| Shortys Gedankenwelt |
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Sonntag, 10. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 2
shorty short, 21:22h
Kapitel zwei
Als Susanne das nächste Mal erwachte, schien es recht früh am Morgen zu sein. Durch den kleinen Spalt der zugezogenen Gardine konnte sie leichtes Morgenrot erkennen. Einen Moment betrachtete sie die braun- dunkelgelben Streifen des derben Baumwollstoffes. Ihrem Zustand nach zu urteilen hing sie wohl schon Jahrzehnte dort und hatte dringend einen Gang durch die Waschmaschine nötig. „Am besten bei 90°!“ dachte Susanne. Sie fröstelte leicht und zog sich die dünne Decke bis zur Nasenspitze hoch. Warum waren die Decken in Krankenhäusern nur so ungemütlich? Viel zu dünn und durch das ständige Waschen bei hohen Temperaturen hatte sich das Gewebe an diversen Stellen verklebt, so dass die gesamte Decke eigentlich nur aus kleinen Verklumpungen bestand. „Kein Wunder, dass man friert!“ murmelte sie und versuchte, das ebenso knotige Kissen zu einer einigermaßen bequemen Kopfunterlage zu formen. Gerade als sie sich wieder auf ihre Lieblingsschlafseite drehen wollte, klopfte es an der Zimmertür und einige Sekunden später betrat eine Frau in Schwesterntracht das Zimmer. Im Halbdunkeln sah Susanne, dass die Schwester ein kleines weißes Tablett in der einen Hand, in der anderen ein Blutdruckgerät trug. Unter ihrem Arm hatte sie sich eine Patientenakte geklemmt. Susanne erkannte die Schwester, es war die Schwester von gestern. Wie hieß sie noch gleich? Ach ja, Schwester Ina. Es war doch gestern gewesen? Sie überlegte, kam aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. „Guten Morgen Frau Stahl“, begrüßte sie Schwester Ina. „Haben Sie einigermaßen geschlafen?“ Ohne Vorwarnung ging Schwester Ina zum Fenster und zog die Gardinen mit einem lauten „ratsch“ zur Seite. Ob sich Schwester Ina wohl auch freuen würde, wenn man sie so weckte, fragte sich Susanne und hätte sich am liebsten wieder unter der Decke verkrochen. „Schauen Sie nur mal, was für ein schöner Morgen?“ Susanne musste ihr zwar recht geben, das Morgenrot war wirklich wunderschön anzusehen und an jedem anderen Tag hätte sie es wahrscheinlich bewundert, aber im Augenblick hatte sie ganz andere Sorgen. Sie hob eine Hand vor die Augen, um die ersten Sonnenstrahlen abzuschirmen. „Wie geht es Ihnen?“ fragte Schwester Ina weiter, anscheinend ohne bemerkt zu haben, dass Susanne noch gar nicht auf die erste Frage geantwortet hatte. Ohne auch dieses Mal eine Antwort abzuwarten, nahm sie sich Susannes Arm an, schob den ohnehin zu kurzen Ärmel des Patientenhemdes hoch und begann, Susannes Blutdruck zu messen. Währenddessen erklärte sie munter weiter, sie müsste Susanne leider ein wenig „ärgern“ und ihr etwas Blut abnehmen. Susanne nahm Wortfetzen wie „Krankenschwestern sind wie Vampire“ oder so ähnlich auf, konnte das aber überhaupt nicht einordnen. Stattdessen ließ sie alles wortlos über sich ergehen und agierte wie eine Marionette. Mittlerweile hatte sie sich mit Hilfe von Schwester Ina, die anscheinend keinen Friseur zu haben schien, denn sie hörte gar nicht wieder auf zu reden, auf die Bettkante gesetzt und erfreut festgestellt, dass der fiese Schwindel ihr nicht mehr ganz so stark zusetzte und auch die entsetzlichen Kopf- und Nackenschmerzen auszuhalten waren. Sie machte sich auf den Weg zur Toilette und war sehr froh über die tatkräftige Unterstützung der jungen Schwester. Sie mochte zwar eine Quasselstrippe sein, aber zupacken konnte sie wenigstens. Susanne hatte die wenigen Schritte ins Bad regelrecht im Schneckentempo zurückgelegt, dennoch zitterten ihre Beine stark und versagten fast ihren Dienst. Völlig entkräftet ließ sie sich auf den Klodeckel plumpsen. „Die Tür muss leider aufbleiben“, verneinte Schwester Ina Susannes Bitte, ihr ein wenig Privatsphäre zu gewähren. „Tut mir leid, dass ist im Isolationszimmer so vorgeschrieben.“ Isolationszimmer! Was hatte das schon wieder zu bedeuten? Susanne konnte nicht allzu viel damit anfangen, erinnerte sich aber, dass der Arzt gestern auch schon davon gesprochen hatte. Hoffentlich isolierte man sie nicht von der Außenwelt, weil sie eine ansteckende Krankheit hatte. Machte man das nicht so bei Tuberkulose? Achselzuckend nahm sie es hin. Was blieb ihr anderes übrig. Während sie sonst auf öffentlichen Toiletten Schwierigkeiten hatte, ihr Geschäft zu erledigen, war jetzt jegliche Scham gewichen. Merkwürdig wie schnell sich persönliche Grenzen verschieben können, wunderte sie sich. Nach dem Toilettengang konnte sie sich am Waschbecken, ebenfalls unter den aufmerksamen Blicken von Schwester Ina, ein wenig erfrischen. Zu Duschen traute sie weder sich noch ihrem Kreislauf zu. Das kühle Wasser, das sie sich in ihr Gesicht spritzte erweckte ein wenig ihre Lebensgeister. Sie wusste zwar immer noch nicht, was genau sie in der Psychiatrie machte oder was mit ihr los war, aber sie fühlte sich zumindest etwas besser als gestern. Wenn es denn gestern war, als sie mit dem Arzt gesprochen hatte. Wie hieß er noch gleich? „Dr. Glück, auch ein eigenartiger Name für einen Psychiater“, dachte sie. Sie warf einen Blick in den Spiegel und erschrak. Sie blickte in ein aschgraues Gesicht mit tiefen, dunklen Augenringen und nahezu toten, ausdruckslosen Augen. Unfähig zu glauben, dass sie in ihr eigenes Spiegelbild blickte, zog sie ihre Wangen herunter und schnitt eine Grimasse. Sie war es wirklich! Aber was war mit ihrem Gesicht passiert? Jegliche Energie war verschwunden. Über der linken Augenbraue verlief eine verschorfte und zum Teil blut-unterlaufende Wunde, die mit drei Stichen genäht worden war. Sie konnte sich nicht erklären, wo sie diese Verletzung her hatte und warum sie so abgewrackt aussah. Hatte sie einen Unfall oder sich gar geprügelt? Wenn ja, mit wem? Verärgert über ihre Gedächtnislücken, fuhr sie ihr Spiegelbild unfreundlich an. „Glotz nicht so blöd! Du kannst mir schließlich auch nicht helfen!“ „Na, kommen Sie, Frau Stahl“, Susanne zuckte zusammen. Schwester Ina hatte sie total vergessen. Hoffentlich hatte sie nicht gehört, dass sie sich mit ihrem eigenen Spiegelbild unterhielt. Aber Schwester Ina schien von all dem nichts mitbekommen zu haben, stattdessen versuchte sie, Susanne ein wenig aufzumuntern. „Es gibt manchmal Tage, da sollte man nicht so lange in den Spiegel schauen.“ Sie lächelte. „Sobald Sie sich Tageskleidung angezogen haben, begleite ich Sie zum Frühstück. Gut gefrühstückt lässt sich ein Tag viel leichter angehen. Das hat schon meine Großmutter immer gesagt.“ Wieder dieses gewinnende Lächeln. Susanne musste zugeben, dass sie begann, die junge Schwester zu mögen. Sie folgte Schwester Ina zurück zu ihrem Bett, wo bereits frische Kleidung bereitlag. Susanne hatte spontan ein Bild von kleinen Heinzelmännchen vor Augen. Waren das nicht kleine, arbeitswütende Gestalten, die den Menschen gerne Arbeit abnahmen? Schnell schob sie den Gedanken beiseite und betrachtete die Kleidung. „Das sind aber nicht meine Sachen!“ beanstandete sie. „Nicht?“ fragte Schwester Ina, ließ sich aber nicht aus ihrem Konzept bringen. „Die hat ihr Mann uns vorbeigebracht. Vielleicht hat er Ihnen etwas Neues gekauft, so dass sie die Sachen deswegen nicht erkennen. Könnte doch sein, oder?“ sie lächelte Susanne freundlich an. „Die meisten Ehemänner kennen sich mit der Garderobe ihrer Frauen nicht aus und kaufen dann lieber etwas völlig Neues. Das erleben wir ziemlich häufig.“ „Mein Mann!“ dachte Susanne. Mark war ihr Ehemann! Ohne überlegen zu müssen hatte sie das erste fehlende Steinchen in dem Mosaik, das ihr Leben war, gefunden. Ein gutes Zeichen, fand sie. Mark war also hier gewesen. Aber warum hatte er sie nicht besucht, geschweige denn mit nach Hause genommen? Und wo war er jetzt? Und wo waren Madeleine und Valentin? Zwei neue Namen, die einfach so auftauchten und die sie gleich einordnen konnte. Es waren die Namen ihrer beiden Kinder. „Frau Stahl?“ Schwester Ina rief sie aus ihren Gedanken zurück in das Krankenzimmer. „Würden Sie das bitte anziehen, damit wir zum Frühstück gehen können? Die anderen warten sicherlich schon!“ Welche anderen? Susanne gab sich geschlagen. Schnell aufgeben war eigentlich gar nicht ihre Art (oder doch?), aber ihr fehlte jegliche Energie zum hinterfragen oder verneinen. Irgendwas an Schwester Ina signalisierte ihr, dass jede Diskussion zwecklos wäre und sie ohnehin den Kürzeren ziehen würde. Also fügte sie sich, zog den mintfarbenen Jogginganzug und die neuen Turnschuhe an. Sie ließen sich mit einem Klettverschluss schließen, was Susanne wieder stutzen ließ. Schuhe mit Klettverschlüssen waren so ziemlich das Letzte, was sie sich selbst kaufen würde. Warum hatte Mark ihr nur solch hässliche Schuhe besorgt? Und dann noch in grellem Pink- Weiß? Ihr erstes Gefühl sagte ihr, dass sie Pink hasste. Dafür, dass es zusätzlich überhaupt nicht zur Farbe des Trainingsanzuges passte, hatte sie überhaupt keinen Sinn. Schwester Ina musste ihren abschätzenden Blick bemerkt haben. „Nun ja, normale Schnürsenkel sind auf dieser Station auch nicht erlaubt“, sagte sie und fügte aufgrund Susannes unverständlichen Gesichtsausdrucks hinzu, „Sie wissen schon, wegen der Sicherheit.“ Susanne nickte, verstand aber nicht wirklich, um was es ging. Was hatten Schnürsenkel mit der inneren Sicherheit zu tun? "Na dann mal los. Auf zum Frühstück!“ sagte Schwester Ina und begleitete Susanne auf den Flur. Hinter sich schloss sie zu Susannes Verwunderung die Zimmertür ab. Erst jetzt entdeckte Susanne den klirrenden Schlüsselbund, der mit einer etwas stärkeren Kette an Schwester Inas Gürtel befestigt war. Wo war sie nur gelandet? Szenen aus „Einer flog über`s Kuckucksnest“ kamen ihr in den Sinn. Kapitel drei Susanne ließ alles nur auf sich wirken, ohne die Eindrücke zu verarbeiten, geschweige denn zu kommentieren. Alleine damit brachte sie ihre Sinne schon an die äußerste Belastungsgrenze. Sie stand mit Schwester Ina am Ende eines langen Ganges, der nur in gedämpftes Licht gehüllt war. Es roch stark nach Bohnerwachs, obwohl auch der den höchst strapazierten Linoleumboden nicht mehr zu neuem Glanz verhelfen würde. Auch hier waren Decken und Wände mittlerweile leicht vergilbt. Zudem lag ein eigenartiger Geruch von Muffigkeit in der Luft, so als würde hier nie gelüftet werden. Alles in allem kein Ort zum Wohlfühlen, dachte Susanne. „Kommen Sie, Frau Stahl“, forderte Schwester Ina sie auf und ging voran. Susanne folgte ihr zögerlich. Links und rechts vom Gang befanden sich weitere Patientenzimmer. Alle Türen waren verschlossen, was dem gesamten Gang etwas Bedrückendes gab. „Frau Baumgarten, guten Morgen“, Schwester Ina begrüßte eine weitere Patientin, die sich, ebenfalls in Jogginghose, T-Shirt und Klettverschlussschuhen gekleidet, auf dem Flur befand. Anscheinend war auch sie auf dem Weg zum Speisesaal. Susanne nickte der Frau zu, die ohne irgendeine Reaktion zu zeigen weiterhin starr auf den Boden blickend ihren Weg fortsetzte. Zu dritt betraten sie den Speiseraum. „Aha, hier wurde schon mal gestrichen“, dachte Susanne. „Wenigstens etwas.“ Und tatsächlich wirkte der dunkle Orangeton der Wände angenehm und warm. Der Raum war mittig durch ein Regal in zwei Bereiche unterteilt. Im Aufenthaltsbereich hatte man versucht ein wenig wohnliche Atmosphäre zu schaffen. Eine Polsterecke mit Fernsehtisch lud zum Relaxen ein. Künstliche Grünpflanzen und eine Stehlampe mit Stoffschirm im Retrolook (oder war die wirklich aus den 60ern?) versprühten, wenn auch nur dezent, ein wenig Gemütlichkeit. Der Speisebereich war dagegen eher zweckmäßig als gemütlich eingerichtet und bot Platz für zehn Patienten. Der Tisch war bereits gedeckt und die meisten Plätze besetzt. Schwester Ina räusperte sich, um sich Gehör zu verschaffen. „Entschuldigen Sie bitte“, rief sie mit lauter Stimme, „darf ich einmal kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten.“ Der Großteil der Patienten nahm weder Notiz von Schwester Ina noch von Susanne. Sie saßen ebenso emotionslos wie Frau Baumgarten am Tisch und warteten auf das Frühstück. Zwei Personen vom Küchenpersonal nickten Susanne freundlich zu. „Wir haben ein neues Gesicht auf Station“, verkündete sie, „das ist Frau Stahl. Ich möchte Sie bitten, Ihr ein wenig beim Eingewöhnen zu helfen. Vielen Dank und guten Appetit.“ Sie überließ Susanne mit einem freundlichen Nicken sich selbst und verließ den Gemeinschaftsraum durch eine Tür am anderen Ende. Susanne blickte ihr nach. „Da geht´s zum Schwesternzimmer“, wurde Susanne von rechts angesprochen. Susanne schreckte zusammen. Sie war überhaupt nicht darauf vorbereitet gewesen, dass sie jemand von den Mitpatienten ansprach. Es waren also nicht alle so apathisch wie Frau Baumgarten. „Was?“ fragte sie etwas irritiert. „Zum Schwesternzimmer“, sagte die andere Frau mit Nachdruck. „Du guckst doch der Ina nach und fragst dich, wo sie hingeht. Na, zum Schwesternzimmer. Also, wenn du was hast und willst, musst du da längs.“ Sie zeigte in die Richtung, in die Schwester Ina verschwunden war. „Und nun setzt dich, wir wollen frühstücken.“ Eine etwa 30jährige Patientin mit fast kahlrasiertem Schädel blickte sie auffordernd an. Erst jetzt registrierte Susanne, dass alle anderen schon saßen und in ihre Richtung starrten. Wie ferngesteuert nahm auch sie schnell Platz. Aus den Augenwinkeln musterte sie die junge Frau. „Andersartig!“ war Susannes erster Gedanke. Die junge Frau hatte mindestens drei Ohrlöcher an jedem Ohr, ein Piercing an der rechten Augenbraue und eine dünne Kette, die von einem Ohrring zum Nasenstecker hing. Ein buntes schwarzes Tattoo schlängelte sich vom Nacken über eine Schulter nach vorn. Soweit es Susanne erkennen konnte, schien es eine Art Drache zu sein. Hohle Wangen und eingefallenen Augenlöcher gaben dem ganzen Gesicht ein eher ungesundes und durchlebtes Aussehen. Nur ihre dunklen, äußerst wachen Augen versprühten einen Hauch von Lebensfreude. „Ein oder zwei Brötchen?“ Susanne zuckte erneut zusammen und drehte sich um. Hinter ihr stand eine der zwei Küchenmitarbeiterinnen. Sie hatte eine riesige metallene Schüssel mit halbierten Brötchenhälften und schaute sie fragend an. „Äh, eins bitte“, antwortete sie, obwohl sie überhaupt keinen Hunger oder Appetit verspürte. Ihre Tischnachbarin hatte ihr bereits Kaffee eingeschenkt, eine andere Frau von gegenüber reichte ihr einen Teller mit Wurst und Käse. Sie nahm sich je eine Scheibe, belegte ihre Brötchenhälften, die schon mit Butter oder Margarine bestrichen verteilt worden waren und begann zu frühstückten. Die meisten Patientinnen, es waren nur Frauen erkannte Susanne, aßen schweigend und schienen in ihren eigenen Gedanken versunken zu sein. Die Frau neben ihr schien so ziemlich die einzige zu sein, die auf den ersten Blick relativ normal zu sein schien, abgesehen von ihrem skurrilen Äußeren. „Also, ich bin Sarah“, stellte sie sich vor. Susanne nickte mit vollem Mund kauend. „Ich erklär dir jetzt mal kurz einige wichtige Dinge. Ist dir sicherlich schon selbst aufgefallen, Sicherheit hat hier höchste Priorität“, erklärte sie ganz wichtig. „Deswegen gibt es weder Messer noch Gabeln oder sonstige spitze Gegenstände.“ Sie zog ohne Vorankündigung einen Ärmel hoch. Susanne stockte der Atem. Sarahs Unterarm war übersät von alten, aber auch frischen Narben, die teilweise noch nicht verheilt waren oder noch mit Fäden zusammengehalten wurden. „Nicht, dass einer von uns auf dumme Ideen kommt!“ Sie grinste Susanne breit an, der alles andere als zum Lachen zumute war. Eine der Küchenmitarbeiterinnen räusperte sich laut und Sarah zog hastig ihren Ärmel wieder herunter. „Die haben das hier überhaupt nicht gerne, wenn man seine Ritzen zeigt!“ betonte sie lauter als zuvor, bevor sie in ihren Erklärungen fortfuhr. „Also, es gibt sie schon, die Messer, aber die beiden Wärter da“, sie zeigte provozierend auf die beiden Küchenhilfen, die sich davon jedoch nicht beeindrucken ließen und Sarah ignorierten, „passen auf wie die Schießhunde, dass auch ja nichts abhandenkommt! Haben ja sonst nichts zu tun." Sie trank ihren Kaffee in einem Zug aus. „Kaffee gibt es nur zu den Mahlzeiten. Also nichts für Coffeinjunkies wie mich“, sie schenkte sich nach und blickte Susanne fragend an, die dankend ablehnte. „Sehr schön, Umso besser, mehr für mich!“ Sie setzte ihre Tasse wieder an und Susanne glaubte schon, sie würde die Tasse erneut in einem Schluck leeren. Dieses Mal legte sie jedoch nach der halben Tasse eine kleine Pause ein. „Tagsüber dürfen wir nicht in unsere Zimmer, das heißt schon, wenn du was brauchst. Dann musst du eine Schwester fragen. Wenn du aufs Klo willst, musst du `ne Schwester fragen. Willst du telefonieren, musst du `ne Schwester fragen. Rauchst du?“ sie blickte Susanne fragend an. „Manchmal“, antwortete Susanne zögerlich, der durch den gesamten Informationsüberfluss der Kopf schwirrte. Wie konnte ein einzelner Mensch nur so viel reden! Das war ja eine zweite Schwester Ina! „Ah, also doch ein Laster. Dachte schon, du bist `ne Heili-ge“, Sarah grinste breit und entblößte ein weiteres Piercing, das quer durch das obere Lippenbändchen gebohrt war. „Zigaretten musst du nämlich abgeben und wenn du Schmachter hast, musst…“ „…muss ich die Schwester fragen“, vervollständigte Susanne. „Genau!“ sagte Sarah und schien erfreut über Susanne Aufnahmefähigkeit zu sein. „Du lernst schnell! Also, herzlich willkommen auf der 3a.“ Susanne hatte sich während der Unterhaltung nur auf Sarah konzentrieren können. So überrollten sie die plötzlich auftretende Unruhe und der Tumult im Gang zu den Patientenzimmern völlig unvorbereitet. Eine Frau schrie ohne Ankündigung, als ginge es um ihr Leben. Lautes Gepolter folgte, jemand trat und schlug gegen Türen. Aus dem Schwesternzimmer kamen zwei Pfleger gelaufen, gefolgt von zwei Schwestern und einem Arzt, den Susanne als Dr. Glück wieder erkannte. Alle fünf stürmten in den Gang, wo es den Geräuschen nach zu urteilen zu einem regelrechten Gerangel kam. Die Patientin schrie immer noch aus Leibeskräften, hatte aber der Überlegenheit des Pflegpersonals anscheinend nichts entgegenzusetzen. Nach einigen Minuten herrschte wieder vollkommene Stille. „Nich` wundern“, meinte Sarah völlig unbeeindruckt, „das ist der morgendliche Ausraster von Micha. Wahrscheinlich haben ihre Stimmen ihr wieder gesagt, sie soll sich gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt wehren“, sie prustete los und steckte die um sie herum sitzenden Patientinnen an. Susanne fand das gerade alles andere als lustig, sondern eher beängstigend. Waren denn alle verrückt hier? Ihr war klar, dass sie hier unter keinen Umständen bleiben würde. Dr. Glück betrat wieder den Gemeinschaftsraum. Auch ihn schien dieser Zwischenfall nicht sonderlich aus der Ruhe gebracht zu haben. Lächelnd kam er auf Susanne zu. „Guten Morgen Frau Stahl“, begrüßte er Susanne. Sie erwiderte den Gruß wortlos mit einem leichten Nicken. Zu einer anderen Reaktion war sie derzeit nicht in der Lage. „Schön, dass Sie heute schon aufstehen konnten und sogar hier gemeinsam mit den anderen frühstücken. Ein wenig Gesellschaft kann doch jeder gebrauchen!“ Er schaute einmal in die Runde der Patientinnen und nickte der einen oder anderen freundlich und aufmunternd zu. Susanne registrierte verwundert, dass jetzt alle Patientinnen aufmerksam in Richtung des Arztes schauten und die eine oder andere sogar ein Lächeln zustande brachte. Er schien recht beliebt bei den Damen zu sein. „Frau Stahl“ sprach er weiter, „ich möchte Sie bitten, nach dem Frühstück einmal am Schwesternzimmer vorbeizuschauen. Dort wird man Sie über die Medikamentenausgaben, Stationsregeln und so weiter aufklären“, er zwinkerte Sarah zu, „für interne Informationen ist Frau Schmidtke zuständig, nicht wahr?“ „Jawoll!“ bestätigte Sarah mit einem breiten Grinsen und salutierte scherzhaft. „Schon geschehen, Herr Doktor!“ „Ich hinterlege bei den Schwestern auch noch einen Fragebogen. Nicht erschrecken, es sind einige Seiten. Ich möchte Sie bitte, diesen Bogen im Laufe des Vormittags auszufüllen. Dann habe ich für unser Gespräch heute Mittag schon einige Vorinformationen. Ich hole Sie kurz vor 13 Uhr hier im Gemeinschaftsraum ab. Ist es Ihnen recht?“ Susanne nickte wieder. „Gut, gut. Dann bis nachher“, er drückte kurz ihre Schulter und verschwand in Richtung Schwesternzimmer. Sarah lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, bereits die vierte Tasse Kaffee intus und blickte Dr. Glück nach. „Ist schon ne Marke, Doc Good luck, aber ein echt guter Doc“, erstaunt über Susannes irritiertes Gesicht, erwiderte sie, als wäre es doch offensichtlich:„Na, Glück- good luck- du verstehst?“ Der Groschen fiel bei Susanne heute sehr langsam, aber sie verstand und kam sich ziemlich blöd vor. Was war nur mit ihrem Gedächtnis passiert? Sie war doch sonst nicht so schwer von Begriff! Sarah lachte. „Ach, mach dir nichts draus. So geht’s einem nun mal, wenn man aus dem Koma erwacht, in das man gezwungenermaßen geschossen wurde. Gibt sich wieder! Glaub mir, ich habe da so meine Erfahrung!“ Das glaubte Susanne ihr sofort, Sarah hatte sicherlich einschlägige Erfahrungen in Sachen Psychiatrie, dessen war sie sich sicher. Das Frühstück verlief ohne weitere Zwischenfälle. Eine weitere Regel, über die Susanne von der weiterhin äußerst gesprächigen Sarah aufgeklärt wurde, war, dass das gemeinsame Mahl nicht nur gemeinsam begonnen, sondern auch gemeinsam beendet wurde und dass erst 15 Minuten, nachdem die Letzte fertig war. „Wieso müssen wir ne Viertelstunde hier am Tisch sitzen bleiben?“ wollte Susanne wissen, als sie sich mit Sarah aufmachte, ihr benutztes Besteck bei der Küchenfrau abzugeben. „Na, für die Essgestörten!“ Sarah schüttelte ungläubig ihren Kopf. Susanne verstand nicht. „Oh, man, du warst wirklich noch nie hier, wa`?“ Susanne verneinte. „Damit die sich nach`m Futtern nicht gleich wieder den Finger in den Hals stecken. Kapierste?“ Ja, Susanne kapierte. Sie hatte von Bulimie schon häufiger in den Modezeitschriften gelesen, hatte sich aber noch nie vorstellen können, was einen Menschen dazu bewegen könnte, sich selbst zum Erbrechen zu zwingen. „Is` auch nicht zu verstehen, wenn du das selbst nicht hast!“ meinte Sarah, womit für sie das Thema erledigt war. Susanne gab ihr Geschirr und Besteck bei Frau Sandra Wichert ab, zumindest sagte ihr Namenschild, dass sie so hieß. Dann folgte sie Sarah zum Stationszimmer, vor dem sich bereits eine längere Schlange gebildet hatte. Neben dem eigentlichen Stationszimmer befand sich eine weitere Tür mit einem Schiebefenster, hinter dem eine Schwester stand, die konzentriert mit Patientenakten und Tablettenschachtel herumhantierte. Als sie ihre Arbeit beendet hatte, öffnete sie das Schiebefenster und eine elektronische Anzeige über der Tür sprang an. „Medikamentenausgabe“, las Susanne leise. „Sehr schön, Madame is auch noch gebildet“, bemerkte Sarah ironisch. Eine Patientin nach der anderen trat vor das Ausgabefenster, nannte ihren Namen und bekam ein kleines Medikamentenschälchen und einen Plastikbecher mit Wasser. Unter strengem Blick der Schwester wurden die Tabletten geschluckt. Anschließend erfolgte eine Mundinspektion, wobei die jeweilige Patientin ihren Mund weit aufriss und die Schwester sehr gründlich die Mundhöhle inspizierte. Susanne nahm auch diese Eindrücke erst einmal nur zur Kenntnis. Nachdem was sie heute schon erlebt hatte, ließ sie so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen. Zudem meldete sich die bleierne Müdigkeit zurück, so dass es ihr Mühe bereitete, sich einigermaßen auf den Beinen zu halten. Da sie sich nicht erinnern konnte, zu Hause Tabletten genommen zu haben oder in irgendeiner Form auf Medikamente angewiesen zu sein, ignorierte sie den Hinweis von Sarah, dass man sich erst Medikamente abzuholen hatte, bevor man nach den Mahlzeiten etwas anderes machen wollte. So drängelte sie sich an der Schlange vorbei, um zum eigentlichen Stationszimmer vorzudringen. Bevor sie klopfen konnte, wurde sie forsch von der Schwester am Ausgabeschalter angesprochen. „Frau Stahl?“ Susanne zuckte zusammen, fühlte sich ertappt, wie früher als Kind, wenn die Mutter sie beim Stibitzen von Süßigkeiten erwischt hatte, „kommen Sie bitte erst bei mir vorbei? Immer erst Medis holen, bevor Sie was anderes machen!“ Sie deutete mit strengem Blick und einem Kugelschreiber auf das nicht zu übersehende Schild neben ihrem Ausgabefenster. Sarah konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Susanne ging zum Schiebefenster und nahm das Schälchen mit zwei Tabletten entgegen. Völlig automatisch griff sie auch nach dem dargereichten Wasserbecher. „Aber ich bekomme doch gar keine Tabletten!“ versuchte sie sich zu erklären. „Das ist nicht mit mir besprochen worden. Was ist das überhaupt?“ Die Schwester schaute sie kurz an, warf dann einen eher genervten Blick in die Akte. „Immer die Neuen“, murmelte sie. „Also, Dr. Glück hat Ihnen ein leichtes Beruhigungsmittel angesetzt.“ Als ob diese Information ausreichend wäre, fügte sie noch leicht gereizt hinzu: „ Also, Frau Stahl, darf ich bitten? Die anderen Patienten wollen schließlich auch noch ihre Medikamente nehmen! Sie halten den ganzen Verkehr hier auf!" Susanne blickte die Schwester an, dann hinter sich in die Gesichter der sichtlich genervten Mitpatienten gab sich schließlich geschlagen. „Die werden mir hier schon kein Rattengift verabreichen!“ dachte sie und schluckte die Pillen, bevor sie am Schwesternzimmer klopfte. Die Tür öffnete sich und Susanne blickte in das freundliche Gesicht von Schwester Ina. Endlich jemand, den sie kannte. „Frau Stahl, hallo. Dr. Glück hat Sie schon angekündigt. Kommen Sie doch kurz herein.“ Schwester Ina öffnete die Tür ganz und Susanne betrat das Schwesternzimmer. „Nehmen Sie doch bitte Platz“, Schwester Ina bot ihr einen Stuhl an. Susanne nahm Platz, froh über eine Sitzmöglichkeit, denn ihre Müdigkeit wurde stärker, ihre Beine dafür immer schwächer. „Das kommt sicherlich auch von den Medikamenten“, erklärte ihr Schwester Ina. Sie reichte Susanne einen Merkzettel mit Stationsregeln, Stationsabläufen, feste Gruppenterminen und Tipps, um sich den Einstieg in die Stationsgemeinschaft ein wenig zu erleichtern. „Es sind wirklich nur Ratschläge, die ehemalige Patientinnen zusammengetragen haben. Manchen haben sie gerade in den ersten Tagen sehr geholfen.“ Tagen? Einstieg in die Stationsgemeinschaft? Susanne verstand nicht so recht, hatte sie doch nicht vor hatte, länger in diesem Etablissement zu verweilen. „Und hier ist noch der Fragebogen für Dr. Glück“, sie reichte Susanne etliche DIN-A-4-Seiten. Sollte sie etwa ein Buch über ihr bisheriges Leben schreiben? Wozu? Was ging es diesen Arzt an, wie ihr bisheriges Leben verlaufen war? Man musste ihr doch nur sagen, warum sie hier war, was zu tun wäre und dann konnte sie doch wieder nach Hause. Wortlos nahm sie die Zettelwust in Empfang. „Um 13 Uhr haben Sie ja den Termin bei Dr. Glück, von daher wäre es ganz gut, wenn Sie die Zettel bis 12 Uhr wieder bei mir abgeben könnten. Und ganz wichtig“, sie reichte ihr einen Bleistift, „den hier bitte auch wieder mit abgeben und auch nur bei mir. Alles klar soweit?“ Susanne nickte wortlos. Momentan war das einzige, was sie wollte, sich irgendwo hinlegen und schlafen. Als sie das Schwesternzimmer verlassen hatte, blieb sie unschlüssig im Gemeinschaftsraum stehen. In ihr Zimmer durfte sie tagsüber nicht, warum auch immer, aber das Sofa in der Fernsehecke lud geradezu zum Schlafen ein. Seufzend ließ sie sich in die Kissen fallen, legte den Kopf auf die Rückenlehne und war innerhalb von Sekunden eingenickt. Fortsetzung folgt... 11.11.13 ... comment |
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Letzte Aktualisierung: 2014.04.11, 01:13 status
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