach bestem Wissen und Gewissen beantworten würde.“
Er stellte ihr Kopfende ohne Vorankündigung ein wenig höher. Sicherlich in bester Absicht, so musste Susanne jetzt nicht mehr ihren Hals verdrehen, um den Arzt direkt anschauen zu können. Die abrupte Lageveränderung allerdings bewirkte, dass die Schraubzwingen ihren Dienst an ihren Schläfen antraten. Schwindel und Übelkeit drohten erneut die Oberhand zu gewinnen. Sie merkte, wie sich Speichel in ihrem Mund sammelte. Schmerzverzerrt versuchte sie, die aufsteigende Magensäure herunterzuschlucken.
Dr. Glück hatte auf einem Stuhl an ihrer Seite Platz genommen. Er hatte anscheinend nichts von ihren Schwierigkeiten mitbekommen.
„Nun, haben Sie verstanden, was ich von Ihnen möchte?“ fragte er stattdessen freundlich nach. Sie nickte.
„Könnte ich vorher etwas zu trinken bekommen, bitte?“ fragte sie heiser.
„Aber selbstverständlich. Schwester Ina?“ er blickte auffordernd zu der Schwester, die sich still in eine Ecke verzogen hatte, von wo sie das ganze Geschehen gut im Blick hatte, jederzeit dem guten Dr. Glück hilfreich beiseite zu springen.
„Wir werden Ihnen auch die Fixierung lösen“, sagte Dr. Glück, „die war und ist nur zu ihrem eigenen Schutz. Sollten wir allerdings wieder die Sorge haben, dass Sie sich oder anderen Personen etwas antun möchten, werden wir wohl oder übel wieder von ihnen Gebrauch machen müssen. Sind wir uns soweit einig?“
Susanne nickte wieder. Zwar hatte sie seine Worte gehört, nicht aber ihren Sinn verstanden. Wieso sollte sie sich und anderen etwas antun wollen? Sie war doch nicht gemeingefährlich! Schwester Ina löste Hand- und Fußfesseln und reichte ihr den schon bekannten Plastikbecher. Hastig begann Susanne zu trinken. Dieses Mal schaffte sie es, ohne sich zu verschlucken oder zu kleckern.
„Können wir anfangen, Frau Stahl?“ fragte Dr. Glück, als sie den Becher vollständig geleert absetzte. Sie nickte abermals und fühlte sich schon ein wenig besser. „Frau Stahl“, begann Dr. Glück, „wären Sie wohl so freundlich, mir zu verraten, welchen Wochentag wir heute haben?“ er blickte sie freundlich an. Sie runzelte die Stirn. „Was für eine merkwürdige Frage“ dachte sie noch und merkte dann, dass sie nicht so einfach zu beantworten war, wie sie zunächst dachte.
„Welchen Wochentag?“fragte sie nach, um Zeit zu schinden. „Donnerstag?“ sie zögerte, überlegte kurz und bestätigte ihre Annahme. „Ja, heute ist Donnerstag.“
„Ah ja“, Dr. Glück schüttelte seinen kleinen runden Kopf, „das stimmt nicht ganz, heute ist Montag. Machen Sie sich deswegen keine Gedanken“, meinte er jovial, so als ob er sich auch hin und wieder nicht an den Wochentag erinnern könnte. „Aber vielleicht können Sie mir sagen, welchen Monat und welches Jahr wir haben?“ Er schaute Susanne aufmunternd an. Sie überlegte erneut, dieses Mal etwas länger und sagte dann sehr bestimmt: „Februar 2008!“
„Na, sehen Sie“, lobte Dr. Glück mit einem zufriedenen Lächeln, „ da haben Sie ja doch nicht alles vergessen. Würden Sie mir bitte Ihren vollständigen Namen und die Adresse Ihres Wohnsitzes geben.“
Auch diese Frage konnte Susanne zu ihrem eigenen Erstaunen problemlos beantworten.
„Susanne Stahl. Ich wohne im Lerchenweg 23 hier in Heidelberg.“ Sie konnte sich mühelos an ihre Adresse, aber nicht an die Ausstattung ihrer Wohnung erinnern. Sie schüttelte leicht ungläubig ihren Kopf.
„Das ging doch sehr gut“, fand Dr. Glück und strahlte sie regelrecht an. „Wenn Sie mir dann noch sagen könnten, wie mein Name und der Name der Schwester ist und ob Sie wissen, wo Sie sich gerade befinden, dann wären wir für heute auch schon fertig.“
„Sie sind Dr. Ferdinand Glück und das ist Schwester Ina“, sie deutete auf die Frau in Schwesterntracht, „und ich bin in der psychiatrischen Abteilung des Klinikums hier in Heidelberg.“ Sie sprach vollkommen monoton und emotionslos und hatte sichtlich Mühe, ihre Augen auf zu halten.
„Also schön, Frau Stahl“, Dr. Glück klappte seinen Notizblock zu. „ Ich werde Ihnen jetzt ein Medikament spritzen“, er zeigte auf ihren Arm, wo eine Venenverweilkanüle in der Ellenbeuge steckte, „damit Sie in Ruhe schlafen können und nicht so viel grübeln. Ihr Gehirn braucht im Augenblick Erholung.“
Bevor Susanne etwas erwidern konnte, hatte er bereits eine Spritze auf die Kanüle gesetzt und eine klare Flüssigkeit injiziert. Sie verspürte ein leichtes Brennen, dann zog sich eine Nebelwand vor ihren Augen zusammen und trennte sie von der Wirklichkeit.


Fortsetzung folgt... 10.11.13

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Letzte Aktualisierung: 2014.04.11, 01:13
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