| Shortys Gedankenwelt |
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Samstag, 16. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 8
shorty short, 20:13h
von Kirsten Maria Scholz
Kapitel dreizehn Susanne zog in ein Zwei- Bett-Zimmer mit integriertem Bad ein. Ihre Mitpatientin Svetlana Soundso, den Nachnamen hatte sie nicht verstanden, war in ihrem Alter und schien ganz in Ordnung zu sein. Zumindest auf den ersten Blick. Sie sprach zwar nur gebrochenes Deutsch und auch mit starkem osteuropäischen Akzent, dennoch klappte es einigermaßen mit der Verständigung. Susanne hatte ohnehin nicht geplant, Freundschaften zu schließen. Als sie ihre Kleidung in den zugegebenermaßen selbst für ihre wenigen Sachen zu kleinen Schrank einsortierte, dachte sie noch einmal über Sarahs letzte Worte nach. Was genau hatte sie ihr gewünscht? Sie sollte sich den Kerl schnappen, der ihr das alles angetan hat? Was genau meinte sie damit? Etwa, dass es jemanden gab (und vielleicht noch gibt), der ihr vorsätzlich Böses wollte und möglicherweise immer noch will? Aber wer? Wer hätte erstens etwas davon, sie als unzurechnungsfähiges Monster darzustellen? Und Wer hätte überhaupt die Möglichkeiten gehabt, ihr Tabletten unterzujubeln? Klar fiel ihr als erste Person Mark ein, rein theoretisch. Mark hatte objektiv betrachtet ausreichend Gelegenheiten gehabt, ihre Tabletten zu vertauschen oder falsch zu dosieren. Zudem war ihre Beziehung nicht gerade auf ihrem Höhepunkt. Jetzt mit einigem Abstand betrachtet, würde sie sogar sagen, ihre Beziehung war sogar ziemlich am Ende. Aber wenn sie ehrlich zu sich war, konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen, dass Mark zu solch fiesen, ja fast schon kriminellen Methoden greifen könnte. Was hätte er auch davon für einen Vorteil haben können? Sie musste zugeben, er war nicht immer der treusorgende Familienvater, wie sie ihn sich als junges Mädchen einmal gewünscht hatte. Seine Arbeit hatte immer einen höheren Stellenwert als sie und die Kinder, aber sie absichtlich zugrunde zu richten, das war schon eine andere Liga. Nein, dachte sie und schämte sich fast ein wenig, so von Mark zu denken. Vielleicht hatte Sarah sich auch in etwas verrannt oder es einfach nur so dahergesagt. Immerhin war sie gerade erst von der Intensivstation auf die Geschlossenen zurückverlegt worden, da konnte man mit den Gedanken noch nicht ganz auf der Höhe sein. Am Nachmittag stand der Besuch ihrer Kinder und ihrer Mutter auf dem Programm. Sie wollte sich das Wiedersehen, auf das sie mittlerweile zehn Tage gewartet hatte, durch niemanden und schon gar nicht durch Gedanken an Mark, ihre Beziehungsprobleme, geschweige denn an irgendwelche Verschwörungstheorien vermiesen lassen. Ihre Mutter kam am frühen Nachmittag gegen zwei auf die Station. Schwer bepackt mit einer Reisetasche, in der anderen Hand einen riesigen Blumenstrauß. Valentin und Madeleine gingen rechts und links von ihr und schauten sich interessiert um. Als sie Susanne am Ende des Ganges erblickten gab es allerdings für sie kein Halten mehr. Sie rannten auf ihre Mutter zu, die ihre Arme ausbreitete und somit beide Kinder gleichzeitig umarmen konnte. Sie hielt die beiden so sehr fest, als ob sie sie nie wieder loslassen wollte. „He, Mama, ich kriege keine Luft mehr!“ beschwerte sich Valentin lachend und löste sich aus der Umarmung. Susannes Mutter war mittlerweile schnaufend bei ihrer Tochter angekommen und ließ stöhnend die schwere Reisetasche fallen. „Hallo Liebes“, sagte sie und hauchte einen flüchtigen Kuss auf Susannes Wange. „Ich dachte mir, ein paar Blumen bringen den Frühling in diese grauen Wände.“ Sie schaute sich etwas unbehaglich um. Susanne fragte sich, welche graue Wandfarbe ihre Mutter meinte oder ob sie zwischenzeitlich eine Farberkennungsstörung erlitten hatte, denn gerade auf dieser Station hatte sich der Innenarchitekt extrem Mühe gegeben und der gesamten Umgebung einen warmen, eher mediterranen Touch verpasst. Da sollte sie sich mal die Innenausstattung der Geschlossenen ansehen! „Was hast du mir denn alles mitgebracht?“ fragte Susanne erstaunt und warf einen kurzen Blick in die Reisetasche. Sie erkannte einige ihrer extrem schicken Oberteile und Röcke. Alles Kleidungsstücke, die sie sicherlich gerne trug, aber eher als Abendgarderobe oder zu feierlichen Angelegenheiten. Dass sie sich mittlerweile in Jogginghose und Sweatshirt ausgesprochen wohl fühlte, konnte ihre Mutter natürlich nicht wissen und mit Sicherheit auch nicht nachvollziehen. „Aber Schatz“, ihre Mutter schüttelte ein wenig tadelnd ihren Bubikopf, „Kleider machen bekanntlich Leute und heben die Stimmung. Sie sind Ausdruck der inneren Einstellung. Wenn man äußerlich ein bisschen was aus sich macht, geht`s einem gleich viel besser. Du wirst sehen.“ Susanne erwiderte nichts. Es war sinnlos, gegen die Meinung ihrer Mutter anzureden. Sie bedankte sich höflich und brachte kurz die Tasche in ihr Zimmer, wo sie sie einfach kurzerhand unter ihr Bett schob. Den überdimensionalen Blumenstrauß steckte sie in eine Vase und nahm ihn mit in die Sitzecke auf dem Flur. „Hier haben alle etwas vom Frühling“, sagte sie und fügte auf den fragenden Blick ihrer Mutter hinzu, „in meinem Zimmer steht nur ein kleiner Tisch. Hier kommt er doch viel besser zur Geltung, findest du nicht?“ Ihre Mutter lächelte leicht verstimmt. Für die Allgemeinheit war der Strauß nicht gedacht, aber sie hielt sich mit ihren Äußerungen zurück. Sie beschlossen, in die Caféteria ins Erdegeschoss zu gehen, wo es eine beachtliche Indoor- Spielecke gab. Da konnten sich ihre Kinder an der Rutsche und dem Klettergerüst austoben, ohne Mutter und Tochter bei ihrer Unterhaltung zu stören. Susannes Mutter ließ es sich nicht nehmen, Kaffee und Kuchen am Selbstbedienungstresen zu besorgen, die Kinder wurden mit Apfelschorle versorgt. Madeleine und Valentin waren allerdings, wie Susanne schon vermutet hatte, so begeistert von der Spielinsel, dass sie nur zum Tankauffüllen an den Tisch kamen, um dann sofort wieder im Spielzeugland abzutauchen. Ihre Mutter rührte in ihrem schwarzen Kaffee herum und untersuchte akribisch ihr Tortenstück. Susanne fragte sich, was ihre Mutter da wohl zu finden erwartete, vermutete, dass es eher eine Übersprungshandlung war, weil sie nicht wusste, wie sie mit ihrer Tochter umgehen sollte. Susanne beschloss, ihr die Hürde abzunehmen. „Und, wie geht es euch?“ fragte sie und ging davon aus, dass diese Frage eher unverfänglich war. Susannes Mutter legte ihre Kuchengabel ab und schaute ihre Tochter an. „Was glaubst du, wie es uns geht?“ der Vorwurf war nicht zu überhören. „Wir sind sehr besorgt. Erst einmal natürlich um dich, aber auch um Mark, das Büro und euch als Familie. Kind, was war eigentlich los mit dir?“ sie schüttelte verständnislos ihren Kopf. „Auf meinem Geburtstag war doch noch alles in Ordnung, bis du dich mit diesem Heidelberger Staatsanwalt unterhalten hast.“ Susanne stutzte. Davon hörte sie zum ersten Mal. Welcher Heidelberger Staatsanwalt? Sie kannte keinen Staatsanwalt in Heidelberg. „Was meinst du?“ fragte sie stirnrunzelnd. „Mit wem soll ich mich unterhalten haben?“ „Wie, was meine ich? Du wirst dich doch wohl noch an Dr. Fries erinnern“, sagte sie leicht gereizt. „Schließlich hast du dich ziemlich lange und sehr angeregt mit ihm unterhalten“, fügte sie schnippisch hinzu. „Ich dachte noch, wie kann Susanne nur so schamlos mit einem fremden Mann flirten und dass, wo ihr eigener nicht dabei ist." Susanne schwieg. Sie kannte ihre Mutter zu gut. Wenn sie erst einmal in Fahrt war, ließ man sie am besten ausreden. „Ich habe absolut keine Ahnung, was der werte Herr dir für Flausen in den Kopf gesetzt hat“, fuhr sie aufgeregt fort und nestelte unruhig an ihrer Serviette herum, „aber es hat dich sehr aus der Fassung gebracht. Du hast sogar ein Sektglas in deiner Hand zerdrückt! Damit aber nicht genug“, sie lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor ihrer Brust, „du hast Schimpfworte benutzt, die man vielleicht auf der Straße verwendet, aber doch nicht in unseren Kreisen. Susanne, dein gesamtes Auftreten an diesem Abend war beschämend und peinlich. Dein Vater hat heute noch Probleme, sich in seinem Golfclub zu zeigen.“ Was nicht mein Problem ist, dachte Susanne säuerlich und ertrug weiter geduldig die Ausschweifungen ihrer aufgebrachten Mutter. „Und dann rennst du einfach aus der Empfangshalle raus, anscheinend ohne bemerkt zu haben, dass du alles vollgeblutet hast und fährst ohne Verabschiedung zurück nach Heidelberg, lässt deine Kinder im Stich!“ Susanne setzte zu einer Erwiderung an, kam aber nicht zu Wort. „Ja, im Stich, Susanne! Das muss jetzt mal gesagt werden! Da gibt es keine zwei Meinungen.“ Susannes Mutter strich die Serviette auf ihren Knien glatt. „Und dann legst du Mark dermaßen eine Szene hin, der ja nun wirklich nichts dafür kann und blamierst ihn vor seinen Geschäftskunden. Da ist es kein Wunder, dass er sich distanziert. Hast du dich einmal nur in Marks Lage versetzt?“ Susanne hatte genug. Mark hier, Mark da- immer war sie diejenige, die an allem schuld war. Sie holte tief Luft und funkelte ihre Mutter an. „Vielleicht hörst du dir auch mal meine Version an und wie es mir erging und jetzt auch noch geht, bevor du dir irgendein Urteil bildest“, wies sie ihre Mutter scharf zurecht. „Ich weiß nicht, warum ich Hals über Kopf aus Nürnberg weg bin, auch kenne ich keinen Anwalt Fries. Ich habe auch keine Ahnung, was zuhause passiert ist. Ich kann mich an nichts erinnern! Das ist im Übrigen meine Diagnose, die nicht ich gestellt habe, sondern die Ärzte hier. Was ich aber weiß ist, dass jemand absichtlich meine Tabletten vertauscht und falsch dosiert hat.“ Ihre Mutter zog eine Augenbraue hoch. Es war ihr anzusehen, dass sie nicht so recht glauben konnte, was ihre Tochter von sich gab. „Da brauchst du gar nicht so skeptisch zu schauen“, fuhr Susanne ihre Mutter an, „die Blutwerte sagen eindeutig, dass ich unkontrolliert Aufputschmittel und Schlafmittel geschluckt habe. Habe ich aber nicht! Wer macht auch sowas, das wäre doch total widersinnig! Und ob es mir einer von euch nun glaubt oder nicht, ich weiß, ich habe nie Coffeintabletten genommen, sondern nur die Schlaftabletten, die Dr. Semmel mir verschrieben hatte.“ Sie schwieg und ließ ihre Worte bei ihrer Mutter sacken. Die schaute sie weiterhin völlig ungläubig an. „Und deiner Meinung nach steckt dein Mann dahinter? Aber Kind, was hätte er denn davon?“ „Das weiß ich nicht“, gab Susanne zu und fand wieder zu ihrer inneren Ruhe zurück, „aber er steht nun mal ganz vorne auf meiner Liste der Verdächtigen. Kein anderer wusste davon oder hatte Zugriff auf die Tabletten.“ Susannes Mutter dachte ein wenig nach. Sie hatte sich mittlerweile auch ein wenig beruhigt und schien Susannes Gedanken nicht mehr allzu abwegig zu finden. „Nun ja, merkwürdig ist es schon. Von dieser Tablettengeschichte hatte ich ja keine Ahnung!“ Sie überlegte. „Vielleicht hast du ja bei deinem Gespräch mit dem Staatsanwalt etwas erfahren, was dich dermaßen in Aufruhr versetzt hat? Das macht zumindest Sinn, denn schließlich war Dr. Fries der letzte mit dem du gesprochen hast.“ Sie kramte in ihrer Handtasche und holte ihr Portemonnaie heraus. „Hier habe ich auch irgendwo seine Visitenkarte“, sie durchsuchte die Geldbörse, „ah hier.“ Sie reichte Susanne die Karte. „Vielleicht solltest du dich noch einmal mit ihm unterhalten“, schlug sie vor, „das könnte ein wenig Licht ins Dunkle bringen.“ Susanne nickte. Schaden konnte es auf keinen Fall, dachte sie sich. Sie musste auf jeden Fall alle ihr zur Verfügung stehenden Quellen nutzen. „Ich ziehe jetzt ja ohnehin zu Mark, solange du noch hier in der Klinik bist“, überlegte Susannes Mutter weiter, „ich könnte ja ein wenig die Augen und Ohren offenhalten, wenn du nichts dagegen hast.“ Susanne überlegte kurz. Eigentlich wollte sie ihre Mutter nicht zu Spionagezwecken engagieren. Da sie ihre Mutter aber gut kannte, wusste sie auch, dass egal, was Susanne dazu sagen würde, sie sich trotzdem umschauen würde. Wahrscheinlich würde sie sich sogar in der Rolle der Miss Marple gefallen. Susanne stimmte also zu, bat sie aber, nicht allzu auffällig zu agieren, so dass Mark keinen Verdacht schöpfte. Fortsetzung folgt.... 17.11.13 ... link (0 Kommentare) ... comment Freitag, 15. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 7
shorty short, 23:11h
von Kirsten Maria Scholz
Kapitel zwölf Lange hallte das Gespräch in Susanne Kopf nach. Was war nur mit Mark und ihr passiert? Sie hatten schon häufiger gestritten oder eine Meinungsverschiedenheit gehabt, aber so unbeherrscht hatte sie Mark noch nie erlebt, zumindest nicht im Umgang mit ihr. Seine gesamte Grundhaltung hatte sie als abweisend und verletzend empfunden, ja geradezu abwertend. Nicht eine Geste des Mitgefühls oder des Bedauerns, geschweige denn ein Hauch von Verständnis, stattdessen nur frostige Kälte und Ablehnung. „Das entsteht doch nicht von jetzt auf gleich!“ mahnte ihre innere Stimme. Sicherlich war ihr Auftreten und Verhalten an dem besagten Abend peinlich und nicht förderlich für den Vertragsabschluss gewesen, wenn es denn wirklich so gewesen ist, wie Mark ihr an den Kopf geworfen hat. Aber sie war immerhin seine Ehefrau und, für sie ein wesentlicher Punkt, anscheinend doch in irgendeiner Form psychisch krank. Bei allem Verständnis für seine Situation, diese Reaktion hatte sie nicht erwartet. Schließlich hatten sie sich durch das Ehegelöbnis geschworen, in guten wie in schlechten Tagen zusammenzuhalten. Zugegeben diese Tage waren mehr als schlecht, aber gerade in solchen Zeiten zeigte sich, ob man sich aufeinander verlassen konnte. Susanne versuchte zu ergründen, wann es zwischen ihr und Mark anfing, weniger harmonisch zu sein. Der erste Einschnitt in ihrer beider Leben war sicherlich die erste Schwangerschaft, durch die Mark sich irgendwie genötigt oder gedrängt fühlte, Susanne zu heiraten, obwohl sie es nie von ihm verlangt hatte. Nach der Fehlgeburt dann herrschte zwischen Mark und Susanne quasi Funkstille, Susanne zog sich immer weiter aus dem sozialen Leben zurück und Mark stürzte sich in seine Arbeit. Es war aber hier schon kein Zusammenleben, sondern eher ein Nebeneinanderherleben. Dann kam Valentin, ein paar Jahre später Madeleine und Susanne war mehr und mehr Mutter als Ehefrau und Partnerin. Allerdings sah Susanne die alleinige Schuld nicht zwingend bei sich. Auch Mark hatte sich verändert, sein Lebensmit-telpunkt wurde die Arbeit und nicht wie für sie die Familie. Susanne arrangierte sich schnell mit ihren neuen Aufgaben und glaubte irgendwann selbst, dass Mark eigentlich nur mit zu viel Arbeit überschüttet wurde, als dass er das Interesse am Familienleben verloren hatte. Hatte er jemals Interesse gehabt, fragte sie sich jetzt. Sie hatte sich nie gefragt, ob Mark die Arbeit nur vorschob und sich vielleicht anderweitig vergnügte. In diese Richtung hatte sie nicht einmal ansatzweise gedacht. Für sie waren Treue und Vertrauen die Hauptsäulen einer Ehe. Ohne sie war alles andere sinnlos. Jetzt betrachtete sie alles etwas skeptischer. Mark war als Junggeselle immer ein Schürzenjäger und Frauenschwarm gewesen. Warum sollte er sich durch Kinder und eine Frau, die sich in den letzten Jahren ohnehin mehr und mehr zurückgezogen hatte, geändert haben? Susanne lag noch lange wach. Es war ihre letzte Nacht auf der Geschlossenen. Nach dem Besuch von Mark hatte sie noch ein kurzes Gespräch mit Dr. Glück geführt, der ihre Gefühlslage für absolut adäquat und stabil gehalten, so dass er einer Verlegung nichts mehr entgegenzusetzen hatte. Einerseits war sie froh, die geschlossene Tür hinter sich zu lassen, andererseits hatte sie doch Bedenken, ja, gestand sie sich ein, sie hatte regelrecht Angst vor „draußen“. Die geschlossene Station und auch ihr Einzelzimmer waren für sie eine sichere Rückzugsinsel geworden. Auf der offenen Station würde sie sich ein Zimmer mit einer anderen Patientin teilen müssen. Auch beherbergte die Station wesentlich mehr Patienten, was immer zu größeren und häufigeren Konflikten führte. Da sie immer noch nicht wusste, was der Auslöser ihrer Amnesie war und vor allem ihres Ausrasters, hatte sie stets die Befürchtung, dass es irgendwann wieder geschehen würde. Vor allem unter vielen und vor allem fremden Menschen. Das einzig Positive an der Verlegung war natürlich, dass sie ihre Kinder nun regelmäßig und öfter sehen konnte. Sie konnte jederzeit Besuch empfangen oder auch zu Besuch nach Hause fahren. Mit ihrer Mutter hatte sie bereits gestern Abend diesbezüglich telefonisch eine Vereinbarung getroffen, die allen Beteiligten Recht sein würde. Ihre Mutter würde am Wochenende mit den Kindern nach Heidelberg kommen und bei Mark und Susanne übergangsweise wohnen, zumindest erst einmal solange Susanne noch in der Klinik bleiben musste. Für die Kinder war das sicherlich die beste Lösung. Sie waren erstens in ihrer gewohnten Umgebung und zweitens hatten sie ihre Mutter in der Nähe und konnten sie jeden Tag sehen oder mit ihr telefonieren. Das alleine war für Susanne schon Grund genug, diese Lösung als optimal anzusehen. Sie hatte kurz überlegt, wie Mark reagieren würde, wenn sie ihm seine Schwiegermutter vor die Nase bzw. ins Haus setzte, hatte dann aber entschieden, dass es nach diesem Besuch heute Vormittag nicht mehr ihr Problem war. Sollte er sehen, wie er mit der Anwesenheit von einer in seinen Augen durchgeknallten Ehefrau und der dazugehörigen Schwiegermutter klar kam. Mit diesen Gedanken schlief sie ziemlich angespannt ein und wurde in den frühen Morgenstunden durch einen unangenehmen Traum hochgeschreckt. Es war nicht diese Form von Alpträumen, in denen man tiefer und tiefer fällt und nichts machen kann oder in denen man vor Geistern, Vampiren oder abgrundtief bösen Menschen aus dem Spielfilm flieht, den man sich abends mit Freunden angeschaut hatte. Nein, sie konnte sich nicht direkt an alles erinnern. Nur, dass Mark eine Rolle spielte und Tabletten. Der Traum endete in einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen ihr und einer anderen Person, die sie nicht erkennen konnte. „Na super, nun träume ich auch schon von dem Scheiß“, dachte sie und ärgerte sich ein wenig darüber. Nicht einmal im Schlaf hatte man seine Ruhe. Den Grund oder den Auslöser dieses Traumes sah sie im Gespräch mit Mark am Nachmittag. Sie hatte irgendwann mal gehört oder gelesen, dass Träume etwas mit Verarbeitung zu tun hat. Wenn man sich allerdings an den Traum erinnert, so hatte man für sich etwas emotional noch nicht abgeschlossen. Auf ihren Traum projiziert machte es durchaus Sinn, dachte sie sich, denn verarbeitet hatte sie weder das Gespräch noch die Vorfälle des Abends ihrer Einweisung. Draußen war es noch dunkel, als sie sich ein letztes Mal in ihr "eigenes" Bad begab. Ab sofort musste sie sich wahrscheinlich ein Gemeinschaftsbad mit mehreren Patientinnen teilen. Hoffentlich gab es kein Bad auf dem Flur. Womit sie auch Probleme hatte, waren Frauen, die für die Morgentoilette übertrieben lange brauchten und damit den ganzen Verkehr lahmlegten. Sie versuchte diese negativen Gedanken beiseite zu schieben. Ihr fiel diesbezüglich ein wirklich weiser Spruch ihrer Großmutter ein: Vergeude keine Energie an Dinge, die du sowieso nicht ändern kannst. Bei dem Gedanken an ihre Großmutter musste Susanne lächeln. Oma Inge war die Mutter ihres Vaters und eine Großmutter wie man sie sich als Enkelin vorstellt. Sie hatte stets ein offenes Ohr für die Sorgen ihrer Enkelin, ihr überaus freundliches und gutmütiges Wesen erleichterten Susanne den Weg zu ihr, wenn mal wieder etwas schiefgelaufen war. Meistens ging es dabei um die mangelnde Kommunikationsfähigkeit ihrer Eltern. Im Gegensatz zu ihren Eltern, die sicherlich nur das Beste für ihre Tochter wollten, gab es bei Oma Inge nie Vorwürfe oder Vorhaltungen, sondern sie versuchte gemeinsam mit Susanne nach Lösungen zu suchen. Oma Inge wollte nicht nur das Beste für Susannes Leben, sondern, dass sie sich wohl fühlte in ihrer Haut. Als ihre Oma vor 15 Jahren unerwartet an den Folgen eines Herzinfarkt starb, brach für Susanne eine Welt zusammen. Lange hatte sie um ihre Großmutter getrauert, war fast täglich zum Friedhof gegangen, um frische Blumen aufs Grab zu legen und sich in Gedanken in ein Zwiegespräch mit ihr zu begeben. Mittlerweile konnte sie wieder mit einem Lächeln im Gesicht an ihre Oma denken und sich auch an ihre Ratschläge und Lebensweisheiten erinnern. Susanne begann ihre wenigen Dinge zusammenzupacken. Die Anziehsachen hatte sie schnell in der Sporttasche verstaut, die Badutensilien verpackte sie in einer Plastiktüte. Nicht mal an eine Kulturtasche hatte Mark gedacht. Sie löste die Klebestreifen von der Wand über ihrem Bett, mit denen sie Postkarten und Bilder ihrer Kinder aufgehängt hatte. Die mussten auf jeden Fall mit. Ebenso ihre in der Ergotherapie selbstgestalteten Bilder. Mit der Zeit hatte sie richtig Gefallen an der Malerei gefunden. Vielleicht sollte sie damit auch zu Hause weitermachen. Wieso eigentlich nicht, fragte sie sich. Lange genug hatte sie auf Hobbies und Freiräume verzichtet. Es wurde langsam Zeit, dass sich etwas änderte und sie mehr an sich dachte. Sie konnte sich doch den Abstellraum im Obergeschoss in ein kleines Atelier umgestaltete. Schwester Ina riss sie beinahe unsanft in die Wirklichkeit zurück, als sie an der Zimmertürklopfte und kurz ihren Kopf hereinsteckte, um Susanne ans Frühstück zu erinnern. Die Stimmung am Frühstückstisch war an diesem Morgen leicht gedrückt. Lisbeth, die älteste unter ihnen, sprach aus, was alle dachten. „Für dich ist es schön, dass du gehst. Wer will schon ewig hierbleiben. Aber für die, die hierbleiben, ist es jedes Mal wieder ein Schlag ins Gesicht, wenn eine von uns geht.“ Susanne stellte ihre Tasse ab und blickte ihre Mitpatienten der Reihe nach an. „Aber das ist hier doch keine Langzeitstation“, versuchte Susanne die anderen aufzumuntern. „Hey, auch ihr werdet früher oder später entlassen. Jeder ist halt verschieden, der eine kommt schnell wieder auf die Füße und beim anderen dauert es eben länger.“ Lisbeth schaute Susanne ziemlich niedergeschlagen an. „Weißt du, ich habe die letzten fünf Patientinnen kommen und vor mir wieder gehen sehen. Das nimmt einen ein wenig die Hoffnung“, sie schob den letzten Bissen ihres Brötchens in den Mund. „Ich hoffe, du schaffst es und kommst nicht wieder zurück. Ist in den seltensten Fällen nämlich so. Früher oder später fällt fast jede von uns wieder in ein Loch oder eine Krise. Und dann bist du schneller wieder hier als du „puff“ sagen kannst.“ Susanne wusste, dass Lisbeth recht hatte. Die meisten ihrer Mitpatienten waren chronisch erkrankt und hatten schon mehrfach einen stationären Aufenthalt hinter sich, auch auf der geschlossenen Station. Von daher fielen ihr auch keine schlagkräftigen Gegenargumente mehr ein, deswegen ließ sie das Gesagte einfach so stehen. Jemand betrat den Gemeinschaftsraum. Da Susanne jedoch mit dem Rücken zur Tür saß, konnte sie nicht sehen, um wen es sich handelte. Lisbeth sprang jedoch sofort auf und lief zur Tür. Es musste also jemand Bekanntes sein. Susanne drehte sich zur Tür um und schlagartig schossen ihr Tränen in die Augen. „Sarah“, flüsterte sie und sprang ebenfalls auf, um ihre Freundin in den Arm zu nehmen. „Sarah, wie schön, dass ich dich noch zu sehen kriege.“ Sie schluckte ihre Tränen runter und schaute Sarah ernst an. Sarah war ungeheuer abgemagert, die Haare stumpf und glanzlos, ihre Augen hatten den sprühenden Charme verloren. Sie schlurfte zum Frühstückstisch und ließ sich kraftlos auf ihren Platz fallen. „So, da bin ich wieder“, verkündete sie tonlos, „wie es ausschaut, hat sich hier nicht viel verändert.“ Sie schaute demonstrativ, aber ohne wirkliches Interesse zu zeigen um. Susanne musterte Sarah kritisch. „Du hast Glück, dass du Susanne noch erwischst“, Lisbeth lächelte Susanne wohlwollend zu, „die hat es nämlich geschafft und darf uns heute verlassen.“ Sarah drehte Susanne den Kopf zu und zeigte zum ersten Mal eine Reaktion. Susanne glaubte so eine Mischung aus Traurigkeit und Stolz zu erkennen. „Ich hab gleich gewusst, dass du nich`wirklich eine von uns bist!" sie setzte ein äußerst schiefes Grinsen auf. "Freu mich ehrlich für dich, Susanne. Du musst mir nur eines versprechen.“ Susanne musste sich zu Sarah hinunter beugen, um etwas zu verstehen, so leise sprach ihre Freundin. „Und das wäre?“ fragte sie nach. „Du musst alles daran setzen, hier nicht wieder aufzuschlagen. Wenn es jemand von uns schafft, dann du.“Susanne stiegen wieder Tränen in die Augen, dieses Mal vor Rührung. „Versprochen!“ sagte sie und nahm sich vor, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um dieses Versprechen nicht zu brechen. Schwester Ina kam aus dem Schwesternzimmer. „Na, Frau Stahl, wie sieht es aus? Haben Sie sich von allen verabschiedet?“ Susanne nickte schweigend. Sarah folgte ihr schweren Schrittes zur Stationstür. „Ich komm dich besuchen“, versprach Susanne und umarmte ihre Freundin, als ob sie sie nie wieder loslassen möchte. „Pass auf dich auf“, raunte Sarah ihr zu, „ und mach den Kerl fertig, der dir das alles hier angetan hat.“ Fortsetzung folgt..... 16.11.13 ... link (0 Kommentare) ... comment Donnerstag, 14. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 5
shorty short, 00:30h
von Kirsten Maria Scholz
Kapitel neun Susanne wurde am nächsten Morgen lange vor der allgemeinen Weckzeit aus dem Schlaf gerissen. Lautes Geschrei und Gepolter im Nebenzimmer ließen sie aus dem Tiefschlaf hochschrecken. Glas zerbrach. Es hörte sich an, als ob jemand um Hilfe schrie. Die Frau, es musste eine Frau sein- so hoch konnte nur eine Frau schreien, auch gab es auf ihrer Station nur Frauen, gab Laute von sich, die Susanne noch nie zuvor gehört hatte und von denen sie sich nie hätte vorstellen können, dass ein Mensch sie hervorbringen könnte. Schrill und voller Panik drangen sie in Susannes Mark, ließen sie erstarren. Gänsehaut überzog ihren gesamten Körper. Sie zog sich in die äußerste Ecke ihres Betten zurück, versuchte sich so klein wie möglich zu machen, unfähig, selbst um Hilfe zu klingeln und verfolgte, die Knie fest umschlungen, den Lärm im Nebenzimmer. Menschen rannten den Gang herunter, ihre Schritte hallten in Susannes Zimmer. Die Tür wurde nebenan aufgerissen und das Geschrei der Frau erreichte ihren Höhepunkt. Es kam noch einmal zum lauten Gerangel, ein schwerer Gegenstand flog krachend gegen die Wand, Menschen redeten beharrlich auf jemanden ein. Susanne konnte nicht direkt hören, um was es ging, allerdings konnte sie mehrere Stimmen ausmachen. Dann war urplötzlich von jetzt auf gleich Ruhe. Die Tür nebenan öffnete sich erneut. Leichtes Stimmengemurmel begleitete die Menschentraube wieder auf den Gang und entfernte sich langsam. Danach war alles still. Nichts erinnerte mehr an den Tumult. Susanne saß noch lange in ihrer zusammengekauerten Haltung da, bei jedem kleinsten Geräusch schreckte sie hoch. Als der Morgen bereits dämmerte und es ohnehin bald Zeit zum Aufstehen war, beschloss Susanne sich nicht länger zu quälen und stand auf. Sie streckte ihre kalten, gefühllosen Gliedmaßen. Sie hatte viel zu lange in ihrer äußerst unbequemen Haltung ausgeharrt. Langsam kamen ihr Gefühl und Sensibilität in ihre Schultern und Oberarme und nach einigen Sekunden auch in ihre Beine zurück, begleitet von Tausenden von Nadelstichen und ließen sie laut aufstöhnen. Sie verharrte einige Minuten, bis sie sich sicher war, dass sie relativ sicher stehen konnte, ohne dass ein Bein wegknickte. Die Schwester, die einige Zeit später zum Wecken und Blutdruckmessen kam, konnte oder was Susanne eher dachte wollte ihr nicht so recht Auskünfte über die Vorkommnisse der gestrigen Nacht geben. Susanne nahm es hin, weiteres Insistieren würde wahrscheinlich eh zwecklos sein. Am Frühstückstisch herrschte im Gegensatz zu der sonst eher verhaltenen Unterhaltung angeregtes Gemurmel. Alle hatten den Tumult in der Nacht mitbekommen. Neugierig wollten sie voneinander wissen, ob jemand Einzelheiten gehört hatte. Niemand wusste allerdings Näheres zu berichten und auch das Pflegepersonal hielt sich sehr zurück und verwiesen auf die Schweigepflicht. Der Platz neben Susanne blieb am heutigen Morgen leer und in Susanne keimte der Verdacht, dass der nächtliche Aufstand etwas mit Sarah zu tun haben musste. Als sie sich zur Medikamentenausgabe begab, sah sie, dass Schwester Ina heute Dienst hatte. Susanne stellte sich als Letzte an das Ende der Schlange und nutzte die Gelegenheit Schwester Ina ungestört nach Sarahs Abwesenheit zu befragen. Schwester Ina bat Susanne zu sich in das Schwesternbüro und schloss hinter ihr die Tür. „Sie kamen immer ganz gut mit Sarah Schmidtke aus, nicht wahr?“ erkundigte sich Schwester Ina und Susanne merkte, dass sie krampfhaft nach einem Einstieg suchte. Susanne nickte. „Nun“, fuhr Schwester Ina fort, „heute Nacht kam es zu einem Zwischenfall. Sie haben sicher auch den Tumult wahrgenommen.“ Wieder nickte Susanne, wobei ihr Herz bis zum Hals klopfte und sie Mühe hatte, ruhig weiter zu atmen. „Ich habe leider nicht so gute Nachrichten für Sie“, fuhr Schwester Ina fort und vermied direkten Blickkontakt mit Susanne. „Frau Schmidtke ist in eine Krise geraten und akut dermaßen von ihren psychotischen Symptomen vereinnahmt worden, dass sie infolgedessen versucht hat, sich die Pulsadern aufzuschneiden.“ Susanne versuchte, den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken, was ihr jedoch misslang. Ihre Beine versagten, sie musste sich hinsetzen. Wie konnte das sein? Sarah und Selbstmord? Susanne hatte irgendwie immer den Eindruck gehabt, Sarah war im Gegensatz zu manch anderer Patientin relativ "normal" und stabil. Und jetzt sollte sie eine psychotische Krise haben? Sie blickte Schwester Ina an. „Ich verstehe nicht? Ist sie… ich meine… hat sie…“ Susanne wusste nicht wie sie ausdrücken sollte, was ihr auf der Seele brannte. Schwester Ina schien zu überlegen, inwieweit sie Susanne informieren konnte. „Wir konnten sie soweit stabilisieren“, sagte sie, „dass wir sie auf die Intensivstation verlegen konnten. Ihr Zustand ist soweit stabil, das heißt er hat sich nicht verschlechtert.“Susanne wusste nicht, ob sie erleichtert oder weiterhin beunruhigt sein sollte. Sie nickte nur, zu anderen Regungen oder Äußerungen war sie nicht in der Lage. „Ich bzw. wir vom Team haben lange überlegt, ob wir etwas über Frau Schmidtkes Zustand verlauten lassen sollen“, erklärte Schwester Ina weiter, „wir hielten und halten Sie allerdings für ausreichend emotional stabil, dass Sie die Nachricht verkraften. Bei einigen anderen sind wir uns nicht so sicher. Deswegen wäre es ganz hilfreich, wenn Sie nicht allzu viele Einzelheiten weitergeben würden. Die anderen Patientinnen werden wir natürlich auch soweit wir es verantworten können über Frau Schmidtkes Zustand informieren.“Susanne starrte weiter gedankenverloren an die Wand, sagte aber immer noch nichts. „Frau Stahl?“ Schwester Ina sah sie fragend an. „Haben sie verstanden, worum ich Sie gebeten habe?“ Susanne nickte erneut. „Ja, natürlich“, sagte sie, „ich verstehe.“ Sie überlegte einen Moment. „Schwester Ina, wenn sich irgendwas bei Sarah, also bei Frau Schmidtke verändern sollte, also… ich meine, auch wenn sich etwas verschlechtert…“ sie stockte, ihre Augen füllten sich mit Tränen. „…dann informieren wir Sie, Frau Stahl. Natürlich.“ Sie ließ Susanne ein wenig Zeit zum Ordnen ihrer Gedanken. „Ich glaube, ich möchte jetzt gerne ein wenig für mich sein“, sagte Susanne und stand auf. Die darauffolgende sportliche Gruppenstunde verbrachte Susanne wie in Trance. Ihr wurde mehr und mehr bewusst wie schnell sich das Blatt wenden konnte. Gestern war mit Sarah doch noch alles in Ordnung, zumindest dachte Susanne das. Und dann – Peng- mitten in der Nacht brach ihre Psychose durch und übernahm die Führung in Sarahs Gehirn. Sie hatte schon vorher von Menschen mit Psychosen gehört. Von Stimmen, die diese Menschen hören oder Dinge, die gesehen werden, obwohl real nichts da ist. Es gab sogar Menschen, die Gerüche wahrnahmen, die nicht vorhanden waren. Man hatte diese Menschen in der TV- Reportage mit Medikamenten eingestellt. So konnten sie ein einigermaßen normales Leben führen. So einfach wie es im Fernsehen gesagt wurde, schien es wohl doch nicht zu sein, dachte Susanne. Vielleicht wurden psychotische Schübe oder Krisen ja auch durch Außenreize ausgelöst, überlegte sie weiter, vergleichbar wie bei ihr und ihrer Amnesie. Auch nach der Sportstunde lief die Welt an Susanne vorbei, ohne, dass sie von irgendetwas Kenntnis nahm. Ihr Körper schien wieder auf Automatik gestellt worden zu sein. Sie ließ sich nach der Sportstunde ihr Zimmer aufschließen, schließlich musste sie sich noch für ihren Besuch richten. Zumindest ging sie davon aus, dass sie geduscht hatte, als sie einige Zeit später an sich herunterblickte. Erinnern konnte sie sich nicht daran. Zumindest stand sie frisch geduscht und umgezogen in ihrem Zimmer. Sie schaute auf ihren kleinen Reisewecker auf ihrem Nachttisch. Mittlerweile war es bereits kurz nach zwei Uhr am Nachmittag. Entweder hatte sie überhaupt nicht zu Mittag gegessen, was sie allerdings nicht für möglich hielt, weil Anwesenheitspflicht während der Mahlzeiten herrschte oder, und dass hielt sie für wahrscheinlicher, sie hatte auch das vollkommen in Gedanken vertieft über sich ergehen lassen. Nun musste sie sich aber auch sputen. Sie hatte sich mit Sabrina für halb drei verabredet. Die Geschehnisse des Tages hatten sie sehr mitgenommen und eigentlich verspürte sie überhaupt keine Lust den Nachmittag mit Sabrina schwatzend und tratschend, wie sonst üblich bei ihren Treffen, zu verbringen. Dennoch hoffte sie auf ein bisschen Zerstreuung. Sabrina war nicht der Typ für ernsthafte Gespräche. Sie würde auch nie nachvollziehen können, warum sich Susanne so viele Gedanken um einen Menschen machte, den sie erst vor ein paar Tagen kennengelernt hatte. „Also gut“, sagte sie sich, „ dann eben Zerstreuung.“ Dafür jedenfalls war Sabrina die richtige Person. Susanne setzte sich in den Gemeinschaftsraum vor den Fernseher und tat so als ob sie der Tiersendung interessiert folgte. So konnte sie sicher sein, dass die anderen sie in Ruhe ließen und ihr nicht mit Fragen auf die Nerven gehen würden. Als die Besucherklingel läutete, folgte sie der diensthabenden Schwester mit klopfendem Herzen zur Stationstür. Schon von weitem erkannte sie Sabrina, die sichtlich nervös von einem Fuß auf den anderen trat. Susanne lächelte ihrer Freundin durch die Türscheibe aufmunternd zu. Sie konnte die Unsicherheit, die wahrscheinlich jeden befällt, wenn man zum ersten Mal eine geschlossene psychiatrische Station betritt, durchaus nachvollziehen. Die Schwester schloss die Tür auf und entließ Susanne, die sich schon mit Winterjacke, Schal und Mütze bewaffnet hatte. Sie überließ Susanne in Sabrinas Obhut. Susanne hielt es für das Beste, Sabrinas Unsicherheit vorerst zu ignorieren und fiel ihrer Freundin um den Hals. „Ach, Sabrina“, flüsterte sie fast, „du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön es ist, endlich wieder einen normalen Menschen zu sehen.“ Sehr verhalten erwiderte Sabrina die stürmische Begrüßung. Anscheinend war sie mit der Gesamtsituation überfordert, dachte Susanne. Außerdem wäre es nicht verwunderlich, wenn sie den ersten Schock über Susannes Aussehen zu verdauen hatte. Sie sah schon etwas heruntergekommen aus, dessen war sich Susanne durchaus bewusst. Die glanzlosen Haare hatte sie eher praktisch zu einem stinknormalen Zopf zusammengebunden, auf Schminke oder Make- up gänzlich verzichtet und ihre Klamotten… nun ja, neben dem mintfarbenen Jogginganzug waren es nicht gerade ihre Lieblingsstücke, die Mark zusammengepackt hatte. Von der ungesunden Gesichtsfarbe und den tiefen dunklen Augenringen mal ganz abgesehen. Auf Station war das alles ziemlich unwichtig. Niemand schaute auf Klamotten oder Aussehen, weil jeder mit sich und wichtigeren Dingen beschäftigt war. Jetzt allerdings in unmittelbarem Vergleich mit Sabrina, kam sie sich schon wie das hässliche junge Entlein vor, um nicht zu sagen abgewrackt. Sabrina war wie gewohnt perfekt gestylt und geschminkt. Ihr hautenges Top passte wie die Faust aufs Auge zu dem ebenfalls sehr enganliegenden knielangen Rock, der ihre weiblichen Kurven und die ohnehin extrem langen Beine sehr stark zur Geltung brachte. Trotz des winterlichen Klimas trug sie wie immer High Heels. Susanne hatte sich schon oft gefragt, wie es sein konnte, dass Sabrina noch nie einen Unfall wegen solch nicht geländetauglicher Schuhe hatte. Diese waren mal wieder ein richtiger Hingucker. Schwarzer Lack mit kleinem Reißverschluss an der Ferse. „Also schön“, sagte Sabrina immer noch ein wenig nervös, „was machen wir? Also, ich bin für alles offen und lass dich natürlich bestimmen. Ich weiß nicht so genau, was du kannst und dir zutraust und natürlich, was du möchtest.“ „Ich würde gerne ein wenig an die frische Luft. Vielleicht ein Spaziergang durch den Klinikpark? Und danach einen heißen Kakao in der Cafeteria?“ schlug Susanne vor. Sabrina war einverstanden und so machten sie sich auf den Weg nach draußen. Susanne zog Jacke und Schal an und ihre Mütze tief über ihre Ohren und in die Stirn. Dennoch stockte ihr kurz der Atem, als sie die Tür öffnete und eine Windböe mit voller Wucht in ihr Gesicht peitschte. So unangenehm hatte sie sich das Wetter nicht vorgestellt Nachdem sie allerdings den ersten Kälteschock überwunden hatte, genoss sie das Winterwetter. Der kalte Wind im Gesicht, der Schneegeruch in der Nase, das Piksen der Schneeflocken in den Augen und der knirschende Schnee unter ihren Füßen gaben ihr das Gefühl, lebendig zu sein. Obwohl sie der kurze Gang durch den Park stark an ihre körperlichen Grenzen brachte, hätte sie noch stundenlang weiter schweigend neben Sabrina durch den Park gehen können. Sie musterte Sabrina von der Seite. Das musste Susanne ihrer Freundin hoch anrechnen. Ohne zu murren oder sich zu beschweren nahm sie die Strapazen auf sich und kämpfte sich durch die Kälte und den knöchelhohen Schnee. Mit diesen Schuhen und in dieser Kleidung war das sicherlich kein Vergnügen, dachte Susanne und musste ein wenig schmunzeln. So war Sabrina eben, Hauptsache, das Outfit stimmte. Nach fast einer Stunde hatte Susanne ein Einsehen mit ihrer Freundin und schlug den Weg zur Cafeteria ein, wo die beiden sich einen etwas abseits stehenden Tisch wählten. Susanne rührte gedankenverloren in ihrer heißen Schokolade und löffelte genüsslich die Sahnehaube ab. Sabrina wirkte immer noch etwas steif und angespannt, fand Susanne. Lag vielleicht an der gesamten Umgebung. Viele Menschen entwickelten eine Abneigung gegenüber Krankenhäusern und verhielten sich anders oder sonderbar, sobald sie das Gebäude betraten. Vielleicht gehörte Sabrina auch zu dieser Sorte Mensch. Ihr kam der Gedanke, dass Sabrina und sie sich eigentlich nie so richtig über tiefsinnige Themen unterhalten hatten. Sie hatten stundenlang über Kollegen, Tratsch im Büro, das Kinoprogramm oder Diäten reden können. Aber was waren zum Beispiel Sabrina Urängste, wie war ihre Kindheit oder wie wollte sie beerdigt werden? Susanne wusste es nicht. „Weißt du, was ich nicht verstehe?“ meinte Susanne plötzlich. Sabrina blickte abrupt auf, so als wäre sie kurz eingenickt und schüttelte verneinend den Kopf. „Na, ich kann mich überhaupt nicht daran erinnern, was an dem Tag, als man mich hier eingewiesen hat, passiert ist.“ Sabrina schaute sie fragend an, zog ihre Stirn dabei kraus. „An gar nichts?“ fragte sie schon interessierter nach. Susanne schüttelte ihren Kopf. „Ich weiß nur noch, dass ich mit Valentin und Madeleine in Nürnberg war, aber dann zieht auch schon die Nebelwand auf und hüllt mein Gedächtnis ein. Warum ich früher als eigentlich geplant wieder nach Heidelberg gefahren bin, ist mir einfach ein Rätsel, auch, warum ich die Kinder bei meinen Eltern gelassen habe. Ich habe meine Kinder noch nie grundlos bei meinen Eltern gelassen, weil ich weiß, dass meine Mutter dann immer gestresst ist. Und da lass ich sie doch erst recht nicht am Geburtstag meiner Mutter bei ihr. Da muss doch was passiert sein. Aber- es ist einfach weg. Momentan bezweifel ich, dass ich mich überhaupt jemals wieder erinnern werde.“ Sie hielt in ihren Erzählungen inne. „Gruselig“, bestätigte Sabrina. „Und wieso du hier bist, weißt du also auch nicht?“ Susanne schaute in ihren Kakao, als ob sie dort die Antwort finden würde. „Alles, was ich weiß, habe ich von Dr. Glück erfahren. Und der hat das wiederum von Mark. Und demnach bin wohl aus Nürnberg gekommen, angeblich völlig grundlos ausgerastet und auf Mark losgegangen. Ich selbst kann mich aber an gar nichts erinnern.“ Immer noch fassungslos über diese Tatsache schüttelte sie den Kopf. „Laut meiner Krankenakte und dem Polizeiprotokoll wurden Mark und ich dabei vorgefunden, wie wir uns prügelnd auf dem Boden wälzten. Davon stammt wohl auch das Veilchen und die Platzwunde.“ Wie zur Bestätigung deutete sie auf ihr Gesicht. Sabrina bekam stark übertrieben große Augen und schaute, als könne sie ihren Ohren nicht trauen. „Ja, ich kann nur sagen, was man mir erzählt hat. Ich habe Mark wohl mit einem Messer attackiert, jedenfalls hatte er diverse Schnittverletzungen. Bei dem Versuch sich gegen mich zu wehren, hat er mich dann wohl etwas ungünstig am Kopf getroffen. Durch den Krach sind die Nachbarn aufmerksam geworden und haben Rettungswagen und Polizei verständigt.“ Sie machte eine kleine Pause. Es war offensichtlich, dass er ihr schwer fiel, weiter zu sprechen. „ Ich wurde dann mit dem Rettungswagen gleich hierher in die Psychiatrie gebracht, angeblich habe ich mich wohl mit Händen und Füßen gewehrt. Die Ärzte in der Notaufnahme mussten mich mit Medikamenten ruhig stellen, so dass ich mich auch an meine ersten zwei Tage hier in der Klinik nur stückweise erinnern kann.“ „Krass“, hauchte Sabrina, „echt krass, ich dachte, so etwas gibt es nur im Film. Aber dass dir so etwas passiert? Und einfach so aus heiterem Himmel.“ Sabrina schaute auf ihren Cappucchino und schüttelte verwundert den Kopf. Eine Weile sagte keiner der beiden etwas. „Hast du mit Mark schon darüber reden können?“ fragte Sabrina unvermittelt und vermied dabei jeden Blickkontakt. Wieder musste Susanne verneinen. "Er hat mir ein paar Sachen vorbeigebracht, als ich noch mit Beruhigungsmitteln vollgepumpt war. Aber seitdem ich wieder ansprechbar bin, war er noch nicht wieder da. Ich habe mit Dr. Glück abgesprochen, dass Mark und ich uns erst in den nächsten Tagen treffen werden. Da keiner weiß, was wirklich war, sollte ich erst einmal wieder zu mir selbst kommen und mich quasi stabilisieren.“ Sie schwieg und trank den restlichen Kakao aus, bevor sie mit ihren Erzählungen fortfuhr. „Das Labor hat außerdem noch merkwürdige Blutwerte bei mir festgestellt. Demnach hätte ich seit Wochen Unmengen von Schlaf- und Coffeintabletten geschluckt haben müssen. Was ich aber definitiv nicht habe.“ Susanne wurde laut und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen. Sabrina zuckte zusammen, starrte allerdings immer noch in ihren Becher. „Aber Dr. Semmeln hatte…“ begann Sabrina und wurde schroff von Susanne unterbrochen. „Ja, stimmt, Dr. Semmeln hat mir ein Schlafmittel verschrieben, das ich auch exakt nach seiner Anordnung eingenommen habe. Das hat am Ende sogar Mark kontrolliert. Aber Aufputschmittel habe ich nie genommen, nicht mal früher auf Partys, auf denen sich jeder irgendwas eingeschmissen hat!“ sie blickte Sabrina mit zornig funkelnden Augen an. „Aber wie kann das alles sein? Ich meine, es muss doch irgendeine Erklärung dafür geben“, hakte Sabrina vorsichtig nach. Sie schien durch Susannes kleinen Wutausbruch ein wenig eingeschüchtert worden zu sein. „Keine Ahnung!“ Susanne zuckte ratlos mit den Schultern und schaute in Susannes eher reserviertes Gesicht. „Tut mir leid, ehrlich“,Susanne ergriff die Hand ihrer Freundin und schaute sie entschuldigend an, „ich bin nur so verwirrt, weil ich nicht weiß, was passiert ist. Und das macht mich so wütend, wütend auf mich selbst. Dr. Glück geht davon aus, dass es sich bei mir um eine spezielle Form der Amnesie handelt. Dabei verdrängt man schmerzhafte körperliche oder emotionale Erfahrungen und Situationen, um sich selbst zu schützen.“ Sabrina schaute sie erschrocken an. „Du meinst, deine Amnesie ist nicht einfach so aufge-taucht, sondern durch irgendein Schockerlebnis ausgelöst worden?“ Susanne beantwortete die Frage mit einem langsamen Kopfnicken. „Genau so sieht es aus. Und für meine Genesung und auch zur Vorbeugung, damit das nicht wieder geschieht, wäre es gut, wenn ich herausfinde, was dieses Erlebnis war.“ Sie schwiegen einen Moment. Als Susanne langsam den Kopf hob und ihrer Freundin direkt in die Augen sah, erschrak Sabrina aufgrund ihrer kalten Augen. „Und ich schwöre dir, ich werde herausfinden, wer Schuld daran ist, dass ich jetzt hier gelandet bin“, versprach Susanne. „Und der kann sich dann gewaltig warm anziehen!“ Fortsetzung folgt..... 14.11.13 ... link (0 Kommentare) ... comment Dienstag, 12. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 4
shorty short, 20:28h
Kapitel sieben
Susanne blieb unschlüssig in dem halbdunklen Gang stehen. Ein paar Meter weiter flackerte eine Glühbirne in einer Deckenleuchte. Diese optische Unruhe verdrängte Susannes innere Gelassenheit und wühlte sich durch ihr Inneres, ein kalter Schauer lief ihr über Rücken und Arme. Sie fröstelte, umschlang ihren Oberkörper, rieb sich die Oberarme und versuchte, das unangenehme Gefühl abzuschütteln. Sie vernahm leises Klappern mit Geschirr und gedämpfte Stimmen. Gab es etwa schon Abendbrot? Ein Blick nach draußen bestätigte ihre Annahme. Flora und Fauna waren in pechschwarze Dunkelheit gehüllt. Im Lichtkegel einer Laterne konnte sie leichtes Schneetreiben ausmachen. Sie betrat den Aufenthaltsraum und war überrascht über die warme, ja sogar recht gemütliche Atmosphäre, die eine Tischleuchte und die Stehlampe in der Sofaecke ausstrahlten. Der Abendbrottisch war schon in der Vorbereitung, einige Mitpatientinnen hatten es sich vor dem Fernseher bequem gemacht. „Hi, Susanne“, Sarah klopfte mit der Hand auf den leeren Platz neben sich, „na, komm setz dich zu uns.“Susanne gab sich einen Ruck und schaffte es sogar, ein wenig zu lächeln. „Danke!“ sagte sie fast flüsternd. Es war schön, jetzt nicht irgendwo alleine sitzen zu müssen. Sie setzte sich zu den anderen und merkte, wie sie sich nach und nach entspannte. Die allgemeine Ruhe und das in- Ruhe-gelassen-werden taten ihr unheimlich gut. Einfach nur dasitzen und sich nicht erklären müssen, waren für sie ungewohnt und neu, aber irgendwie entlastend. Sie hing ihren Gedanken ein wenig nach. Wie anders war es doch zu Hause… Zu Hause, dachte sie. Zu Hause versuchte sie stets fröhlich zu sein, Sorgen und Probleme für sich zu behalten, um Mark nicht noch mehr zu belasten. Er hatte schon genug Stress und oftmals Ärger im Büro. Mehr als einmal hatte er seinen Unmut darüber geäußert, dass es ihn störte, wenn er nach einem anstrengenden Arbeitstag sich auch noch mit der schlechten Laune und den Problemen seiner Frau auseinandersetzen musste. Zudem konnte er ohnehin nicht verstehen, was Susanne belasten könnte. Schließlich musste sie sich nicht mit Arbeitskollegen und Stress im Büro auseinandersetzen. Sie hatte doch den einfachsten Job der Welt: sie musste sich nur um den Haushalt und die Kinder kümmern. Das konnte doch aus Marks Sicht so schwer nicht sein. Und so hatte sie alles daran gesetzt, ihre Probleme und auch ihre Bedürfnisse vor ihm geheim zu halten. Aber warum eigentlich? fragte sie sich nun und gab sich gleich selbst die Antwort. Mark war für sie ohne Frage der Traummann gewesen. Sie konnte sich damals und auch jetzt ein Leben ohne ihn nicht vorstellen. Alles hätte sie für ihn getan. Mal abgesehen davon, dass sie ihn liebte, wie sollte ihr Leben ohne Mark aussehen? Sie hatte vor Jahren ihren Beruf aufgegeben und sich voll und ganz der Familie gewidmet. Würde es Mark nicht geben, müsste sie für sich und ihre beiden Kinder selbst sorgen. Wie sollte sie das machen? Als Bauzeichnerin verdiente man nicht gerade viel, schon gar nicht so viel, dass sie in einem Haus am Stadtrand wohnen könnten. Ohne Mark war sie quasi ein Nichts! Susanne atmete schwer. Sie hatte plötzlich das Gefühl ein zentnerschwerer Sack lastete auf ihrem Brustkorb. Sie musste sich so auf ihre Atmung konzentrieren, dass sie ihre Umwelt völlig vergaß. Mit aller Kraft sog sie Luft durch die Nase ein, hatte dennoch das Gefühl, es würde nicht reichen. Eine erneute Nebelwand waberte wieder vor ihrem Gesicht und schnitt sie vollkommen von der Realität ab. Überall war Nebel, der sie mehr und mehr zu erdrücken schien, sich regelrecht in ihre Lungen fraß. Ihr Herz raste, sie wollte schreien, bekam aber keinen Ton heraus. „Susanne!“ Sarah gab ihr links und rechts eine ziemlich deftige Ohrfeige und rüttelte an ihrer Schulter. Susanne blinzelte und japste gierig nach Luft. „Na, Gott sei Dank!“ stieß Sarah heraus. „Was machst du denn nur für komische Sache? Einfach umfallen und hyperventilieren…“ sie schüttelte leicht tadelnd ihren Kopf. Eine Schwester kam angelaufen und schob Sarah etwas zur Seite, um Susannes Vitalzeichen zu kontrollieren. Als sich Blutdruck und Puls wieder in die Normwerte eingependelt hatten, versuchte Susanne wieder in die Senkrechte zu kommen. Von Sarah und der Schwester untergehakt wie eine alte Frau schlurfte sie zum Abendbrottisch, nahm Platz und stürzte das ihr gereichte Glas Saft in einem Zug runter. Schon wieder dieser unerträgliche Durst! dachte sie. Eigentlich erwartete sie wieder die Kopfschmerzschraubstöcke. In den Schläfen pochte es zwar leicht, aber der Wahnsinnsschmerz blieb aus. Hunger oder gar Appetit hatte sie keinen, dennoch zwang sie sich, eine Scheibe Brot herunter zu würgen. Während sie ihren Körper auf Automatismus stellte, kreisten ihre Gedanken. Kopfschmerzen, ständig Nebel im Kopf und diese Ohnmachtsanfälle, von denen sie weder wusste, wie lange sie stets anhielten noch was in dieser Zeit mit ihr geschah, dieser unbändige Durst und jetzt noch Appetitlosigkeit. Was zum Henker war nur mit ihr los? Als sie eine halbe Stunde später wohlig eingekuschelt und geistig absolut ausgebrannt in ihrem Isolationszimmer lag, sie hatte sich mittlerweile eine zweite Decke geben lassen, dachte sie, dass es vielleicht ganz gut für sie war, dass sie vor Müdigkeit und Erschöpfung keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Ihr Gehirn fühlte sich ausgelutscht an, ja geradezu ausgewrungen wie ein nasses Handtuch. Die Nachtschwester schaute noch einmal vor der allgemeinen Nachtruhe bei ihr vorbei, prüfte erneut ihre Vitalzeichen, nickte zufrieden und reichte ihr die letzte Tablette des Tages. Eine Notfallklingel war am Nachtschrank angebracht. „Scheuen Sie sich nicht, die Klingel jederzeit zu betätigen“, bat die Schwester. „Egal, was ist.“ Susanne nickte dankbar. Es war irgendwie beruhigend zu wissen, dass jemand ein wachsames Auge auf sie gerichtet hatte. Kapitel acht Die nächsten Tage versuchte Susanne weiterhin Licht in den dichten Nebel zu bringen. Sie saß oft in sich gekehrt im Aufenthaltsraum und hing ihren Gedanken nach. Die anderen Patientinnen ließen sie, wussten sie, dass Susannes einzige Chance, wieder zurück in ihr altes Leben zu finden, darin bestand, dass sie ihre Gedächtnislücke schlioss. Als Susanne Mark kennenlernte, war sie die glücklichste Frau der Welt gewesen. Natürlich hatte es auch vor Mark Freunde und Beziehungen gegeben, allerdings waren die nur von kurzer Dauer und eher Schwärmereien gewesen. Mit Mark wurde alles anders, ein neues Kapitel in ihrem Leben wurde aufgeschlagen. Es war das erste Mal, dass sie richtig emotional involviert war, aus heutiger Sicht würde sie sagen, sie war das erste Mal richtig verliebt gewesen. Obwohl Mark den Ruf des Herzensbrechers im Büro weg hatte und sie eigentlich von jedem davor gewarnt wurde, sich auf ihn einzulassen, hatte sie sich in ihn verguckt. Zugegeben, sie hatte auch nichts dagegen unternommen, sondern es einfach geschehen lassen. Es war schon ein gutes Gefühl, dass sie, die kleine Auszubildende schließlich den Mann abbekommen hatte, hinter dem alle Frauen egal welchen Alters im Büro her waren. Die neidischen Blicke ihrer Kolleginnen würde sie nie vergessen. Sie, eine junge und eher unscheinbare Person schnappte sich den gutaussehenden, attraktiven und ehrgeizigen Juniorarchitekten, der gutes Potential für die Führungsetage hatte. Selbst jetzt noch, Jahre später gab es ihr eine Art Genugtuung und zauberte jedes Mal ein Lächeln auf ihr Gesicht, wenn sie nur daran dachte. Mark und Susanne führten anfangs eine gut funktionierende und ungezwungene Beziehung, in der sich beide wohl zu fühlen schienen. Sie waren halt jung und, auch wenn sie offiziell ein Paar waren, irgendwie doch ungebunden. Sie standen beide auf Partys, feierten für ihr Leben gerne bis in den nächsten Morgen und nahmen jedes Event mit, das sich ihnen bot. Sie führten teilweise ein Leben auf der Überholspur. Bis Susanne schwanger wurde. Ungewollt. Es war quasi ein Unfall, wenn man bei einer Schwangerschaft überhaupt von Unfall reden konnte. Als Susanne das Ausbleiben ihrer Regel registrierte und ein Schwangerschaftstest ihren Anfangsverdacht bestätigte, war sie bereits in der 14. Woche. Auch ihr erster Schock über den angekündigten Nachwuchs war zunächst groß. Dennoch freute sich Susanne im Stillen über die Schwangerschaft, hatte sie sich doch immer eine eigene Familie gewünscht. Allerdings schmälerten starke Zweifel, ob der Zeitpunkt der richtige war und die Ungewissheit, ob Mark überhaupt der geeignete Vater sein könnte, ihre Freude. Zudem wusste sie nicht, wie Mark überhaupt reagieren würde, wenn er von seiner werdenden Vaterschaft erfuhr. Sie hatten nie über den vorhandenen Status ihrer Beziehung hinaus gedacht, geschweige denn über Nachwuchs. Sie wohnten noch nicht einmal zusammen. Als sie Mark über die Schwangerschaft informierte war seine Reaktion ähnlich wie sie es im Stillen schon befürchtet hatte. Er war alles andere als begeistert, meinte, er wäre gerade auf der Karriereleiter steil auf dem Weg nach oben und kurz davor, sich in das Architektenbüro einzukaufen. Mit einem Kind wäre es finanziell gesehen wahrscheinlich gar nicht mehr möglich. In einem ihrer vielen Streitgespräche fragte er sie allen Ernstes, wie es überhaupt hatte passieren können. Aufgebracht unterstellte er ihr, sie hätte vorsätzlich die Pille abgesetzt, um ihn an sich zu binden und ihm ein Kind anzudrehen. Susanne traten Tränen in die Augen, als sie sich jetzt Jahre später, diese Zeit in ihr Gedächtnis zurück holte. Für diesen emotionalen Ausbruch hatte er sich später zwar entschuldigt. Trotzdem hatte er nie verstanden, wie sehr er sie damals verletzt hatte. Für Mark fest, dass er sich, ob er nun begeistert war oder nicht, seinen Pflichten zu stellen hatte. Susanne zog bei ihm ein und zwei Monate später heirateten sie, allerdings nur standesamtlich. Mark hatte es als „unpassend“ bezeichnet, wenn Susanne schwanger im weißen Brautkleid vor den Traualtar treten würde. Da er ihr hoch und heilig versprach, die kirchliche Zeremonie nach der Geburt nachzuholen, gab sie nach. Bis heute hatten sie nicht kirchlich geheiratet und mittlerweile hatte Susanne es auch aufgegeben, mit Mark einen Termin zu finden. Irgendwas war immer wichtiger. Finanziell griff Susannes Vater den beiden unter die Arme. Auch er wollte für seine Tochter ein sicheres Fundament. Da war die Teilhaberschaft in einem gut florierenden Architektenbüro perfekt. Susannes Vater gab Mark das nötige Kapital und betonte mehrfach, dass er auf jede Art von Rückzahlung oder Wiedergutmachung verzichtete. Einzig und allein wichtig war ihm das Glück seiner Tochter. Das Glück schien auch perfekt. Dann jedoch kam der Tag, den Susanne nie vergessen würde, der schwärzeste Tag ihres bisherigen Lebens und sie befürchtete damals, es würde auch kein schlimmerer Tag mehr kommen. Sie war auf dem Weg zur Küche an den Trageschlaufen von Marks Sporttasche hängengeblieben und auf die Fliesen gestürzt. Es passierte alles so schnell, dass sie keine Möglichkeit hatte, den Sturz mit ihren Händen abzufedern. So prallte sie ungebremst auf ihr Gesicht, aber was noch viel schlimmer war, auf ihren Achtmonatsbauch. Sie merkte sofort, dass etwas mit ihr und dem Baby nicht stimmte und sie sollte Recht behalten. Der schnell eingetroffene Notarztwagen und der sofort eingeleitete Notfallkaiserschnitt konnten zwar ihr Leben retten, nicht aber das ihres Babys. „Wie haben Sie sich gefühlt?“ unterbrach sie Dr. Glück. Sie hatten bereits ihre zweite Therapiestunde und Susanne war erstaunt, wie offen und schonungslos sie ihre Beziehung zu Mark vor Dr. Glück ausbreiten konnte. Hier sah sie sich nicht gezwungen, die Fassade einer Bilderbuchehe aufrecht zu erhalten. „Gefühlt?“ fragte Susanne und dachte mit versteinerter Miene einen Moment nach. „Leer, ich war nur leer. Und schuldig fühlte ich mich.“ „Schuldig? In wie fern?“ bohrte Dr. Glück nach. Susanne starrte auf ihre Hände, die in ihrem Schoß lagen und nervös ein Papiertaschentuch zerpflückten. „Mark hat ständig seine Sachen im Weg liegen lassen. Ich habe es ihm ständig prophezeit, dass irgendwann jemand stolpern wird. Aber er hat immer drüber gelacht und gemeint, wir sind doch Menschen und haben zwei Augen im Kopf. Man muss halt nur ein bisschen aufpassen. Womit er ja auch recht hatte. Hätte ich besser aufgepasst, wo ich hintrete, wäre ich nicht gestolpert und …“ sie stockte. „Und?“ insistierte Dr. Glück. Susanne blickte Dr. Glück an. Tränen rannen über ihr Gesicht. „… dann hätte mein Baby überlebt.“ Ihre Stimme brach. All die Trauer, die sie die Jahre über versucht hatte zu verdrängen, sprudelte aus ihr raus. All der Schmerz über den Verlust, die Hoffnungslosigkeit, die damals von ihr Besitz ergriffen hatte und die Einsamkeit, in die sie sich verbannt hatte, um Mark nicht zu belasten brachen alle Dämme in ihr. Wie lange sie geweint und den Schmerz aus sich herausgelassen hatte, konnte sie nicht sagen. Aber es tat verdammt gut. Irgendwann war der Tränenstrom versiegt. Jeglicher Funken an Energie und Kraft war aus ihrem Körper gewichen. Sie trocknete sich ihre verweinten und stark geröteten Augen. Ihr verquollenes Gesicht fühlte sich taub und irgendwie nicht zu ihr gehörig an. Sie schnäuzte sich und atmete tief durch. Dr. Glück hatte sie die ganze Zeit mit kritischem Blick beobachtet. Ihre Blicke begegneten sich und Susanne musste ein wenig lächeln. Sie fühlte sich erstaunlicherweise erleichtert. Der enge Panzer, der ihren Brustkorb oftmals eingeengt hatte, schien vielleicht noch nicht ganz aufgebrochen, aber zumindest gelockert zu sein. „Dass heulen so befreiend sein kann, hätte ich nie gedacht“, sagte sie mit einem zaghaften Lächeln. „Na, da bin ich aber froh, dass wir so langsam doch etwas für Sie tun können“, auch Dr. Glück konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Auch er schien über den Verlauf des Gesprächs zufrieden zu sein, vor allem, weil es den Anschein machte, dass ein Knoten bei Susanne geplatzt war. Bevor sich Susanne wieder auf den Rückweg zur Station machte, bat sie Dr. Glück um die Genehmigung eines Telefonats und eines Besuchs. Sie hatte das dringende Bedürfnis, sich mit einem Menschen zu unterhalten, von dem sie eindeutig wusste, dass dieser Mensch nur das Beste für sie wollte. Nach kurzem Überlegen war sie sich sicher, dass Sabrina dieser Mensch war. Sie musste sich ohnehin dringend bei ihrer Freundin melden, die sich sicherlich schon Sorgen machte, weil sie nichts von Susanne gehört hatte. Bei dieser Gelegenheit konnte sie Sabrina doch gleich einladen, sie auf der geschlossenen Abteilung zu besuchen. Dr. Glück hatte diesbezüglich keinerlei Einwände. Ganz im Gegenteil, er bot ihr sogar an, ihr die Erlaubnis zu geben, mit ihrer Freundin die Station verlassen zu dürfen, um in die Cafeteria oder bei schönem Wetter vielleicht auch in den Park gehen zu können. Ein wenig Abwechslung und Zerstreuung würden Susanne sicherlich gut tun. Der Gedanke der dunklen, muffigen Station für kurze Zeit entfliehen zu können und endlich wieder frische Luft zu atmen, stimmte Susanne fast fröhlich. Die Vorstellung von knirschenden Schnee unter den Füßen und das wohlige Gefühl, das sich in einem ausbreitete, wenn man aus der Kälte hinein in die Wärme kam und sich an einem frisch gekochten Kakao erwärmte, versetzte sie in angenehme Vorfreude. Am nächsten Morgen wählte sie sich bereits vor dem Frühstück fast die Finger wund, so oft versuchte sie, ihre Freundin telefonisch zu erreichen. Ohne Erfolg. Das Frühstück zog sich ewig hin. Eine Mitpatientin war der Meinung, man dürfte nur extrem kleinste Portionen zu sich nehmen, dafür aber jeden Bissen mindestens 33 Mal kauen, alles andere wäre absolut schädlich für die Verdauung. Kaum war die Viertelstunde Wartezeit nach Beendigung des Frühstücks verstrichen, sprang Susanne so schwungvoll auf, dass ihr Stuhl mit lautem Poltern umfiel. Sie ließ ihn einfach liegen und war so auch die erste bei der Medikamentenausgabe und gleich wieder am Telefon. Mit fahrigen Fingern tippte sie Sabrinas Festnetznummer, erreichte wieder nur den Anrufbeantworter. Da sie es aber vorzog, persönlich mit ihrer Freundin zu sprechen, legte sie gleich wieder auf, als sie den aufgenommenen Spruch ihrer Freundin vernahm. Sie dachte sich nichts dabei, vielleicht stand Sabrina ja gerade unter der Dusche oder machte ihre Yoga- Übung. Aber auch eine viertel Stunde später begrüßte sie nur der Anrufbeantworter. Hatte Sabrina heute frei? Immerhin hatte sie seit über einer Woche nicht mehr mit ihrer Freundin gesprochen. Außerdem wäre es auch nicht verwunderlich, wenn Susanne vergessen hätte, dass Sabrina im Urlaub war. Zur Sicherheit hinterließ Susanne schließlich doch die Nachricht, dass es ihr schon deutlich besser ginge und sie sich zutraute, Besuch zu empfangen. Zum Schluss gab sie noch die Telefonnummer des Schwesternzimmers an, unter der sie zu erreichen war. Ungeduldig und wie auf Kohlen wartete Susanne eine weitere Stunde ab. Als kein Rückruf erfolgte, kam sie zu dem Schluss, dass Sabrina wohl eher nicht zu Hause war. Denn Sabrina und ihr Anrufbeantworter waren fast eine Symbiose. Das erste, was Sabrina tat, wenn sie ihr Wohnzimmer betrat, war den AB abzuhören. Dabei war es völlig egal, ob sie aus dem Bad, aus dem Keller oder von draußen kam. Sabrina hatte stets das Bedürfnis, immer und überall erreichbar sein zu müssen, damit sie auch ja nichts verpasste. Susanne hatte das nie so richtig nachvollziehen können, aber man konnte auf jeden Fall sicher sein, dass Sabrina sich sofort bei einem meldete, wenn sie ihre Nachrichten abhörte. Das Architektenbüro war quasi Sabrinas zweites Zuhause. Aber auch hier konnte Susanne zunächst niemanden erreichen. Da sie keine große Lust verspürte, Fragen von anderen Mitarbeitern ihres Mannes beantworten oder gar bemitleidende Genesungswünsche über sich ergehen lassen zu müssen, rief sie nur direkt auf Sabrinas Arbeitsplatz an. Ein wenig wunderte sie sich schon, dass niemand das Gespräch entgegen nahm. Das war mehr als ungewöhnlich und gehörte eindeutig nicht zum Konzept, das Mark im Büro zu verwirklichen versuchte. Da stand Kundenservice an oberster Stelle. Das hieße, auch wenn Sabrina tatsächlich Urlaub hatte oder krank war, was schon häufiger vorkam, gab es immer eine Vertretung. Aber auch die schien nicht im Büro zu sein. Mittlerweile war es fast Mittag und Susannes sechster Versuch, als endlich jemand am anderen Ende der Telefonleitung den Hörer abnahm. Susanne erkannte ihre Freundin sofort an der Stimme. Sie konnte nicht genau sagen, was sie störte, aber irgendwas an Sabrina Art war anders. Schnell schob sie diesen Gedanken beiseite, froh, ihre Freundin endlich erreicht zu haben. „Sabrina, hallo“, begrüßte sie freudig ihre Freundin, „ich bin es, Susanne.“ Stille. „Sabrina?“ Susanne hatte kurz das Gefühl, die Verbindung war unterbrochen worden. „Hallo Susanne“, Sabrina schien sich nicht gerade vor Freude zu überschlagen, „das ist ja wirklich eine Überraschung. Dich hatte ich jetzt nicht erwartet. Wie geht es dir?“ „Danke. Geht schon wieder ganz gut. Ich soll aber noch wegen ein paar Untersuchungen hierbleiben.“ Erneut keine Antwort von Sabrina. Was war nur mit ihrer Freundin los? Sonst kam man doch gar nicht zu Wort. Susanne schob es auf die Überrumpelung, schließlich hatte Sabrina nicht mit einem Anruf von ihr gerechnet. Susanne überging die peinliche Pause, indem sie einfach weitersprach. „Ich versuche schon den ganzen Morgen, dich an die Strippe zu kriegen“, versuchte sie es scherzhaft. „Sogar ganz früh bei dir zu Hause, hatte schon Angst, ich wecke dich. Wohnst du zurzeit nicht in deiner Wohnung?“ Sabrina atmete hörbar scharf ein. „Doch… nein“, stammelte sie, „natürlich wohne ich in meiner Wohnung, wie kommst du denn da drauf?“ „Naja“, erwiderte Susanne, „wenn du schon so früh nicht zuhause bist, bist doch kein Frühaufsteher…!“ „Ach so!“ Sabrina schien erleichtert zu sein, „das meinst du, ich war heute Nacht quasi außerhäusig.“ Aha, dachte Susanne, ein Mann, hätte sie sich doch gleich denken können. „Na, ist doch o.k. Jetzt habe ich dich ja erreicht. Scheint ziemlich stressig zu sein bei euch im Büro?“ fragte Susanne nach. „Wie, wie kommst du darauf?“ Sabrina schien etwas irritiert über die Frage zu sein. „Naja“, erwiderte Susanne, „ich habe bestimmt fünfmal versucht, dachte schon du bist im Urlaub und die Vertretung kommt mit der Telefonanlage nicht zurecht.“Sabrina schien nach Worten zu suchen. „Ja, weißt du, hier… also hier ist gerade total viel zu tun.“ Kurze Pause. „Ich muss auch gleich Schluss machen. Ich weiß echt nicht, wo mir heute der Kopf steht, alle wollen irgendwie was von mir und dann ständig das Telefon…“ Susanne beschlich schon wieder das Gefühl, dass irgendwas mit Sabrina nicht stimmte. Wenn etwas nicht warten konnte, dann waren es private Telefonate. Für die hatte sie bisher immer Zeit gehabt, egal, wieviel zu tun war. „Kein Problem“, Susanne zerstreute diesen lächerlichen Gedanken wieder. Warum war sie nur so misstrauisch? „Ich wollte mich nur kurz bei dir melden, damit du dir keine Sorgen machst. Wäre schön, wenn du in den nächsten Tagen mal Zeit hättest. Ich darf Besuch empfangen.“ Anscheinend hatte sie Sabrina damit komplett überrumpelt. Auch dieses Mal stotterte sie sich was zusammen. Nach langem Hin und Her verabredeten sie sich schließlich für den nächsten Nachmittag. Susanne wollte ihr noch durchgeben, wo Sabrina sie finden würde, aber Sabrina beendete das Gespräch ziemlich abrupt, meinte, sie müsste jetzt wirklich weitermachen. Einzelheiten könnte sie schließlich von Mark erfahren. Susanne legte langsam den Hörer auf die Telefonstation. „Was war das denn?“ entfuhr es ihr laut. So hatte sie Sabrina noch nie erlebt. Vielleicht war sie gerade ein bisschen überfordert mit der Arbeit, gerade jetzt, wo es den Anschein machte, dass sie einen neuen Mann kennengelernt hatte. Vielleicht war es dieses Mal etwas Ernstes, dachte Susanne, und sie merkt zum ersten Mal wie schwierig es sein kann, Beziehung und Arbeit unter einen Hut zu bringen. Sie versuchte, das eigenartige Gefühl, dass da noch etwas anderes war, beiseite zu schieben. Irgendwie hatte sie gerade genug mit sich selbst zu tun und musste zusehen, dass sie ihr Leben wieder einigermaßen in Ordnung brachte. Zwar war Sabrina ihre beste Freundin, zugegeben auch die einzige, trotzdem musste sie jetzt erst einmal an sich denken. Fortsetzung folgt... 13.11.13 ... link (0 Kommentare) ... comment Montag, 11. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 3
shorty short, 21:58h
von Kirsten Maria Scholz
Kapitel vier Susanne wurde recht unsanft mit einem kleinen Klatscher auf die Stirn geweckt. Sarah blickte auf sie herab und grinste. „Na, Fräulein, die Zettel füllen sich aber nicht von alleine aus!“ flachste sie und ließ sich mit Schwung neben Susanne auf das Sofa plumpsen. Das gesamte Möbelstück erzitterte und wirkte sich wie ein Erdbeben in Susannes Kopf aus. Sie versuchte, ihren bleischweren Kopf anzuheben und sich aufrecht hinzusetzen. Der Nackenschmerz traf sie völlig unvorbereitet wie ein Blitz und trübte für einige Sekunden ihre Wahrnehmung. Für einen kurzen Moment befürchtete sie, die Schraubzwingen würden erneut ihren Kopf in die Mangel nehmen. Doch zum Glück schien jemand Höheres Erbarmen mit ihr zu haben. Nach einigen Kopfdehnübungen, die mit heftigstem Knacken der Wirbelkörper einhergingen, war sie einigermaßen aufnahmefähig und vor allem etwas schmerzarmer. Auf dem Couchtisch lag immer noch der Zettelberg, den sie vorhin achtlos dorthin geworfen hatte. Sie schaute laut seufzend auf die Wanduhr. Der Uhr nach hatte sie über eine Stunde geschlafen. „Und das mitten am Tag!“ tadelte sie eine Stimme tief in ihrem Inneren. Sie erkannte sich überhaupt nicht mehr wieder. Selbst an noch so stressigen Tagen, wäre sie nie auf die Idee gekommen, sich am Vormittag für ein Nickerchen auf die Couch zu legen. Oder doch? Vielleicht konnte sie sich auch nur nicht daran erinnern? Die leise Stimme in ihrem Kopf ließ sie nicht unbeeindruckt, gab sie ihr doch das Gefühl, faul und untätig die Zeit zu verplempern. Zeit, die sie sehr gut hätte nutzen können, um Kooperation zu zeigen und die ihr gestellte Aufgabe zu aller Zufriedenheit zu erfüllen. Schließlich wollte sie schnellstmöglich hier raus! Ihr früheres Leben kam ihr so weit weg vor. Wie lange war sie jetzt hier? Ein Tag, zwei Tage oder sogar noch länger? Sie schüttelte missmutig den Kopf. Nicht einmal das wusste sie mit eindeutiger Sicherheit. Statt sich um Madeleine und Valentin zu kümmern, saß sie hier faul auf dem Sofa, trug merkwürdige Klamotten und kam sich wie in einer Seifenblase vor. Ihr Blick fiel wieder auf den Fragebogen. Je eher sie sich an die Arbeit machte, desto schneller könnte sie diese Anstalt verlassen. Hoffte sie zumindest! Sie überflog kurz die einzelnen Fragen. Es ging hauptsächlich um ihre familiäre Vorgeschichte, ihren beruflichen Werdegang und allgemeine gesundheitliche Dinge. Zum Schluss sollte sie die letzten Tage vor ihrer Klinikeinweisung schildern. „Bitte im zusammenhängenden Text schreiben! Verwenden Sie keine Spiegelstriche!“ las sie laut. Na super, wie sollte sie das in der kurzen Zeit schaffen? „Die spinnen doch!“ schimpfte sie. Ging es hier um einen Deutschaufsatz oder darum, den Ärzten Informationen zukommen zu lassen. „Womit du gar nicht mal so unrecht hast“, bestätigte Sarah und beobachtete äußerst interessiert das Kaugummi, das sie in einem langen Faden aus ihrem Mund zog. „Irgendwie sind doch alle Menschen nicht ganz ganz, oder?“ sie lachte herzlich und stand auf, immer noch das eine Ende des Kauguimmis zwischen Daumen und Zeigefinger. Was machte sie da nur? „Ich lass dich mal alleine. Viel Spaß!“ Sie gesellte sich schlendernd zu einer kleinen Gruppe am Speisetisch, die zusammen mit den Küchenmitarbeitern das Mittagessen zubereiteten. Susanne widmete sich wieder ihrer Aufgabe und beschloss, mit allgemein persönlichen Angaben und ihren familiären Verhältnissen anzufangen. Kapitel fünf „Ich wurde am 30.1.1970 in Nürnberg geboren. Mein Vater Herrmann Wiegand, inzwischen pensioniert, hat nach dem Medizinstudium als Kardiologe gearbeitet, Karriere gemacht und schließlich die Chefarztstelle der Kardiologie in Nürnberg inne gehabt. Meine Mutter Isolde ist gelernte Chemielaborantin. Somit war es nicht verwunderlich, dass sich meine Eltern im Krankenhaus kennengelernt haben. Nach der Heirat gab sie ihren Beruf auf, um sich ganz der Familie zu widmen. Ich denke, sie war gerne Hausfrau und Mutter. Geschwister habe ich keine. Ich glaube, meine Eltern haben aus Liebe geheiratet und sind bis heute glücklich miteinander. Ich kann guten Gewissens behaupten, dass ich eine schöne Kindheit hatte. Eine Kindheit, die relativ sorglos war, zumindest finanziell sorglos. Mein Vater hat viel gearbeitet, hat sich wenig um meine Erziehung gekümmert bzw. Kümmern können. Meine Mutter war eher überbesorgt, eine kleine „Glucke“, die stets das Beste für mich wollte und am liebsten alles Böse von mir ferngehalten hätte. An materiellen Dingen hat mir nie etwas gefehlt. Mein Vater hatte von Anfang an einen Plan im Kopf, wie er sich mein Leben vorstellt. Für ihn stand fest, dass ich irgendwann in seine Fußstapfen treten werde. Ich konnte mich jedoch nie so richtig für die Medizin begeistern. Der Gedanke, ständig von kranken Menschen umgeben zu sein, bedrückte mich. Also suchte ich mir nach meinem Abitur eine Ausbildungsstelle zur Bauzeichnerin. Ich verletzte ihn damit sehr, zumindest hatte er mir das etliche Jahre später einmal gesagt, aber letztendlich war er dennoch froh, mich zufrieden zu sehen. Denn ich war mit meiner Entscheidung zufrieden. In Heidelberg fand ich die absolut passende Ausbildungsstelle. Ich zog von Zuhause aus und fand schließlich meinen neuen Lebensmittelpunkt in Heidelberg. Durch finanzielle Unterstützung meiner Eltern konnte ich mir sogar eine eigene Wohnung leisten und mich voll auf meine Ausbildung konzentrieren. Vom ersten Tag an liebte ich Heidelberg. Schnell fand ich Anschluss und hatte bald einen ziemlich großen Freundes- und Bekanntenkreis. Meine beste Freundin von damals ist auch heute noch meine beste Freundin. Sabrina! Wir lernten uns auf der Arbeit kennen. Sie war damals eine ganz normale Sekretärin, mittlerweile ist sie zur Chefsekretärin aufgestiegen. Sabrina ist das komplette Gegenteil von mir. Flippig, ausgefallen, ungebunden. Ein lebensbejahender Mensch, immer modisch topgestylt. Sie sagt immer ihr Aussehen ist ihr Kapital. Trotz der enormen Unterschiede haben wir uns vom ersten Tag an sehr gut verstanden. Mit ihr wird es nie langweilig! In dem Architektenbüro, in dem ich gelernt habe, bin ich auch meinem jetzigen Mann Mark begegnet. Er war und ist dort immer noch als Architekt angestellt, bzw. mittlerweile auch Teilhaber. Mark fiel mir sofort ins Auge, schlichtweg ein Traummann: groß, dunkelhaarig, athletisch gebaut, sportlich, braun gebrannt und humorvoll. Er brachte mich damals immer zum Lachen, auch, wenn der Tag noch so mies verlaufen war. Während ich mich sofort in ihn verguckte, fiel ich ihm erst ein halbes Jahr später bei einer Betriebsfeier auf. Er sprach mich an, wollte wissen, ob ich neu in der Firma wäre. Wir haben uns auf Anhieb super verstanden, von meiner Seite war wahrlich es Liebe auf den ersten Blick. Bei ihm weiß ich es gar nicht so genau. Ich glaube, er hat mal gesagt, ihm wären meine Augen aufgefallen. Wir haben uns nach dieser Betriebsfeier mehrere Male getroffen, erst mit Kollegen, später auch alleine. Und dann waren wir irgendwann offiziell ein Paar. Das war vor 12 Jahren. Mittlerweile sind wir 8 Jahre verheiratet und haben zwei Kinder. Valentin ist 6 und Madeleine 4. Seit der Geburt von Valentin bin ich nicht mehr berufstätig. Ich kümmere mich um Kinder, Haus und Garten. Damit bin ich auch voll ausgelastet. Wir haben eigentlich nie großartig darüber sprechen müssen. Für uns war klar, dass wir die klassische Rollenverteilung bevorzugen. Ich war es von Zuhause auch nicht anders gewohnt. Und meine Mutter schien zufrieden mit ihrem Leben gewesen zu sein, warum sollte es mir anders ergehen? Mein Mann verdient das Geld und ich halte ihm den Rücken frei. Mein Freundeskreis aus meiner Ausbildungszeit hat sich seit der Hochzeit schon verkleinert. Ich denke aber, das ist normal. Es gibt immer noch viele Bekannte, die aber überwiegend Arbeitskollegen meines Mannes sind. Wir haben oft Gäste, die ich auch gerne bewirte und bekoche. Mark nutzt das manchmal ein bisschen aus und veranstaltet gerne mal ein Meeting oder Geschäftsessen bei uns zu Hause. Er meint, das wäre persönlicher und förderlicher für Vertragsabschlüsse. Naja, und ich freue mich auch, wenn Leute sich bei uns wohlfühlen und mein Essen schmeckt. Das gibt eine gewisse Bestätigung, dass man doch etwas kann und leistet.“ Susanne hielt kurz inne und atmete durch. Sie hatte einfach zu schreiben angefangen, ohne zu überlegen und war mehr als erstaunt, an was sie sich alles erinnern konnte. Ihr Langzeitgedächtnis schien also tadellos zu funktionieren! Sie las sich noch einmal die Aufgabenstellung durch. „Kurz und knapp“, sie war zufrieden mit ihrem Ergebnis und widmete sich den weiteren Aufgaben. „Beruflicher Werdegang und Gesundheit…“ Susanne überlegte und entschied, dass sie ihrem beruflichen Werdegang in der ersten Antwort schon genügend Beachtung geschenkt hatte. Also zur Gesundheit… Was sollte sie da großartig zu sagen? Im Großen und Ganzen war sie eigentlich immer gesund gewesen, bis auf… Ja, eine Sache gab es schon, die sie erwähnen sollte. „In der Kindheit hatte ich die normalen Kinderkrankheiten, so wie jedes andere Kind wahrscheinlich auch. Ich erinnere mich an Mumps und Masern, später mit 13 hatte ich Keuchhusten, was nicht sehr angenehm war. Auch von Windpocken wurde ich nicht verschont. Mit 11 oder 12 bin ich vom Pferd gefallen, was einen Schlüsselbeinbruch nach sich zog. Ist aber alles komplikationslos verheilt. Ansonsten war ich nicht ernsthaft krank, habe so gut wie nie Medikamente genommen, außer mal Schmerztabletten bei Migräne oder Grippemedikamente. Seit einigen Wochen, ja fast schon Monaten allerdings fällt mir das Einschlafen extrem schwer. Auch wache ich mehrfach schweißgebadet in der Nacht auf und habe dann sehr große Mühe, wieder einzuschlafen. Seit wann das genau ist oder wie das angefangen hat, kann ich nicht richtig beantworten. Hat irgendwie schleichend begonnen. Aber es machte mir so sehr zu schaffen und beeinträchtigte meine Energie, Konzentration und Tatkraft am Tag, dass mir mein Mann einen Termin bei einem befreundeten Neurologen/ Psychiater besorgte, bei Dr. Martin Semmeln. Der verschrieb mir ein leichtes Schlafmittel, leider weiß ich den Namen nicht mehr, was, glaube ich, auch nicht so wichtig ist, denn so richtig geholfen hat es nicht, eigentlich gar nicht. Also bekam ich ein etwas Stärkeres, in das ich meine ganze Hoffnung gesetzt hatte. Ich ging mittlerweile sehr auf dem Zahnfleisch. Aber anstatt, dass es besser wurde, wurde es immer schlimmer. Mein ganzer Tag- Nacht- Rhythmus war gestört. Nachts hätte ich Wände hochgehen können, so dermaßen aufgedreht war ich. Am Tag überfiel mich dann Abgespanntheit und eine tief Müdigkeit. Es gab manchmal Tage, an denen ich beim Mittagessen beinahe einschlief, sehr zum Unverständnis meines Mannes, der nicht so recht begriff, warum ich nachts nicht schlafen konnte. Nun, ich selbst verstand es ja auch nicht, wie sollte er das denn nachvollziehen können?“ Sie war so in ihrem Schreibfluss, dass sie nicht mit bekam, dass das Thema „Gesundheit“ eigentlich hier beendet war. „Meine Erinnerung endet am 5. Februar. Das weiß ich deswegen so genau, weil es der Geburtstag meiner Mutter ist. Den Tag verbringe ich immer bei meinen Eltern in Nürnberg. Zumeist mit meinen Kindern, manchmal kommt auch mein Mann mit- je nachdem was sein Terminkalender sagt. In diesem Jahr fuhr ich meines Wissens alleine und bin auch noch am selben Tag zurückgefahren. Aus jetziger Sicht ist das sehr ungewöhnlich, meist, eigentlich immer, bleibe ich noch den Abend und den nächsten Tag in Nürnberg. Meines Wissens nach bin ich also am Spätnachmittag nach Heidelberg zurückgefahren, ohne Streit mit meinen Eltern oder, dass sonst etwas vorgefallen wäre. Wahrscheinlich wollte ich meinen Mann nicht allzu lange mit den Kindern alleine lassen. Er ist doch immer sehr in seinem Büro eingespannt. Kurz vor Heidelberg stand ich kilometerlang im Stau. Das ist allerdings auch schon das Letzte, an das ich mich erinnere.“ Susanne überflog ihre Notizen. Im Großen und Ganzen war sie mit sich zufrieden. Was ihr allerdings Kopfzerbrechen bereitete, war die Tatsache, dass sie sich an nichts weiter erinnern konnte. Sie stand im Stau und dann war da nichts mehr! Wie und ob sie überhaupt nach Hause gekommen war und was passiert sein musste, dass man sie in die Psychiatrie hat einweisen lassen, war ihr ein absolutes Rätsel. Was oder wer hatte diesen Filmriss ausgelöst? Anders konnte sie es nicht nennen! Erneut versuchte sie, gedanklich die letzten Stunden ihrer Erinnerung zu rekonstruieren. Sobald sie sich visuell auf die Heimreise von Nürnberg nach Heidelberg machte, so sehr sie sich auch bemühte, landete sie nach dem Stau immer vor der gleichen schwarzen Wand, durch die sie nicht hindurch kam. Kapitel sechs Ein Blick auf die Wanduhr sagte ihr, dass sich Dr. Glück wohl verspätet hatte. Es war fünf nach eins. Oder hatte sie vielleicht wieder etwas verwechselt oder falsch verstanden? Wollte er sie hier abholen oder sollte sie irgendwohin gehen? Möglich war es durchaus, denn ihrem momentanen Geisteszustand traute sie so gar nicht mehr über den Weg. Gerade als sie beschloss, bei den Schwestern nachzufragen, stürmte Dr. Glück mit wehendem Kittel und ein wenig zerzausten Haare in den fast leeren Aufenthaltsraum. Die meisten der Patientinnen hatten sich bereits zur Mittagsruhe in ihre Zimmer begeben dürfen und auch Susanne stieß erneut an ihre Grenzen, was die Müdigkeit anging. „Frau Stahl, es tut mir außerordentlich leid, dass ich mich verspätet habe“, entschuldigte er sich überschwänglich, „ich war so in ihren Aufzeichnungen vertieft, da habe ich die Zeit ganz aus den Augen verloren.“ Susanne konnte nicht so recht nachvollziehen, was an ihren Auskünften so interessant wäre, dass man deswegen einen Termin vergaß. Sie selbst fand ihr Leben unspektakulär und eher langweilig. „Würden Sie mich in mein Büro begleiten? Hier sitzt man so ein bisschen auf dem Präsentierteller.“ Susanne folgte Dr. Glück zunächst in den dunklen ungemütlichen Gang, der an einer verschlossenen Glastür endete. „Wahrscheinlich Panzerglas“, dachte Susanne ironisch, „wegen der Sicherheit.“ Dr. Glück schloss die Tür auf und wies Susanne mit einer leichten Handbewegung die Treppe hinauf. Sie musste zwar nur ein Stockwerk bewältigen, dennoch japste sie oben angekommen regelrecht nach Luft und ihre Beine fühlten sich wie Wackelpudding an. Dr. Glück klopfte ihr sanft auf die Schulter und hakte sich bei ihr unter. „Kommen Sie, es ist gleich geschafft.“ Womit er glücklicherweise Recht hatte. Er schloss eine Tür zu ihrer Rechten auf. Ein glänzendes Messingschild sagte ihr, dass es sich um den Patientenbesprechungsraum von Dr. Glück handelte. Dieser Raum hatte so gar nichts von der Kühle und Ungemütlichkeit der gesamten unteren Station 3a. Ganz im Gegenteil. Die Wände waren mit einer Strukturtapete versehen, die in einem warmen Beige gestrichen war. Vier äußerst bequem wirkende Polstersessel, eine Art Vitrine im Seventieth Look und dazu passende Nierenbeistelltische versetzten Susanne unwillkürlich in ihre Kindheit zurück. Der dunkelbraune Hochfloorteppich verschluckte jedes Geräusch, als Susanne auf einen der Sessel Platz nahm. Dr. Glück schenkte ihr ein Glas Wasser ein, das sie gierig herunterstürzte, so als hätte sie den gesamten Tag nichts getrunken. Hatte sie auch nicht, oder doch? Susanne erinnerte nur den Kaffee am Morgen. Wieso hatte sie nur ständig diesen trockenen, pelzigen Geschmack im Mund und diesen schrecklichen Durst? Dr. Glück schenkte bereits nach, nahm ihr gegenüber Platz und blickte sie lange nachdenklich an. Nach einigen Minuten, die Susanne allerdings wie eine halbe Ewigkeit vorkamen, warf er einen kurzen Blick in sein kleines Notizbüchlein. Er wählte seine Worte mit Bedacht. „Frau Stahl, in meinen Einzelgesprächen mit den Patienten mache ich mir grundsätzlich Notizen. Ich informiere Sie darüber, damit es Sie nicht beunruhigt, wenn ich zwischendurch etwas notiere.“ Susanne nickte. „Wenn es für Sie in Ordnung ist“, fuhr er fort, „dann möchte ich zusätzlich noch ein Aufnahmegerät mitlaufen lassen. Es ist einfach für mich eine Hilfe, auch nach unserem Gespräch Ihre Emotionen in Kombination mit Ihren Worten nachzuvollziehen. Ist es o.k. für Sie?“ Susanne nickte wieder. Sie konnte keinen Grund erkennen, was dagegen sprechen könnte. „Dann können wir ja anfangen“, entschied Dr. Glück und startete sein Diktiergerät. „Gibt es irgendetwas, was Ihnen auf der Seele liegt oder Sie dringend loswerden möchte, was ich für Sie klären kann?“ Susanne schluckte. Schon wieder dieser staubtrockne Mund. Sie nahm einen tiefen Schluck und nickte. „Ja, da gibt es einiges“, begann sie leise. „Sagen Sie mir, seit wann ich hier bin und was mit meinen Kindern ist! Wo sind Valentin und Madeleine?“ Bei der Erinnerung an die Beiden schossen ihr Tränen in die Augen. Bis jetzt hatte sie ihre Kinder nur als zwei abstrakte Namen vor Augen gehabt, jetzt allerdings schien sie ein Fass der Gefühle aufgemacht zu haben. Ein Fass, das sie seitdem sie hier in der Klinik war, erfolgreich unter Verschluss gehalten hatte. Wie sehr sie die beiden jetzt in diesem Moment vermisste. Ihre beiden Kinder im Arm zu halten, sie zu spüren und zu riechen gaben ihr immer das Gefühl zu Hause und endlich angekommen zu sein. Ihre Kinder bedeuteten ihr alles und waren ein Synonym für vollkommenes Glück! Dr. Glück nickte verständnisvoll und erklärte ihr ohne Umschweife, dass sie sich bereits seit fünf Tagen in der sicheren Obhut der psychiatrischen Abteilung befand. Bei der Aussage riss Susanne völlig ungläubig die Augen auf. Fünf Tage? Das war länger als sie vermutet hatte. Sie fasste sich an die Stirn. Der ihr schon bekannte Schraubstockkopfschmerz war wieder bedrohlich nahe. Dr. Glück erklärte ihr weiterhin, dass es leider notwendig war, sie nach der Klinikaufnahme, medikamentös ruhig zu stellen, so dass sie die ersten vier Tage nahezu verschlafen hatte. Susanne schüttelte fassungslos den Kopf. „Und meine Kinder?“ fragte sie erneut, dieses Mal etwas forscher und gefasster. Die Angst, dass irgendetwas mit Madeleine und Valentin geschehen war und dass sie sich vor lauter Schmerz und Gram einfach nicht erinnern konnte oder wollte, machte sie fast wahnsinnig. Ihren Kindern ginge es soweit gut, beruhigte sie Dr. Glück, natürlich den Umständen entsprechend, denn sie wüssten ja, dass sich ihre Mutter im Krankenhaus befände. Da ist es ganz normal, dass Kinder sich auch Gedanken machten. „Ihr Mann“, Dr. Glück schaute kurz in die Unterlagen, „Mark hat es für sinnvoll erachtet, beide Kinder zu Ihren Eltern nach Nürnberg zu bringen. Er dachte, das ist auch in Ihrem Sinne?“ er zog fragend seine Augenbrauen hoch und blickte sie über den Rand seiner Hornbrille an. Susanne nickte erneut. Sie war erleichtert zu hören, dass ihre Eltern sich um die beiden kümmerten. Mark war sicherlich ein guter Vater, keine Frage, aber die Arbeit machte es einfach unmöglich, dass er sich zusätzlich auch noch um Kinder und Haushalt kümmern könnte. Zudem wusste sie, dass beide Kinder ihre Oma liebten, umgekehrt war es genauso. Sie schwieg und musste allen Mut zusammennehmen, um die nächste Frage stellen zu können. Sie war sich sicher, die Antwort würde alles andere als positiv und aufbauend ausfallen. Dr. Glück ließ ihr alle Zeit, die sie brauchte, um sich zu sammeln. Sie blickte hoch und schaute ihm direkt in die Augen. „Dr. Glück“, ihre Stimme bebte vor Angst, „sagen Sie mir, warum ich hier bin. Und bitte, seien Sie ehrlich zu mir. Egal, was es ist, ich werde es verkraften. Habe ich jemanden verprügelt oder hatte ich einen Unfall? Woher stammt die Narbe hier?“ Sie fasste an ihre Stirn, wo immer noch ein Pflaster die drei Stiche bedeckten. Dr. Glück dachte einen Moment nach, bevor er antwortete. „Ich kann Ihnen Ihre Frage leider nicht vollständig beantworten“, sagte er, „alles, was wir wissen, ist das, was Ihr Mann uns berichtet hat.“ Nach Marks Schilderung war Susanne mit ihren Kindern am besagten Tag zum Geburtstag ihrer Mutter nach Nürnberg gefahren. Da es in der Schule bewegliche Ferientage gab, blieben Valentin und Madeleine in Nürnberg bei den Großeltern, auch Susanne hatte vorgehabt über das Wochenende in Nürnberg zu bleiben. So war es ihm unverständlich, dass sich Susanne am frühen Nachmittag entgegen aller Pläne alleine auf den Heimweg machte. Was dann genau passiert war, konnte auch Mark nicht sagen. Ob es ein Erlebnis auf der Fahrt war oder die allgemeine Erschöpfung, der ja schon etliche schlaflose Nächte vorausgegangen waren… Zumindest musste irgendetwas Susanne dermaßen aus der Ruhe und Fassung gebracht haben, dass sie ohne Vorwarnung zu Hause durchdrehte. Laut Mark wäre Susanne grundlos auf ihn losgegangen, hätte ihn wüst beschimpft und sogar Geschirr nach ihm geworfen. Gutes Zureden und Beruhigen half nicht, im Gegenteil, Susanne wäre immer hysterischer und schließlich auch übergriffig geworden. Die Nachbarn hätten letztendlich durch den Krach alarmiert die Polizei gerufen, die aufgrund der Schilderung gleich den Notarzt bestellten. Die Polizei kam gerade in dem Moment, als Susanne und Mark auf dem Boden miteinander gerungen hatten. Mark mit tiefen Schnittwunden am Unterarm, Susanne mit einer Platzwunde am Kopf und etlichen Prellmarken. Susanne fuhr erneut mit den Fingerspitzen über die Wunde am Kopf. Sie verstand die Welt nicht mehr. Warum sollte sie grundlos auf ihren Mann losgegangen sein? Was in aller Welt war passiert, dass sie so in Rage geraten war? Sie konnte sich an keine einzige Situation erinnern, in der sie jemals ausgerastet, geschweige denn aggressiv geworden war. Auch wenn sie körperlich total erschöpft gewesen sein sollte, wäre das doch niemals ein Grund gewesen, so auszurasten! Sie schwieg und wartete auf weitere Informationen. Dr. Glück räusperte sich. „Wie ich ihrem fragenden Blick entnehmen kann, gehen Sie davon aus, dass es noch etwas gibt, was mir ein wenig Kopfzerbrechen bereitet.“ Fuhr Dr. Glück fort und beobachtete seine Patientin. Susanne zeigte keinerlei Regung. „Nun ja, es stimmt. Etwas macht mir schon Kopfzerbrechen. Als wir Sie bei uns aufgenommen haben, sind die allgemeinen Routineblutuntersuchungen durchgeführt worden.“ Er hielt inne und schaute sie an. Susanne verstand nicht, worauf er hinaus wollte. Hatte er gerade versucht ihr schonend beizubringen, dass sie unheilbar krank war? Susanne hob fragend ihre Schultern. „Ja, und?“ fragte sie leicht ungeduldig. So langsam hatte sie dieses Frage- Antwort- Spiel satt. „Was ist mit meinen Blutwerten?“ „Nun, einige Werte sind sehr auffällig und für uns nicht nachvollziehbar gewesen“, er schaute wieder in seine Notizen. „Wir haben einen extrem hohen Benzodiazepinwert festgestellt. Das ist der Wirkstoff ihres Schlafmittels, das Ihnen Dr. Semmeln verschrieben hatte. Allerdings erklärt sich nicht der extrem hohe Wert. Wenn man sich die Dosierungsvorschrift von Dr. Semmeln anschaut, müsste die Konzentration in Ihrem Blut deutlich geringer sein.“ Susanne starrte ihn an. Was redete er nur? Was wollte er ihr jetzt schon wieder sagen? Dass sie zu viel Schlafmittel genommen hatte, womöglich noch absichtlich? Sie war sich sicher, dass sie die Tabletten nach Vorschrift eingenommen hatte. Außerdem konnte sie trotz des stärkeren Schlafmittels immer noch nicht schlafen. Also konnte das doch gar nicht zu viel gewesen sein. Ihre Gedanken fuhren Karussell, zum Sprechen fehlte ihr allerdings jegliche Energie. „Was mich zusätzlich irritierte“, fuhr Dr. Glück fort, „ist, dass Sie außerdem eine sehr hohe Konzentration von Coffein und Codein in ihrem Blut hatten.“ Wieder blätterte er in den Unterlagen. „Dafür habe ich bislang allerdings keinerlei Erklärungen. Soweit ich Ihren Angaben entnehmen kann, haben Sie in den letzten Wochen weder Coffein- noch Codeintabletten eingenommen. Sehe ich das richtig?“ er blickte Susanne fragend an. Susanne schüttelte völlig verwirrt ihren Kopf. Coffein, Codein, zu viele Schlaftabletten, was glaubte dieser Arzt denn, was sie war? Medikamentenabhängig? Sie hatte weder eine Erklärung für diese merkwürdigen Blutwerte noch für ihren aggressiven Übergriff. Was zum Henker war nur passiert? Sie verstand gar nichts mehr, sondern hatte das Gefühl, dass ihr geordnetes Leben gerade dabei war, auseinanderzubrechen und sie hier in dieser Klinik saß, sich an nichts erinnern und nichts dagegen unternehmen konnte. Dr. Glück schien ihre Zerrissenheit und Verzweiflung zu spüren. Er beugte sich ein wenig vor. „Frau Stahl, ich möchte Ihnen überhaupt nichts unterstellen. Ich bin hier, um Ihnen zu helfen“, sagte er sehr einfühlsam. Susanne blickte ihn durch einen Tränenschleier hindurch an. Sie schluchzte leise. „Ich weiß überhaupt nicht, was passiert ist“, sagte sie. Dr. Glück nickte ihr verständnisvoll zu. „Ich habe eine Theorie“, gab er zu, „meines Erachtens leiden Sie an einer speziellen Form der Amnesie. Es muss ein Ereignis oder Erlebnis, vielleicht auch nur eine Mitteilung gewesen sein, die Sie emotional so aus der Bahn geworfen hat, dass sie sie in die hinterste Ecke Ihres Bewusstseins verbannt haben. Unbewusst haben Sie um dieses Ereignis einen meterhohen Zaum errichtet, der sie davon abhält, sich das Geschehene noch einmal anzuschauen. Einfach aus Eigenschutz, weil dieses Ereignis derart schmerzlich für sie war. Sie wissen, was vorher war und auch, was passiert ist, seitdem Sie wieder unter den Lebenden weilen. Nur zwischendrin fehlt Ihnen an ein bedeutsames Stück.“ Er hielt inne und ließ seine Worte bei Susanne wirken. Einerseits verstand sie, was Dr. Glück ihr zu sagen versuchte. Andererseits allerdings konnte sie sich nichts vorstellen, was so schlimm gewesen sein könnte, dass sie es verdrängt hatte. Sie starrte auf ihre Hände und fühlte sich extrem alleine und verloren. „Und warum bin ich hier auf der geschlossenen Station?“ mittlerweile hatte sie begriffen, dass es sich um keine Isolierstation für ansteckende Erkrankungen handelte, sondern dass man die Außenwelt vor ihr oder sie vor sich selbst zu schützen versuchte. „Ich meine, warum bin ich immer noch hier?“ „Nun, zunächst war es so, dass sie bei Ihrer Aufnahme nicht sehr kooperativ waren.“ Susanne vermutete, dass das noch reichlich untertrieben war, wenn sie sich ihre blauen Flecken und die Platzwunde betrachtete. „Als Sie dann zu uns auf die Station kamen, waren Sie sehr am Boden zerstört und emotional ziemlich zerrüttet, so dass wir akut beschlossen haben, Sie hier auf der Station zu belassen, um Sie einfach besser überwachen zu können.“ Susanne nickte, das klang alles recht plausibel. „Jetzt ist es so“, fuhr Dr. Glück fort, „ dass wir Sie aufgrund der hohen Benzodiazepinkonzentration im Blut weiterhin überwachen sollten. Frau Stahl, ich möchte, dass Sie verstehen, dass wir sie nicht zwangsweise hier festhalten. Wir halten es aber für erforderlich und für sehr sinnvoll, wenn Sie einwilligen würden, noch ein paar Tage bei uns zu bleiben." Susanne verstand nicht so ganz und runzelte fragend die Stirn. „Man kann ein Benzodiazepin nicht einfach von heute auf morgen absetzen“, erklärte Dr. Glück, „ihr Körper hat sich zu sehr an die Menge gewöhnt, Sie würden extreme Entzugserscheinungen bekommen, die erstens lebensbedrohlich sein können und die man zweitens nicht unterschätzen sollte.“ Susanne ließ das Gesagte auf sich wirken. Was war sie? Tablettensüchtig oder gar drogenabhängig? Ein Junkie? Selbst als junge Frau hatte sie die Finger von Drogen gelassen, nicht einmal geraucht hatte sie. Und jetzt sollte sie tablettenabhängig sein? Sicherlich waren die letzten Wochen schwierig gewesen, die Schlafstörungen und ihre Kraftlosigkeit. Aber sie hatte die Tabletten doch so eingenommen wie Dr. Semmeln sie ihr verschrieben hatte. Mark hatte doch extrem darauf geachtet, wollte er doch, dass sie schnellstmöglich wieder voll einsatzfähig war. Mehr als einmal hatte er angedeutet, dass es sehr schwierig, ja geradezu belastend für ihn war, sich nach einem anstrengenden Bürotag auch noch um seine kranke Frau kümmern zu müssen. Aber natürlich würde er alles tun, was in seiner Macht stand, um sie zu unterstützen. „Mark“, dachte sie. Was war zwischen ihr und Mark passiert? Ihre Gedanken holperten durch ihre Gehirnwindungen. Bilder schossen in ihr Gedächtnis, sie kamen und gingen in solch einem Tempo, dass ihr schwindelig wurde. Dann tauchte wieder diese Nebelwand auf. Nebel, der die letzten Tage umhüllte und in eine tiefe, graue Soße tauchte. Sie erkannte nicht einmal die Hand vor ihren Augen. Wo war sie, wie kam sie hier raus… Panik überrollte sie und schnürte ihr die Kehle zu. „… Frau Stahl?“ sie blickte in Dr. Glücks braune Augen, der sie besorgt musterte. Was war los, warum schaute er so? Sie versuchte sich zu orientieren. Sie lag vor dem Sessel, auf dem sie gerade noch gesessen hatte, Dr. Glück kniete neben ihr und tätschelte etwas unsanft ihre Wangen. Seine Hand tastete nach ihrem Puls. Schon wieder dieser Kopfschmerz! Sie fasste sich an die Stirn, wo bereits ein feuchtes, kühles Tuch Linderung brachte. Sie versuchte sich aufzusetzen, was ihr nur mit Dr. Glücks Unterstützung gelang. Als sie wieder auf dem Sessel Platz genommen hatte, nahm sie dankbar das Glas, das Dr. Glück ihr frisch gefüllt gereicht hatte, und leerte es in einem Zug. Langsam kamen ihre Lebensgeister zurück, verwirrt war sie allerdings immer noch. „Ich denke, wir werden unsere Sitzung fürs erste beenden“, schlug Dr. Glück vor. Susanne hatte nichts dagegen einzuwenden, sie hatte eindeutig genug erfahren, worüber sie sich erst einmal in Ruhe ganz für sich alleine Gedanken machen musste. „Kann ich hier eigentlich Besuch auch empfangen oder mit jemandem telefonieren?“ sie waren auf dem Weg zur Tür. „Sicherlich können Sie Besuch empfangen. Wir vom Team halten es für ratsam, dass das nach Absprache mit uns geschehen sollte. Genauso verhält es sich mit Telefonaten. Da Handys und iPhones hier generell verboten sind, müssen Sie Telefonate vom Schwesterntelefon aus führen“, antwortete er. „Wir haben diese Regelung getroffen, um die Patientinnen auf eventuell schwierige emotionale Situationen vorzubereiten und spontanen Übersprungshandlungen vorzugreifen.“ Er öffnete seine Bürotür. „Frau Stahl, wir werden jetzt langsam das Benzodiazepin ausschleichen und absetzen, was schon einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Wir werden sehen, wie Sie darauf reagieren und dann weiter entscheiden!" Sie nickte zustimmend. Im Augenblick war ihr so ziemlich alles egal. Das einzige, was sie wollte, war, sich in ihr Bett verkriechen und die Welt um sich herum ausblenden. „Die Zeit werden wir nutzen, um ihre Gedächtnislücke zu füllen. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass es klappt, aber wir werden sehen, was wir schaffen können, so dass die Ungewissheit und die Angst darüber, was mit Ihnen passiert ist, für Sie erträglicher werden.“ Sie legten den Weg zur Station wortlos zurück. Als die Stationstür hinter ihnen in das Schloss fiel, überkam Susanne ein eigenartiges Gefühl von Ruhe. Hier konnte ihr nichts passieren und hier konnten auch andere Menschen vor ihr sicher sein. Solange sie nicht wusste, was sie dermaßen zum Ausrasten gebracht hatte, würde die Angst ein ständiger Begleiter sein. Fortsetzung folgt.... 12.11.13 ... link (0 Kommentare) ... comment Sonntag, 10. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 2
shorty short, 21:22h
Kapitel zwei
Als Susanne das nächste Mal erwachte, schien es recht früh am Morgen zu sein. Durch den kleinen Spalt der zugezogenen Gardine konnte sie leichtes Morgenrot erkennen. Einen Moment betrachtete sie die braun- dunkelgelben Streifen des derben Baumwollstoffes. Ihrem Zustand nach zu urteilen hing sie wohl schon Jahrzehnte dort und hatte dringend einen Gang durch die Waschmaschine nötig. „Am besten bei 90°!“ dachte Susanne. Sie fröstelte leicht und zog sich die dünne Decke bis zur Nasenspitze hoch. Warum waren die Decken in Krankenhäusern nur so ungemütlich? Viel zu dünn und durch das ständige Waschen bei hohen Temperaturen hatte sich das Gewebe an diversen Stellen verklebt, so dass die gesamte Decke eigentlich nur aus kleinen Verklumpungen bestand. „Kein Wunder, dass man friert!“ murmelte sie und versuchte, das ebenso knotige Kissen zu einer einigermaßen bequemen Kopfunterlage zu formen. Gerade als sie sich wieder auf ihre Lieblingsschlafseite drehen wollte, klopfte es an der Zimmertür und einige Sekunden später betrat eine Frau in Schwesterntracht das Zimmer. Im Halbdunkeln sah Susanne, dass die Schwester ein kleines weißes Tablett in der einen Hand, in der anderen ein Blutdruckgerät trug. Unter ihrem Arm hatte sie sich eine Patientenakte geklemmt. Susanne erkannte die Schwester, es war die Schwester von gestern. Wie hieß sie noch gleich? Ach ja, Schwester Ina. Es war doch gestern gewesen? Sie überlegte, kam aber zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis. „Guten Morgen Frau Stahl“, begrüßte sie Schwester Ina. „Haben Sie einigermaßen geschlafen?“ Ohne Vorwarnung ging Schwester Ina zum Fenster und zog die Gardinen mit einem lauten „ratsch“ zur Seite. Ob sich Schwester Ina wohl auch freuen würde, wenn man sie so weckte, fragte sich Susanne und hätte sich am liebsten wieder unter der Decke verkrochen. „Schauen Sie nur mal, was für ein schöner Morgen?“ Susanne musste ihr zwar recht geben, das Morgenrot war wirklich wunderschön anzusehen und an jedem anderen Tag hätte sie es wahrscheinlich bewundert, aber im Augenblick hatte sie ganz andere Sorgen. Sie hob eine Hand vor die Augen, um die ersten Sonnenstrahlen abzuschirmen. „Wie geht es Ihnen?“ fragte Schwester Ina weiter, anscheinend ohne bemerkt zu haben, dass Susanne noch gar nicht auf die erste Frage geantwortet hatte. Ohne auch dieses Mal eine Antwort abzuwarten, nahm sie sich Susannes Arm an, schob den ohnehin zu kurzen Ärmel des Patientenhemdes hoch und begann, Susannes Blutdruck zu messen. Währenddessen erklärte sie munter weiter, sie müsste Susanne leider ein wenig „ärgern“ und ihr etwas Blut abnehmen. Susanne nahm Wortfetzen wie „Krankenschwestern sind wie Vampire“ oder so ähnlich auf, konnte das aber überhaupt nicht einordnen. Stattdessen ließ sie alles wortlos über sich ergehen und agierte wie eine Marionette. Mittlerweile hatte sie sich mit Hilfe von Schwester Ina, die anscheinend keinen Friseur zu haben schien, denn sie hörte gar nicht wieder auf zu reden, auf die Bettkante gesetzt und erfreut festgestellt, dass der fiese Schwindel ihr nicht mehr ganz so stark zusetzte und auch die entsetzlichen Kopf- und Nackenschmerzen auszuhalten waren. Sie machte sich auf den Weg zur Toilette und war sehr froh über die tatkräftige Unterstützung der jungen Schwester. Sie mochte zwar eine Quasselstrippe sein, aber zupacken konnte sie wenigstens. Susanne hatte die wenigen Schritte ins Bad regelrecht im Schneckentempo zurückgelegt, dennoch zitterten ihre Beine stark und versagten fast ihren Dienst. Völlig entkräftet ließ sie sich auf den Klodeckel plumpsen. „Die Tür muss leider aufbleiben“, verneinte Schwester Ina Susannes Bitte, ihr ein wenig Privatsphäre zu gewähren. „Tut mir leid, dass ist im Isolationszimmer so vorgeschrieben.“ Isolationszimmer! Was hatte das schon wieder zu bedeuten? Susanne konnte nicht allzu viel damit anfangen, erinnerte sich aber, dass der Arzt gestern auch schon davon gesprochen hatte. Hoffentlich isolierte man sie nicht von der Außenwelt, weil sie eine ansteckende Krankheit hatte. Machte man das nicht so bei Tuberkulose? Achselzuckend nahm sie es hin. Was blieb ihr anderes übrig. Während sie sonst auf öffentlichen Toiletten Schwierigkeiten hatte, ihr Geschäft zu erledigen, war jetzt jegliche Scham gewichen. Merkwürdig wie schnell sich persönliche Grenzen verschieben können, wunderte sie sich. Nach dem Toilettengang konnte sie sich am Waschbecken, ebenfalls unter den aufmerksamen Blicken von Schwester Ina, ein wenig erfrischen. Zu Duschen traute sie weder sich noch ihrem Kreislauf zu. Das kühle Wasser, das sie sich in ihr Gesicht spritzte erweckte ein wenig ihre Lebensgeister. Sie wusste zwar immer noch nicht, was genau sie in der Psychiatrie machte oder was mit ihr los war, aber sie fühlte sich zumindest etwas besser als gestern. Wenn es denn gestern war, als sie mit dem Arzt gesprochen hatte. Wie hieß er noch gleich? „Dr. Glück, auch ein eigenartiger Name für einen Psychiater“, dachte sie. Sie warf einen Blick in den Spiegel und erschrak. Sie blickte in ein aschgraues Gesicht mit tiefen, dunklen Augenringen und nahezu toten, ausdruckslosen Augen. Unfähig zu glauben, dass sie in ihr eigenes Spiegelbild blickte, zog sie ihre Wangen herunter und schnitt eine Grimasse. Sie war es wirklich! Aber was war mit ihrem Gesicht passiert? Jegliche Energie war verschwunden. Über der linken Augenbraue verlief eine verschorfte und zum Teil blut-unterlaufende Wunde, die mit drei Stichen genäht worden war. Sie konnte sich nicht erklären, wo sie diese Verletzung her hatte und warum sie so abgewrackt aussah. Hatte sie einen Unfall oder sich gar geprügelt? Wenn ja, mit wem? Verärgert über ihre Gedächtnislücken, fuhr sie ihr Spiegelbild unfreundlich an. „Glotz nicht so blöd! Du kannst mir schließlich auch nicht helfen!“ „Na, kommen Sie, Frau Stahl“, Susanne zuckte zusammen. Schwester Ina hatte sie total vergessen. Hoffentlich hatte sie nicht gehört, dass sie sich mit ihrem eigenen Spiegelbild unterhielt. Aber Schwester Ina schien von all dem nichts mitbekommen zu haben, stattdessen versuchte sie, Susanne ein wenig aufzumuntern. „Es gibt manchmal Tage, da sollte man nicht so lange in den Spiegel schauen.“ Sie lächelte. „Sobald Sie sich Tageskleidung angezogen haben, begleite ich Sie zum Frühstück. Gut gefrühstückt lässt sich ein Tag viel leichter angehen. Das hat schon meine Großmutter immer gesagt.“ Wieder dieses gewinnende Lächeln. Susanne musste zugeben, dass sie begann, die junge Schwester zu mögen. Sie folgte Schwester Ina zurück zu ihrem Bett, wo bereits frische Kleidung bereitlag. Susanne hatte spontan ein Bild von kleinen Heinzelmännchen vor Augen. Waren das nicht kleine, arbeitswütende Gestalten, die den Menschen gerne Arbeit abnahmen? Schnell schob sie den Gedanken beiseite und betrachtete die Kleidung. „Das sind aber nicht meine Sachen!“ beanstandete sie. „Nicht?“ fragte Schwester Ina, ließ sich aber nicht aus ihrem Konzept bringen. „Die hat ihr Mann uns vorbeigebracht. Vielleicht hat er Ihnen etwas Neues gekauft, so dass sie die Sachen deswegen nicht erkennen. Könnte doch sein, oder?“ sie lächelte Susanne freundlich an. „Die meisten Ehemänner kennen sich mit der Garderobe ihrer Frauen nicht aus und kaufen dann lieber etwas völlig Neues. Das erleben wir ziemlich häufig.“ „Mein Mann!“ dachte Susanne. Mark war ihr Ehemann! Ohne überlegen zu müssen hatte sie das erste fehlende Steinchen in dem Mosaik, das ihr Leben war, gefunden. Ein gutes Zeichen, fand sie. Mark war also hier gewesen. Aber warum hatte er sie nicht besucht, geschweige denn mit nach Hause genommen? Und wo war er jetzt? Und wo waren Madeleine und Valentin? Zwei neue Namen, die einfach so auftauchten und die sie gleich einordnen konnte. Es waren die Namen ihrer beiden Kinder. „Frau Stahl?“ Schwester Ina rief sie aus ihren Gedanken zurück in das Krankenzimmer. „Würden Sie das bitte anziehen, damit wir zum Frühstück gehen können? Die anderen warten sicherlich schon!“ Welche anderen? Susanne gab sich geschlagen. Schnell aufgeben war eigentlich gar nicht ihre Art (oder doch?), aber ihr fehlte jegliche Energie zum hinterfragen oder verneinen. Irgendwas an Schwester Ina signalisierte ihr, dass jede Diskussion zwecklos wäre und sie ohnehin den Kürzeren ziehen würde. Also fügte sie sich, zog den mintfarbenen Jogginganzug und die neuen Turnschuhe an. Sie ließen sich mit einem Klettverschluss schließen, was Susanne wieder stutzen ließ. Schuhe mit Klettverschlüssen waren so ziemlich das Letzte, was sie sich selbst kaufen würde. Warum hatte Mark ihr nur solch hässliche Schuhe besorgt? Und dann noch in grellem Pink- Weiß? Ihr erstes Gefühl sagte ihr, dass sie Pink hasste. Dafür, dass es zusätzlich überhaupt nicht zur Farbe des Trainingsanzuges passte, hatte sie überhaupt keinen Sinn. Schwester Ina musste ihren abschätzenden Blick bemerkt haben. „Nun ja, normale Schnürsenkel sind auf dieser Station auch nicht erlaubt“, sagte sie und fügte aufgrund Susannes unverständlichen Gesichtsausdrucks hinzu, „Sie wissen schon, wegen der Sicherheit.“ Susanne nickte, verstand aber nicht wirklich, um was es ging. Was hatten Schnürsenkel mit der inneren Sicherheit zu tun? "Na dann mal los. Auf zum Frühstück!“ sagte Schwester Ina und begleitete Susanne auf den Flur. Hinter sich schloss sie zu Susannes Verwunderung die Zimmertür ab. Erst jetzt entdeckte Susanne den klirrenden Schlüsselbund, der mit einer etwas stärkeren Kette an Schwester Inas Gürtel befestigt war. Wo war sie nur gelandet? Szenen aus „Einer flog über`s Kuckucksnest“ kamen ihr in den Sinn. Kapitel drei Susanne ließ alles nur auf sich wirken, ohne die Eindrücke zu verarbeiten, geschweige denn zu kommentieren. Alleine damit brachte sie ihre Sinne schon an die äußerste Belastungsgrenze. Sie stand mit Schwester Ina am Ende eines langen Ganges, der nur in gedämpftes Licht gehüllt war. Es roch stark nach Bohnerwachs, obwohl auch der den höchst strapazierten Linoleumboden nicht mehr zu neuem Glanz verhelfen würde. Auch hier waren Decken und Wände mittlerweile leicht vergilbt. Zudem lag ein eigenartiger Geruch von Muffigkeit in der Luft, so als würde hier nie gelüftet werden. Alles in allem kein Ort zum Wohlfühlen, dachte Susanne. „Kommen Sie, Frau Stahl“, forderte Schwester Ina sie auf und ging voran. Susanne folgte ihr zögerlich. Links und rechts vom Gang befanden sich weitere Patientenzimmer. Alle Türen waren verschlossen, was dem gesamten Gang etwas Bedrückendes gab. „Frau Baumgarten, guten Morgen“, Schwester Ina begrüßte eine weitere Patientin, die sich, ebenfalls in Jogginghose, T-Shirt und Klettverschlussschuhen gekleidet, auf dem Flur befand. Anscheinend war auch sie auf dem Weg zum Speisesaal. Susanne nickte der Frau zu, die ohne irgendeine Reaktion zu zeigen weiterhin starr auf den Boden blickend ihren Weg fortsetzte. Zu dritt betraten sie den Speiseraum. „Aha, hier wurde schon mal gestrichen“, dachte Susanne. „Wenigstens etwas.“ Und tatsächlich wirkte der dunkle Orangeton der Wände angenehm und warm. Der Raum war mittig durch ein Regal in zwei Bereiche unterteilt. Im Aufenthaltsbereich hatte man versucht ein wenig wohnliche Atmosphäre zu schaffen. Eine Polsterecke mit Fernsehtisch lud zum Relaxen ein. Künstliche Grünpflanzen und eine Stehlampe mit Stoffschirm im Retrolook (oder war die wirklich aus den 60ern?) versprühten, wenn auch nur dezent, ein wenig Gemütlichkeit. Der Speisebereich war dagegen eher zweckmäßig als gemütlich eingerichtet und bot Platz für zehn Patienten. Der Tisch war bereits gedeckt und die meisten Plätze besetzt. Schwester Ina räusperte sich, um sich Gehör zu verschaffen. „Entschuldigen Sie bitte“, rief sie mit lauter Stimme, „darf ich einmal kurz um Ihre Aufmerksamkeit bitten.“ Der Großteil der Patienten nahm weder Notiz von Schwester Ina noch von Susanne. Sie saßen ebenso emotionslos wie Frau Baumgarten am Tisch und warteten auf das Frühstück. Zwei Personen vom Küchenpersonal nickten Susanne freundlich zu. „Wir haben ein neues Gesicht auf Station“, verkündete sie, „das ist Frau Stahl. Ich möchte Sie bitten, Ihr ein wenig beim Eingewöhnen zu helfen. Vielen Dank und guten Appetit.“ Sie überließ Susanne mit einem freundlichen Nicken sich selbst und verließ den Gemeinschaftsraum durch eine Tür am anderen Ende. Susanne blickte ihr nach. „Da geht´s zum Schwesternzimmer“, wurde Susanne von rechts angesprochen. Susanne schreckte zusammen. Sie war überhaupt nicht darauf vorbereitet gewesen, dass sie jemand von den Mitpatienten ansprach. Es waren also nicht alle so apathisch wie Frau Baumgarten. „Was?“ fragte sie etwas irritiert. „Zum Schwesternzimmer“, sagte die andere Frau mit Nachdruck. „Du guckst doch der Ina nach und fragst dich, wo sie hingeht. Na, zum Schwesternzimmer. Also, wenn du was hast und willst, musst du da längs.“ Sie zeigte in die Richtung, in die Schwester Ina verschwunden war. „Und nun setzt dich, wir wollen frühstücken.“ Eine etwa 30jährige Patientin mit fast kahlrasiertem Schädel blickte sie auffordernd an. Erst jetzt registrierte Susanne, dass alle anderen schon saßen und in ihre Richtung starrten. Wie ferngesteuert nahm auch sie schnell Platz. Aus den Augenwinkeln musterte sie die junge Frau. „Andersartig!“ war Susannes erster Gedanke. Die junge Frau hatte mindestens drei Ohrlöcher an jedem Ohr, ein Piercing an der rechten Augenbraue und eine dünne Kette, die von einem Ohrring zum Nasenstecker hing. Ein buntes schwarzes Tattoo schlängelte sich vom Nacken über eine Schulter nach vorn. Soweit es Susanne erkennen konnte, schien es eine Art Drache zu sein. Hohle Wangen und eingefallenen Augenlöcher gaben dem ganzen Gesicht ein eher ungesundes und durchlebtes Aussehen. Nur ihre dunklen, äußerst wachen Augen versprühten einen Hauch von Lebensfreude. „Ein oder zwei Brötchen?“ Susanne zuckte erneut zusammen und drehte sich um. Hinter ihr stand eine der zwei Küchenmitarbeiterinnen. Sie hatte eine riesige metallene Schüssel mit halbierten Brötchenhälften und schaute sie fragend an. „Äh, eins bitte“, antwortete sie, obwohl sie überhaupt keinen Hunger oder Appetit verspürte. Ihre Tischnachbarin hatte ihr bereits Kaffee eingeschenkt, eine andere Frau von gegenüber reichte ihr einen Teller mit Wurst und Käse. Sie nahm sich je eine Scheibe, belegte ihre Brötchenhälften, die schon mit Butter oder Margarine bestrichen verteilt worden waren und begann zu frühstückten. Die meisten Patientinnen, es waren nur Frauen erkannte Susanne, aßen schweigend und schienen in ihren eigenen Gedanken versunken zu sein. Die Frau neben ihr schien so ziemlich die einzige zu sein, die auf den ersten Blick relativ normal zu sein schien, abgesehen von ihrem skurrilen Äußeren. „Also, ich bin Sarah“, stellte sie sich vor. Susanne nickte mit vollem Mund kauend. „Ich erklär dir jetzt mal kurz einige wichtige Dinge. Ist dir sicherlich schon selbst aufgefallen, Sicherheit hat hier höchste Priorität“, erklärte sie ganz wichtig. „Deswegen gibt es weder Messer noch Gabeln oder sonstige spitze Gegenstände.“ Sie zog ohne Vorankündigung einen Ärmel hoch. Susanne stockte der Atem. Sarahs Unterarm war übersät von alten, aber auch frischen Narben, die teilweise noch nicht verheilt waren oder noch mit Fäden zusammengehalten wurden. „Nicht, dass einer von uns auf dumme Ideen kommt!“ Sie grinste Susanne breit an, der alles andere als zum Lachen zumute war. Eine der Küchenmitarbeiterinnen räusperte sich laut und Sarah zog hastig ihren Ärmel wieder herunter. „Die haben das hier überhaupt nicht gerne, wenn man seine Ritzen zeigt!“ betonte sie lauter als zuvor, bevor sie in ihren Erklärungen fortfuhr. „Also, es gibt sie schon, die Messer, aber die beiden Wärter da“, sie zeigte provozierend auf die beiden Küchenhilfen, die sich davon jedoch nicht beeindrucken ließen und Sarah ignorierten, „passen auf wie die Schießhunde, dass auch ja nichts abhandenkommt! Haben ja sonst nichts zu tun." Sie trank ihren Kaffee in einem Zug aus. „Kaffee gibt es nur zu den Mahlzeiten. Also nichts für Coffeinjunkies wie mich“, sie schenkte sich nach und blickte Susanne fragend an, die dankend ablehnte. „Sehr schön, Umso besser, mehr für mich!“ Sie setzte ihre Tasse wieder an und Susanne glaubte schon, sie würde die Tasse erneut in einem Schluck leeren. Dieses Mal legte sie jedoch nach der halben Tasse eine kleine Pause ein. „Tagsüber dürfen wir nicht in unsere Zimmer, das heißt schon, wenn du was brauchst. Dann musst du eine Schwester fragen. Wenn du aufs Klo willst, musst du `ne Schwester fragen. Willst du telefonieren, musst du `ne Schwester fragen. Rauchst du?“ sie blickte Susanne fragend an. „Manchmal“, antwortete Susanne zögerlich, der durch den gesamten Informationsüberfluss der Kopf schwirrte. Wie konnte ein einzelner Mensch nur so viel reden! Das war ja eine zweite Schwester Ina! „Ah, also doch ein Laster. Dachte schon, du bist `ne Heili-ge“, Sarah grinste breit und entblößte ein weiteres Piercing, das quer durch das obere Lippenbändchen gebohrt war. „Zigaretten musst du nämlich abgeben und wenn du Schmachter hast, musst…“ „…muss ich die Schwester fragen“, vervollständigte Susanne. „Genau!“ sagte Sarah und schien erfreut über Susanne Aufnahmefähigkeit zu sein. „Du lernst schnell! Also, herzlich willkommen auf der 3a.“ Susanne hatte sich während der Unterhaltung nur auf Sarah konzentrieren können. So überrollten sie die plötzlich auftretende Unruhe und der Tumult im Gang zu den Patientenzimmern völlig unvorbereitet. Eine Frau schrie ohne Ankündigung, als ginge es um ihr Leben. Lautes Gepolter folgte, jemand trat und schlug gegen Türen. Aus dem Schwesternzimmer kamen zwei Pfleger gelaufen, gefolgt von zwei Schwestern und einem Arzt, den Susanne als Dr. Glück wieder erkannte. Alle fünf stürmten in den Gang, wo es den Geräuschen nach zu urteilen zu einem regelrechten Gerangel kam. Die Patientin schrie immer noch aus Leibeskräften, hatte aber der Überlegenheit des Pflegpersonals anscheinend nichts entgegenzusetzen. Nach einigen Minuten herrschte wieder vollkommene Stille. „Nich` wundern“, meinte Sarah völlig unbeeindruckt, „das ist der morgendliche Ausraster von Micha. Wahrscheinlich haben ihre Stimmen ihr wieder gesagt, sie soll sich gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt wehren“, sie prustete los und steckte die um sie herum sitzenden Patientinnen an. Susanne fand das gerade alles andere als lustig, sondern eher beängstigend. Waren denn alle verrückt hier? Ihr war klar, dass sie hier unter keinen Umständen bleiben würde. Dr. Glück betrat wieder den Gemeinschaftsraum. Auch ihn schien dieser Zwischenfall nicht sonderlich aus der Ruhe gebracht zu haben. Lächelnd kam er auf Susanne zu. „Guten Morgen Frau Stahl“, begrüßte er Susanne. Sie erwiderte den Gruß wortlos mit einem leichten Nicken. Zu einer anderen Reaktion war sie derzeit nicht in der Lage. „Schön, dass Sie heute schon aufstehen konnten und sogar hier gemeinsam mit den anderen frühstücken. Ein wenig Gesellschaft kann doch jeder gebrauchen!“ Er schaute einmal in die Runde der Patientinnen und nickte der einen oder anderen freundlich und aufmunternd zu. Susanne registrierte verwundert, dass jetzt alle Patientinnen aufmerksam in Richtung des Arztes schauten und die eine oder andere sogar ein Lächeln zustande brachte. Er schien recht beliebt bei den Damen zu sein. „Frau Stahl“ sprach er weiter, „ich möchte Sie bitten, nach dem Frühstück einmal am Schwesternzimmer vorbeizuschauen. Dort wird man Sie über die Medikamentenausgaben, Stationsregeln und so weiter aufklären“, er zwinkerte Sarah zu, „für interne Informationen ist Frau Schmidtke zuständig, nicht wahr?“ „Jawoll!“ bestätigte Sarah mit einem breiten Grinsen und salutierte scherzhaft. „Schon geschehen, Herr Doktor!“ „Ich hinterlege bei den Schwestern auch noch einen Fragebogen. Nicht erschrecken, es sind einige Seiten. Ich möchte Sie bitte, diesen Bogen im Laufe des Vormittags auszufüllen. Dann habe ich für unser Gespräch heute Mittag schon einige Vorinformationen. Ich hole Sie kurz vor 13 Uhr hier im Gemeinschaftsraum ab. Ist es Ihnen recht?“ Susanne nickte wieder. „Gut, gut. Dann bis nachher“, er drückte kurz ihre Schulter und verschwand in Richtung Schwesternzimmer. Sarah lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, bereits die vierte Tasse Kaffee intus und blickte Dr. Glück nach. „Ist schon ne Marke, Doc Good luck, aber ein echt guter Doc“, erstaunt über Susannes irritiertes Gesicht, erwiderte sie, als wäre es doch offensichtlich:„Na, Glück- good luck- du verstehst?“ Der Groschen fiel bei Susanne heute sehr langsam, aber sie verstand und kam sich ziemlich blöd vor. Was war nur mit ihrem Gedächtnis passiert? Sie war doch sonst nicht so schwer von Begriff! Sarah lachte. „Ach, mach dir nichts draus. So geht’s einem nun mal, wenn man aus dem Koma erwacht, in das man gezwungenermaßen geschossen wurde. Gibt sich wieder! Glaub mir, ich habe da so meine Erfahrung!“ Das glaubte Susanne ihr sofort, Sarah hatte sicherlich einschlägige Erfahrungen in Sachen Psychiatrie, dessen war sie sich sicher. Das Frühstück verlief ohne weitere Zwischenfälle. Eine weitere Regel, über die Susanne von der weiterhin äußerst gesprächigen Sarah aufgeklärt wurde, war, dass das gemeinsame Mahl nicht nur gemeinsam begonnen, sondern auch gemeinsam beendet wurde und dass erst 15 Minuten, nachdem die Letzte fertig war. „Wieso müssen wir ne Viertelstunde hier am Tisch sitzen bleiben?“ wollte Susanne wissen, als sie sich mit Sarah aufmachte, ihr benutztes Besteck bei der Küchenfrau abzugeben. „Na, für die Essgestörten!“ Sarah schüttelte ungläubig ihren Kopf. Susanne verstand nicht. „Oh, man, du warst wirklich noch nie hier, wa`?“ Susanne verneinte. „Damit die sich nach`m Futtern nicht gleich wieder den Finger in den Hals stecken. Kapierste?“ Ja, Susanne kapierte. Sie hatte von Bulimie schon häufiger in den Modezeitschriften gelesen, hatte sich aber noch nie vorstellen können, was einen Menschen dazu bewegen könnte, sich selbst zum Erbrechen zu zwingen. „Is` auch nicht zu verstehen, wenn du das selbst nicht hast!“ meinte Sarah, womit für sie das Thema erledigt war. Susanne gab ihr Geschirr und Besteck bei Frau Sandra Wichert ab, zumindest sagte ihr Namenschild, dass sie so hieß. Dann folgte sie Sarah zum Stationszimmer, vor dem sich bereits eine längere Schlange gebildet hatte. Neben dem eigentlichen Stationszimmer befand sich eine weitere Tür mit einem Schiebefenster, hinter dem eine Schwester stand, die konzentriert mit Patientenakten und Tablettenschachtel herumhantierte. Als sie ihre Arbeit beendet hatte, öffnete sie das Schiebefenster und eine elektronische Anzeige über der Tür sprang an. „Medikamentenausgabe“, las Susanne leise. „Sehr schön, Madame is auch noch gebildet“, bemerkte Sarah ironisch. Eine Patientin nach der anderen trat vor das Ausgabefenster, nannte ihren Namen und bekam ein kleines Medikamentenschälchen und einen Plastikbecher mit Wasser. Unter strengem Blick der Schwester wurden die Tabletten geschluckt. Anschließend erfolgte eine Mundinspektion, wobei die jeweilige Patientin ihren Mund weit aufriss und die Schwester sehr gründlich die Mundhöhle inspizierte. Susanne nahm auch diese Eindrücke erst einmal nur zur Kenntnis. Nachdem was sie heute schon erlebt hatte, ließ sie so schnell nichts mehr aus der Ruhe bringen. Zudem meldete sich die bleierne Müdigkeit zurück, so dass es ihr Mühe bereitete, sich einigermaßen auf den Beinen zu halten. Da sie sich nicht erinnern konnte, zu Hause Tabletten genommen zu haben oder in irgendeiner Form auf Medikamente angewiesen zu sein, ignorierte sie den Hinweis von Sarah, dass man sich erst Medikamente abzuholen hatte, bevor man nach den Mahlzeiten etwas anderes machen wollte. So drängelte sie sich an der Schlange vorbei, um zum eigentlichen Stationszimmer vorzudringen. Bevor sie klopfen konnte, wurde sie forsch von der Schwester am Ausgabeschalter angesprochen. „Frau Stahl?“ Susanne zuckte zusammen, fühlte sich ertappt, wie früher als Kind, wenn die Mutter sie beim Stibitzen von Süßigkeiten erwischt hatte, „kommen Sie bitte erst bei mir vorbei? Immer erst Medis holen, bevor Sie was anderes machen!“ Sie deutete mit strengem Blick und einem Kugelschreiber auf das nicht zu übersehende Schild neben ihrem Ausgabefenster. Sarah konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Susanne ging zum Schiebefenster und nahm das Schälchen mit zwei Tabletten entgegen. Völlig automatisch griff sie auch nach dem dargereichten Wasserbecher. „Aber ich bekomme doch gar keine Tabletten!“ versuchte sie sich zu erklären. „Das ist nicht mit mir besprochen worden. Was ist das überhaupt?“ Die Schwester schaute sie kurz an, warf dann einen eher genervten Blick in die Akte. „Immer die Neuen“, murmelte sie. „Also, Dr. Glück hat Ihnen ein leichtes Beruhigungsmittel angesetzt.“ Als ob diese Information ausreichend wäre, fügte sie noch leicht gereizt hinzu: „ Also, Frau Stahl, darf ich bitten? Die anderen Patienten wollen schließlich auch noch ihre Medikamente nehmen! Sie halten den ganzen Verkehr hier auf!" Susanne blickte die Schwester an, dann hinter sich in die Gesichter der sichtlich genervten Mitpatienten gab sich schließlich geschlagen. „Die werden mir hier schon kein Rattengift verabreichen!“ dachte sie und schluckte die Pillen, bevor sie am Schwesternzimmer klopfte. Die Tür öffnete sich und Susanne blickte in das freundliche Gesicht von Schwester Ina. Endlich jemand, den sie kannte. „Frau Stahl, hallo. Dr. Glück hat Sie schon angekündigt. Kommen Sie doch kurz herein.“ Schwester Ina öffnete die Tür ganz und Susanne betrat das Schwesternzimmer. „Nehmen Sie doch bitte Platz“, Schwester Ina bot ihr einen Stuhl an. Susanne nahm Platz, froh über eine Sitzmöglichkeit, denn ihre Müdigkeit wurde stärker, ihre Beine dafür immer schwächer. „Das kommt sicherlich auch von den Medikamenten“, erklärte ihr Schwester Ina. Sie reichte Susanne einen Merkzettel mit Stationsregeln, Stationsabläufen, feste Gruppenterminen und Tipps, um sich den Einstieg in die Stationsgemeinschaft ein wenig zu erleichtern. „Es sind wirklich nur Ratschläge, die ehemalige Patientinnen zusammengetragen haben. Manchen haben sie gerade in den ersten Tagen sehr geholfen.“ Tagen? Einstieg in die Stationsgemeinschaft? Susanne verstand nicht so recht, hatte sie doch nicht vor hatte, länger in diesem Etablissement zu verweilen. „Und hier ist noch der Fragebogen für Dr. Glück“, sie reichte Susanne etliche DIN-A-4-Seiten. Sollte sie etwa ein Buch über ihr bisheriges Leben schreiben? Wozu? Was ging es diesen Arzt an, wie ihr bisheriges Leben verlaufen war? Man musste ihr doch nur sagen, warum sie hier war, was zu tun wäre und dann konnte sie doch wieder nach Hause. Wortlos nahm sie die Zettelwust in Empfang. „Um 13 Uhr haben Sie ja den Termin bei Dr. Glück, von daher wäre es ganz gut, wenn Sie die Zettel bis 12 Uhr wieder bei mir abgeben könnten. Und ganz wichtig“, sie reichte ihr einen Bleistift, „den hier bitte auch wieder mit abgeben und auch nur bei mir. Alles klar soweit?“ Susanne nickte wortlos. Momentan war das einzige, was sie wollte, sich irgendwo hinlegen und schlafen. Als sie das Schwesternzimmer verlassen hatte, blieb sie unschlüssig im Gemeinschaftsraum stehen. In ihr Zimmer durfte sie tagsüber nicht, warum auch immer, aber das Sofa in der Fernsehecke lud geradezu zum Schlafen ein. Seufzend ließ sie sich in die Kissen fallen, legte den Kopf auf die Rückenlehne und war innerhalb von Sekunden eingenickt. Fortsetzung folgt... 11.11.13 ... link (0 Kommentare) ... comment Sonntag, 10. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi
shorty short, 00:40h
Autor; Kirsten Maria Scholz
Kapitel Eins Susanne erwachte aus einem traumlosen Nichts. Die Farbe der Decke, an die sie blickte, war ursprünglich einmal weiß getüncht worden. Über die Jahre hinweg hatte sich der Anstrich ins gelbliche gewandelt und blätterte an einigen Stellen ab, so dass etliche Risse im Putz deutlich sichtbar waren. Aus den Augenwinkeln erkannte sie, dass die Tapete, die wohl vor Jahrzehnten einmal an die Decke geklebt worden war, rechts in der Ecke in großen Fetzen herunterhing. Ein kleiner Windhauch und sie würden sanft zu Boden segeln und sich wahrscheinlich über ihr Gesicht legen. Die Wände waren weder tapeziert noch gestrichen. Stattdessen waren sie mit den hässlichsten und vergilbtesten Kacheln, die sie je gesehen hatte verunstaltet worden und versprühten eine unangenehme, ja nahezu beklemmende Kälte. Die lange Neonröhre, die die Decke in zwei gleich große Hälften teilte, flackerte in unregelmäßigen Intervallen und erhellte den Raum mit ihrem kalten Licht. Susannes Augen brannten. Sie kniff die Lider zusammen, um sich vor dem grellen Neonlicht zu schützen und blickte sich dann mit zu Schlitzen verkleinerten Augen erneut um. Wo war sie? Sie konnte sich nicht erinnern, in so einer heruntergekommenen Kaschemme zu wohnen. Oder wohnte sie hier gar nicht? Aber was machte sie dann hier? War sie entführt oder verschleppt worden? Hochsteigende Angst ließ ihr Herz schneller schlagen. Sie ließ ihren Blick wandern und ignorierte das Brennen in den Augenwinkeln. An der gegenüberliegenden Wand verliefen Wasserrohre, die mit der gleichen vergilbten Farbe wie die Decke gestrichen zu sein schienen. Oder war das gar keine Farbe? Hatte vielleicht auch nur der Zahn der Zeit an ihnen genagt? Sie vernahm leises Blubbern und Klopfen rechts von ihr. Anscheinend entsprang es den Heizungsrohren und dem teilweise verrosteten Heizkörper. Wer zum Henker hatte noch solche Heizungsrohre in seiner Wohnung? Die stammten doch mindestens aus dem zweiten Weltkrieg! Rein gar nichts in diesem kalten, ungemütlichen Raum erinnerte sie an ihr Zuhause. Obwohl… wie war ihr Zuhause eigentlich? Einen kleinen Moment hielt sie in inne. Sie versuchte krampfhaft, sich an irgendetwas zu erinnern. Aber alles, was vor ihrem inneren Auge erschien, war ein riesiges, schwarzes, nicht greifbares Etwas. Ihr Blick fiel auf das Fenster, das ebenfalls schon bessere Zeiten gesehen hatte. Ein doppelglasiges Milchglasfenster im Schlafzimmer? Sie kniff erneut ihre Augen zusammen und drückte so eine Träne heraus, die ihr heiß die rechte Wange herunterlief. Herrje, was war nur los mit ihr? Das Fenster erinnerte sie sehr stark an einen Film aus den 40er oder 50er Jahren. Dr. Schiwago! Der Titel dieses Filmes war jedoch ebenso schnell wieder aus ihrem Kopf verschwunden, wie er erschienen war. Alles um sie herum glich sehr stark den ersten Krankenhäusern der Nachkriegszeit. Krankenhäuser, in denen die Schwestern noch mit Häubchen und gestärkten Kleidern herumliefen. Krankenhäuser, in denen die Patienten zu zehnt in einem Schlafsaal schliefen, die Fieberthermometer noch Quecksilber enthielten und die Flure nach Bohnerwachs rochen. Allerdings waren diese Krankenhäuser bestimmt nicht ganz so heruntergekommen gewesen wie der Raum, in dem sie sich jetzt befand. Das hier erinnerte sie eher an einen Hinterhofschlachtbetrieb. Schnell versuchte sie, die aufkommenden Bilder von halben Schweinehälften aus ihrem Kopf zu verdrängen. Susanne versuchte ihren Kopf anzuheben. Ein nahezu unerträglicher stechender Schmerz wurzelte in ihrem Nacken und ließ sie laut aufstöhnen. Das Bild von einem gespickten Rehrücken schoss ihr in den Kopf. Genau so fühlte sie sich, wie ein von unzähligen Nadeln durchlöchertes Stück Fleisch. Der Schmerz schlängelte sich wie eine rasant wachsende Efeupflanze um ihren Hals und hinauf auf ihren Kopf, wo er Stirn und Schläfen wie Schraubzwingen zusammenzudrücken schien. Sie biss die Zähne zusammen und versuchte den Schmerz weg zu atmen. Vergebens. Stattdessen hatte sie das Gefühl, jemand zog rücksichtslos die Schraubzwingen weiter an. Der Schmerz pochte dermaßen heftig in ihren Schläfen, dass sie dachte, ihr Schädel würde jeden Moment platzen. Susanne schloss die Augen und hoffte, den Schmerz damit ausschließen zu können. Aber er blieb und hinderte sie daran, einen klaren Gedanken zu fassen. Ein Geräusch ließ sie hochschrecken. Es war, als verschaffte sich jemand direkt Zutritt zu ihrem Kopf. Sie versuchte, den Krach zu ignorieren und sich zu orientieren. Der Verursacher des nahezu unerträglichen Getöses hantierte rechts von ihr mit Gegenständen herum. Sie vernahm Knistern und Papierrascheln und ein durchdringendes klirrende Geräusch, das sich in unkontrolliertes Muskelzittern zu entladen schien und ihren Körper zunächst erschauern, dann unbarmherzig verkrampfen ließ. Glas schabte auf Metall. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals mit einem extremen Kater nach einer durchgezechten Nacht erwacht zu sein, sondern hatte nur Marc leiden sehen. Sie hatte sich nur allzu gerne einen Spaß daraus gemacht, Schranktüren extra laut zufallen zu lassen oder absichtlich mit Teller und Besteck zu klirren, was Marc jedes Mal noch mehr leiden ließ. Jetzt konnte sie ihn verstehen und nachvollziehen, welche Qualen er durchleiden musste. Jedes Knistern und jedes Geräusch hallte in ihrem Schädel nach und potenzierte Kopfschmerz und Übelkeit um ein Vielfaches. "Marc!" dachte sie, ein vertrauter Name, doch konnte sie ihn momentan schwer einordnen, zu sehr musste sie sich auf sich konzentrieren. Susanne versuchte sich bemerkbar zu machen. Ihre Zunge klebte pelzig und angeschwollen am Gaumen, ihre Lippen fühlten sich rissig und ausgedörrt wie Trockenpflaumen an. Ganz zu schweigen von ihrem Rachen. Als sie zu sprechen versuchte, hatte sie das Gefühl, ihre Zunge würde ihre Mundschleimhaut herunterreißen. Tränen schossen ihr wieder in die Augen, sie schmeckte Blut. Trotz allem versuchte sie es weiter und bekam zumindest ein Krächzen heraus. Die Person in der Ecke hielt in ihrer Arbeit inne und drehte sich zu ihr um. Das runde Gesicht einer jungen Frau Mitte zwanzig mit dunkelbraunen Augen und dunkelblondem Haar, das zu einem Zopf oder Pferdeschwanz im Nacken zusammengebunden war, beugte sich zu ihr über das Bett und blickte sie kritisch musternd an. Als sie merkte, dass Susanne sie ebenfalls anblickte, lächelte sie. „ Hallo, Frau Stahl“, sprach sie mit einer angenehm leisen Stimme, „wie schön, Sie sind wach. Sie haben aber auch wirklich langegeschlafen.“ Die Frau sprach noch weiter, aber Susanne konnte sich nicht weiter konzentrieren, ihre Gedanken kreisten und drehten sich, die Worte der jungen Frau in Schwesterntracht dröhnten wie ein Presslufthammer. Sie schloss die Augen und wünschte sich weit weg. „…Frau Stahl?“ Susanne schaute die Frau erschrocken und verwirrt an. „ Frau Stahl, möchten Sie etwas trinken?“ fragte sie mit Nachdruck. Susanne nickte leicht, obwohl die Bewegung wieder stechende Nackenschmerzen hervorrief. Die Frau, die sich darauf als Schwester Ina vorstellte, nahm Susannes Kopf sanft in die eine Hand und gab ihr mit Hilfe eines Schnabelbechers etwas zu trinken. Kühles, frisches Wasser! Susanne trank gierig und verschluckte sich fast. Sie hustete und Wasser rann ihr über das Kinn. Sie wollte es sich mit ihrem Ärmel abwischen. Ihre Hand ließ sich jedoch nicht nach oben bewegen. „Ich bin gelähmt!“ schoss es ihr als erstes in den Sinn. Panisch blickte sie auf ihre Handgelenke. Das gab es doch nicht! Man hatte sie am Bettgestell festgebunden! Mit aller Kraft zerrte und rüttelte sie an den Handfesseln und registrierte jetzt erst, dass auch ihre Füße festgeschnallt waren. Schwester Ina berührte leicht ihren Arm. „Frau Stahl, bitte beruhigen Sie sich“, bat sie in einem ruhigen Ton, den Susanne alles andere als beruhigend empfand. „ Es ist alles in Ordnung!“ Susanne schnaubte. Was war denn hier bitte in Ordnung! „Was soll das?“ stieß Susanne nuschelnd hervor und blickte die Schwester mit entsetzt aufgerissenen Augen an. Schwester Ina antwortete irgendetwas, für Susanne Worte ohne Sinn. Sie war so in Panik, dass das Gesagte ihr Hirn nur stückweise erreichte. Sie wollte schreien, sich wehren und um Hilfe rufen, aber alles, was aus ihrer Kehle drang war ein klägliches Krächzen und Gestammel. Die Schwester tätschelte ihren Unterarm, was Susanne als leichte Schläge empfand, und erklärte, sie würde wohl besser den Arzt holen. Ohne weiter auf Susanne einzugehen, verließ sie den Raum und ließ Susanne alleine, verwirrt, schmerzgepeinigt und gefesselt zurück. Was sollte das alles, warum war sie festgebunden und trug dieses merkwürdige weiße Hemd, das eher an ein Leichentuch als an ein tragbares Kleidungsstück erinnerte? Sie versuchte, einen Gedanken zu Ende und Ordnung in ihre Gehirnwindungen zu bringen, was ihr aber glorreich misslang. Das Klopfen in ihrer Schläfe wurde stärker. Als der Presslufthammer zurückkam, begann sich ihr Geist von der Wirklichkeit zu verabschieden. Sie gab sich keine Mühe dagegen anzukämpfen. Schlagartig wurde sie aus dem Zustand der Stille zurück an die Oberfläche gezogen. Hatte sie etwa geschlafen? Ihr war jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen. Ein anderes Gesicht als das von Schwester Ina blickte sie ernst, aber durchaus nicht unfreundlich an. Es handelte sich dieses Mal um das Gesicht eines Mannes mittleren Alters mit buschigen dunklen Augenbrauen und einem ebensolchen Schnauzbart. Die hohe Stirn und die eher antik schwarze Hornbrille gaben ihm ein äußerst skurriles Aussehen. Er stellte sich mit einer sehr warmen und angenehmen Stimme als Stationsarzt Dr. Ferdinand Glück vor und erklärte ihr, dass sie sich zurzeit auf der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Abteilung des Klinikums in Heidelberg befand. Und es wäre ihm eine außerordentliche Freude, sie endlich persönlich sprechen zu können. Die letzten Tage sei sie doch etwas unpässlich gewesen. Bei unterstrich seine Worte mit einer diffusen Handbewegung. Er sprach ihr sein Mitgefühl aus über die vielleicht aus ihrer Sicht schroffe Behandlung. Dabei deutete er auf die ledernen Hand- und Fußfesseln und mit einer ausladenden Handbewegung auf die ungemütlichen Wände. „Aber ungewöhnliche Handlungen bedürfen manchmal ungewöhnliche Maßnahmen“, fügte er höflich, aber bestimmt zu.„ Wir werden in den nächsten Tagen die Möglichkeit haben uns besser kennenzulernen, bis dahin hoffe ich, dass Sie sich hier auf der Station ein wenig einleben und versuchen werden, uns die Möglichkeit zu geben, Licht in Ihr Dunkel zu bringen.“ Seine Ausschweifungen waren wie eine Flutwelle auf Susanne zugerollt und sie hatte Mühe, ihnen zu folgen. Sie blickte den Arzt fragend und verwirrt an. „Psychiatrie?“ dachte sie. Und was meinte er mit ungewöhnlichen Handlungen? „Können wir uns darauf einigen, dass wir versuchen, zusammen zu arbeiten?“ fragte Dr. Glück freundlich nach. Susanne überkam das Gefühl, dass es den Arzt herzlich wenig interessierte, was sie gerade wollte. Trotzdem nickte sie, was er freudig als Zustimmung registrierte. Sie entschied sich, dass es sicher besser wäre, wenn sie zunächst mitspielte und sich mit Äußerungen über ihren tatsächlichen Gemütszustand zurückhielt. „Das ist sehr schön!“ Ihm war seine Freude direkt anzusehen. „Frau Stahl, fuhr er fort, „ich werde Ihnen jetzt einige Fragen stellen und es wäre sehr freundlich, wenn Sie diese nach bestem Wissen und Gewissen beantworten würde.“ Er stellte ihr Kopfende ohne Vorankündigung ein wenig höher. Sicherlich in bester Absicht, so musste Susanne jetzt nicht mehr ihren Hals verdrehen, um den Arzt direkt anschauen zu können. Die abrupte Lageveränderung allerdings bewirkte, dass die Schraubzwingen ihren Dienst an ihren Schläfen antraten. Schwindel und Übelkeit drohten erneut die Oberhand zu gewinnen. Sie merkte, wie sich Speichel in ihrem Mund sammelte. Schmerzverzerrt versuchte sie, die aufsteigende Magensäure herunterzuschlucken. Dr. Glück hatte auf einem Stuhl an ihrer Seite Platz genommen. Er hatte anscheinend nichts von ihren Schwierigkeiten mitbekommen. „Nun, haben Sie verstanden, was ich von Ihnen möchte?“ fragte er stattdessen freundlich nach. Sie nickte. „Könnte ich vorher etwas zu trinken bekommen, bitte?“ fragte sie heiser. „Aber selbstverständlich. Schwester Ina?“ er blickte auffordernd zu der Schwester, die sich still in eine Ecke verzogen hatte, von wo sie das ganze Geschehen gut im Blick hatte, jederzeit dem guten Dr. Glück hilfreich beiseite zu springen. „Wir werden Ihnen auch die Fixierung lösen“, sagte Dr. Glück, „die war und ist nur zu ihrem eigenen Schutz. Sollten wir allerdings wieder die Sorge haben, dass Sie sich oder anderen Personen etwas antun möchten, werden wir wohl oder übel wieder von ihnen Gebrauch machen müssen. Sind wir uns soweit einig?“ Susanne nickte wieder. Zwar hatte sie seine Worte gehört, nicht aber ihren Sinn verstanden. Wieso sollte sie sich und anderen etwas antun wollen? Sie war doch nicht gemeingefährlich! Schwester Ina löste Hand- und Fußfesseln und reichte ihr den schon bekannten Plastikbecher. Hastig begann Susanne zu trinken. Dieses Mal schaffte sie es, ohne sich zu verschlucken oder zu kleckern. „Können wir anfangen, Frau Stahl?“ fragte Dr. Glück, als sie den Becher vollständig geleert absetzte. Sie nickte abermals und fühlte sich schon ein wenig besser. „Frau Stahl“, begann Dr. Glück, „wären Sie wohl so freundlich, mir zu verraten, welchen Wochentag wir heute haben?“ er blickte sie freundlich an. Sie runzelte die Stirn. „Was für eine merkwürdige Frage“ dachte sie noch und merkte dann, dass sie nicht so einfach zu beantworten war, wie sie zunächst dachte. „Welchen Wochentag?“fragte sie nach, um Zeit zu schinden. „Donnerstag?“ sie zögerte, überlegte kurz und bestätigte ihre Annahme. „Ja, heute ist Donnerstag.“ „Ah ja“, Dr. Glück schüttelte seinen kleinen runden Kopf, „das stimmt nicht ganz, heute ist Montag. Machen Sie sich deswegen keine Gedanken“, meinte er jovial, so als ob er sich auch hin und wieder nicht an den Wochentag erinnern könnte. „Aber vielleicht können Sie mir sagen, welchen Monat und welches Jahr wir haben?“ Er schaute Susanne aufmunternd an. Sie überlegte erneut, dieses Mal etwas länger und sagte dann sehr bestimmt: „Februar 2008!“ „Na, sehen Sie“, lobte Dr. Glück mit einem zufriedenen Lächeln, „ da haben Sie ja doch nicht alles vergessen. Würden Sie mir bitte Ihren vollständigen Namen und die Adresse Ihres Wohnsitzes geben.“ Auch diese Frage konnte Susanne zu ihrem eigenen Erstaunen problemlos beantworten. „Susanne Stahl. Ich wohne im Lerchenweg 23 hier in Heidelberg.“ Sie konnte sich mühelos an ihre Adresse, aber nicht an die Ausstattung ihrer Wohnung erinnern. Sie schüttelte leicht ungläubig ihren Kopf. „Das ging doch sehr gut“, fand Dr. Glück und strahlte sie regelrecht an. „Wenn Sie mir dann noch sagen könnten, wie mein Name und der Name der Schwester ist und ob Sie wissen, wo Sie sich gerade befinden, dann wären wir für heute auch schon fertig.“ „Sie sind Dr. Ferdinand Glück und das ist Schwester Ina“, sie deutete auf die Frau in Schwesterntracht, „und ich bin in der psychiatrischen Abteilung des Klinikums hier in Heidelberg.“ Sie sprach vollkommen monoton und emotionslos und hatte sichtlich Mühe, ihre Augen auf zu halten. „Also schön, Frau Stahl“, Dr. Glück klappte seinen Notizblock zu. „ Ich werde Ihnen jetzt ein Medikament spritzen“, er zeigte auf ihren Arm, wo eine Venenverweilkanüle in der Ellenbeuge steckte, „damit Sie in Ruhe schlafen können und nicht so viel grübeln. Ihr Gehirn braucht im Augenblick Erholung.“ Bevor Susanne etwas erwidern konnte, hatte er bereits eine Spritze auf die Kanüle gesetzt und eine klare Flüssigkeit injiziert. Sie verspürte ein leichtes Brennen, dann zog sich eine Nebelwand vor ihren Augen zusammen und trennte sie von der Wirklichkeit. Fortsetzung folgt... 10.11.13 ... link (0 Kommentare) ... comment |
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