Shortys Gedankenwelt
Freitag, 22. November 2013
Alptraum- ein Fortsetzungskrimi Teil 11
von Kirsten Maria Scholz

Kapitel siebzehn

Nach einer überschwänglichen Wiedersehensfreude und dem minutenlangen Austausch von Küssen, Umarmungen und Streicheleien kam Susanne mit Madeleine auf dem Arm und Valentin an ihrer Hand die Treppen in die Eingangshalle herunter, wo sich Susannes Mutter bereits ihres Mantels und den vielen Accessoires, wie Handschuhe, Hut und Handtasche entledigt hatte.
„Susanne“, stöhnte sie, „du kannst dir gar nicht vorstellen, wie voll die Straßen und wie überaus ungeräumt dieselbigen teilweise waren.“
Sie tauschte ihre zwar schicken, aber im Winter wohl eher unpraktischen Stiefeletten gegen ein modisches Paar silberfarbener Ballerinas, offenbar ihre Art von Hausschuhen. Susanne kräuselte die Stirn und überlegte, ob ihre Mutter früher auch schon solch einen merkwürdigen Modegeschmack hatte, konnte sich aber nicht erinnern. „Erinnere mich daran, dass ich mich nachher unbedingt mit der Telefongesellschaft in Verbindung setze“, sagte Susannes Mutter und ging in die Wohnküche, um Teewasser aufzusetzen.
„Was ist denn mit dem Telefon?“ wollte Susanne wissen und folgte ihrer Mutter.
„Oh, hattest du vorhin nicht auch das Gefühl, dass etwas gestört hat? Und dann war unser Gespräch einfach so abgebrochen.“
Susanne grinste still in sich hinein, sollte ihre Mutter ruhig denken, dass die Telefongesellschaft Schuld am abrupten Ausgang des Telefonats war und nicht ihre Tochter.
„Nee, hier hat nichts gestört“, ging sie auf ihre Mutter ein, „vielleicht liegt das an eurem Telefon in Nürnberg.“
„Ja, vielleicht“, überlegte Susannes Mutter etwas zerstreut, „aber nun erzähl doch mal, wie es bei dir so läuft.“ Susanne setzte sich in die Polsterecke im Wohnzimmer und steckte die Hände in ihre Hosentaschen. Sie wollte gerade auf die Frage ihrer Mutter antworten, als sie den Lippenstift zwischen ihren Fingern spürte. Richtig, da war doch noch was. Sie stand auf.
„Du, ich habe ganz vergessen, ich muss noch dringend zu Gabriela rüber“, sagte sie zu ihrer Mutter, die sie völlig irritiert anschaute.
„Zu den Contassis? Aber warum denn? Ist etwas kaputt oder sind deine Blumen eingegangen?“ Susannes Mutter schien nicht gerade begeistert von Susannes Vorhaben zu sein, „muss das denn unbedingt jetzt sein, wo wir gerade erst angekommen sind?“ fragte sie, aber Susanne hatte keine Zeit, näher auf die Frage einzugehen. Sie stand schon in der Eingangshalle, war in ihre Stiefel geschlüpft und zog sich bereits ihre Jacke an.
„Ja, jetzt!“ rief sie ihrer Mutter zu, bevor sie die Haustür hinter sich in das Schloss zog. Draußen herrschten deutlich Minusgrade und es wehte ein kräftiger und vor allem eisiger Wind. So langsam hatte sie den Winter satt. Sicherlich würde es auch wieder schneien, dachte Susanne. Die Abenddämmerung war schon fortgeschritten und eigentlich hätte Mark schon von der Arbeit kommen müssen. Es sei denn er hatte noch ein Meeting mit irgendeinem wichtigen Kunden. Sie ging den geräumten Bürgersteig entlang. Bereits vom Gartenzaun konnte sie erkennen, dass die Contassis zuhause zu sein schienen. Etliche Fenster waren in warmem Licht erhellt. Susanne klingelte an der Vordertür und es dauerte nicht lange, da öffnete Gabriela. Ihrem Gesichtsausdruck war die Überraschung, aber auch die Freude anzusehen.
„Susanne“, begrüßte sie Gabriela mit dem italienischen Aktent, den Susanne so an ihr mochte., „komm rein. Das ist ja eine schöne Überraschung. Schön, dich zu sehen. Bist du etwa schon entlassen? Wie geht es dir?“
Susanne wusste nicht, auf welche Frage sie zuerst antworten sollte. Also erzählte sie einfach drauf los. Natürlich wusste Gabriela von ihrem Zusammenbruch und der Klinikeinweisung, schließlich hatte sie den Rettungsdienst benachrichtigt. Von daher fiel es Susanne relativ leicht von ihrem Klinikaufenthalt und dem, was sie erlebt hatte, zu berichten. Gabriela hatte sie in die Küche gebeten und mittlerweile eine heißen Kakao zubereitet. Sie hatten es sich vor dem uralten Kachelofen bequem gemacht, der eine ungeheuer wohlige Wärme erzeugte. Bei dem winterlichen Wetter genau das Richtige. Er erwärmte nicht nur Susannes kalten Füße, sondern vor allem sie auch von innen. Nachdem Susanne mit den Ausführungen der wichtigsten De-tails der letzten Tage fertig war, versuchte sie sich auf ihr eigentliches Vorhaben zu konzentrieren. „Gabriela“, begann sie und starrte dabei in ihren Kakao, „ich weiß, wir kennen uns nicht so gut und das, was ich dich jetzt frage, kommt dir sicherlich eigenartig vor…“, sie holte tief Luft und suchte nach Worten.
„Susanne, was ist los?“ fragte Gabriela und schaute sie prüfend an.
„Also, es geht um meinen Mann, um Mark“, versuchte Susanne einen Anfang zu finden. Sie erzählte von den merkwürdigen Blutwerten und ihren Verdacht, dass Mark irgendetwas damit zu tun hatte.
„Naja, und jetzt finde ich bei mir zu Hause einen Seidenschal, der mir nicht gehört und“, sie holte den Lippenstift aus ihrer Hosentasche, „diesen Lippenstift, der in meinem Bad auf meinem Waschbecken stand und auch nicht mir gehört.“ Sie knallte den Lippenstift auf den hölzernen Küchentisch, so dass Gabriela leicht zusammenzuckte. Sie hatte bis jetzt schweigend zugehört. Jetzt schaute sie Susanne direkt an.
„Lass mich raten. Du möchtest von mir wissen, ob ich etwas weiß oder ob Marcello etwas mitbekommen hat. Habe ich recht?“ fragte sie ohne Umschweife. Susanne druckste ein wenig herum.
„Naja. Schon irgendwie. Also, ich kann verstehen, dass es dir vielleicht unangenehm ist, schließlich arbeitet Marcello auch für Mark…“
„Ach, mach dir darum keine Gedanken. Wir Frauen müssen doch zusammenhalten. Und Marcello wird damit auch klar kommen oder klarkommen müssen“, beschwichtigte sie Susannes Einwand, der ein kleiner Stein vom Herzen fiel. Sie hatte im Leben nicht mit so viel Verständnis und Hilfsbereitschaft gerechnet.
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, sagte Susanne, „auf jeden Fall danke. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Also, ist dir irgendetwas aufgefallen, egal was? Ich muss alles wissen, was mir in irgendeiner Form weiterhelfen könnte“, fragte sie etwas drängend. Gabriela überlegte einen kleinen Moment.
„Also, wenn ich das richtig verstanden habe, dann geht es dir hauptsächlich um die Zeit während deines Klinikaufenthaltes, weil der Schal und der Lippenstift in der Zeit drüben bei dir liegengeblieben sind.“ Als Susanne eifrig nickte, fuhr Gabriela fort. „Mir ist da schon etwas aufgefallen“, erzählte Gabriela. Sie berichtete Susanne, dass Mark wohl ziemlich oft Besuch hatte, meistens abends. Sie war davon ausgegangen, dass es sich um Geschäftspartner handelte. Frau Friese, die Putzfrau, hatte sich mehrfach bei Marcello über die Reste der Partys oder wie sie es nannte „Meetings“ beschwert, die sie am nächsten Morgen zu beseitigen hatte. Mark hatte sie sogar zweimal außer der Reihe zum Aufräumen beordert und ziemlich gut dafür entlohnt. Dennoch fand Frau Friese es ungeheuerlich, dass Mark eine Party nach der anderen schmiss, während seine Frau in der Klinik weilte. Gabriela war weiter aufgefallen, dass es sich um stets unterschiedliche Gäste handelte. Ein Wagen stand jedoch immer auf der Auffahrt. Sie hatte ihn deshalb immer wieder erkannt, weil die Farbe einfach zu auffällig war: aubergine- metallic. Susanne stutzte. Sie kannte nur eine Person, die sich ein Auto in dieser Farbe zugelegt hatte.
„Sabrina?“ fragte sie eigentlich eher sich, aber Gabriela antwortete ihr prompt.
„Ja, das ist mir dann auch wieder eingefallen, als ich die dazugehörige Dame sah. Ihre Freundin ist ja weder zu übersehen noch zu überhören“, sagte sie leicht abwertend.„Die Sachen, die du gefunden hast, könnten doch durchaus auch deiner Freundin gehören. Sie ist ein paar Mal über Nacht geblieben. Also ganz genau kann ich das natürlich nicht sagen“, gestand Gabriela, „aber ihr Wagen stand mehrere Male auch am nächsten Morgen noch auf eurer Einfahrt.“ Susanne hörte sehr interessiert zu. Das waren wirklich Neuigkeiten. Sicherlich ist es vor ihrem Klinikaufenthalt auch schon das eine oder andere Mal spät geworden und sicherlich hatte Sabrina auch schon das eine oder andere Mal einen über den Durst getrunken, dennoch ist sie immer nach Hause gefahren oder hatte sich ein Taxi genommen. Susanne konnte sich nicht an eine Situation erinnern, in der Sabrina bei ihr im Gästezimmer übernachtet hatte. Warum also sollte es in den letzten Wochen anders gewesen sein? Allerdings pass-te die schreckliche Farbe des Lippenstiftes eindeutig zu
Sabrina, genauso wie dieses schrecklich aufdringliche Parfüm. Was zum Henker war nur los? Sie konnte alles nicht so recht einordnen.
„Gestern war ja auch eine Festivität bei euch“, fuhr Gabriela fort, „und wie der Zufall so will, habe ich gesehen, wie dein Mann, also Mark, mit Sabrina zusammen von der Arbeit gekommen ist.“ Susanne schloss kurz die Augen und musste sich sammeln. Die Kopfschmerzen kündigten sich wieder an, das Blut klopfte in den Schläfen und rauschte in ihren Ohren. Ihr wurde leicht schwindelig und übel. Dennoch zwang sie sich, die Augen zu öffnen und der Wahrheit quasi ins Gesicht zu sehen. „Und heute Morgen, du warst auch, glaube ich, auch schon da, sind die beiden doch wieder losgefahren. Seid ihr euch nicht begegnet?“ fragte Gabriela verwundert.
Susanne schüttelte den Kopf. Sie hatte das Gefühl, ihr Schädel würde den Druck in Kürze nicht mehr aushalten und zerspringen. Um sich nicht allzu sehr die Blöße vor Gabriela zu geben, versuchte sie, nach außen hin, sich nichts anmerken zu lassen. Innerlich tobte bereits ein Orkan.
„Merkwürdig!“ sagte sie. Nee, gar nicht merkwürdig, brüllte ihre innere Stimme. Sie erinnerte sich an das Stimmengemurmel, bevor Mark am Morgen das Haus verließ. Sabrina also! Ihre angeblich beste Freundin trieb es hinter ihrem Rücken mit ihrem Mann? Und das sogar, während sie mit einer Amnesie im Krankenhaus lag. Wahrscheinlich musste die Schlampe völlig in Hektik ihre Sachen zusammenpacken, so dass sie den Lippenstift und ihren Schal in der Aufregung schlichtweg vergessen hatte. Bei diesen Gedanken glaubte sie, sich gleich übergeben zu müssen. Mark und Sabrina! Seit wann lief das zwischen den beiden denn schon? Wie blind und taub, ja geradezu dumm war sie gewesen, dass sie nie etwas mitbekommen hatte! Nie hatte sie sich gewundert, wenn Mark auf Geschäftsreise ging und seine Sekretärin mitnahm. Was war sie nur für ein naives Frauchen gewesen! Aber wer hätte gedacht, dass die beste Freundin sich an den eigenen Ehemann heranmacht. Oder war es umgekehrt gewesen? Susanne fühlte sich dermaßen elend. Selbst ihre Nachbarin hatte bemerkt, dass da irgendetwas zwischen den beiden lief. Nur sie mal wieder nicht. Sicherlich ging das schon eine Weile so und nicht erst seitdem sie in der Klinik war.
Gabriela schien zu merken, dass ihre Informationen ein Schock für Susanne bedeuteten und sie völlig aus der Spur gebracht hatten.
„Es tut mir leid, Susanne“, sagte sie mitfühlend und legte ihre Hand auf Susannes Unterarm. „Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, dann komm bitte oder ruf an. Auch mitten in der Nacht oder am Wochenende, ganz egal.“ Susanne nickte dankbar. Sie musste jetzt erst einmal an die frische Luft und wieder einen klaren Kopf bekommen.
„Danke“, sagte sie, „auch für deine Offenheit und Ehrlichkeit. Aber ich werde erst einmal gehen. Ich muss für mich überlegen, was ich mit den ganzen Informationen mache.“
Nachdem Gabriela sich vergewissert hatte, dass Susanne sich nicht alleine zu Hause befand, sondern dass sowohl ihre Mutter als auch Madeleine und Valentin da waren, war sie einigermaßen beruhigt. Draußen atmete Susanne erst einmal tief durch. Sie wusste nicht, auf wen sie wütender sein sollte oder von wem sie mehr enttäuscht war. Mark oder Sabrina.
„Und was mache ich jetzt?“ fragte sie sich.
So richtig geschockt war sie dennoch nicht. In der Klinik hatte sie lange gegrübelt, was Mark vor ihr versteckt oder verschwiegen hatte, ohne eine richtige Vorstellung zu haben, was genau das sein könnte. Dass es sich dabei eventuell um eine Affäre handeln könnte, war Susanne schon bewusste gewesen. Dennoch hatte sie diese Variante versucht zu ignorieren. Jetzt allerdings mit Tatsachen konfrontiert musste sie die Wahrheit wohl oder übel akzeptieren. Sie fröstelte und steckte ihre Hände in die Manteltaschen, um sie vor der eisigen Kälte zu schützen. Dabei fiel ihr die Visitenkarte des Staatsanwaltes in die Finger. Sie schaute zuerst etwas verwirrt darauf. Im ersten Moment konnte sie weder mit Namen noch Staatsanwalt etwas anfingen. Dann allerdings fiel es wie Schuppen von den Augen und sie wusste, was sie am nächsten Tag dringend zu erledigen hatte.


Fortsetzung folgt..... 23.11.13

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Letzte Aktualisierung: 2014.04.11, 01:13
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