Shortys Gedankenwelt
Dienstag, 5. November 2013
Ich erzähle euch die Geschichte einer jungen Frau...
Hätte man ihr vor 20 Jahren prophezeit wie ihr Leben mit Ende 30 aussehen würde, sie hätte wahrscheinlich gelacht und demjenigen einen Vogel gezeigt.
Hätte man ihr erzählt, sie würde mit 39 erwerbsunfähig berentet sein und nur mit Mühe den eigenen normalen Alltag bewältigen können, sie hätte es nicht geglaubt.
Warum auch? Sie hatte doch immer alles geschafft, wieso sollte es irgendwann einmal anders sein? Mit 19 das Abitur, sofort einen Ausbildungsplatz und das Staatsexamen zur Krankenschwester, eine sehr geringe Hürde, mühelos übersprungen. Die folgenden Jahre pflichtbewusst in Vollzeit und Drei- Schicht- System verbracht ohne Freunde und Hobbies vernachlässigt zu haben. Sie hatte von jeher eine strenge Selbstdisziplin eingebleut bekommen, war sie doch schon mit 5 Jahren an Diabetes erkrankt. Da gab es kein herumschlumen, sondern strenge Regeln, die ihr sowohl die Krankheit als auch ihre Eltern eintrichterten. Das hatte sich auf ihr gesamtes Leben ausgebreitet.
Jetzt war sie 39. Was war mit ihr passiert? Was hatte sich an ihr geändert, dass sie dem „normalen“ Druck in der Arbeitswelt nicht mehr standhielt? Wieso war es ihr immer schwerer gefallen, Freundschaften zu pflegen oder einem Hobby nachzugehen?
Sie wusste es nicht und niemand konnte ihr bei der für sie so wichtigen Frage helfen. Die Frage nach dem warum? Warum ging es immer, aber mit Mitte 30 plötzlich nicht mehr?
Obwohl „plötzlich“ wohl eher der falsche Ausdruck wäre. Im Grunde begann es schleichend, sie hatte die Frühwarnsignale nicht wahrgenommen, besser gesagt, nicht wahrnehmen wollen, ignoriert. Da an oberster Stelle der Prioritätenliste die Arbeit stand, wurden Nebensächlichkeiten wie Freundschaften und Hobbys mehr und mehr vernachlässigt. Nachdem sie sich von selbst nicht mehr bemühte, sich bei den Freunden zu melden und Treffen in ständiger Regelmäßigkeit absagte, wurden auch die Anrufe bei ihr seltener. Es kam ihr jedoch sehr entgegen, musste sie doch nicht länger immer nach Ausreden suchen, sich nicht treffen zu wollen. Der eigentliche und wahre Grund, dass sie eigentlich nur noch erschöpft war, zählte irgendwie nicht. Sie lebte Jahre nur noch für die Arbeit. Aufstehen- Arbeit- essen-Mittagsstunde- Essen- schlafen- aufstehen- Arbeit-... egal, ob Früh,- Spät- oder Nachtschicht. Sie hatte das Gefühl, ständig auf der Arbeit zu sein, freise Tage waren ohnehin selten, war doch das Personal nicht nur knapp, sondern geradezu "am knappsten".
Dann klappte es auch nicht mehr mit der Arbeit. Zu oft vollkommen abgeschlagen morgens um 5 aufgestanden, sich durch den Frühdienst gequält, nachmittags gepennt, um dann abends mit Angst dem Morgen entgegenzublicken. Angst davor, wieder nicht genügend Schlaf zu bekommen oder sogar zu verschlafen. So wurde auch die Nacht zum Tage! Die Arbeit kam ihr wie ein nie enden wollendes Martyrium vor!
Sie zog die Notbremse als sie auf der Arbeit Fehler machte. Keine Fehler mit großen Auswirkungen, aber ihr Selbstanspruch verbot eigene Fehler. Jedem anderen Kollegen hätte sie diese Fehler zugestanden, denn Menschen sind keine Maschinen. Wo Menschen arbeiten, werden Fehler gemacht. Wichtig war für sie immer, dass man mit Fehlern nicht hinter dem Berg hielt, sondern offen darüber diskutieren konnte, um dann adäquat handeln zu können. Sie gestand sich selbst jedoch absolut keine Fehler zu. Sie hatte ihre eigene Belastungsgrenze vor langer Zeit bereits hinter sich gelassen und - kündigte.
Mit der Kündigung und dem Ausstieg aus dem Arbeitsleben, fiel der letzte Druck von ihr ab, der sie immer noch aufrecht erhalten und vorangetrieben hatte. Sie brach zusammen. Innerlich wie tot verspürte sie weder Freude noch Wut, nur eine unglaubliche Melancholie begleitete sie tagein, tagaus. Unfähig für sich und schon gar nicht für ihren Hund oder gar den Haushalt zu sorgen, versuchte sie verzweifelt, Hilfe zu erhalten. Ihre Eltern schienen die Hilferufe der Tochter nicht ernst zu nehmen, sie vertraten die Meinung, sie solle ein paar Pillen nehmen und sich zusammenreißen, dann würde das schon wieder werden. In der Stadt, in der sie lebte gab es angeblich laut ihrer Krankenkasse ein Überangebot psychiatrischer Ärzte und Psychotherapeuten, allerdings bekam sie keinen zeitnahen Termin, wurde vertröstet, sie solle es in drei Monaten noch einmal probieren oder wurde auf Wartelisten gesetzt. Letztendlich war es ihr Lebensgefährte, der sich über ihren Wunsch hinwegsetzte und sie in die Ambulanz der Psychiatrie brachte. Er wusste sich keinen anderen Rat, aber im Nachhinein gestand sie sich ein, war dieser Entschluss ihre Rettung.
Endlich gab es Hilfe, Menschen, Therapeuten, die sich ihrer annahmen und ihr zum ersten Mal in ihrem Leben wirklich zuhörten und sie vor allem ernst nahmen. Hier war es o.k. zu sagen: Ich kann nicht mehr! In der Klinik gab es andere Menschen, denen es ähnlich ging, es war irgendwie tröstlich für sie, nicht alleine dazustehen. Sie lernte viel in den 14 Wochen, die sie in der Klinik verbrachte, dachte sie zumindest. Doch als sie entlassen wurde, fiel sie in ein anderes tiefes Loch. Niemand hatte sie auf die Wirklichkeit „draußen“ vorbereitet, nicht einmal einen niedergelassenen Psychiater hatte sie. Die Welt „draußen“ war weitergezogen, ohne sie, ihr Lebensgefährte hatte sich sein Leben mit ihrem Hund für sich eingerichtet, sie kam sich überflüssig vor auch hatte sie das Gefühl, auf der Stirn „psychisch krank“ eintätowiert bekommen zu haben. Die meisten Bekannten und auch Freunde behandelten sie „anders“.
Sie ging wieder auf Jobsuche, erfolgreich und hatte das Glück in einer sozialpsychiatrischen Einrichtung angestellt zu werden, ohne Schichtdienst und kein Dienstbeginn vor 8 Uhr. Dennoch war der Druck, wahrscheinlich eher ihr eigener Druck, enorm hoch. Sie musste viel lernen, der Arbeitsbereich war ihr fremd, ebenso der Umgang mit psychiatrisch erkrankten Menschen. Dass sie selbst auch einer von „denen“ war, fiel ihr erst sehr viel später auf! Obwohl die Patienten sie sehr wohlwollend aufnahmen, kam der erste Ausfall bereits nach 4 Wochen: Hörsturz! Hier hätte sie reagieren können, aber wieder gewannen der alte Trott und die Ignoranz gegenüber den eigenen Schwächen die Oberhand. Zudem brannte immer der Vergleich mit anderen in ihr Hirn. Die anderen schafften es doch auch. Die anderen hatten zumeist Kinder und arbeiteten in Vollzeit und nicht wie sie nur 28h in der Woche. Sie müsste sich einfach nur zusammenreißen, dann würde sie es auch schaffen. Schließlich war sie doch so lange in der Klinik gewesen, es musste ihr doch jetzt wieder gut gehen. Sie war wirklich selbst davon überzeugt und begann wieder Raubbau an sich, ihrem Körper und vor allem ihrer Psyche zu betreiben.

Heute, vier Jahre später ist sie erwerbsunfähig berentet, zunächst auf Zeit, aber die Aussicht auf „immer“ ist durchaus in greifbarer Nähe.
Es war gekommen wie es kommen musste, ein neuer Komplettzusammenbruch zwei Jahre nach dem Klinikaufenthalt. Von diesem Tief hat sie sich nie wieder erholt. Der Gedanke, nichts mehr leisten zu können, nagt immer noch an ihr. Mittlerweile kann sie jedoch auf die Frage nach ihrem Beruf mit „Rentnerin“ antworten, ohne sich sehr schlecht zu fühlen. Ihr Freundeskreis hat sich sehr gelichtet, viele sog. „Freunde“ haben sich selbst verabschiedet, als klar wurde, dass sie an einer psychischen Erkrankung, einer schweren Depression, litt. Vielleicht war es die eigene Unsicherheit, die eigene Angst vor Menschen mit psychischen Erkrankungen, auch die Erkenntnis, dass es jeden treffen kann. Unzählige Male musste sie den Satz über sich ergehen lassen: "Du und Depression? Nee, das hätte ich nie gedacht, dass du sowas mal kriegst. Warst doch immer so lustig!"
Sie weiß es bis heute den Grund nicht, warum sich "Freunde" abgewendet haben, niemand hat sich jemals die Mühe gemacht, sich mit ihr darüber zu unterhalten. Der eigene Bruder gab ihr klar zu verstehen, dass er über ihre Gedanken und ihre Erkrankung nichts wissen will, das wäre ihm zu anstrengend und abgedreht!

Und auch jetzt kämpft sie immer noch gegen den Dämon an, der ihr an schlechten Tagen einimpft, nichts wert zu sein, weil sie nichts leistet, für die Gesellschaft nichts leistet. Dabei hilft sie Schülern mit Migrationshintergrund ehrenamtlich bei den Hausaufgaben. In ihren Augen ist das zwar schön, aber sie verdient nichts, sondern bezieht als Aufstockerin mit ihrem Mann Hartz IV, liegt also dem Staat auf der Tasche. Die weitverbreitete Annahme der Gesellschaft, dass jeder seines Glückes Schmied ist, macht ihr in regelmäßigen Abständen zu schaffen. Sie hat ihre Ziele drastisch heruntergeschraubt, weiß, dass sie wohl nie wieder in Vollzeit auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen wird. Die Hoffnung auf einen nichtsozialpflichtigen Job neben ihrer Rente ist jedoch immer noch da und wäre klasse, um endlich vom Jobcenter loszukommen, das ihr Leben und ihre Lebensplanung mitbestimmt und sie kontrolliert. Es entscheidet, in welche Wohnung und wohin sie ziehen darf, immer wieder muss sie sich was ihre Finanzen angeht "nackig" machen. Wäre sie erwerbsfähig und Hartz IV nur vorübergehend, würde sie es verstehen, so aber ist die Vorstellung ein Leben lang unter dem wachsamen Auge des Jobcenters stehen zu müssen, bedrückend. Und das nur, weil die Rente nicht ausreicht, was nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass sie nur 17 Jahre eingezahlt hat.
Sie hat es als Minijobberin in ihrem erlernten Beruf als Krankenschwester versucht und ist gescheitert. Sie war als Hundesitterin unterwegs, gescheitert, allerdings war das die längste Zeit, die sie durchgehalten hat. Als Schulbegleitung hilfebedürftiger Kinder und als Blumenpflege in der Gastronomie- kläglich gescheitert. Immer wieder gerät sie in den alten Trott, in den alten Sog, der sie ins Straucheln bringt. Zuerst mit körperlicher Erschöpfung, die gepaart mit Versagensängsten sie in einen Zustand bringt, in dem sie vor Schmerzen und Verspannung nicht mehr in der Lage ist, in normalen Bewegungsabläufen zu gehen.
All diese Versuche sind lobenswert, dennoch zermürben sie! Aber da ist dann wieder die Gesellschaft, die Ämter und Behörden, die erwarten, dass man sich bemüht, denen man in regelmäßigen Abständen Rechenschaft ablegen muss. Schließlich ist man doch mit 39 viel zu jung für die Rente, nicht wahr? Die Akzeptanz der Gesellschaft, nicht das leisten zu können, was der Durchschnittsdeutsche leistet, ist sehr, sehr gering. Schließlich geht es jedem mal nicht gut und jeder kennt das doch, dass er mal nicht gut drauf ist.
Es ist nicht das Unvermögen, dass man nicht mehr so leistungsfähig ist, es ist das Verhalten und die Nicht- Akzeptanz unserer Gesellschaft, was den einzelnen noch mehr leiden lässt. Dabei ist es nicht selten der unbewusste Druck der Gesellschaft, der Menschen kollabieren lässt.

Aber ist man weniger wert, nur weil man angeblich allgemeingültige Ansprüche für eine ganze Gesellschaft nicht erfüllt, obwohl jeder von uns ein Individuum mit seiner eigenen Biografie ist?

Jetzt ist sie 39 und es ist ihr zu wünschen, dass sie ihren eigenen inneren Frieden und ihren Platz in der Gesellschaft findet, einen Platz nicht am Rande der Gesellschaft, sondern integriert als vollwertiges Mitglied.

In diesem Sinne... für mehr Akzeptanz gegenüber Menschen, die sich am Rande unserer Gesellschaft befinden und vor allem für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, egal welchen Ausmaßes!

... comment

Online seit 4572 Tagen
Letzte Aktualisierung: 2014.04.11, 01:13
status
Menu
Suche
 
Kalender
November 2013
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 
 
 1 
 4 
 8 
17
18
21
24
26
28
29
 
 
 
Letzte Aktualisierungen
Glaube und Religion-...
Vor einigen Tagen gab es im TV eine Talkshow, in der...
by shorty short (2014.04.11, 01:13)
Danke für´s...
Danke für´s Teilen. Das macht sehr nachdenklich....
by vonsueden (2013.12.15, 17:00)
Lampedusa ist überall
Liebe Leute, das Video ist hart, aber so ist auch...
by shorty short (2013.12.15, 15:51)
Onlineversand oder in...
Die Frage stellt sich bestimmt jeder hin und wieder,...
by shorty short (2013.12.13, 14:11)
Komasaufen- oder was...
Schön, dass die Zahlen der alkoholkonsumierenden...
by shorty short (2013.12.12, 00:01)

xml version of this page

made with antville